Sonntag, 25. März 2012

Unvorbereiteter Sonntagsausflug

Ein Klick macht textbegleitende Bilder schöner
Das Wetter ist immer noch traumhaft, und nachdem wir die gesamte Woche mit Bestimmungsbüchern im erlaufbaren Umfeld verbracht haben, dachte ich mir, wir setzen unsere Erkundungstouren am Wochenende einfach fort. 
Nun gut, dass man sich vorher nicht unbedingt im Stolberger Freizeitbad auspowern sollte, weiß ich schon, ignorierte ich aber, weil ja so ein wunderschöner Sonntag nicht einfach um zwölf schon zu Ende sein kann. Erkundungsmutter, wie ich bin, schleifte ich das Kind, das mit erstaunlichem Eifer bei der Sache war, mal wieder durch die Region. 
Links den Berg hinunter geht's zum Bauerngraben
Uns in Sachsen-Anhalt hat man nämlich studienmäßig nachgewiesen, dass wir das Land mit den meisten Übergewichtigen sind. Man polterte los, dies sei vornehmlich ein Problem der Erwerbslosen. Aha, andere Ursachen gibt es nicht? Ah doch. Falsche Ernährung und mangelnde Bewegung. Es müsse wieder erlernt werden, Spaß an Bewegung zu haben. Ich will ja nicht im Glashaus mit Steinen werfen, denn wir sind trotz fastfood- und fertigproduktfreier Ernährung auch allesamt rund und gezwungenermaßen wegen jedem Quark Autofahrer. In einem Telefonat mit meiner Mutter habe ich mich noch echauffiert, dass wir hier ja auch überhaupt keinen Bewegungsanreiz haben, was ich aber relativieren muss, denn es stimmt nicht so ganz. 
Natürlich kommt es darauf an, was man unter Anreiz versteht, und man kann schließlich sowohl kostenlos als auch entgeltlich in Bewegung kommen. 
Was den entgeltlichen Anreiz angeht, so ist er quasi nicht existent, wenn man die hohe Beschäftigungslosenquote hierzulande berücksichtigt. Sehenswürdigkeiten, an denen man sich bewegen kann - wenn man denn Bewegung mit etwas Interessantem, Lehrreichem etc. verbinden will, gibt es mehrere, aber diese sind gerade für Familien oft überhaupt nicht erschwinglich. Man muss sich schon drei mal überlegen, ob man sich ins Auto schwingt (Sprit kostet ja auch), um ins Schwimmbad zu fahren, das zwar glücklicherweise nicht mit möglichem Kinderbettelschnickschnack lockt, aber trotzdem einer Familie locker mal knapp 18 € für 2 Stunden aus der Tasche zieht. 
Auf dem Berg
Zum Radfahren müsste man sich theoretisch wieder ins Auto schwingen, denn in der unmittelbaren Umgebung gibt es trotz der kennzeichnenden radelnden Hexe keine echten Radwege, sodass man weite Strecken doch auf der Landstraße zurücklegen muss. Nachdem ich erst heute morgen wieder wegen eines halsbrecherischen Überholmanövers eines mir entgegenkommenden Sonntagsrasers in die Klötzer treten musste, fällt es mir im Traum nicht ein, freiwillig mit meinem Kind zu radeln. Liebe Radler, lasst euch warnen: In Sachsen-Anhalt fahren die Henker! 
(Und das sage ich als geborene Thüringerin, die in Thüringen den Führerschein gemacht hat, dann in Sachsen nur mit der Straßenbahn unterwegs war und anschließend in Sachsen-Anhalt in Angst und Schrecken versetzt wurde.)
Aber zurück zu den eventuell bewegungsfördernden Sehenswürdigkeiten: Zum Teil sind diese, wie mir Freunde aus den alten Bundesländern bestätigten, sogar teurer als dort. 
Da kann die eigene Region noch so attraktiv sein, wenn man sie sich nicht leisten kann, ist es halt Essig damit. 
Oder man kommt mit dem öffentlichen Verkehr schlicht und ergreifend nirgends hin, vor allem nicht am Wochenende. Da ist nämlich in den idyllischen, verromantisierbaren Dörfern des Umlandes buchstäblich der Hund begraben und wer kein Auto hat, aufgeschmissen.
