Sonntag, 29. April 2012

Schmökern mit Sohnemann #12

Momentan steht meinem Sohn der Sinn eher nach kurzen, abgeschlossenen Geschichten, die nicht zwingend in Folge gelesen werden müssen, sodass wir für die gemeinsame Lektüre wieder eine Geschichtensammlung ausgewählt haben. 
Wir sind Lesewiederholungtäter und schmökern in einem Buch, das ich vor ein paar Jahren einmal aus einer Krabbelkiste im Supermarkt erstanden habe.
Seine liebevolle Aufmachung - ca. A4-Format, durchweg bunt illustriert auf etwas festerem Papier mit Festeinband - zu schmalem Preis hatte mich damals verführt, und auch mein Sohn mag dieses Buch, das für Kinder zwischen 5 und 7 Jahren gedacht ist, noch immer sehr, trotz oder vielleicht sogar wegen der schönen, wenn auch eher süßlichen Abbildungen. 
Tiergeschichten aus der Fabelwelt bietet laut U4-Text "25 farbenprächtig und lustig illustrierte Tiergeschichten. Zum Vorlesen, Selberlesen und Nachdenken.": 
  1. Die Landmaus und die Stadtmaus
  2. Der Affenkönig
  3. Ein Esel als Löwe verkleidet
  4. Ein Wolf und ein Lamm 
  5. Der Bär und die Reisenden
  6. Ameisen und Grashüpfer
  7. Drei Büffel und ein Löwe 
  8. Eine feige Fledermaus 
  9. Ein Esel und ein dummer Wolf
  10. Die ausgetrickste Krähe
  11. Die Dankbarkeit einer Maus
  12. Ein dummer Tiger und der närrische Leopard
  13. Die Katze austricksen
  14. Eine Mäusehochzeit
  15. Der Fuchs und die Trauben 
  16. Eine Ameise und eine Taube
  17. Der Nordwind und die Sonne 
  18. Ein Löwe und ein Moskito 
  19. Ein Adler und ein Rabe
  20. Eine Krähe in geliehenen Federn 
  21. Der Schäfer, der dauernd log
  22. Der Hase und die Schildkröte 
  23. Ein dummer Müller und sein Esel 
  24. Ein gieriger Hund 
  25. Die goldene und die silberne Axt 
Bis auf "Der Schäfer, der dauernd log", "Ein dummer Müller und sein Esel" und "Die goldene und die silberne Axt" sind alle Geschichten Tierfabeln mit tierischen Hauptcharakteren. Nur in "Der Nordwind und die Sonne" und "Die goldene und die silberne Axt" kommen überhaupt keine Tier vor. Letztgenannte Geschichte erinnert jedoch an ein Märchen, endet aber wie die 24 übrigen Geschichten mit dem Absatz "Und die Moral von der Geschichte". 
Die Schauplätze sind sehr unterschiedlich; so zieht es eine Maus vom Land in die Stadt oder wir begeben uns in Dschungel oder Prärie. Ein Naturbezug besteht in allen Geschichten. Wie in Fabeln üblich werden die Tiere personifiziert und ihre Erlebnisse werden ganz offensichtlich mit belehrender Absicht erzählt. Der Zeigefinger, der sich in Kinderbüchern oft in den Handlungen selbst und weniger in reinen Aussagen verbirgt, wird hier deutlich erhoben und in der üblichen Moral der Fabel zum Ausdruck gebracht. Wir haben das Buch bereits mehrfach gelesen, und meinen Sohn hat dieses offensichtliche "Tu-dies-nicht-sonst-passiert-dir-jenes" bislang recht wenig interessiert. Insbesondere konnte er natürlich mit dem Wort Moral nichts anfangen, weshalb ich beim Vorlesen geschummelt und die Moral einfach weggelassen habe. Damit hatte er die Möglichkeit, eigene Schlüsse zu ziehen. Inzwischen lesen wir gemeinsam, sodass ich nichts mehr unterschlagen kann. Das Buch ist somit gut über einen längeren Zeitraum brauchbar und muss nicht nach einem Jahr wieder weggepackt werden.
Die Geschichten selbst sind ca. sechs Seiten lang, wobei der reine Text weniger als eine halbe Seite ausmacht und auch in einer recht großen Schriftgröße gut lesbar gesetzt ist. Insgesamt hat das Buch 147 Seiten. 
Die Lesezeit ist deshalb recht kurz, sodass das Kind weder vom Vorlesen noch vom Selbstlesen überfordert wird. Die großen Abbildungen regen zusätzlich zum gemeinsamen Betrachten und Nacherzählen an.
Die Illustrationen mit den großäugigen Gestalten muten japanisch an. Laut Impressum, das hier auf der letzten Seite zu finden ist, stammt dieses Buch aus der (Zeichen- und/oder Schreib?)Feder von Shogo Hirata. 
Der deutsche Text lässt leider gelegentlich durchschimmern, dass es sich um eine Übersetzung handeln dürfte, allerdings meine ich, dass ich in dieser Hinsicht empfindlicher bin, weil ich mich berufsmäßig tagtäglich mit Kollokationsfehlern und unüblichen Adverbialkonstruktionen auseinandersetzen muss. Während Rechtschreibfehler in Form vergessener Pluralendungen etc. eher selten sind, kann man die Kommasetzung durchaus als kreativ bezeichnen. Wo kein Komma hingehört steht eines, während an Stellen, die ein Komma erfordern, keines gesetzt wurde. Das ist zwar nicht die Regel, aber auffällig und durchaus ärgerlich. Bedenkt man allerdings, zu welchem Preis diese Ausgaben auf Krabbeltischen verschleudert werden, ist es nicht verwunderlich, wenn der Dienstleistungsposten Korrektorat ähnlich preiswert ausfällt. 

Insgesamt ein hübsch gestaltetes und zudem lehrreiches Buch, das Geschichten bietet, die in dieser Form nicht schon in hundert anderen Büchern erzählt wurden. Manchmal lohnt es sich eben, einen Blick auf den Krabbeltisch zu werfen.

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