Sonntag, 22. Januar 2012

Schreibtapser

Als ich vor Kurzem meinen Schreibstapel vom Urschleime an durchging, um meinen Gedichtealtbestand zu sichten, stolperte ich zwangsläufig über mein Schubladengeschreibsel, das nur als Papierversion existiert, von mir aber schon ein paar Jahre mit Desinteresse gestraft wurde. 
Während um mich herum das Schreibfieber zu herrschen scheint, muss ich zugeben, dass ich momentan einfach nicht schreiben kann. Ich bin nicht in der Lage, einen kohärenten Gedanken zu Papier zu bringen. Beruflich lektoriere ich derzeit am laufenden Band und würde das an so manchem Tag viel lieber tun als nur über Übersetzungen von Bedienungsanleitungen zu schwitzen, aber das, was weniger Spaß macht, ist in der Regel einträglicher ... Jedenfalls erfreue ich mich momentan an den Geschichten anderer, vermisse aber doch meine eigenen unbeschwerten Schreibstunden. Da privat allerdings meine ganze Kraft anderweitig gefordert ist, lassen sich schlicht und ergreifend keine 10 Wörter am Tag abknapsen, denn selbst diese würden in der nächsten Musestunde, so diese je wieder eintritt, gnadenlos dem Rotstift zum Opfer fallen. 
Kreativität ist in meinem Fall so stark mit persönlichem Befinden verbunden, dass ich an einem Tag 5000 Wörter schreiben, drei Bilder in Angriff nehmen und noch eine komplette Speicherkarte vollknipsen kann, dann aber wieder an langwierigen Phasen der Stagnation und des Versinkens in Schulterminen und manchmal auch, so ist eben das Leben, in Seelenschmerz leide.
Umso mehr haben mich meine mehr als zwanzig Jahre alten Schreibtapser amüsiert, die ich damals noch auf der alten mechanischen Schreibmaschine vollführt habe. 
In meinem jugendlichen Wahn waren Romanversuch 1 und 2 nämlich dämliche Krimis, bevor ich, als ich irgendwann mit um die 20 endlich einen Computer besaß, auf dem Schnulz ausgerutscht und in die Liebesromane geschliddert bin und auch endlich mal ein paar abgeschlossene Sachen produzierte.
In besagtem jugendlichen Wahn war ich verseucht von Mystery-Bahnhofsheftchen und mysteriösen-thrilligen Geschichten, und nicht zuletzt auch von Stephen King. 
Also nahm ich mir nach drei Heften voller Kurzgeschichten und Gedichten in Loseblattsammlungen vor, einen Krimi zu schreiben. Wie man das anstellt, wusste ich natürlich nicht. Ich weiß es immer noch nicht, denn das letzte, was ich wohl je schreiben werde, ist ein Krimi ... 
Ich setzte mich demzufolge in einer der oben erwähnten Hyperkreativitätsphasen an die olle Schreibmaschine, die schrecklich klemmte und mir nach drei A4-Seiten Muskelkater bescherte, und stolperte und tapste los ... 
Zunächst ließ ich einmal ein Kleinkind in der Oakland Bay versinken, während die Mutter hilflos zusehen musste. Selbstverständlich war weit und breit niemand zugegen, um zu Hilfe zu eilen. Angesichts unseres eigenen Roadtrips, der uns über die Bay Bridge führte, musste ich bereits an dieser Stelle herzlich lachen. Warum ich schon damals eine Geschichte ausgerechnet in Kalifornien angesiedelt habe, kann ich mir nicht so recht erklären, aber ich gebe mal vorsichtig dem Fernsehen die Schuld.  
Ich erinnerte mich dann auch wieder, wie ich stundenlang in der Bücherei saß und recherchierte. Hach, heute ist alles so einfach. Man kann virtuell quasi überall hinreisen, ohne einen Ort je gesehen zu haben. Damals saß ich mit dem Lineal vor dem Atlas und habe anhand des Maßstabs und der Geschwindigkeitsbegrenzung auf amerikanischen Highways ausgerechnet, wie lange man wohl von San Francisco nach Santa Barbara unterwegs war. Selbstredend habe ich mich verrechnet (dem Mathematiker hab ich mich schließlich erst Jahre später in die Arme geworfen).  
Weil ich zum Entstehungszeitpunkt der noch erhaltenen 45 Schreibmaschinenseiten 14/15 Jahre alt war, amüsiert mich natürlich heute, welche Vorstellung ich vom Erwachsensein hatte. Seltsamerweise waren meine Protagonisten nie in meinem jeweiligen Alter, sondern wesentlich älter. Ein gewisses Schema F ist ebenfalls nicht zu übersehen. Meine Frauencharaktere hatten fast immer Kinder mit dem falschen Mann, und sie hatten eine beste Freundin mit einem bescheuerten Namen. 
Heute kann ich nicht nachvollziehen, warum das so war, aber meine damalige Umsetzung amüsiert mich außerordentlich - und derzeit kann ich Schmunzelmomente wirklich sehr gut gebrauchen. 
So empfand ich damals das Autofahren offensichtlich als besonders erstrebens- und lebenswerte Fähigkeit, denn in einer Szene lasse ich Steve, den guten Bekannten der Protagonistin (der natürlich entsetzlich in sie verliebt ist) voller Inbrunst ausrufen: "Du kannst Auto fahren, kochen, nähen, stricken und Strümpfe stopfen ... gibt es eigentlich etwas, das du nicht kannst?" 
Wer jetzt in schallendes Gelächter ausbrechen möchte, nur zu, genau das habe ich auch getan. 
Vor allem, weil die junge Frau, Amy, nämlich ganz und gar nicht das Heimchen sein sollte, das Steve hier so lobend umgarnt. Immerhin sucht sie mutig ganz allein nach ihrer Tochter, die spurlos verschwunden, aber offensichtlich nicht tot ist. Ob ihr dabei allerdings das Strümpfestopfen weiterhelfen kann, wage ich zu bezweifeln. Aber ich suchte wohl nur einen Auslöser, damit Amy Steve antworten kann, dass sie nicht schwimmen kann. Weshalb sie natürlich nicht der Tochter in die Bucht hinterherspringen konnte und womit ich einen Beziehungsentwicklungsschritt am Haken hatte. Steve muss als Schwimmlehrer einspringen. Und was eignet sich besser für aufkeimende Intimitäten als eine Schwimmstunde im Meer? Dazu noch die Kulisse eines merkwürdigen alten Hauses, das Amy auf ebenso merkwürdige Weise geerbt hat, wofür sie alle, denen sie begegnet, mit nervösem Zwinkern und pathologischem Fluchtverhalten zutiefst bemitleiden. Da braucht man schon einen zuverlässigen weißen Ritter an seiner Seite. Wenn der nur nicht der beste Freund des Mannes wäre, den man eigentlich mal heiraten wollte ... Mit erschreckendem Realismus machte ich aber damals schon den potenziellen Mann der Stunde zum emotionalen Umstandskasten und ließ ihn in einer Szene, in der Amy vor Entsetzen erstarrt, die bebende Hand klischeehaft vorm Mund, in einem Sessel sitzt, weil ihr ein bedeutsamer Punkt bewusst wird, erst einmal brav seinen Sessel akkurat neben ihren rücken, bevor er des Entsetzens Grund eruierte. 
Hach, der Verwicklungen gab es so viele, dass ich gar nicht mehr weiß, nach wie vielen Tausend Schreibmaschinenseiten ich das Happy End herbeidramatisieren wollte. Vor allem habe ich auch keine Ahnung mehr, wie. Nun ja, wenigstens hatte ich eine umfangreiche Personenliste erstellt, um selber noch durchzublicken. Dass davon ganze 10 Charaktere gar nicht mehr zum Zuge kamen, weil mich vorher Kreativität, Luft und Lust verließen, stufe ich heute als glückliche Fügung ein, denn bei all dem Gelächter war nicht nur unser Mobiliar in akuter Verschmutzungsgefahr. 
Jedenfalls schob ich meine Jugendsündenkiste wieder ins angestammte Regal, denn irgendwann werde ich es brauchen, mein Mahnmal, das mir eine Ohrfeige verpasst, wenn ich mal wieder in die Verlegenheit komme, den Anfangssatz "Das Haus war selbst bei Tage furchteinflößend." tippen zu wollen, oder das mich ordentlich zum Lachen bringt, wenn ich es brauche.
Damit das Geschreibsel noch unterstrichen wird, präsentiere ich hiermit einen Scan des Originalmanuskripts, inkl. Originalillustration - vermixt zu einem Bild. Voilà: Uraltkram :-)

