Samstag, 24. März 2012

Innenstadtbummel

Blick zum Bahnhof
Mir ist, als hätte ich etwas vergessen ... Was war es doch gleich? 
Ach ja, ich wollte euch mit in die Leipziger Innenstadt nehmen, und ich fürchte, dass ich allen, die es bis zum Ende des Postings durchhalten, einen symbolischen Orden verleihen muss.
Schwanenteich, Oper und City-Hochhaus
Nachdem ich meinen Marsch an der Deutschen Nationalbibliothek vorbei, über die Alte Messe und den Südfriedhof und schließlich vorbei am Völkerschlachtdenkmal beendet hatte, habe ich mir erst einmal mein Hotelfrühstück gegönnt. Schließlich war ich schon kurz nach 7 zu meinem Morgenspaziergang aufgebrochen. 
Mit dem Auschecken durfte ich mir sogar Zeit lassen, aber wenn man erst einmal Hummeln im Hintern hat, weiß man nichts mehr mit sich anzufangen. Deshalb habe ich ziemlich bald mein mühselig zusammengestricktes Übersetzungshonorar in meine Hotelrechnung gebuttert und mich auf den Weg gemacht. 
Opernrückseite im Schwanenteich
Am Bahnhof durfte ich dann feststellen, dass das Schließfachkontingent in Leipzig gar nicht so groß ist, wie man meinen möchte, und mit Müh und Not noch ein Fach ergattert, um die Reisetasche zu verstauen. Auch wenn ich keine Bücherberge erworben hatte, wollte ich doch nicht mit zwei Taschen durch die Stadt traben. 
Mein Stadtbummel stand und fiel sozusagen mit dem Schließfach. Hätte ich keines gefunden, wäre ich sicher drei Stunden früher zu Hause gewesen. So konnte ich mir den Schweiß der Aufregung von der Stirn wischen und munter losspazieren. 
Nochmal Oper von hinten
Oft nimmt man die Orte, in denen man lebt, für selbstverständlich. Man bewegt sich darin, hat seine festen Anlaufpunkte, weiß ein paar Dreckecken, kennt Manches nicht und bedenkt anderes kaum mit einem zweiten Blick. Die Leipziger Innenstadt war für mich Aufenthaltsort, Treffpunkt, Durchgangsstraße in einem. Während des Studiums war sie selbstverständlich, denn meine Studienfächer führten mich damals nie zu anderen, in der Stadt verteilten Einrichtungen der Uni. 
Damals beherbergte das City-Hochhaus, der Uniriese, der Weisheitszahn, die Institute und das Prüfungsamt. Seither ist viel Wasser die Pleiße hinuntergeflossen und nichts mehr so, wie es mal war, und ich gebe zu, dass die Nostalgikerin in mir immer noch nichts mit dem neuen modernen Glasambiente der Alma Mater mit Unikirche anfangen kann. Sicherlich klinge ich wie jemand, der gegen Veränderungen eingestellt ist. Nein, ich denke, Veränderungen sind in Ordnung, gut und notwendig, denn wir wachsen auch daran. 
Doch je öfter ich nach Leipzig komme, umso drastischer empfinde ich die Veränderungen im Vergleich zu dem, das ich kannte. Das Gefühl, zu Hause zu sein, ist unverändert. 
Messehochhaus
Dafür gibt es einfach zu vieles, das ich immer mit Leipzig verbinden werde. 
Emotional, weniger an vereinzelten Fixpunkten. Wahrscheinlich bin ich sogar mehr ein anderer Mensch als Leipzig eine andere Stadt. 
Und ich ärgere mich, dass ich, als ich noch dort gelebt habe, nie auch nur ein einziges Foto geschossen habe. Warum auch? Ich habe ja fast alles jeden Tag gesehen. Alles war selbstverständlich und hat sich in seiner erlebten Form in mein Gedächtnis eingebrannt. Mit der Rückkehr kommt aber auch oft - zumindest bei mir - die Nostalgie herbeigeeilt. 
An der Oper
Da steht man - erwachsen - auf einem riesigen Platz, auf dem man als Studentin mal schnell das belegte Brot heruntergeschlungen hat, wenn die Pause etwas größer und das Wetter schön waren und man nicht im Seminargebäude herumsitzen wollte, und das Einzige, das einem in den Sinn kommt ist, wie man denn dem Nachwuchs begreiflich macht, dass das mal alles anders war. 
