Mittwoch, 22. Februar 2012

... über "Hyddenworld: Der Frühling" von William Horwood

William Horwood

Episch angelegte Fantasy mit altbekannten mystischen Motiven und etwas erzwungen wirkender Liebesgeschichte


Zum Inhalt:
Es war einmal ein kunstfertiger Schmied namens Beornamund. Er lebte in Mercia, einem der sieben Reiche von Engladond und liebte die Tochter seines Meisters. Ihr Name war Imbolc, was in der alten Sprache Frühling bedeutet. Leider ward sie ihm unzeitig durch eine Naturkatastrophe genommen, sodass er in tiefer Trauer nunmehr kunstvolle Gegenstände erschuf, um ihrer zu gedenken. So entstand eine Kugel aus Metall und Glas, die er voller Zorn den Göttern im Himmel, die er für Imbolcs Tod schuldig glaubte, entgegenschleuderte. Die Götter hingegen zerschmetterten die Kugel in Tausende Stücke, von denen Beornamund nur drei - Edelsteine - wiederfand. Sie verkörperten den Sommer, den Herbst und den Winter. Allein der Frühling blieb verschollen. Diese Edelsteine setzte er nun auf einen Anhänger, den Imbolc, die von den Göttern zur Friedensweberin erkoren worden war, trug, während sie über Jahrhunderte durch die Welt der Menschen und Hydden ritt. Beornamund prophezeite, der Stein des Frühlings könne erst wiedergefunden werden, wenn der Winter von jenem Anhänger abgefallen sei und so auch Imbolc ihre Aufgabe erfüllt habe und zu ihm zurückkehren könne. Doch wenn Imbolc auf diese Weise endgültig dahingeschieden sei, könne die Welt, die so voller gefährlicher Gier sei, nur durch Ankunft ihrer Schwester, der Schildmaid gerettet werden. Und deren erste Aufgabe bestünde im Auffinden des verlorenen Steins des Frühlings ... 
Die Hydden sind ein kleines Völkchen, das vor den Augen der Menschen verborgen lebt. Höflich und friedliebend sind sie, sie wissen die Natur zu schätzen, und sie sind die Letzten, die sich an jene Prophezeiung Beornamunds und die Legende um den Stein des Frühlings erinnern. Als nach all der Zeit, die inzwischen verflossen ist, die Kunde über den Riesengeborenen zu vernehmen ist, wissen sie, dass die Zeit gekommen ist, auf die Suche nach der Schildmaid und dem Edelstein zu gehen. So bringt man den Riesengeboren Jack von seiner Geburtsstatt im deutschen Harz nach England, wo er unter den Menschen finden möge, was verloren geglaubt ist. Riesengeborener deshalb, weil er viel größer ist, als Hydden es üblicherweise sind und daher unter den ungläubigen Menschen keine Verwirrung stiftet. In England soll Jack von Professor Arthur Foale und dessen Frau aufgenommen werden. Während er in einem Ärztezentrum darauf wartet, abgeholt zu werden, begegnet er Clare Shore und ihrer fünfjährigen Tochter Katherine, die ihren Mann Richard, der dort Assistenzarzt ist, abholen wollen. So ergibt es sich, dass er nicht mehr auf Abholung warten muss, sondern mit den Shores mitfahren darf. Doch nicht nur das unsäglich schlechte Wetter an jenem Tag, sondern auch die Feinde der Hydden, die Fyrd, verhindern, dass Jack bei den Foales ankommt. Es kommt zu einem schweren Autounfall, den nur Katherine gänzlich unversehrt überlebt ...
Erst zehn Jahre später treffen Katherine und Jack, der bis dahin in verschiedenen Einrichtungen aufgewachsen ist, wieder aufeinander. Der Anlass ist traurig, denn Clare Shore, die sich seit dem Unfall nie wieder erholen konnte, liegt im Sterben. Zudem wird Arthur Foale vermisst. Jack und Katherine erleben eine kurze Zeit der Annäherung und erfahren, wer Jack in Wirklichkeit ist. Doch bevor sie sich wirklich bewusst werden können, welche neuen Aufgaben auf sie warten, fällt Katherine in die Hände der Fyrd ... 



