Samstag, 10. März 2012

Schmökern mit Sohnemann #6


Nachdem mein letzter Post zum Dinoversum ein ganz klein bissel länglich war, widme ich dem restlichen Lesestoff einen gesonderten Beitrag. Voilà, und schon geht es weiter mit Märchen. 
Ich habe nämlich einen richtigen "Märchenonkel", der nicht genug von Märchen bekommen kann. Wenn wir dann gemeinsam vor dem Regal sitzen, stelle ich aber immer wieder fest, dass die ach so große Sammlung wenig kindertauglich ist. 
Nun gehöre ich zwar nicht zu den Eltern, die generell sagen, dass Märchen für Kinder viel zu grausam sind, denn nicht jedes Kind wird Albträume bekommen, wenn Rotkäppchen vom Wolf verschlungen wird, aber dennoch schaue ich, was ich persönlich meine, meinem Kind zumuten zu können oder nicht. Deshalb halten wir uns derzeit weitestgehend im mitteleuropäischen Raum auf. Momentan muss ich meinem Sohn nicht von orientalischen Hexen vorlesen, aus deren detailliert beschriebenen Brüsten verschiedenfarbige Milch fließt, die den Helden entweder um die Ecke bringt oder ihm Gutes tut. Auch Helden, die in Wüstensand vergraben werden, wo ihnen dann wahlweise böse Insekten die Gliedmaßen abfressen oder selbiges von scharfen Schwertern, die vorher von den Bösewichten ebenfalls dort verbuddelt wurden, erledigt wird, darf er sich bei Bedarf später selbst zu Gemüte führen.
Illustration von Ludek Manasek
Ein Teil unseres Märchenbuchbestandes ist der Sammelwut meiner Mutter in Bezug auf künstlerisch gestaltete Bücher zu verdanken. Als ich Kind war, waren diese Bücher unglaublich schwer zu bekommen, und meine Mutter versetzte wirklich Berge, um diese Sammlung anzulegen. So ist diese eben auf ihre Weise wertvoll. Unter Berücksichtigung eines solchen Sammelinteresses wurden diese großformatigen Festeinbandausgaben sicher ganz bewusst für Erwachsene gestaltet, die sich für die Märchen verschiedenster Kulturkreise interessieren. Das äußert sich einerseits in Illustrationen, die wenig mit Kinderbüchern gemein haben, und zum anderen auch in Textlänge und Sprache. 
Eine Geschichte kann noch so schön sein, aber bei zwanzig Textseiten driftet die abendliche Konzentration schlichtweg ab. 
Aber was will man machen, wenn man das bisherige Lieblingsmärchenbuch schon so oft von vorne nach hinten und von hinten nach vorne gelesen hat, dass man es auswendig kann? 
Es war einmal... Mein erstes großes Märchenbuch, ein Geschenk der Großeltern, hat glücklicherweise kinderfreundlich dicke Pappseiten, sonst wäre es nämlich längst hin. Die Märchen: Froschkönig, Hänsel und Gretel, Dornröschen, Der Wolf und die sieben Geislein, Schneewittchen, Rotkäppchen, Die Bremer Stadtmusikanten, Die Prinzessin auf der Erbse, Aschenputtel, Frau Holle, Der Wettlauf zwischen Hase und Igel und schlussendlich Rumpelstilzchen sind extra für Kinder adaptiert (gekürzt, entschärft, nacherzählt) und hübsch illustriert und passen auf nur 56 Seiten.
Aber nun ist mein Sohn nach eigenen Angaben schon "groß", weshalb er "mal was anderes" lesen will.

So saßen wir also wieder vor besagtem Regal, und mein potenzieller Coverkäufer griff zu.
Entschieden hat er sich für Was die Windsbraut erzählt, die schönsten Märchen aus aller Welt (und gerade als ich mich ans Scannen machen will, stelle ich überrascht fest, dass es dieses Buch gebraucht bei Amazon zu erwerben gibt; erschienen ist es 1974 (und da war auch ich noch Mutz im Schaufenster) im Prager Artia-Verlag, der für eine ganze Reihe von Märchensammelbänden verantwortlich zeichnete).
Gute Wahl, Sohnemann!
Eine leise, sanfte Auswahl von 20 schönen Märchen, die nach dem Vorbild von 1001 Nacht erzählt werden.
Klein Will kann nämlich nicht schlafen, weil die Windsbraut Melusina im Schornstein ein Liedchen singt und aus den Funken der knisternden Holzscheite im Kamin plötzlich ein zauberhaftes kleines Mädchen erscheint, dem er schließlich aus dem Märchenbuch seiner Großmutter vorzulesen beginnt.
Bekannte Märchen, wie "Die Schöne und das Tier" und "Dornröschen", aber auch hierzulande weniger bekannte Geschichten, wie "Der Holzfäller und die Drachenprinzessin" oder "Prinz Hänschen und der Blütenjüngling", die nicht nur Klein Willi und das Zaubermädchen, sondern auch uns märchenhafte (Vor)lesemomente bescheren.
Wir sind noch mittendrin.

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