Kommentare:

Carmen hat gesagt…

Schmunzel ...

Rabenblut hat gesagt…

Ach Gott ja, liebe Sinje! Wie furchtbar es ist, den alten Kram zu lesen, weiß ich aus eigener Erfahrung. Ich bin schon froh, dass ich kein Tagebuch aufbewahrt habe - da würde ich mich nicht nur halbtot lachen, sondern vermutlich sterben vor Scham.
Neulich fand ich Fetzen einer hocherotischen Kurzgeschichte, die ich mit 13 geschrieben habe. Ich habe sie zerrissen und dann in der Schachtel meiner Blockflöte versteckt. Ist das zu fassen? :))
Die Collage aus Text in Bild gefällt mir übrigens sehr gut! Da wirkt die alte Schreibmaschinenschrift hält doch vile besser als Arial.

Liebe Grüße
Nikola

Sinje hat gesagt…

Liebe Nikola,
aha, bei der Blockflöte. Na, das ist ja ein interessantes Versteck :D
Auf gewisse Weise finde ich den alten Kram sogar inspirierend, und es ist auch gut, zu sehen, dass man sich tatsächlich weiterentwickelt hat. Ich habe absichtlich nicht alles gelesen, um noch etwas für späteres Amüsement zu bewahren.
Dass die Schreibmaschine nicht mehr existiert, wurmt mich, denn sie wäre nun ein schönes Fotoobjekt. Das war ein richtig olles Ding mit zweifarbigem Stofffarbband, und man musste wie irre in die Tasten hauen, um einen Erfolg zu sehen. Meine Mama hat sie verschenkt ... Blöd ...
Liebe Grüße und bon courage für die Schreibzeit!
Liebe Grüße
Sinje

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