Mit Erschrecken stelle ich aber außerdem fest, dass gerade viele jüngere Einheimische die Gegend überhaupt nicht kennen und Wanderern, die ab und an unsere landschaftlich reizvolle Ecke aufsuchen, mit ganz großen Augen und Schulterzucken begegnen. Dabei gibt es vieles, das man zu Fuß erkunden kann, sei es vom Wohnort aus oder von einem anderen Ausgangspunkt, Wanderer im eigentlichen Sinne muss man dafür gar nicht sein. Spaziergänger, und das sind wir, kommen auch auf ihre Kosten. 
Darüber hinaus bietet das Biosphärenreservat Themenwanderungen an. 
Also wenn das mal keine Anreize sind! Ich revidiere mich. Es liegt wohl doch am eigenen Schweinehund, und den treten wir seit Anfang des Jahres schon sowas von in den A...
In einer weiteren A...trittaktionen schipperte ich also mit Sohnemann im Auto (10 km Spaziergang schienen mir dann doch zu gewaltig für knapp 7-jährige Beine) durch das idyllische (=da liegt der Hund begraben) Nachbardörfchen zum anvisierten Ziel.  
Gleich sind wir am Aussichtspunkt
Aber bereits die Anreise brachte uns etwas aus der - wie man hier sagt - Schnurre, denn auf der Gegenfahrbahn der sonntäglich sehr spärlich befahrenen Straße lag ein toter Dachs. Da ich in der betreffenden Ortschaft aber keine Menschenseele kenne und ausnahmsweise mal nicht das mobile Telefon dabei hatte, war ich dankbar, dass sich das Spaziergängerpaar, das uns entgegenkam, der Sache annahm. Ein Schreck war es aber durchaus, denn ich habe in natura noch nie einen Dachs gesehen, vielleicht im Tiergehege mal, aber nie in freier Wildbahn und schon gar nicht tot und auch nicht in dieser Größe. In der Karstlandschaft empfiehlt es sich eben immer, umsichtig zu fahren. Wegen Radsportlern, Fauna und Einheimischen! Also runter vom Gas, Ihr Henker!
Des Prinzen Wandelgang
Während mein Sohn mich im Anschluss mit Fragen, warum denn der Dachs auf der Straße war und warum ihn keiner gesehen und überhaupt ..., bombardierte, vergaß ich, dass ich eigentlich erst eine kurze Erkundungsrunde mit dem Auto fahren wollte, um unseren Ausgangspunkt für den Ausflug zu bestimmen. Deshalb fuhr ich ohne Umwege zum Parkplatz am Karstwanderweg. 
Von dort hat man mehrere Wandermöglichkeiten. 
Einmal zum Bauerngraben, den wir letztes Jahr bereits besucht hatten, weshalb sofort der kindliche Einwand laut wurde: "Da waren wir aber schon." Ha, du kleiner Einwender, dich krieg ich schon noch zu Mehrfachbesuchen!
Aber gut, zwei weitere Varianten standen zur Auswahl: Entdeckungstour durch die Streuobstwiese, wo es momentan noch gar nichts zu entdecken gibt, nicht einmal ein klitzekleines Blütchen. 
Oder: Hinauf auf den Berg bis zur Queste
Zwei Kilometer klangen recht unspektakulär, denn bis zum Bauerngraben sind es von selber Stelle ebenfalls zwei Kilometer, und wie meine Fotos vom letzten Jahr beweisen, haben wir es bis dahin schließlich geschafft. Allerdings geht es erst einmal bergauf ... und dann durch den Wald. 
Ich gehe ja rasend gern in Wälder, die ich nicht kenne, aber der Karstwanderweg ist hervorragend ausgeschildert. Alle 5 bis 10 m (gefühlter Schätzwert) findet man das charakteristische "K". Außerdem ist der Weg an sich gut erkennbar (das ist keine Selbstverständlichkeit, denn wir haben hier schon ganz anderes erlebt und sind schon mal vom Weg abgekommen) und sogar verhältnismäßig breit, sodass man nicht in Angstschweiß ausbrechen muss, wenn man Wanderer aus der Gegenrichtung heraneilen sieht. Man bedenke, dass das Gelände hier häufig abschüssig ist und man, ehe man es sich versieht, einen Berg hinunterkullern kann (= Erfahrungswert älteren Datums). 