Vielleicht wird es ihn nicht interessieren, denn außer, dass er weiß, dass er in Leipzig geboren wurde, hat er zu dieser Stadt überhaupt keinen Bezug. Dieses ständige "Als Mama und Papa klein/jung/schlank/unbeschwert-blabla waren" ist schließlich genau das, was Kinder hören wollen. Vor allem, wenn das Zeitgefühl so treffsicher ausgeprägt ist, dass davon ausgegangen wird, dass die Eltern in ihrer Kindheit mit echten Dinosauriern spielten. 
So musste ich denn rasch den Gedanken abschütteln, meinem Sohn erzählen zu wollen, dass das da drüben das Messehochhaus ist und als die Mama noch studiert hat, uns die Bauwesendozentin an diesem Beispiel die Funktionsweise einer Wannengründung erläutert hat. Oder da hinten, da war die Mensa, aber die sah damals ganz anders aus. Und das, das ist die Oper, da waren Mama und Papa an Mamas 21. Geburtstag in "Schwanensee". 
Immer wieder drängeln sich diese Erinnerungen vor, und vielleicht ist es auch gut, sie einmal aufzuschreiben. Vor allem weil ich meinen Buchmessetrip mit vielen Erinnerungen startete und ihn so beendete. Ich schubste sie daher auch nicht beiseite und erinnerte mich insbesondere daran, dass niemand sonst mit mir hier entlang schlenderte und dass ich überhaupt niemandem von "damals, als" erzählen musste.  Ich muss es nicht, aber trotzdem erzähle ich wieder von damals.
Opernhaus
Nach vier Tagen hatte ich mich bereits wieder so an Leipzig gewöhnt, dass ich, sobald ich vorm Schwanenteich stand, schon fast wieder das Fotografieren vergessen hätte. Ein Klicken unweit von mir erinnerte mich aber glücklicherweise daran. 
Paulinerkirche (Unikirche), seit 2009 in Bau
Mein Hang zur Blumenfotografie erinnerte mich im nächsten Atemzug allerdings auch an etwas, über das ich mich immer wieder aufregen könnte. Als ich mich nämlich niederkniete - und inzwischen ist es mir auch so ziemlich egal, wo ich mich wie unsportlich hinwerfe, um ein Foto zu schießen - um einen zarten Frühlingsboten aufs Bild zu bannen, wehte mir der unverkennbare Duft von Urin entgegen. Der nächste Blick fiel auf einen Müllhaufen mit McDonald's-Verpackungen. Natürlich gibt es in ganz Leipzig keinen Mülleimer und öffentliche Toiletten schon gar nicht. 
Früher Hauptpost, heute Tanzschuppen
Das sind sie, die verborgenen und ganz offensichtlichen Dreckecken der Großstadt, die so unweigerlich dazugehören, wie jener alte Mann, der mich auch nach 6 Jahren Abwesenheit um Kleingeld für "'ne Bockwurscht" anbettelt. Damals war's "'ne Mark", und gekauft hat er - leider Klischee und auch wieder nicht - 'ne Pulle Schnaps. Damals hatte ich Mitleid, ein Jahr später habe ich ihn dann aber erwischt. Ihn gibt es immer noch, und er sieht noch immer genauso aus, verwirrt, zerknittert, ein bisschen nach Columbo, und wenn ich ehrlich bin, wähnte ich ihn - man bedenke, dass ich mein Studium vor 18 Jahren aufgenommen hatte - längst an dem berühmten besseren Ort. 
Damals war Leipzig bei weitem nicht so herausgeputzt. Das Mädchen aus der Provinz war nicht gänzlich überwältigt von großstädtischer Pracht, machte aber einen Bogen um bettelnde Menschen. Je polierter die Großstadt wird, versucht man, eben jene zu vertreiben, aber trotzdem sind sie da. Am Bahnhof, in den Parks ... Und das Nichtmehrmädchen, nun vom Lande, macht wieder einen Bogen, mit steigendem Blutdruck und zunehmendem Ärger. Nicht weil mir als Selbständige der goldene Besen im A... steckt, sondern weil ich selber so manchen Monat vor dem drohenden Krankenkassenbeitrag zittere und Bücher mein einziger Luxus sind. Aber da kann ja nun Leipzig nichts dafür.
Ich kniff also die Augen zusammen, konzentrierte mich auf das Schöne des sonnigen Tages. 
