Mittwoch, 14. März 2012

Da stand ich nun ...

... ist der erste Satz, den ich meiner Protegonistin Anne nach dem Prolog in den Mund gelegt habe. Anne stand in LA auf dem Flughafen und wartete am Gepäckband auf ihren Omakoffer, und obwohl ich heute nur an einem Provinzbahnhof stand, überkamen mich wohl ganz ähnliche Gefühle. Ich fühlte mich nämlich, als würde ich eine Weltreise antreten. Dabei war doch nur Leipzig das Ziel. 
Da stand ich nun also wie bestellt und nicht abgeholt am Kelbraer Bahnhof vor einem seltsamen Gatter, das mir den Zugang zu Gleis 2 versperrte. Willkommen in der Welt des automatisierten Bahnhofs, der selbst und vielleicht gerade die Provinz erreicht hat, um Kohle zu sparen. Wenn man aber wie ich ein stets überpünktlicher Mensch ist, wird man von solcherlei Sicherheitsmaßnahmen - und nichts anderes ist dieses Gatter - schon mächtig in panische Überlegungen versetzt. Wird es auch aufgehen, bevor der Zug kommt? Kommt der Zug überhaupt? Bist du am richtigen Bahnhof? Hält der Zug hier eigentlich? Stimmt das alles so mit dem Online-Ticket. 
Mein Chauffeur, der Imker, ohne den ich gar nicht erst bis zum Bahnhof gekommen wäre, weil die Busverbindung eine Katastrophe ist, steht neben mir, pafft sein ungesundes Kraut und rollt die Augen. 
Bleib doch mal locker, Weib! 
Eigentlich hat er recht, denn Leipzig ist nur 2 Zugstunden entfernt, und wenn alle Stränge reißen, chauffiert er mich eben weiter. 
Der Zug aber kommt und ich steige, bepackt wie in guten alten Studententagen mit selber Tasche von damals, ein. Erwartungsgemäß leer ist das Eisenschwein, aber die größeren Stationen auf dem Wege nach Halle (Saale) kommen schließlich erst noch. Und irgendwie fühle ich mich auch wie in Studententagen, als sonntags wieder die Reise nach Leipzig angetreten werden musste. Nur musste ich mir damals noch keinen Kopf machen, ob das Schulkind an den nächsten beiden Tagen unter väterlicher Obhut auch nicht den Schulbus verpasst. Aber ich vertrete die Auffassung, das Männer können, wenn sie müssen, und überlasse meine beiden mal ihrem Alltagsschicksal. Gemein? Nö. Jetzt ist Frau mal dran. 
Während ich so zehn Minuten zum Fenster herausstarre, setzt sich Anne neben mich und flüstert mir zu: "Siehste, du kennst die Strecke nicht mal, aber sie sieht genauso aus, wie du sie beschrieben hast." Schlimm. Sie hat recht. Ich bin seit sechs Jahren nicht mehr Zug gefahren und noch nie zwischen Neu- und Altheimat. Aber aussehen tut alles genauso, wie Anne in ihrem Buch schreibt. Schlimm. Trostlos. Eine Abraumhalde an der nächsten. Bahnhöfe außer Betrieb. Verfallen. Besprüht. Wann hat unsere Jugend eigentlich den ordentlichen Umgangston verlernt? Bin ich anstatt erst knapp 36, vielleicht doch schon fast 63 und störe mich deshalb an der Fäkalsprache, die mich ab - den Ort hab ich schon wieder vergessen - bis zum Ausstieg der Schüler ununterbrochen umgibt?
Es ist wirklich eine Weltreise. Dorf meets Großstadt. Ich fahr nach Leipzig, will ich herausposaunen und streiche mir die schwarze Stoffhose glatt. Mal keine Jeans. Mal ordentlich. Gegen das dörfliche Aufgebretzel hab ich nämlich was. Falsche Nägel. Falsche Wimpern. Brauch ich nicht für meinen Waldspaziergang. Und die Metzgerin nähme mich auch in Kittelschürze in Kauf. Aber heute wurden die Haare gelegt (und nein, der Imker hat sie nicht noch geschnitten ;-)), die Stoffhose gebügelt und der Stadthut rausgeholt. Mal nicht die Busmama. Mal so tun, als ob ... Da ist es doch klar, dass mir als erste Amtshandlung am Leipziger Hauptbahnhof der Schuh kaputt geht. Klar wie Kloßbrühe, oder?
Bevor das aber passieren konnte, unternahm ich S-Bahn-Studien. Ich erinnere mich an meine aktive Bus- und Bahnzeit. Freitags heim, sonntags zurück. Seit meinem 14. Lebensjahr. Manchmal mit Bekannten, meistens aber ohne. Worüber haben wir damals gequatscht, überlege ich. Hm. Kleinstadtdisko vom Wochenende, wo ich sowieso nicht hin konnte. Mathe. Zu viele Hausaufgaben. Feriepläne. Hm. Heute ist das Leitthema, wie ich den Facebook-Alias des Angebeteten herausfinde. Also meiner hieß damals Thomas, wohnte in einem der Zimmer im vorderen Teil unserer Etage und wollte mich mit oder ohne Alias nicht. Und das hat er mir gesagt, mündlich, Auge in Auge. 