Aussicht vom Roten Kopf Richtung Kyffhäusergebirge
Der gute Kilometer zunächst berghoch und dann durch den Wald, dann wieder berghoch, lohnte sich wirklich, und ich glaube, diese Strecke ist ein wahrer Traum, wenn die Bäume einmal ordentlich Laub tragen. 
Zu entdecken gibt es trotzdem schon jede Menge, wenn man die Augen aufhält. 
So verbummelten wir beim Aufstieg einige Zeit mit dem Entdecken von Knospen, frischen und alten Blättern, abgestorbenen Bäumen, bemoosten Baumstümpfen usw. 
Der Wald ist, wie man so schön sagt, naturbelassen und bietet, wie der Infotafel am Start zu entnehmen ist, Lebensraum für seltene Fauna und Flora (wenn wir sie nur mal entdecken würden (!) - ehrlich, wir wohnen hier seit sechs Jahren und ich habe noch nie einen Feuersalamander gesehen oder eine Orchidee im Wald entdeckt).
Blick zum Kyffhäuser
Je weiter wir nach oben gingen, umso windiger wurde es - logischerweise. 
Das Knarren und Knirschen im Wald spornte meinen Sohn wieder mal zu einer Geschichte an, die dann noch von einem kleinen Häuschen im Wald, das hinter all den Bäumen kaum zu erkennen war, zusätzliches Feuer bekam. 
Also nicht wundern, wenn wir demnächst die Hexen in den Wald schicken ... 
Am so genannten Roten Kopf, dem Aussichtspunkt auf halber Strecke, verließen meinen Sohn die Kräfte. 
Blick nach Agnesdorf, wo es immer gesundes Obst gibt
Der echte Wanderer atmet dort vielleicht kurz durch, genießt die bombastische Aussicht, die auf einer Seite bis hinüber zum Kyffhäuserdenkmal reicht, und marschiert dann weiter.
Normalerweise schrecken uns vier Fußkilometer nicht mehr, aber Schwimmen und eine Woche Naturerkundung stecken uns  beiden unsportlichen Untrainierten aber in den Beinen, und übertreiben muss man es ja auch nicht mit der Regionalerkundung, sodass wir uns auf halber Strecke entschieden, unser Picknick an Ort und Stelle zu veranstalten. 
Blick zur Questenburg
Das war natürlich eine glorreiche Idee, denn dort oben zog es wie Hechtsuppe, sodass mein Sohn alsbald ins Gebüsch hechtete, um sein Basecap zu retten. 
Dabei fühlte er sich nach eigenen Angaben wie der junge Prinz, der auszog, um Dornröschen wachzuküssen. 
Das Gelände ist nämlich so stark mit Hagebutten und Weißdorn bewachsen, als müsse man alle Magie dieser Welt von sich fernhalten. 
Wir ließen uns also den Wind mächtig um die Nase pusten. 
Ein Jäcklein dabei zu haben, ist wahrscheinlich zu jeder Jahreszeit empfehlenswert, auch wenn man heute nicht im dicken Anorak herumlaufen musste. Auf der Höhe windet es nun mal.  
Picknick vorm Wind in Sicherheit gebracht (= rasch verspachtelt), Aussicht bestaunt ("guck, Mama, das ist bestimmt der allergrößte Berg auf der ganzen Welt"), machten wir uns auf den Rückweg, anstatt bis zur Queste weiterzulaufen. 
Um das nächste Mal nicht gänzlich unvorbereitet zu sein, habe ich auf der Heimfahrt einen kleinen Umweg gemacht und bin nach Questenberg gefahren. 
Als Orientierung sozusagen, denn der Ort ist einen eigenen Ausflug wert, spätestens zu Pfingsten.
Für nächstes Wochenende sind jedoch zwei sehr interessante Veranstaltungen anberaumt, zu denen ich mich allerdings erst schlau machen muss, da ich dem Flyer nicht entnehmen konnte, inwieweit sie kindertauglich sind. Sollte dies der Fall sein und die Veranstaltungen nicht wetterbedingt ausfallen, werde ich bestimmt Einiges zu berichten haben. Wenn nicht, finde ich etwas anderes ... oder mache Pause.

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