Die Goldkarpfen im Schwanenteich schwammen hastig herbei, aber ich musste sie enttäuschen, denn Futter hatte ich nicht dabei. Ich knipste und knipste mich bis zum Augustusplatz mit der Unikirche, die ich so noch nicht gesehen hatte, weil sie letztes Jahr nicht auf meinem Buchmesseweg lag. 
Detail Mendebrunnen
Tja, damals, als ich noch studierte, stand dort ein postmodern-sozialistisches Gebäude, in dem mindestens zwei meiner Dozenten ihr Büro verräucherten. Darin gab es einen Paternoster, in den (nicht: in dem) mich einmal der Imker nötigte und den ich danach nie mehr betrat. Der Erfinder dieses Etagentransportmittels muss ein sehr mutiger Mensch gewesen sein. 
Mut!
Und schon habe ich meine Überleitung zum angekündigten "Ich-könnte-mich-sowas-von-in-den-Allerwertesten-beißen-"Part meines Innenstadtberichts.
Gewandhaus, City-Hochhaus, Mendebrunnen
Ich schlenderte also gemütlich über den Augustusplatz, um dessen Brunnen zu fotografieren. Das tat ich auch reichlich. 
Knips. Knips. Knips. 
Weil Knipsen und die Verbiegerei dabei aber etwas müde machen, vor allem, wenn man ohnehin schon fußlahm ist, bietet es sich doch an, sich auf einer der Bänke niederzulassen und zu verschnaufen. Gedacht, getan. 
Die zum dritten Mal seit Anreise geklebten Latschen von mir streckend, pflanzte ich mich auf eine Bank und hielt das Gesicht in die Sonne. Dann ließ ich - ach Mensch, das sollte man als Autor so ja nicht mehr schreiben, weil's zu ausgenuddelt ist, - den Blick umherschweifen und siehe da, wer sitzt auf der Bank nebenan? 
Mendebrunnen
Wait for it - ich komm gleich dazu ... 
Als Leipziger bzw. Großstädter ist man es ja eher gewöhnt, auch mal einem Prominenten zu begegnen. Ich bin schon mehreren Darstellern aus der Sachsenklinik über den Weg gelaufen, im Theaterfoyer, auf der Messe, sogar beim Shoppen. Auch durch meine frühere Tätigkeit bei der Messe bin ich verhältnismäßig promiunsensibel und breche nicht gleich in hysterisches Kichern oder so etwas aus. Dort sind häufiger Tatortkommissare, ehemalige, inzwischen verstorbene Schneewittchenzwerge, Soapdarsteller nicht nur an einem vorbeigelaufen, sondern auch mit Anliegen an uns herangetreten. Da darf man schon berufsmäßig nicht gleich ausflippen. Mein persönliches Highlight war Catherine Deneuve, die allerdings VIP-mäßig abgeschirmt wurde. Eine Herzklopferinnerung ist es trotzdem. 
Im Gegensatz zu Schauspielern hat man von Autoren häufig kein Bild. Gut, im virtuellen Zeitalter mit Homepages, Facebookseiten, Twitter-Gewitter und Co. ist das mit dem Verstecken so eine Sache. Wahrscheinlich klappt es nur, wenn man es auch wirklich darauf anlegt. Nicht jeder Autor gibt Lesungen, und kein Mensch, der durch seine Tätigkeit mehr oder weniger öffentlich wird, muss auch überall und immerzu öffentlich sein. 
Aber wer saß denn nun da? 
Bestsellerautor und Leipzigschauplatzverwender Markus Heitz. Ganz unverkennbar. Ganz ungestört (also ungestört von eventuellen Fans und so :-)). 
Gewandhaus als Spiegel
Letztes Jahr bin ich ihm auf der Messe zwei mal über den Weg gestolpert, aber auch da habe ich mich schon nicht getraut, ihn anzusprechen. Obwohl das auf der Messe um Längen einfacher ist. Allerdings kann einen schon mal die Traute verlassen, wenn man an bestimmten Ständen mit dem subtilen Hinweis, man erwarte jetzt einen Stargast, aus dem Weg komplimentiert wird. Aber was soll man denn bitte tun, wenn man einem prominenten Autor mitten auf dem Augustusplatz begegnet?
Ehemaliger Uniriese
Genau. 
Man sitzt da. 
Guckt ein mal. 