Meine Meinung:
 

William Horwood zählt zu den festen Größen unter den Fantasy-Autoren, sagte mir aber nichts. Das liegt vor allem daran, dass ich mich nicht sonderlich für High Fantasy begeistern kann, weshalb ich unter anderem auch ein etwas gespaltenes Verhältnis zu einem der führenden Genre-Romane habe. Beide Umstände - also meine Unkenntnis des Autors und meine Indifferenz gegenüber Hochgelobtem - erwiesen sich jedoch als sehr günstig, weil ich Hyddenworld: Der Frühling so vergleichsweise unbefangen lesen konnte. 
Lesen wollte ich Horwoods Roman vor allem, weil ich mir, nicht zuletzt auch angesichts der hochwertigeren Festeinbandaufmachung, etwas Nachhaltiges versprach, das zu gegebener Zeit auch meinen Nachwuchs ans Bücherregal locken würde. Dass ich dafür natürlich aus meinen bevorzugten, festgetretenen Lesevorlieben ausbrechen musste, sollte einen positiven Nebeneffekt bedeuten. Zum anderen interessierte mich die Kombination der Hyddenwelt mit der realen Welt. 
Bereits auf den ersten Seiten zeigte sich nun bereits, dass Hyddenworld keine leichte Kost ist. Die deutsche Übersetzung reflektiert die reife Sprache eines Autors, der sich einen eigenen auf Legenden und Fantastisches abgestimmten Stil angeeignet hat, an dem Leser, die Sprache mögen und sich nicht von komplexen Sätzen zurückschrecken, ihre Freude haben dürften, Freunde flott und schnörkellos erzählter Geschichten aber zum Verzweifeln bringen könnte. Insbesondere die Passagen, die der Erörterung der Legende und Prophezeiung dienen, sind von komplexen Satzstrukturen, Appositionen und Partizipialkonstruktionen geprägt, an denen man sich festsaugt, zum einen, weil man dem Märchenerzähler nicht von den Lippen weichen möchte, zum anderen (leider) aber auch, weil man fürchtet, etwas zu überlesen und zu verpassen. Lediglich der Wechsel zwischen Mythen- und Menschenwelt lockert die Lektüre etwas auf, ohne zu verwirren. Zudem nimmt sich Horwood alle Zeit der Welt, um das Universum seiner Fantasywesen, einschließlich jeder Menge kleiner Wesen, die namentlich ins Geschehen eingeführt werden, zu präsentieren, sodass auf den ersten 130 Seiten (von immerhin 527) bis auf den alles umstoßenden Autounfall kaum Nennenswertes passiert und der Leser viel Geduld aufbringen muss, um vor allem im mystischen Part der Geschichte nicht den Faden zu verlieren. Hyddenworld ist somit kein Buch, das sich in einem Rutsch "wegliest", obwohl es keineswegs langweilig ist. Hat man das erste Viertel einmal geschafft, wird es durchaus interessant und, zwar nicht durchweg und atemberaubend, aber stellenweise wirklich spannend. Ich persönlich empfinde dies zwar nicht als Nachteil, weil ich mir in der Regel lieber Zeit für meine Lektüre nehme, möchte diesen Aspekt jedoch nicht unerwähnt lassen. 
Zur besseren Übersicht trägt außerdem die Einteilung in kurze Kapitel mit passender Überschrift bei, die zudem in einem Inhaltsverzeichnis zusammengefasst sind.
Nachteilig empfand ich hingegen, dass Horwoods Hyddenworld vergleichsweise wenig innovativ ist. Natürlich wurde schon alles in irgendeiner Form geschrieben, und ein gewisser Wiederholungseffekt in der Literatur bleibt nicht aus, dennoch wirkt Horwoods Verarbeitung der klassischen Fantasy-Elemente: Anderswelt neben realer Welt, Prophezeiung, Edelstein/Schmuckstück, Auserwählte(r), Lehrer, Erzfeinde mit Zerstörungsabsicht ... etwas altbacken. Die Frage, ob die Literaturwelt auf noch eine fantastische Geschichte dieser Art gewartet hat, drängt sich unweigerlich auf, lässt sich aber aufgrund der unterschiedlichen Leseinteressen und -vorlieben wohl kaum eindeutig beantworten. Was einem Leser sauer aufstößt, wird den anderen indifferent lassen. Obwohl Hyddenworld bei mir einen angenehmen Gesamteindruck hinterließ, hatte ich doch das Gefühl, der Autor sei bemüht, eine Fantasy-Checkliste abzuarbeiten und zudem noch zahlreiche Charaktere einzuführen, deren Wichtigkeit für die geplante Hyddenworld-Tetralogie bzw. den Reihenauftakt man nicht so recht über den Weg traut. So wird man mit vielen neuen Figuren und bedeutungsschwangeren Namen konfrontiert, die man sich erst einmal alle merken muss. Daneben ist dem Autor sehr an Beschreibungen von Umgebung und Gegebenheiten gelegen, die die Figuren leider etwas erschlagen. Obwohl er bildhaft und mit unverkennbarer Freude an der eigenen Geschichte erzählt, fehlt den Figuren ein deutliches Gesicht.
Horwood packt viel in seinen Auftaktband: von Hintergrundinformationen bis zur Ankunft des prophezeiten Charakters passiert viel, und es müssen große Zeiträume abgedeckt werden. Kaum hat William Horwood seinen eigentlichen Hauptcharakter eingeführt, muss er schon einen Zeitsprung von zehn Jahren unternehmen. Zu diesem Zeitpunkt liegt so viel Unausgesprochenes - Trauer, Groll, Zweifel, Missverständnisse - zwischen Jack und Katherine, dass man es nur dem Feingefühl des Autors zugutehalten kann, dass die Beziehung, die zwischen ihnen vorherbestimmt ist und über nur wenige Seiten aufkeimen muss, weil ja das große Abenteuer auf den folgenden knapp vierhundert Seiten erst noch bevorsteht, nicht gänzlich unglaubwürdig wirkt. Überhaupt ist dieser Handlungsstrang rund um die Bestimmung der beiden jungen Menschen, die allerdings erfreulich modern gestaltet wurden und von ihrer großen Bestimmungen per DVD erfahren, mein größter Kritikpunkt, denn über den gesamten Verlauf der Geschichte ließ mich das Gefühl nicht los, die Liebesgeschichte zwischen Jack und Katherine sei nur eingeflochten worden, um Hyddenworld, das ich sprachlich eher als Erwachsenenliteratur einstufen würde, einer jüngeren Leserschaft schmackhaft zu machen. 
Aufgrund der Inhaltsbeschreibung hatte ich mir zudem einen stärkeren Naturbezug erhofft, da die aus Beornamunds Kugel entstandenen Fragmente immerhin die Jahreszeiten repräsentieren sollen. 
Trotz Detailreichtums, langsamer Entwicklung der Handlungsstränge, zwischenzeitlichen Abdriftens in unwichtig erscheinende Geschehnisse und wenig Überraschungen in der Handlung mochte ich William Horwoods Tetralogie-Auftakt "Hyddenworld: Der Frühling" vor allem aufgrund der liebevollen, allwissenden Erzählweise und des Stils, der eines Märchenerzählers würdig ist, und bin überzeugt, dass dieser Roman zeitlos ist, selbst wenn er mich nicht restlos von meiner langjährigen High-Fantasy-Abstinenz kurieren konnte. Trotzdem habe ich mir die für 2013 anberaumte Fortsetzung vorsichtig auf den Wunschzettel gesetzt.

