Donnerstag, 15. März 2012

Lesen im Wartezimmer

Meine gestrige Zuglektüre bekommt heute ein neues Kleid. Wir sind hier ja unter uns, gell? Deshalb kann ich sagen, dass ich heute meinen Lady-TÜV absolviert habe, und weil die Warterei meistens beste Blogbusterlänge annimmt, habe ich meine Royals mitgenommen und habe ich noch eine ganze Weile auf Mardivino herumgetrieben. Zuglektüre wird also Wartezimmerlektüre.
Ich war die Einzige, die las, während um mich herum geschwätzt oder auf dem Smartphone gespielt wurde. Da ich mir ausgerechnet von einer betagteren Lady eine Zickzackaugenbraue einfing, setzte ich noch eins oben drauf. So zückte ich denn den Bleistift und unterstrich und notierte, was das Zeug hält, wie ich es sonst nur in Übersetzungen tue. Ha! Wusst ich's doch! Die Augenbraue kriegte noch mehr Zickzack hin. Auf diese Weise kam ich schauspielernd durch meinen Lesestoff und schaffte nicht nur "Mein Geliebter, mein Prinz", sondern auch "Nur eine heimliche Affäre?" - allesamt aus der Feder von Sharon Kendrick.
Wo waren wir doch gleich? Ah ja, der Prinz eines imaginären Stadtstaates oder Inselstaates oder was auch immer, jedenfalls imaginär, denn die Ministaatenprinzen gehen uns im Real Life ja aus, lud Gabriella, genannt Ella, in seine Heimat ein, obwohl sie sich gerade noch hübsch im Sinne von "du hast nur mit mir geschlafen, weil ich ein Prinz bin" und "du hättest mir gleich sagen können, dass du ein Prinz bist" gezankt hatten und ihrer Wege gegangen waren. Prinz Nico sieht nämlich in Ella die Chance, das Tourismuspotenzial seines Staates zu nutzen. Obwohl sie davon gar nicht überzeugt ist, reist sie von England nach Mardivino, so heißt das schmucke Stückchen Land, um es sich einmal von Nahem zu betrachten. Natürlich nur, weil sie überhaupt nichts für Nico übrig hat, aber das komische Flattern nicht los wird. Dabei stellt sie fest, dass der Prinz zwar ein Wildfang ist, der für sein Leben gern mit dem Motorrad durch die Gegend braust, Jestski fährt und, und, und, aber auch arbeitet. Selbstverständlich sollte man grundsätzlich davon ausgehen, dass Adlige nichts anderes tun, als auf dem Thron zu sitzen und ein Zepter zu schwingen. Offenbar aber hatte die Protagonistin dieses 2004 im Original erschienenen Romans nichts anderes erwartet. So ist sie sehr überrascht, wie "vielschichtig" der Mensch ist, dem sie gegenübersteht. Na so etwas aber auch! Zu allem Überfluss ist diese vielschichtige Person auch noch mächtig besitzergreifend und benimmt sich, als gehörte Ella ihm bereits. Und die wird bei nächstbester Gelegenheit auch prompt schwach. Als krönenden Abschluss, weil Ella irgendwann einmal zu Nico gesagt hatte, dass Ehrlichkeit das Wichtigste sei, knallt er ihr vor den Kopf, dass er sie nicht liebt. Aber sonst sind noch alle Edelsteinchen am Krönchen? Erst die Gute aus höchster Not retten, gesundpäppeln, bettsportlich überraschen, mit Anerkennung überhäufen, ihr gegenüber tatsächlich Respekt zeigen, dass einem trotz anfänglicher Zweifel das Herz ganz weich werden will, und dann sowas?!? Klar weiß die erprobte Leserin, dass das nur eine Finte ist, aber ehrlich, da schrammt man doch haarscharf am Herzkasper vorbei. Nur gut, dass Ella mit einer gewissen Mütterlichkeit glänzt, die Nico, der ohne Mutter aufwuchs, fehlt. Es gelingt ihr binnen kürzester Zeit, aus dem Achtundzwanzigjährigen, der sich trotz Staats- und Berufsverpflichtungen relativ unreif verhält, einen halbwegs altersgerechten Erwachsenen zu machen. So erkennt er auch nur ein paar Seiten weiter, dass Ella seine Frau ist und er sie liebt (sofern er das denn irgendwie für sich definieren kann). Friede, Freude, Staatsgeschäfte ... 