Guckt noch mal. 
Überlegt: "Stehste auf und gehst hin?" Hm. Aber was soll man denn sagen: "Hi, ich kenn dich/Sie, aber hab noch nie ein Buch von dir/Ihnen gelesen." "Also meine Freundin fand deine/Ihre Lesung vor einem Jahr in X total toll." "Was machst du denn hier?"
Irgendwie nicht mehr "meine" Uni
Und als braves Mädchen vom Lande, das mit der Kamera in der Hand ein bissel Touri spielt, steht man dann auf und verzieht sich. 
Denkt sich, ein Autor sollte in seiner privaten Kontemplation nicht gestört werden, und während man so weiter schleicht in Richtung Ex-Alma Mater, umschließen die Finger das Handy in der Jackentasche, weil man am liebsten jemanden anrufen und sagen möchte: "Bin ich blöd, oder bin ich blöd?" 
Tatsächlich simpilierte ich, als ich vergeblich versuchte, ein gescheites Foto von der Uni zu schießen, was ich denn hätte fragen wollen/sollen/können, wenn ich mich denn getraut hätte. Mensch, das wäre doch was gewesen, ein Augustusplatzgespräch mit Markus Heitz. 
Da gab's wohl den Kaffee.
Blöd nur, dass ich überhaupt noch nichts von ihm gelesen habe. Wie peinlich wäre das denn? 
Knips. Knips. Knips. 
Belichtungsrädchen hier. 
Blendenrädchen da. 
Zwischendurch mal hochgeschaut. 
Und siehe da. 
Wer hat sich grad 'nen Kaffee (oder etwas ähnlich Becherverpackbares) geholt. 
Markus Heitz. 
Unverkennbar. 
Zwei einschüchternde Köpfe größer als ich.
Alibikameragefummel und dann Flucht gen Grimmaische Straße. 
Ich bin halt blöd ... oder schüchtern ... oder höflich. Wie man's halt nimmt. 
Trotzdem klebte die Hand immer noch am Handy und kurzfristig überlegte ich tatsächlich, ob ich ihm hinterherrennen sollte. Na, das wäre aber wohl wirklich bekloppt gewesen. 
Pflichtbewusst erinnerte ich mich, dass ich ja für mindestens drei liebe Mitleser weiter Fotos machen wollte, und deshalb schlenderte ich kurzerhand knipsend weiter, bis mich an der Alten Handelsbörse die Fußkraft verließ und das Heimweh packte. 
Aber so richtig. Wie ein Wirbelsturm im Herzen. Mein kleiner Ex-Leipziger fehlte mir mächtig. 
Grimmaische Straße
Pflastermüde, mit vielen Erinnerungen, Erlebnissen und Eindrücken im emotionalen Gepäck, verstaute ich die Kamera sicher im Rucksack und amüsierte mich - mich abwendend, aber köstlich - über zwei Touristen, die ehrfürchtig die Dichterstatue vor der Alten Handelsbörse betrachteten und sie mit den Worten verließen: "Das ist aber wirklich eine sehr schöne Statue von Bach." 
Nikolaikirche
Wer lesen kann, war schon immer klar im Vorteil, denn vor der Alten Handelsbörse thront niemand Geringeres als Goethe, der auch dann noch gut erkennbar ist, wenn ein Vögelchen sein Geschäft auf seinem Kopf hinterlassen hat, und zudem mit gut lesbarer Schrift am Sockel identifiziert wird.
Vielleicht aber war genau das ein Zeichen, dass sich das Leipziger Lesefest dem Ende zuneigte. So schön es war, es war doch an der Zeit, wieder die neuen heimischen Gefilde aufzusuchen.

Doch kaum bin ich eine Woche zu Hause, vermisse ich Leipzig bereits, aber dieses Mal wird es kein Jahr dauern, bis ich wiederkomme. 

Denkmal für die friedliche Revolution vor der Nikolaikirche Leipzig, nach Entwürfen des Leipziger Künstlers Andreas Stötzner
Alte Nikolaischule
Kaffeehaus Riquet
Alte Handelsbörse (so schief - da muss ich wohl schon einen ersten Schwächeanfall erlitten haben :-))
Alte Handelsbörse - Vorderseite (letztes Jahr haben wir dort eine Lesung mit Oliver Kalkofe besucht)
Na, schon erkannt?
Das ist nicht Bach!


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