Mittwoch, 21. März 2012

Stille und Kunst

Viele sagen: "Ich mag keine Friedhöfe." Lange Zeit habe ich das auch gesagt. Weil sie das Vermissen bewusst und noch unerträglicher machen. Weil die Stille mir den Atem nimmt. Mich ängstigt. Aber persönliche Emotionen sind nun mal persönlich und legitim, so irrational oder negierend sie auch scheinen mögen. 
Doch mit zunehmendem Alter stellt sich ein Blick ein, der sich mir bislang verborgen hatte. Plötzlich nehme ich Friedhöfe, weniger die kleinen, aufpolierten Dorfanlagen, sondern vielmehr städtische, die schon fast Parkanlagen sind, aber auch die kleinen, scheinbar vergessenen, auch als Orte der Kunst und Kultur wahr.
Diese Wahrnehmung führte mich also am Sonntagmorgen auf den Leipziger Südfriedhof. Und auch dieser Ausflug war ein Novum, denn ich war in all meinen Leipziger Jahren noch nie dort. 
Auf die Idee wäre ich wahrscheinlich auch nicht gekommen, aber dann las ich, dass im Rahmen von "Leipzig liest" Führungen zu den letzten Ruhestätten von Leipziger Verlegern, Schriftstellern usw. angeboten werden, eben genau auf besagtem Südfriedhof. Nun liegen diese Führungen aber zeitlich recht ungünstig für all jene, die die Messe in erster Linie auf das Neue Messegelände führt, denn wer in Leipzig Messegeschäfte machen will, wird tagsüber kaum Zeit für Friedhofsbesuche oder Stadtführungen haben. Wer aber nicht acht Stunden am Tag Hallenluft schnuppern will oder muss, dem sei ein genauerer Blick ins nichtlesungsbezogene Programm empfohlen. Für nächstes Jahr behalte ich auf jeden Fall das Programm besser im Auge und werde sicherlich das eine oder andere Führungsangebot nutzen, um meine alte Heimat nachträglich etwas besser kennenzulernen. 
Manchmal schäme ich mich, dass ich kein Geschichtsfreak bin und Kulturelles auch schon mal zugunsten von Naturstreifzügen sausen lasse. Allerdings kann man nicht 24 Stunden am Tag ein Schwamm sein und alles Erdenkliche aufsaugen, denn irgendwann schlägt man sowieso leck und vergisst einen Teil des Gesehenen, Gehörten, Gefühlten. 
Deshalb habe ich auch brav die Kamera gezückt gehalten, als ich über Leipzigs größte Friedhofsanlage geschlendert bin. Von den ca. 78 ha habe ich aber trotzdem nur einen Bruchteil gesehen, es aber trotz mangelnden Plans (die Information öffnet, wenn ich mich recht erinnere, erst um 10 Uhr) geschafft, die bekanntesten Grabmale zu finden/zu sehen. Von der lindenblattförmigen Wegeführung des Areals, das von Stadtbaurat und Architekt Hugo Licht (1841-1923), der schon für das Neue Rathaus und Konservatorium der Musik verantwortlich zeichnete, und Gartendirektor Otto Wittenberg (1834-1918) entworfen wurde, merkt man als Fußgänger allerdings nichts. 
Vom Eingang direkt neben dem Völkerschlachtdenkmal gelangt man über den ehemaligen Sozialistischen Ehrenhain direkt zur Kapelle. Im Übrigen wird am Eingang explizit und unmissverständlich darauf hingewiesen, dass es vom Friedhof aus keinen Zugang zum Völkerschlachtdenkmal gibt. Dieser Hinweis ist, wie ich feststellen durfte, nicht unangebracht, denn es gibt tatsächlich Touristen, die meinen, querfeldein latschen zu müssen, nur um dann brummelnd am Zaun wieder umzudrehen. Lesen! Dann erst loslatschen!
Auch wenn ich ab und an ortsblind- und geländedoof bin, erwies es sich als richtige Entscheidung, mich hinter dem Mahnmal rechts zu halten. Wie ich bei der Nachbereitung meiner Fototour feststellen durfte, habe ich so den historisch interessanteren Teil erwischt. 
Wenn man sich, so wie ich, allerdings mehr für die ästhetischen Aspekte und weniger für die technischen Aspekte der Fotografie interessiert, sollte man sich nicht am Abreisetag für solche Spaziergänge entscheiden und schon gar nicht früh kurz vor neun an einem Zielort aufschlagen, der mit reichlichem Baumbewuchs einem wunderschönen Park gleicht, die Motive aber buchstäblich in den Schatten stellt. 
So ist die Zeit bis zum Check-out im Hotel knapp, während das Licht dem Fotolaien ein Bein stellt. Ja, ich weiß, darüber habe ich schon beim Alten Messegelände gejammert, und es ist an der Zeit, mich mal auf den Hosenboden zu setzen. Yadayadayada ... 
Wie dem auch sei, hier kommen also weitere persönliche Fotoimpressionen vom Leipziger Südfriedhof, die vielleicht nicht außergewöhnlich sind, aber auf ihre Weise meine Buchmessereise bereichern. Infos zum Friedhof selbst sowie zu den Persönlichkeiten, die dort ihre letzte Ruhestätte gefunden haben, gibt es auch auf wikipedia.
Die Auslese vom Völkerschlachtdenkmal präsentiere ich dann als Nächstes. Das kennt zwar jeder, aber nicht am Morgen des 18.3.2012. Zu guter Letzt komme ich dann zur Innenstadt und zu einer Anekdote, die dafür sorgt, dass ich mich immer noch in den Allerwertesten beißen möchte. 
Unweit vom Eingang dürfte diese Dame zu den meist fotografierten Motiven zählen.
Kapellenanlage
Der Zahn der Zeit
Grabpyramide des Leipziger Papiergroßhandlung H. H. Ullstein (1912). Interessante Informationen zu dieser Grabstätte sind hier zu finden -> [klick]
Skulpturen haben mich schon immer fasziniert, insbesondere Gesichtsausdrücke, Faltenwürfe usw. Weil mich vor Kurzem wieder das Zeichenfieber gepackt hat, musste ich einfach mehrere Nahaufnahmen machen. Fotos laufen wenigstens nicht weg.
Grabstätte des Malers, Bildhauers und Graphikers Wolfgang Mattheuer
Im Übrigen ist die Stadt sehr bestrebt, den künstlerischen Wert der Friedhöfe zu erhalten. Unter anderem wurden Grabstätten des Alten Johannisfriedhofes, der im Laufe der Zeit aufgrund seiner Innenstadtnähe immer kleiner wurde, auf das größere Areal umgebettet. Zudem bietet die Stadt Grabpatenschaften an, um durch Weiternutzung zu verhindern, dass Kulturgut verloren geht.
Kontemplativ
Das nächste Ziel.

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