Samstag, 4. Februar 2012

Geschmökert hinter den Kulissen von "Psycho"


Das Internet kann eine nützliche Sache sein. 
Wenn ich daran denke, dass ich ohne Internetzugang wahrscheinlich aufgeschmissen wäre oder den ganzen Tag in einer gut sortierten Stadtbücherei sitzen müsste, um nicht nur Terminologie, sondern auch fachliche Hintergründe zu recherchieren, werd ich ganz blass ums Näschen. Man will und darf ja keinen Mist abliefern, denn schlimmstenfalls wird es teuer. 
Dann wieder möchte ich das Informationsüberangebot beinahe verfluchen. Immer dann, wenn man um Spoiler nicht herumkommt und - bumms - mittendrin sitzt, weil man sich mal verklickt hat.
Und manchmal kann man sich schon fast das Bücherlesen sparen, wie im Falle von Psycho: Behind the Scenes of the Classic Thriller, das in Zusammenarbeit von Janet Leigh und Christopher Nickens entstand. 
Mittlerweile kann man auf den einschlägigen Seiten fast sämtliche darin enthaltenen Informationen nachlesen, ohne mehr als die Flatrate ausgeben zu müssen.

Dieses Buch von Janet Leigh ist keine Autobiografie, enthält aber teilweise wortwörtlich Passagen, die aus ihrer Autobiografie There Really Was a Hollywood, die 1984 erschienen war, entnommen wurden. 
Da ich diese bereits kannte, war ich etwas enttäuscht, dass diese Erinnerungen und Ausführungen rund um den berühmten Hitchcock-Klassiker nicht vollkommen neu und eigenständig sind. 
Dieses Buch ist im Übrigen unter dem Titel Psycho. Hinter den Kulissen von Hitchcocks Kultthriller. auch auf Deutsch erschienen, ich kenne allerdings nur die englische Fassung, die ich, wie die meisten Biografien, Autobiografien, Filmsachbücher usw., die mein Regal bevölkern, inkl. Überseeversand relativ günstig in gutem Zustand gebraucht erworben habe. Die Neupreise finde ich angesichts von 208 z. T. bebilderten Seiten atemberaubend, sodass ich jedem, der trotz der im Internet zugänglichen Informationsflut noch schmökerfreudig ist, einen Blick ins Antiquariat oder eine größere Bücherei empfehle. 


Ein Grund, weshalb ich "Psycho: Behind the Scenes of the Classic Thriller" lesen wollte, war, dass Janet Leigh einfach wunderbar unterhaltsam und ohne Dünkel schreibt, wie sie mit ihrer Autobiografie bewies. Ich neige dazu, mich an Autoren festzubeißen ...
Ein weiterer Grund war, dass mich meine liebe Freundin vor etwa zwanzig Jahren mit "Psycho" in die Flucht geschlagen hat. 
Ja, ja, die guten alten Herbstwochenenden, wo man, in Begleitung von Freundins großer Schwester, noch bergeweise Videos aus der Videothek heimschleppte und sich das Regenwetter vorm Fernseher schöngruselte. 
Man stelle sich vor, ich habe Kings Horrorklassiker in Buchform mit Todesverachtung verschlungen, bin aber eingeknickt, als meine Freundin diesen Schwarzweißklassiker in den Videorekorder schob (von anderen wesentlich blutrünstigere Streifen ganz zu schweigen ... ich erinnere mich da ganz düster an einen Streifen mit einem bösen Tierchen, nach dem ich mir auch noch die zehnte Wiederholung von Beverly Hills 90210 anschauen musste, um mir Jason Priestley wieder gesund und munter und schmuck zu gucken ...) 
Nur hat sie mich damit eben nicht endgültig vertrieben, sondern dafür gesorgt, dass ich todesmutig die nächste Fernsehausstrahlung (wir hatten ja selbst keinen Videorekorder) ganz alleine durchstand. Und die übernächste. Und die überübernächste. Und die überüberübernächste ... 

Psycho: Behind the Scenes of the Classic Thriller ist das erste Buch, das ich je über einen Film gelesen habe. Ich lese zwar Autobiografien und allgemeine filmhistorische Sachbücher, aber ein Buch nur über einen einzigen Film habe ich noch nicht gelesen. Darüber hinaus habe ich auch kein anderes Buch über "Psycho" gelesen, obwohl enorm viel über diesen Film geschrieben und philosophiert wurde.  
Das Besondere an Psycho: Behind the Scenes of the Classic Thriller ist, dass es nicht von irgendeinem Filmhistoriker geschrieben wurde, sondern von der Darstellerin der Marion Crane, Janet Leigh, in Zusammenarbeit mit Biograf Christopher Nickens. Damit erhält es einen eher persönlichen Touch, und langatmiges Theoretisieren entfällt. 

