Mittwoch, 14. März 2012

Zuglektüre

Ich bin schon immer ein Zugleser gewesen. Das Aus-dem-Fenster-Starren gibt sich nach zehn Minuten und Baby-einschlaf-Geschaukel klappt auch nur, wenn ich beim Einsteigen schon müde war oder lange ohne Umsteigen unterwegs bin. So habe ich es in Erinnerung. Neu war auf meiner Leipzigpremierenfahrt, dass ich mich mit meiner imaginären Protagonistin unterhalten habe, aber das bleibt ja unter uns, nicht wahr? 
Vor der Abfahrt habe ich lange überlegt, welchen Ballast ich noch mitnehmen will und kann. Neben Notizbuch und Terminkalender habe ich auch noch das Programm von Leipzig liest dabei, das dieses Jahr erst so spät mit der Post kam, das ich erst im Zug einen Blick darauf geworfen habe. Wegen geringen Gewichts und großer Buchauswahl stand natürlich der Kindle zur Debatte und er wäre für mich Zugleser perfekt, wenn er nicht voll wäre mit Krimis, Thrillern und kostenlosen Klassikern, die derzeit der Imker verschlingt, der zu einem wahren Bettleser mutiert ist, seit der Kindle bei uns eingezogen ist. Für Muddi ist natürlich wieder kein Liebesschmalz drauf, und ich weigerte mich, extra für die Reise neuen Lesestoff zu erwerben. Deshalb griff ich einfach mal, ohne weiter nachzudenken, nach einem Julia-Bestseller-Band. Wie Carmen (von Carmens Stadtleben) immer so schön sagt, sind Bücher ja durchaus ein Gebrauchsgegenstand und für den schnellen Lesespaß zwischendurch sind Heftromane immer noch eine wunderbare Sache. Wenn man die unterwegs verliert, tut es nicht ganz so weh, als wenn man versehentlich das schicke YA-Hardcover im Zug ansetzt. 
So wanderte Band 123 mit drei Romanen von Sharon Kendrick in den Rucksack. Erst im Zug sah ich auf dem Cover unten rechts das kleine Krönchen, das unmissverständlich besagt, dass wir es hier mit der typischen Adelssparte des Heftromans zu tun haben. Auwei ... das ist nun ausgerechnet jenes Genre, das ich wahrscheinlich nicht mal im angeschickerten Zustand anfassen würde. Sorry an alle Genrefans, aber ich kann mit Royals aller Art und Couleur nix anfangen. Ganz dramatisch wird's dann auch noch, wenn die Blaublüter zu allem Überflusse auch noch verarmt und arbeitsunwillig sind. Ob das hier der Fall ist, weiß ich allerdings noch nicht. 
Weil ich aber den 446-Seiter nun einmal in der Tasche habe, will ich ihn auch lesen. Zwei Zugstunden wollte ich nicht mit dem Leipzig-liest-Programm totschlagen (nachdem ich mich schon am ersten Programmtag in den Hintern beißen wollte, dass ich pflichtbewusst erst einmal einen Arzttermin in der Großstadt wahrnehme). 
Die Autorin Sharon Kendrick, die in Band 123 zum Zuge kommt, sagte mir als Genreverächter natürlich gar nichts, weshalb ich jungfräulich mit Roman Nr. 1 "Mein Geliebter, mein Prinz" startete ... und mich gleich mal aufregte. 
Jetzt muss ich nämlich einmal sagen, dass man als Autor, ganz gleich wie agenturgescheitert oder freiwillig selbstveröffentlichungswillig man unterwegs ist, bei mancher Lektüre ein Feuer machen und schreien möchte, dass man solchen Kram auch schreiben kann, aber offenbar etwas falsch macht, weil es keiner haben will. In bisher jedem Schreibkurs wurde einem der atmosphäreheischende erste Satz um die Ohren geworfen, aber nein, Bestsellerautoren dürfen alles und im Heftroman sowieso. Da darf die Kitschnadel glühen und wer sich drüber aufregt ist selber schuld. 
