Sonntag, 11. März 2012

... über "Marilyn: Her Life in Her Own Words" von George Barris

"That's really me, freckles and all. The real me."

Der Himmel ist blau, geht schon fast ins Grau und lässt das Ambiente an jenem späten Sommertag Mitte Juni 1962 fast kühl wirken. Im Hintergrund lecken schaumige Wellen über den Strand. Windstill ist es nicht, wie ihr einmal nicht perfektes Haar verrät. Die Abendsonne taucht es in warmes, goldenes Licht. In ein kaum luxuriös daherkommendes Badetuch gehüllt, müsste sie frieren, doch sie lächelt. Ein wenig entrückt, aber professionell, den Blick von der Kamera abgewandt, ein Glas kühlen Champagners zu den Lippen gehoben. Feierabend? Gleich vielleicht. 
Dieses Bild, das George Barris im Juni 1962 von Marilyn Monroe am Strand von Santa Monica aufnahm, wurde in unzähligen Büchern abgedruckt, in Marilyn: Her Life in Her Own Words ist es aber klein und unauffällig und erscheint beinahe als Schlusswort. 
Fotograf und Journalist George Barris legte 1995 ein Buch vor, das er nach eigenen Angaben mit Marilyn Monroe gemeinsam geplant hatte, das aber durch ihren plötzlichen Tod vereitelt wurde. Geplant war ein Buch über ihr Leben, das zwischen beiden erstmals 1954 aufkam. Aber erst im Zuge einer Story für die Cosmopolitan, mit der Barris beauftragt war, und inmitten der Studioturbulenzen beim Dreh von Something's got to give kam es im Juni 1962 zu dieser Zusammenarbeit, aus der zwar eine Magazinstory wurde, aber eben nicht das angedachte Buch. In, wie Barris schreibt, Schockzustand nach Marilyn Monroes Tod, wollte er ihre Unterhaltungen und viele der Fotografien privat halten, entschied sich dann aber nach mehr als dreißig Jahren um. 
"But now, that I have grown older and wiser, I realize that Marilyn belongs to the public and her millions of fans." 
(Seite xvi) 
Anhand Barris' unzähliger Notizen entstand also Marilyn Monroes bebilderte Lebensgeschichte in ihren eigenen Worten (die in meiner Hardcover-Ausgabe 166 Seiten ausmachen).
Interessant ist, dass Marilyns Ausführungen auf ihren eigenen Wunsch hin nicht auf Band aufgenommen wurden, weil der Rekorder sie nervös mache und sie dann nicht frei sprechen könne. So durfte Barris seinen geliehenen Rekorder wieder einpacken und Notizen machen. Marilyn Monroe wollte ihre Geschichte also selbst inszenieren. 
Berücksichtigt man die bis zur Veröffentlichung ins Land gegangene Zeit, habe ich zunächst den "Zitatcharakter" angezweifelt, aber ein Auszug aus Barris' Notizblock zeigt tatsächlich vollständige Sätze und nicht etwa nur Stichpunkte. 
Die Zitate sind aber zugleich auch mein einziger wirklicher Kritikpunkt an dieser Biografie. Sie sind kursiv gedruckt und laufen zum Teil über Doppelseiten, wobei sie etwa zwei Drittel des Blattes ausmachen und im unteren Drittel, das durch einen klaren Trennstrich vom kursiven Part deutlich abgegrenzt ist, George Barris selbst zu Wort kommt. In diesen pro Seite zweispaltigen Ausführungen kommentiert er nicht etwa Marilyns Aussagen, sondern beschreibt seine eigenen Erinnerungen an seine Unterhaltung und die Fotosessions mit ihr. Das Buch lässt sich daher nicht ganz so flüssig lesen. Hat man begonnen, Marilyn Monroes eigenen Text zu lesen, empfiehlt es sich, diesen bis zu seinem Ende weiterzulesen, denn die Sätze laufen nicht nur über die Doppelseite, sondern auch auf den Folgeseiten weiter, sodass man den Faden verlöre, würde man die Kursivpassagen am Seitenende unterbrechen, um sich Barris' Bericht zu widmen. Eine andere Gestaltung wäre dem Lesefluss wesentlich zuträglicher gewesen. 
Als Entschädigung gibt es aber jede Menge Bilder, die noch nicht in zwanzig anderen Biografien zu sehen waren. Sämtliche Fotografien stammen von Barris' Shootings zwischen dem 9. und 18. Juni 1962, die ihn und Monroe unter anderem an den Santa Monica Beach führten. Innenaufnahmen entstanden in einem Haus in North Hollywood, das ein Bekannter Barris zur Verfügung stellte, da Marilyns eigenes neues Domizil am Helena Drive kaum möbliert war. Barris schreibt, Marilyn habe ihn persönlich zum Shoppen geschickt, sodass man davon ausgehen darf, dass die Kleidung, die sie auf den Bildern trägt, von ihm beschafft wurde. So entstanden jede Menge Schwarzweißaufnahmen und Farbbilder, die in Orange und Pink einen ganz speziellen 1960er Charme ausstrahlen. 
Im Gegensatz zu dem aktuellen Bildband Marilyn Monroe: Metamorphosis ist Marilyn: Her Life in Her Own Words nicht auf Hochglanz getrimmt. Obwohl Barris anklingen lässt, dass Marilyn Monroe genau wusste, was sie wollte und ein absoluter Profi vor der Kamera war, wirken die Fotos in diesem Buch kaum gekünstelt, sondern mehrheitlich natürlich und lassen einen ab und an schmunzeln. Mit dabei sind außerdem einige Outtakes, die leicht verschwommen sind oder Lichtundichtigkeiten aufweisen. Retuschiert wurde nichts. Von Make-up ist nur bei den Innenaufnahmen etwas zu sehen und selbst da schimmern Sommersprossen durch. Haare an den Unterarmen, Leberflecke, blaue Flecke an den Beinen, OP-Narben - alles noch zu sehen, ebenso wie eine Marilyn, die zerbrechlicher wirkt als je zuvor, aber sichtlich Spaß hat. 
Das letzte Bild zeigt sie in einer Pose, die an eine Parodie einer frühen Pin-up-Aufnahme erinnert - hier aber am Strand des Ozeans, den sie so liebte, im kurzen Bademantel, mit widerspenstiger Locke über dem linken Auge und einem breiten Grinsen im Gesicht. 
"When I think of the future, I think, I'm thirty-six years old. I'm just getting started."
(Seite 126) 
"The one thing a person wants most in life is usually something basic that money can't buy. I'm not the girl next door  - I'm not a goody-goddy - but I think I'm human. 
As far as I'm concerned the happiest time of my life is now. There's a future, and I can't wait to get it. 
It should be interesting."
(Seite 138)
Wenige Wochen später starb Marilyn Monroe. 


Auch wenn es sicherlich kein Buch gibt, das außer persönlichen Erinnerungen des Verfassers noch Neues zu erzählen weiß, und man heutzutage schon beinahe keinen Bildband mehr braucht, wenn man Fotos anschauen möchte, ist Marilyn: Her Life in Her Own Words trotz der aus Gestaltungsgründen nicht immer einfach zu lesenden Textpassagen ein besonderes Buch, das im Fanregal nicht fehlen darf.

Gesamteindruck: 
4 von 5 Weißdornzweigen

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