Ella nach Mardivino zu holen, war ein feiner Schachzug der Autorin, denn dort erfahren wir, dass Nico nicht der einzige Prinz ist. Da sind noch Guido und Gianferro. Guido ist der Playboy der Familie, und bei Gianferro haben alle schon aufgegeben, daran zu glauben, dass er noch zu einer Frau und Thronfolgern kommt. Fortsetzungen sind also vorprogrammiert. Und so ist auch "Nur eine heimliche Affäre?" genau dieses: eine Fortsetzung, um Bruder Nr. 2 unter die Haube zu bringen. 
Stürzen wir uns also ungebremst in die nächste Klischeekiste. 
Guido Cacciatore, Prinz von Mardivino, hat mit dem Adelsdasein nicht wirklich was am Hut, sondern macht sich in New York ein schönes Leben. Ab und an steigt er mit der Stewardesse Lucy ins Bett, ohne dass etwas Ernsteres daraus entstünde. Als sie ihm am Flughafen entgegenschwebt, ist sein erster Gedanke: "Sie hatte eine elegante marineblaue Uniform an, und Guido wusste, dass sie keine Strumpfhose, sondern Strümpfe trug. Ging sie wegen der Strümpfe anders als andere Frauen? Weil sie die kühle Luft auf den Oerschenkeln spürte und ihr das ihre Sinnlichkeit bewusst machte?" Die beiden haben auf jeden Fall ihren Spaß miteinander ... Trotzdem ist Lucy die Einzige, die Guido einfällt, als auf Mardivino eine Taufe ansteht. Thronfolger Nr. 1 hat nämlich das Licht der Welt erblickt, und so sehr Guido das ganze Staatspipapo zuwider ist, muss er doch erscheinen. Der Fürst ist nämlich krank und es wird von den drei Prinzen erwartet, dass sie repräsentieren. Lucy wird von der Familie freundlich, aber nicht überschwänglich aufgenommen. Insbesondere Gianferro, der Abwägende, der Gesetzte, beäugt nach Nicos und Ella Beziehung auch Guidos offensichtliche Liebelei mit strengem Auge. Wie schon in Ellas Geschichte ist es auch in "Nur eine heimliche Affäre?" die Frau, die zwar an der körperlichen Beziehung Spaß hat, aber bald merkt, dass das nicht genug ist. Lucy versetzt es nämlich einen mächtigen Stich, dass unter den Gästen zur Taufe auch Damen sind, die nicht zur Familie gehören, aber sehr wohl mit Guido bekannt sind. Als er ihr sagt, er habe neben ihr ein anderes Tête-à-tête gehabt, fühlt sie sich betrogen. Schon kurz nach der Familienveranstaltung trennen sich ihre Wege, aber nicht für lang, denn Lucy hält bald einen positiven Schwangerschaftstest in der Hand. Weil sie weiß, dass Guido kein Beziehungsmensch ist, beschließt sie, ihn zwar nicht im Unklaren zu lassen, aber ansonsten allein für das Kind zu sorgen. Nur ist das aber gar nicht so einfach, denn immerhin ist das nicht irgendein Baby, sondern der Nachwuchs einer Fürstenfamilie. Ganz egal, wie sehr Guido sich von Mardivino entfernt hat, so sehr ist er sich doch seiner Herkunft und Verpflichtung bewusst. Deshalb ist er bereit, Lucy zu heiraten. Die aber will keine "Mussheirat", muss sich aber - weil es das Protokoll und der Verleger so wollen - fügen und hat nun die Wahl, entweder den schönen Schein zu wahren oder diese Ehe zu einer echten Ehe zu machen. 
Wie schon in Nicos und Ellas Buch geht es auch in Guidos und Lucys Geschichte um ein Paar in der Konstellation adlig/bürgerlich. Keiner der Protagonisten, auch nicht die weiblichen, hegen zunächst Gefühle, die über Körperliches hinausgehen. Die Herren der Schöpfung dürfen die weiblichen Parts hemmungslos begaffen und in triebgesteuerte Gedanken (ups - schließen Trieb und Denken sich nicht aus) verfallen, bevor sie aus heiterem Himmel doch noch von Amors Pfeil durchbohrt werden. Der Adel ist eine prima Ausrede, um die unreifen Knilche machen zu lassen, worauf sie Bock haben und ihnen einen besonders unnahbaren/unerreichbaren Touch zu verleihen. Während sie gleichzeitig in Angstschweiß ausbrechen, wenn sie nur an Paparazzi denken, wird das Konfliktpotenzial Presse überhaupt nicht ausgeschöpft. Und dabei hätte die das ewige Hin und Her von wegen "Du bist ein Prinz", "Ich bin ein Prinz", "Du musst", "Du darst nicht", "Ich will dich", "Nimm mich", "Rühr mich nicht an" so herrlich aufgelockert. Komischerweise will bei mir der märchenhafte Funke dieser Aschenputteltrittbrettgeschichten nicht so recht überspringen ...
Morgen geht es dann weiter mit Straßenbahnlektüre und "Die Krönung unseres Glücks", in dem dann Gianferro verwurstet wird, der mir bislang mit seiner ruhig-royalen Art am sympathischsten ist. 
Wer also in der Leipziger Straßenbahn ein fett grinsendes Leserlein sieht, das außerdem das Romanheft mit vielen überflüssigen Notizen vollkritzelt, muss das nicht ernst nehmen. Das bin nur ich, die sich mit Zwischendurchlektüre königlich amüsiert. 

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