Anne sitzt immer noch neben mir, als ich aus der S-Bahn herausschaue und mit einem Ohr den Mädchengesprächen lauschte. Ganz schön weltfremd, wir zwei, teile ich ihr stumm mit, denn sie kann meine Gedanken verstehen. Aber sie ist es, die mir sagt, das sei nun mal so. Weil einen der Job zu Hause festhält, man es sich nicht fünf mal überlegen kann, ob man einen Job annimmt oder nicht, sondern zusehen muss, wo man bleibt, kommt man nicht raus. Man reist virtuel, in Bildern, bewegt und unbewegt, aber man sitzt, wo man sitzt, weil man erst einmal für die laufenden Kosten arbeiten muss. Ist man damit dann fertig, sitzt man immer noch. Oder bewegt sich in nahen Kreisen, weil man ja verfügbar bleiben muss. Seit das Kind in der Schule ist, ist die Flexibilität sterbenskrank. Deshalb hat Anne recht, wenn sie meint, dass ich mich nicht verschämt verkriechen muss, nur weil ich in Jubelstürme ausbreche, einmal im Jahr ganz alleine nach Leipzig zu tuckern. 
Also: Dorf meets Großstadt. Wald eingetauscht gegen Glas, Beton und Stahl. 
Nach Leipzig fahren, ist Nachhausefahren. Die Straßenbahnen haben neue Nummern, neue Richtungen, was auch immer, aber irgendwie komme ich fast schlafwandlerisch - mit kaputtem Schuh - in meinem Hotel an, das ich mir ganz bewusst unweit der alten Adresse ausgesucht habe und wo ich mal so ganz für mich sein kann. Ich lade den Reiseballast ab und klettere zurück in die Straßenbahn - wenn man schon mit dem Bahnticket ein City-Ticket mitgebucht hat, kann man das ja nutzen. Die Kamera hab ich im Rucksack. Als ich so in der Bahn sitze, merke ich, dass es meine alte Bahn ist. Sie fährt vorbei am Studentenwohnheim meines Imkers und hält an der Haltestelle, von der ich vor Jahren tagtäglich zur Uni aufgebrochen bin. Das alte Haus gegenüber hat man abgerissen. Heute ist dort ein Parkplatz. Der Marktfrisch wurde zu Rewe. Mir juckt es in den Füßen, auszusteigen und hinüber zum Wohnheim zu laufen. Ich lasse es bleiben, denn ich brauch ja Schuhersatz. Siehste, sowas hattest du nicht, will ich Anne sagen, aber sie ist weg. 
Ich steige an der Haltestelle unweit der Uni aus, laufe durch den Schillerpark und denke die ganze Zeit darüber  nach, was ich alles fotografieren könnte. Ich hole die Kamera nicht heraus. Wie ich mich kenne, falle ich bestimmt in das nächstbeste Loch, weil ich Hans-guck-in-die-Luft spiele. Überall bewegt sich was, überall ist etwas neu. Überall überfällt mich ein "Hier hast du doch ..." ... nur ein einziges Mal mit dem Imker Döner gegessen. ... dir mit den Mädels freiwillig zwei mal hintereinander bei Titanic die Augen aus dem Kopf geheult. ... mindestens einmal die Woche im Buchladen gestöbert. ... teure Nudeln à la Carbonara gegessen, weil du dich am ersten Tag des Studiums nicht alleine in die Mensa getraut hast. ... dich in den Imker verliebt. Alles Wichtige in meinem Leben - Beruf, Mann, Kind - ist mit Leipzig verknüpft. Immer komme ich nach langen Abständen zurück und bin auf gewisse Weise zu Hause.
Ich laufe und laufe und laufe. Irgendwann kaufe ich mir Klebstoff, um meinen Schuh zu reparieren. Kehre bei Bagel Brothers ein und erinnere mich an meine Freundin Astrid, die ich lustigerweise in Kanada kennengelernt habe, obwohl sie in Leipzig wohnte. Ich laufe weiter. 
Und dann sind zwei Stunden um. Ich habe kein Foto gemacht, obwohl mein Kopf voller Bilder ist. Mir tun die Füße weh, aber ich steige trotzdem zwei Stationen früher aus und gehe zu Fuß zum Hotel. 
Komisch. Ich fühle mich gar nicht nach Buchmesse. An mindestens fünf Buchläden bin ich vorbeigegangen, habe gelächelt, weil ich in der Straßenbahn niemanden mit E-Reader sah, Mein Kopf ist voll bunter Gedanken und ich will schreiben, schreiben, schreiben. 
Zu Hause geht das am Besten. Ich bin zu Hause und auch wieder nicht. 
Meine Finger kribbeln und die Gedanken überschlagen sich.
Aber trotzdem stehe ich nun erst einmal auf, nehme die Kamera und gehe hinüber zum Völkerschlachtdenkmal. 
Weil ich da meinen Imker geküsst habe.

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