Samstag, 25. Februar 2012

... über "Navy SEALS. Entführt" von Stephanie Tyler

Stephanie Tyler

Romantische Spannung, bei der das Konfliktpotenzial nicht unter den Teppich gekehrt wird

Zum Inhalt:
Jake Hansen ist ein Navy Seal, wie er nicht besser im Lehrbuch stehen könnte. Immer fokussiert, genau wissend, was er wann zu tun hat, um einen Auftrag zu erledigen, zählen körperliche Wunden wenig und Emotionen werden so weit unterdrückt, dass kein Teilnehmer der Mission gefährdet wird. Deshalb ist er auch der Mann der Stunde, als es darum geht, Dr. Isabelle Markham, Tochter einer Senatorin aus den Fängen ihres Kidnappers im afrikanischen Dschungel zu befreien. Es gelingt Jake und seinen Brüdern Chris und Nick, mit denen er ein eingespieltes Team bildet, die junge Ärztin, die bei Ärzte ohne Grenzen tätig war, aufzuspüren und sie in Sicherheit zu bringen. Vorerst. Denn, auch nachdem Isabelle von ihren körperlichen Verletzungen genesen ist, ist die Gefahr längst nicht gebannt. Admiral Cal Callahan holt sie als Klinikunterstützung auf seinen Stützpunkt, wo sie nicht nur in absehbarer Zeit eine Offiziersausbildung absolvieren soll, sondern auch sein Schützling Jake stationiert ist. Das ist natürlich kein Zufall, denn der Admiral bestellt Jake zum Schutz seiner Patentocher Isabelle. Dabei schenkt er aber beiden nicht reinen Wein ein. Trotz aller Dienstbeflissenheit hat Jake in der relativ kurzen Zeit, die seit der Rettungsaktion vergangen ist, nicht die Erinnerung an die verletzte, entwürdigte Frau, die er auf seinen Armen persönlich aus dem Dschungel tragen musste, abschütteln können. Auch Isabelle erinnert sich an ihren Retter, an seine Behutsamkeit, mit der er versuchte, ihre Würde zu wahren, und auch an seinen Kuss, den sie ihm verzweifelt abgerungen hatte, überzeugt, sie würden sterben. Als sie ihn nun wiedersieht, will sie den Mann, dem sie ihr Leben verdankt, kennenlernen. Dass sie sein Job ist, ahnt sie nicht, aber auch nicht, dass ihre Sicherheit ihm mehr am Herzen liegt, als für einen Job notwendig wäre. Langsam nähern sie sich an, heilen äußere und innere Wunden, ergründen ihre Vergangenheiten und erfahren, dass Isabelles Entführung weiter reichende Beweggründe hatte als Geld oder den Rang ihrer Mutter. Aber der Entführer befindet sich keineswegs hinter Schloss und Riegel ... 