Mein Fazit: 
Fantasie- und liebevoll erzählter Auftaktband, der vornehmlich in einer zur realen Welt parallelen Welt angesiedelt ist, aber den Bezug zum Menschen nicht verliert, dabei zwar mit ausgereifter, märchenhafter Sprache überzeugt, jedoch zu viel in einen Band packt und damit recht farblose Figuren zurücklässt und gerade einmal an der Oberflächen der großen Hyddenworld-Geschichte kratzt. 
Für unvoreingenommene Leser, die Längen nicht scheuen und sich an schöner Sprache erfreuen.

Gesamteindruck: 
3 von 5 Weißdornzweigen






  • Gebundene Ausgabe: 534 Seiten
  • Verlag: Klett-Cotta; Auflage: 1., Aufl. (22. Februar 2012)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3608946381
  • ISBN-13: 978-3608946383
  • Neupreis: 22,95 €

Ich möchte an dieser Stelle darauf hinweisen, dass ich diesen Roman als Leseexemplar bei vorablesen.de erhalten habe. Vielen Dank an dieser Stelle für die freundliche Bereitstellung. 
Normalerweise lese ich keine anderen Rezensionen, bevor ich eine Buchvorstellung verfasse, aber in diesem Fall war ich unsicher, ob ich mich mit meinem Leseeindruck nicht doch völlig daneben liege. 
Dabei habe ich festgestellt, dass sich mehrere Rezensenten über mangelndes Lektorat bzw. Korrektorat beklagt haben, z. T. mit genauer Angabe von Beispielen und Seiten. Daraufhin habe ich diese mit dem mir vorliegenden, ausdrücklich als Leseexemplar deklarierten Buch verglichen, konnte darin die zitierten Mängel aber nicht feststellen. Zwar hatte ich auch den Eindruck, es bestünden Unstimmigkeiten, z. B. ist im Klappentext von einer Brosche die Rede, während es im Buch um eine Kugel und einen Anhänger geht, oder es heißt, Katherine und Jack haben in den zehn Jahren nach dem Unfall fast keinen Kontakt gehabt, was kaum zwei Seiten später wieder relativiert wird. Letzteres ließe sich ggf. auf einen sprachlichen Lapsus zurückführen. 
Ich hege daher den Verdacht, dass unterschiedliche Leseexemplare in Umlauf gebracht wurden, und gehe davon aus, dass die lt. Amazon am 22. Februar 2012 erscheinende Ausgabe nicht zu beanstanden sein wird. 

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