Mittwoch, 4. Januar 2012

... über "Lana: The Lady, the Legend, the Truth" von Lana Turner

Lana Turner
Das wahre Drama ist immer das Leben selbst

Ich habe ein bisschen vorgebloggt, um im Januar Zeit für ein paar Leseexemplare und meine private Organisation zu haben. Deshalb folgen nun peu à peu die angekündigten Vorstellungen diverser Memoiren. Alle habe ich nicht geschafft, weil ich mich mal wieder nicht kurzfassen konnte und ins Plaudern verfiel. Aber es darf im Regal auch noch ein kleiner Rest übrigbleiben ...

Vor geraumer Zeit hatte ich den Bildband "Lana: The Memories, The Myths, The Movies" von Cheryl Crane vorgestellt und erwähnt, dass ich Lana Turners Autobiografie besitze. 
Deren Vorstellung will ich nun der Vollständigkeit halber nachschieben, zumal auch der Titel des Bildbandes unverkennbar an die Autobiografie angelehnt ist. 
Meine Ausgabe von Lana: The Lady, the Legend, the Truth kommt im Festeinband mit Schutzumschlag daher. Erworben habe ich die Ausgabe, die 1982 bei E.P. Dutton, Inc., New York, erschien antiquarisch. Weil diese Autobiografie nicht mehr zu bekommen ist und ich keinen Link zu dem mir vorliegenden Cover finden konnte, habe ich das Cover eingescannt. Gestaltet wurde der goldene Umschlag von Nancy Etheredge. Als Bildnachweis im Buch wird lediglich Lou Valentino für die Bereitstellung der Fotos gedankt, ausgenommen Fotos, die mit gesondertem Vermerk versehen sind, sowie das Foto auf der Umschlagrückseite, das Lana Turner zum Zeitpunkt der Veröffentlichung zeigt. Leider habe ich für dieses keinen Fotonachweis finden können.  

Lana Turner, die hierzulande vielleicht noch durch einen ihrer früheren Filme Im Netz der Leidenschaften und eine Gastrolle in der Fernsehserie Falcon Crest bekannt sein dürfte, veröffentlichte ihre Memoiren mit nur sechzig Jahren. 
Kein ungünstiger Zeitpunkt, denn Mitte der Siebziger war sie bereits in die Riege der Legendary Ladies of the Screen aufgenommen worden und ihre Karriere auf der großen Leinwand war im Abklingen, während eine erfolgreiche Bühnenkarriere voll im Gange war. Überschattet waren die ausklingenden Siebziger von einem zum Teil selbst verschuldeten schlechten Gesundheitszustand, der die Aktrice zusätzlich veranlasste, auf ihr Leben zurückzublicken. 
Und das tut Lana Turner mit viel Selbsteinsicht, Dankbarkeit und Humor, wobei die Lektüre lediglich ab und an von arg gewöhnungsbedürftigen göttlichen Eingebungen getrübt wird. Die Gläubigkeit sei ihr natürlich unbenommen und keinesfalls kritisiert, allerdings wirken die erwähnten Erleuchtungen zumeist ziemlich gestelzt, wenn nicht sogar abgedreht, und passen so gar nicht zu dem ansonsten sehr geerdeten Erzählstil  dieser Frau, die absolut mit sich im Reinen ist.