Meine Meinung: 
Ich kann mir nicht erklären, weshalb Navy SEALS. Entführtso lange ungelesen in meinem Regal gestanden hat. Denn der Auftakt zu Stephanie Tylers Navy-SEALS-Trilogy ist ein - mit wenigen Abstrichen - stimmiges Gesamtpaket, das es nicht verdient hat, so lange herumzustehen. 
Bereits die Umschlaggestaltung der bei Egmont Lyx erschienenen deutschen Ausgabe passt. Die Silhouetten der dargestellten Personen sind sich nah, aber nicht zu nah, was durchaus der realistisch-vorsichtigen Annäherung der Charaktere entspricht. Hinter ihnen öffnet sich der grüne Dschungel Afrikas, der zum einen den Ort der Entführung und Rettung der Protagonistin Isabelle wiederspiegelt, aber auch für ihre Sehnsucht steht, denn sie will zurückkehren, nicht nur um ihr Trauma aufzuarbeiten, sondern, weil sie eine Ärztin ohne Grenzen sein und sich nicht in einer guten, aufgrund der Position ihrer Mutter erworbenen Stellung ausruhen will. Hier haben Hilden Design und Grafikdesignerin Birgit Gitschier gute Arbeit geleistet und ein Cover geschaffen, das im Vergleich zum englischen Original (siehe rechts) wesentlich ansprechender und rundum passend ist. 
Während das Cover alles richtig macht, hinken Kurzbeschreibung und Klappentext wieder ein bisschen und erzählen eine Marketingwahrheit vom Inhalt.  
Die Autorin hingegen umschifft genau jene Hürden, die ich bei Romantic Thrill/Suspense oft bemängele. Ihr gelingt es nämlich, ein gutes Verhältnis zwischen Spannung und Romanze herzustellen, indem sie auf unrealistische Übererotisierung verzichtet und den Charakteren ermöglicht, Ängste und Traumata aufzuarbeiten und eine echte Beziehung zu entwickeln. Dass sie dabei aber einen Tick zu viel Vergangenheitsarbeit leistet und damit ab und an beim Lesen für Verwirrung sorgt, steht auf einem anderen Blatt.
Zwar bekommen wir es mit Jack mit einem typischen gequälten Helden (taff, aber Leichen im Keller) zu tun, aber mit einem hochanständigen. Während andere Autorinnen ihre Helden in dramatischen Situationen absurden Hormontango tanzen lassen, was sich in sabberndem Starren und nicht jugendfreien Gedanken äußert, tut Stephanie Tylers Held genau das nicht. Der Situation angemessen, denn Isabelle wurde nicht nur entführt und gedemütigt, sondern auch missbraucht und in diesem Zustand ihrem Schicksal überlassen, versorgt er sie mit Behutsamkeit und Respekt, die auch im Verlauf des Romans nicht nachlassen und dafür sorgen, dass Jake trotz seiner vereinzelten verbalen Ruppigkeit und professionellen Unnahbarkeit ein sehr sympathischer Charakter ist und bleibt. Auch Isabelles Gefühle sind zunächst von Achtung und natürlich Dankbarkeit geprägt. Obwohl sie zweifellos traumatisiert ist, verfällt sie nicht in Jammern, sondern stellt sich bewusst ihren Dämonen. Dass das aber nicht immer klappt, vor allem Intimitäten immer wieder vereitelt werden, ist nur menschlich und realistisch. 
Der Altersunterschied zwischen Isabelle und dem einige Jahre jüngeren Jake spielt erfrischenderweise überhaupt keine Rolle, und auch das Beziehungsschema ist nicht schwarzweiß. Nein, hier geht es nicht um die große, ewige Liebe und bahnbrechende Bettakrobatik auf dem Weg zum Ehehafen. Hier finden Charaktere zueinander, die einander wieder "ganz machen" und sich respektieren. Für Häuschen- und 9-to-5-Job-Schablonen sind Stephanie Tylers Charaktere zu eigenständig und an ihre individuellen Vorhaben gebunden. Dort besteht also noch Raum für mehr ... 
Während Stephanie Tyler in ihrem primären Handlungsstrang Jake und Isabelle durch all ihre Konflikte und Probleme aneinanderwachsen lässt, wechselt sie hin und wieder die Szenerie, um zum einen Jakes Brüder Nick und Chris, die in den beiden Folgebänden "verarbeitet" werden sollen, zum anderen aber auch den Admiral und vor allem dessen Beziehung zu Isabelle, deren Mutter und Vater vorzustellen. Zusätzlich wird in einer Nebenhandlung in Afrika nach Isabelles Entführer gesucht. Hier konnte ich mich allerdings nicht des Eindrucks erwehren, dass diese Nebenhandlung nur stattfindet, um dem Leser den Ernst der Lage im Krisengebiet noch einmal besonders unter die Nase zu reiben und den Nebencharakter Sarah, die nach Isabelles Berichten und den daraus gezogenen Schlussfolgerungen an Sympathie eingebüßt hatte, zu rehabilitieren. Wahrscheinlich sollte damit außerdem das Spin-off-Potenzial der Paarung Clutch und Sarah unter die Lupe genommen werden. In jedem Fall lenkt meiner Meinung nach dieser Handlungsstrang meistenteils eher ab, als dass er die Haupthandlung vorantreibt. Kursiv dargestellte Erinnerungen der Protagonisten sind ebenfalls nicht immer der unbeschwerten Lektüre zuträglich, sondern zwingen zum gedanklichen Ordnen der Sachverhalte, was für manchen Leser ein Hemmschuh sein dürfte. 
Die Erläuterungen zu den SEAL-Teams und ihren Ausbildungen vermittelten einen recht authentischen Touch, obwohl zu bezweifeln ist, dass es bei einer der härtesten Elitetruppen der Welt tatsächlich so zugeht und sich gar ein Teenager mit 15 (wie Jake) mit gefälschten Papieren einschmuggelt und damit auch noch solchen Eindruck hinterlässt, dass man ihn letztendlich sogar akribisch ausbildet. Dafür, dass es sich bei den Vertretern des Genres Romantic Thrill trotz der hochtrabenden Bezeichnung schlicht und ergreifend um Liebesromane handelt, will ich über solche technischen Aspekte großzügig hinwegsehen.

Empfindlicher bin ich hingegen bei sprachlichen Aspekten. Während die Autorin Dialoge treffsicher und kurzweilig zu gestalten weiß, fallen ihre wenigen erotischen Darstellungen für meine Begriffe etwas plump aus und wollen nicht so recht zum übrigen Ton passen.
Damit ist "Navy SEALS. Entführt" insgesamt betrachtet kein vollkommen runder Trilogie-Auftakt, macht aber Lust auf mehr. 

Fazit:

Unterhaltsamer Romantic Thrill mit Drama, Spannung, Romanze, Erotik und Liebe in ausgewogener Dosierung und trotz aller Heldenhaftigkeit natürlich bleibenden Charakteren, aber mit den kleinen Holprigkeiten eines ersten Bandes, der mehr Wege ebnen möchte, als er müsste.

Gesamteindruck: 
4 von 5 Weißdornzweigen








  • Broschiert: 399 Seiten
  • Verlag: Lyx; Auflage: 1 (12. Mai 2011)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3802583868
  • ISBN-13: 978-3802583865
  • Originaltitel: Hard to Hold
  • Neupreis: 9,99 €
Teil 2: Navy SEALS. Entlarvt
Teil 3: Navy SEALS: Verdächtig

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