Heute war ich angesichts des royalen Krönchens fest entschlossen, mich zu amüsieren, wenn ich schon so dämlich war, Michelle Raven zu Hause liegen zu lassen, weil sie zu schwer gewesen wäre. 
Man möge verzeihen, dass mich schon Satz Nr. 1 "Ein strahlendes Weiß hob sich gegen das endlose Saphirblau ab." zum Lachen brachte. Pures Heischen nach Atmosphäre, jawoll! Aber da ist nichts mit Atmosphäre, nach der man sich sehnen würde, denn Protagonistin Ella wurde von der Sonne er- ... äh ... gestochen und dämmert nun an Deck eines Bootes vor sich hin. In der Zwischenzeit braust aber schon Rettung in Gestalt des Prinzen Nico von Bumsdings auf einem Jetski heran. Der hat allerdings zunächst den Verdacht, auf dem Boot könnten Paparazzi auf ihn lauern, denn an dieser Stelle dürfte das Boot gar nicht ankern. Natürlich belehrt ihn der erste Blick auf die Jacht eines Besseren, denn er sieht Ella dort liegen. Mit den geschulten Augen eines Mannes sieht er: "Rötlich braunes Haar. Schlank und geschmeidig, mit den straffen, üppigen Rundungen der Jugend. In genau zwei Sekunden schätzte er ab, ob es eine Falle und die Frau der Lockvogel war. Diese uralte Methode kannte Nico von früher." (Seite 8) Und weil es eine Falle ist, spielt Ella natürlich die Kranke. Ne, Quatsch, sie hat wirklich einen Sonnenstich. Weil sich der Rest der Bootsausflügler dekandent die Kante gegeben hat, wurde a) Ella alleine gelassen und b) dann auch noch schändlich vergessen. Weil sie Nico in ihrer Orientierungslosigkeit anfleht, sie nicht allein zu lassen, nimmt er sie mit und kümmert sich um sie. Mit einem merkwürdigen Argument im Hinterkopf: "Ständig suchte er neuen Nervenkitzel, und er probierte immer alles aus, was Spannung und Aufregung versprach. Aber eine Frau in Not zu retten, das hatte Nico wirklich noch nie gemacht."
Zum Glück weiß Ella nicht, wer Nico ist, und sie überrascht ihn sogar damit, dass sie selbständig ein florierendes Reiseunternehmen führt, das Touren für all jene anbietet, die das wahre England abseits der ausgetretenen Pfade kennenlernen möchten. Trotzdem ist er wohl angeboren misstrauisch und lässt sie im Unklaren. Selbstverständlich fühlen sie sich ohne Umschweife zueinander hingezogen, sodass die erste Nacht nach einem romantischen Abendessen und dem darauffolgenden ersten Kuss eine Frage von nur sehr kurzer Zeit ist. Der gute Nico ist nämlich so umwerfend, dass sich Ella wie ein hypnotisiertes Kaninchen von ihm niederknutschen lässt. Mitten in den Intimitäten lässt dann der Prinz auch noch Stilbewusstsein raushängen und fragt beim Entblättern der nicht mehr sonnenstichigen Schönen doch tatsächlich, ob sie zum BH den passenden Slip trägt. Das tut sie natürlich, aber, liebe Leser, verzeiht mir, ich habe darüber so sehr lachen müssen, dass ich die komplette Sexszene nicht mitbekommen habe. Nachgelesen habe ich sie trotzdem nicht mehr, denn nun beginnt der spannende Part. Ella hat über einen Dritten erfahren, wer Nico ist. Blöderweise ist dies wieder eine Geschichte voller Missverständnisse, sodass Nico nun meint, Ella habe es schon länger gewusst und sei ganz bewusst mit ihm ins Bett gegangen. 
Und was noch viel schlimmer ist, ist, dass ich jetzt weiterlesen muss, um herauszufinden, ob ich mit meinem Hang zu Klischees und Kitsch nicht auch sowas zusammenbekäme. Das wäre doch gelacht!

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