Umschlagrückseite
Zu erzählen hat die Schauspielerin, die 1937 in "They won't forget" zum ersten Mal auf der Leinwand zu sehen war (wenn auch nur als Mordopfer, womit sie sich das Attribut Sweater Girl verdiente), viel, und zuerst muss sie ihr Geburtsdatum richtigstellen. 
Im Gegensatz zu diversen Kolleginnen berichtet Lana Turner, geb. Julia Jean Turner, recht wenig über ihre Kindheit; da ist erfrischenderweise außer der Trennung der Eltern und des frühen Todes des Vaters kaum Drama zu lesen, wohl aber von einer sehr engen Beziehung zur Mutter, die ausnahmsweise mal keine typische Stage Mom gewesen zu sein scheint.
Da Lana Turner zwar kein Kinderstar war, aber bereits als Minderjährige traumfabrikhaft in einem Café entdeckt und unter Vertrag genommen wurde, nimmt ihr Aufwachsen am Set nur wenig Raum im Buch ein. 
Wie bei anderen Schauspielerinnen lesen wir also, wie sie vorschriftsmäßig am Set unterrichtet werden musste, während man vor der Kamera einen erwachsenen, femininen Stil nach dem Vorbild Jean Harlows erschuf, der dafür sorgte, dass die junge Lana Turner nicht wie andere Starlets nach sechs Monaten von der Bildfläche verschwand. 
So erzählt Turner vom Erwachsenwerden zwischen MGM-Kulissen, Kameras und Premierenpartys, aber immer mit Rückenhalt der Mutter, die sie stets unterstützte. Im Gegenzug machte es sich Lana Turner zur Aufgabe, ihre Mutter zu unterstützen und dafür zu sorgen, dass diese nie wieder arbeiten musste. 
Trotzdem konnte alle familiäre Erdung nicht verhindern, dass Lana Turner jung zwischen die Räder der Hollywood-Romanzen geriet. Hat man schon mehrere Autobiografien von Darstellerinnen gelesen, die in den 1930ern und 1940ern aktiv waren, wird man ab und an von Déjà-vus überrollt, denn einige Charmeurnamen fallen öfter. 
Demzufolge war auch Lana Turners Herz vor ihrem achtzehnten Geburtstag schon gebrochen, sie vor ihrem zwanzigsten Lebensjahr einmal verheiratet und wieder geschieden und hatte, und das kam für sie der größeren Katastrophe gleich, bereits ein Kind gehen lassen müssen. 
Mit gut vierzig Jahren Distanz ist Lana Turner jedoch in der Lage, das, was zweifelsohne nicht nur emotional eine Achterbahnfahrt, sondern auch psychisch und physisch eine Tortur und in Studiozeiten zudem ein berufliches Risiko war, beherrscht und ohne Selbstmitleid zu reflektieren. Der LeserIN möchte allerdings gern einmal der Kragen platzen, mit welchem Selbstverständnis damals Arbeitgeber über den Körper der Frau entschieden haben, wohlwissend, dass sie sie in der Hand hatten, sofern sie Karriere machen wollte.  Ebenso steht der Kragen kurz vorm Platzen, weil man als moderne LeserIN die Akzeptanz dieses Verhaltens durch die Frau nicht so recht nachvollziehen mag. Das Argument, dass vor der Studiotür vermutlich eine nicht enden wollende Schlange von willigen Mädchen stand, leuchtet zwar ein, aber eben nur bedingt.
Lana Turner räumt offen ein, dass es für sie sehr wohl erstrebenswert war, einen Mann zu finden und eine Familie zu gründen. Ehe bedeutete für sie etwas Dauerhaftes, weshalb sie überzeugt war, ihre Eltern wären wieder zusammengekommen, wäre der Vater nicht so früh verstorben. In jungen Jahren sei ihr es wichtig gewesen, zu heiraten und Kinder zu bekommen, denn die Karriere sei ihr erst später wichtig geworden, als sie sich ernsthaft in die Schauspielerei verliebt habe. 
Ihre bekannte Aussage "I expected to have a husband and seven babies" ist in ihren Memoiren Schwarz auf Weiß zementiert. 
Dass es anders kam, allerdings auch ... und beim Lesen versteht man, weshalb es nicht einfach gewesen sein muss, nicht nur, die Legende der Lady nachzuerzählen, sondern auch die "Wahrheit" hinzufügen, die man gern privat halten möchte. Aber die Öffentlichkeit lechzt danach, zahlreiche Versionen von Tragödien und Skandalen zu verschlingen, und weil Star damit im Gespräch bleibt, dürfte deshalb auch Lana Turner auf den Memoirenzug aufgesprungen sein, nicht zuletzt, weil sie vermutlich Einiges klarzustellen hatte.  
Weil Film Nr. 1 aber nicht ein Einzelspiel blieb, sondern Lana Turner für Jahre den Stempel einer "sex goddess" aufdrückte, blieb es auch nicht bei Eheversuch Nr. 1. 
Nach diesem Desaster ging es mit der Karriere bergauf, und Lana Turner blickt auch auf diese schauspielerischen Anfänge zurück. 