"Are you wondering why I waited thirty-five years to do a book on Psycho? I don't blame you. I've been asking myself the same question. The odd thing is that it wasn't even my idea that started the ball rolling. Well, wait a minute. Let's back up and I'll try to explain how it all came about ..."
 (Seite IX)  

Janet Leigh und Christopher Nickens wechseln sich beim Erzählen ab, die meisten Beiträge stammen allerdings von Janet Leigh, die einige Erinnerungen mitzuteilen hat: beispielsweise, wie sie zu der Nebenrolle ihres Lebens kam, nachdem sie bereits in zweiunddreißig Filmen mitgewirkt hatte. (Ich muss an dieser Stelle dazusagen, dass Nickens vielleicht weniger Biografisches zu Janet Leigh hätte aufführen können, denn Neues erzählt er nicht). 

"I would have done it for nothing [...] but my agents would have had a heart attack."
(Seite 12 - Janet Leigh über ihre verhältnismäßig kleine Gage für 3 Wochen Arbeit) 

Unter Bezugnahme auf das Script berichtet Janet Leigh von den Dreharbeiten - gestartet wurde direkt mit der Hotelliebesszene.  
Sie erinnert sich, dass die berühmte Duschszene vor Weihnachten gefilmt wurde und es sich etwas bizarr anfühlte, am Tag immer wieder erstochen zu werden und am Abend dann gemütlich Weihnachtsgeschenke für die Kinder einzupacken. 
An kleine Späße am Set erinnert sie sich natürlich auch.  

"I can't forget to note how Hitch loved to scare me. I was never sure what would be in my dressing room when I came back from lunch. It seemed to me he was experimenting with Mother's appearance, using me as the guinea pig. Some haire-raising screams emanated from behind my door when I walked in on these hideous, shriveled monstrosities sitting in my makeup chair."
(Seite 46) 

Außerdem beantwortet Janet Leigh im Verlauf des Buches Fragen, die wahrscheinlich schon tausend Mal gestellt worden, z. B. wer Regie bei der berühmten Szene führte, ob es denn nun ein Double gab usw., und lässt die üblichen Interpretationen von Szenen, Details und, und, und mit einfließen. 

"Did Hitchcock try to persuade you to be nude in the shower? 
[...]
There would have been no point in Hitch suggesting that I play the scene nude, because the industry operated under the scrutiny of a censor's office ..."
(Seite 73/74)
Und das tut sie immer mit dem Ziel, Gerüchte aus der Welt zu schaffen, wobei sie kein Wort der Klage über Alfred Hitchcock vorzubringen hat, sondern lediglich bedauert, dass sich aufgrund der enormen Wirkung von "Psycho" keine Gelegenheit mehr bot, erneut mit ihm zusammenzuarbeiten. Daneben bejammert sie aber ein gewisses Typecasting gar nicht, sondern erzählt augenzwinkernd von weiteren Filmen, die sie in die Badewanne verbannten und aus Leibeskräften schreien ließen.

Kurzweilig führen Nickens und Leigh der Leser durch Vorgeschichte, Vorproduktion, Dreharbeiten bis hin zur Nachwirkung geführt, und manches Mal schmunzelt man beim Lesen.  

"A couple of people caught the fact that, medically, Marion's eyes should have been dilated after death. 

Sorry about that! I couldn't quite manage it. And I don't think even Hitch would have expected me to make the suprime sacrifice to just be medically correct.  
 [...]
It's astonishing to me that viewers would notice such small details and react to them. I was not aware of any of these things and I was in the movie."
(Seite 176)

Leider gibt es nicht allzu viele Fotos vom Set bzw. Reproduktionen von Postern und Zeitungsartikeln, die auch noch s/w und nicht in höherwertigen Fotoblöcken abgebildet, sondern in den Textverlauf integriert sind. 
Angesichts des hohen Preises ist das ein kleines Manko, das sich aber verschmerzen lässt, da diese Behind-the-Scenes-Erinnerungen auch heute noch lesenswert sind, selbst wenn das Internet sie uns alle schon verrät.

Bevor ich aber mal wieder eine meiner knarksenden DVDs einwerfe, befasse ich mich noch eine Weile mit komplizierten Frauen 

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