Montag, 19. März 2012

Ein Haus voller Bücher

Rückansicht der Deutschen Bücherei
Es stimmt schon, dass man als Mutter einen Wecker eingebaut hat, der auch dann klingelt, wenn man gar nicht aufstehen muss. Also schwingen sich die Beine wie von selbst um 6 aus dem Bett, auch wenn man weiß, dass es im Hotel erst um 8 was zwischen die hungrigen Messezähne gibt. 
Deshalb entschied ich mich, eine Runde durch das Gebiet ums Völkerschlachtdenkmal zu drehen. Ich schnappte mir die Kamera und schlenderte zunächst gemütlich in Richtung alte Studentenheimat. 
Zu meiner Studentenzeit gab es den futuristischen Klotz rechts noch nicht.
Wie in größeren Städten nicht ungewöhnlich, kann man ja jahrelang in einem Viertel wohnen, ohne die anderen je zu besuchen. Vor allem, wenn man auch noch einen wunderschönen Heimjob hat, der einen nicht jeden Morgen zur Straßenbahn zwingt. Nach dem Auszug aus dem Studentenwohnheim verschlug es uns vom PLZ-Bereich 04103 in den PLZ-Bereich 04318 und in all den sechs Jahren, die wir dort verbrachten, gab es keinen Anlass mehr, der mich zurückbrachte. Inzwischen sind weitere sechs Jahre vergangen, und obwohl wir nun wirklich nicht Lichtjahre von Leipzig entfernt leben, habe ich es gerade mal einmal pro Jahr zurückgeschafft. Deshalb sind viele Entwicklungen und Bauarbeiten an mir vorbeigegangen. 
Deutsche Nationalbibliothek
Wie dem auch sei, ich spazierte also zu sonntäglich ruhiger Morgenstund ohne Gold im Mund, aber mit umgeschnallter Kameratasche zu dem Ort, an dem ich als Studentin viel Zeit verbracht habe: zur Deutschen Bücherei. 
Diese war nur einen Steinwurf von meinem Studentenwohnheim entfernt und ich hielt mich dort wesentlich öfter auf als in der Hauptstelle der Universitätsbibliothek. Ich erinnere mich noch gut, wie ich schon früh meinen Laptopklops hinschleppte und stundenlang an meiner Diplomarbeit hämmerte. Und dabei war ich anfangs tierisch aufgeregt, als ich das im wahrsten Sinne des Wortes ehrwürdige Gebäude zum ersten Mal betrat. Ich war ja so ein schrecklich schüchternes Huhn mit Scheitelwelle und Tennissocken und habe ganz schön mit meinem Schweinehund gekämpft, bevor ich zur Taschenabgabe und schließlich zur Anmeldung geschlichen bin. Diese alten Mauern und die vielen, vielen Bücher können schon mächtig einschüchternd wirken, und im ersten Moment fühlte ich mich ziemlich unintelligent. Nachdem ich aber irgendwann das Katalog- und Bestellsystem verstanden hatte, wurde ich in der Präsenzbibliothek schnell heimisch. Hausarbeiten, Vorträge, Hausübersetzungen und, und, und entstanden zum großen Teil dort. Doch kaum war die Diplomarbeit und damit die wissenschaftliche Arbeit aus den Augen und aus dem Sinn, gab es immer weniger Grund, die Deutsche Bücherei aufzusuchen, und so war ich seit zehn Jahren nicht mehr dort. 
Ich bin da drin. Im wahrsten Sinne des Wortes.
So sah ich am Sonntag zum ersten Mal die spiegelige moderne Erweiterung der ursprünglichen DB (so sagten wir immer) mit der großen Aufschrift "Deutsche Nationalbibliothek". 
Da ärgerte ich mich doch ein bisschen, dass die Besichtigung, die immer im Rahmen der Leipziger Buchmesse angeboten wird, mit meinem Zugfahrplan kollidierte. Aber ich bin ja nicht das letzte Mal in Leipzig gewesen. 
An dieser Stelle bemühe ich auch wieder einmal meine "Unromantische Annerose" und ihren Traum, den ich hier sicherlich mehr als einmal erwähnt habe. In diesem gut fünfzig Jahre alten Buch (meine Güte, ich bin halt nostalgisch und lese auch Bücher, die nicht erst drei Wochen alt sind) erzählt die Protagonistin, die gerade erst ihr Abitur absolviert hat, einem Kommilitonen, der erst spät zu einem Freund mutierte, ihr Traum sei, eines Tages ein kleines Büchlein von sich in der Deutschen Bücherei in Leipzig zu finden. 
Durch die räumliche Entfernung ist die Deutsche Bücherei = Deutsche Nationalbibliothek in meinen Gedanken und Erinnerungen ganz weit nach hinten gerückt. Wie ich nun aber vor dieser Symbiose von Alt und Neu stand (die mir nicht gefallen muss), wurde mir doch ganz warm ums Herz und ich auf einmal mächtig aufgeregt. Sicher, man liest immer von Pflichtexemplaren, aber da man sie ja nicht selbst ans Ziel tragen muss, tangieren sie einen irgendwie nur am Rande. Erst als ich dort stand und mein Spiegelbild fotografierte, war mir klar, dass ich wirklich da drin bin. Und es ist ganz schnurz, wie popelig, unwichtig, schlecht und sonstwas die Publikation ist, sie ist in Deutschland erschienen und als Pflichtexemplar da drin. Meine Anne wurde gesammelt, und nicht nur sie. Pflichtgesammelt, aber was soll's. Zum ersten Mal seit Langem habe ich wirklich wieder richtig Lust zum Schreiben. Lust, aber zu wenig Zeit für so viel Lust. Trotzdem war der Spaziergang zur Deutschen Bücherei/Nationalbibliothek genau der Tritt in den Allerwertesten, den ich gebraucht habe. Nun ist es an der Zeit, aus der Inspiration wieder etwas zu machen.
Auf Inspirationssuche bin ich dann auch gleich weiter zum alten Messegelände geschlendert, dessen eher marode Impressionen ich euch dann morgen oder in den nächsten Tagen zeigen werde. 

Hier aber noch ein paar Bibliotheksansichten von außen, die zwar manchmal etwas schief sind, weil ich nur ein Objektiv mithatte, aber das soll nicht weiter stören:
Spiegel überall in Leipzig
Sonntagsruhe

Haupteingang
Sonntags kurz vor acht in Deutschland ... schlafen auch die Bücher.
 
Ein Blick zurück

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