Im Gegensatz zu männlichen Kollegen, die sich in ihren Memoiren häufig auf berufliche oder technische Aspekte der Dreharbeiten, wie irrwitzige Autofahrten mit Kamera, aber ohne Kameramann, die Zeilen vergessende oder zu spät kommende Kollegin oder Beleuchtungsfehltritte beziehen, erinnert sie sich an die Begegnungen mit Kollegen, die sie bislang selbst nur von der Leinwand kannte, und wie sie sich dabei fühlte.  
Manchmal geht es um Make-up und Frisuren, aber längst nicht so ausführlich und mitunter schon nervig wie beispielsweise in Ginger Rogers' oder Esther Williams' Erinnerungen.
Während Lana Turner dem Gossip-Fan einige Einblicke ins Nachtleben des Filmnachwuchses, aber auch in den Umgang der Bosse mit ihren Starlets gibt, vermittelt sie einen nahezu filmreifen Eindruck ihres Privatlebens, Peinlichkeiten inbegriffen, die sich aber keineswegs so peinlich mit Fremdschämcharakter lesen, wie es manche flapsig dahingeschriebene Kurzbiografie glauben machen will.  
Kletterte sie auf der Besetzungsliste stetig nach oben, griff sie im Privatleben mit schöner Regelmäßigkeit daneben. Insgesamt 8 Mal, mit sieben verschiedenen Männern. 
Auch der Wunsch nach sieben Kindern sollte sich nicht erfüllen. Aufgrund vererbter Rh-Inkompatibilität durchlebte nicht nur Fehlgeburten, sondern auch stille Geburten. Es ist somit keineswegs verwunderlich, dass sie intensiv über ihre einzige lebend geborene Tochter Cheryl Crane schreibt, für die sie gern einfach nur eine durchschnittliche Mutter gewesen wäre. Als Lana Turner ihre Autobiografie verfasst, ist sie sich voll bewusst, dass sie ihr Privatleben der Karriere geopfert hat, und weiß sehr wohl, dass sie ohne die Unterstützung ihrer Mutter ihre Tochter nicht hätte großziehen können und dass ihr Leben als öffentliche Person Mitschuld am einschneidenden Skandal in ihrem Leben Ende der 1950er trug. Im Widerspruch dazu steht Cheryl Cranes eigene Abrechnung mit Hollywood, die Jahre nach dieser Autobiografie entstand.
Gescheiterte Beziehungen, der unstillbare Wunsch, noch einmal Mutter zu werden, Geldsorgen nach Fehlentscheidungen oder Betrug, das anhaftende Image der sinnlich-verführerischen Blonden und schließlich die Beziehung mit Untergrundfigur Johnny Stompanato, von dem sie sich mehrfach loszusagen versuchte, weil er sie verfolgte und sogar physische Gewalt anwendete. 
Wem Lana Turner bislang trotz ihrer mit einer Oscar-Nominierung bedachten Leistung in Glut unter der Asche (Peyton Place) kein Begriff war, kannte sie schlussendlich spätestens im April 1958, als Johnny Stompanato in Lana Turners Haus von ihrer Tochter in Notwehr, um die Mutter zu schützen, erstochen wurde. Es folgten ein nervenaufreibender Prozess, die Tochter endete trotz Anerkennung der Notwehr in einem Heim für Problemkinder, und trotz des Skandals hatte Lana Turner Glück im Unglück und durfte im Folgejahr in Solange es Menschen gibt eine der Rollen ihres Lebens spielen, bevor 1966 Schluss mit den großen Rollen war.
Mit fast fünfzig wagte Lana Turner eine Neuorientierung und spielte zum ersten Mal Theater, womit sie sich ein neues Standbein schuf. Zehn Jahre später schreibt sie offen über die damit verbundenen Ängste, aber auch über die Freude an der Live-Arbeit vor Publikum, aber sie schreibt auch über den ungesunden Lebenswandel der vergangenen Jahre, wofür sie die Quittung bekam und letztendlich zu einer "neuen Frau" wurde. 
Lana Turner schließt mit Worten, die fast einer Verabschiedung gleichkommen, denn in der folgenden Dekade bis zu ihrem Tod zog sie sich weitestgehend aus der Öffentlichkeit zurück (S. 311 meiner Ausgabe ISBN 0-525-24106-X):
"One final word. This book has definitely been a collaborative effort, and I'm grateful to those who have helped me, but in the end it's my book and my life and I take full responsibility for both." 


Fazit: 
Lana: The Lady, the Legend, the Truth gibt sich im Titel provokativ, erweist sich aber als kurzweilige Lesereise durch das Leben eines glamourösen Stars, das auch hinter der Kamera durchaus filmreif war. 
Drei Bildbildblöcke mit zahlreichen Schwarzweißfotografien bringen Lana Turner privat und beruflich näher, die ganz ladylike und ohne über andere zu lästern oder unnötig schmutzige Wäsche zu waschen ihre Wahrheit über ihre Geschichte erzählt.
Besonders der LeserIN wird einiges Empathiepotenzial geboten. Auch der Glamoursucher kommt mit kleinen Schmankerln auf seine Kosten, während der an beruflichen Details interessierte Cineast eher wenig Suchtstoff zugespielt bekommt.

Gesamteindruck
4 von 5 Weißdornzweigen



Keine Kommentare:

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...