Montag, 30. Januar 2012

Schinkennachlese

(Quelle: Amazon)
Ich erinnere kurz an die Aktion "31 Tage - 31 Filme", die vor nicht allzu langer Zeit ihren Abschluss fand. 
Die Frage von Tag 29 lautete: Welchen Film wolltest du schon immer sehen?
Aufgezählt habe ich eine ganze Wunschliste, unter anderem Jean Harlows letzten Film "Saratoga" aus dem Jahr 1937.
Zum ersten Mal gesehen habe ich Jean Harlow in den Pre-Code-Streifen "Red-Headed Woman" von 1932, in dem sie sich skrupellos in eine Ehe drängt und sich emporschläft. Von den über dreißig regulären Spielfilmen, in denen sie in ihrer kurzen Karriere mitgewirkt hat, habe ich bisher keine zehn gesehen. Unter anderem eben fehlten mir "Saratoga" und einige andere Harlow-Klassiker. 
Um nicht noch mehr Zeit verstreichen zu lassen, habe ich meine Rückenschmerzherumliegezeit über Weihnachten für einen Harlow-Marathon genutzt; mit dem Vorabfazit, dass ich jetzt erst einmal genug von MGM-Produktionen der 1930er habe, allerdings im nächsten Atemzug gleich beide Autobiografien von Anita Loos (aus deren Feder unter anderem auch "Blondinen bevorzugt" stammte) geordert habe. 

"Saratoga" ist eine weitere Zusammenarbeit zwischen Clark Gable und Jean Harlow. Mit von der Partie sind Frank Morgan ("Der Zauberer von Oz") und Lionel Barrymore, die man in jener Zeit schon fast als die üblichen Verdächtigen sehen kann, denn auch diese beiden standen nicht nur einmal mit Jean Harlow vor der Kamera. 

So stargeladen konnte mich der Streifen, in dem es sich vorrangig um die Leidenschaft der Pferdezucht und Pferderennen dreht, trotzdem nicht vom Hocker hauen. Das geht mir häufig so mit Dramödien, Komödien-Dramas, aber auch Screwball-Komödien aus dieser Zeit. 
Harlow spielt Carol, die Tochter des Pferdefarmers Frank Clayton. Der hat allerdings jede Menge Wettschulden, und bevor die Bank Großvater Clayton (Barrymore) die Stute unter dem Hintern wegpfändet, schreibt Frank seinem Freund, dem Buchmacher Duke Bradley (Gable), einen Schuldschein über die gesamte Farm. Wenn Tochter Carol, die derzeit in England weilt, ihre reiche Heirat besiegelt, soll schon alles wieder gut werden. Nun erleidet Clayton aber während eines Rennens einen Herzinfarkt und stirbt. Als Carol - noch unverheiratet - zurückkehrt, will sie Duke die Farm abkaufen. Da sie selbst aber keine Mittel hat und ihren Verlobten Hartley entgegen den Annahmen der anderen nicht ausnehmen will, muss sie sich etwas einfallen lassen. Sie ist sogar bereit, ihr eigenes Pferd zu verkaufen. Duke verhindert das jedoch geschickt. Schließlich wird Carols eigenes Pferd Moonray zum Rennpferd ausgebildet, und Carol und Duke touren von einem Rennen zum nächsten, gestehen sich aber nicht ein, dass sie mehr füreinander empfinden als eine reine Geschäftsbeziehung. Irgendwann hat dann der wohlhabende, etwas gutgläubige Hartley aber doch das Nachsehen. 
"Saratoga" ist zwar ziemlich turbulent, wie man von Jean-Harlow-Filmen gewöhnt ist, aber auch einigermaßen verworren und überraschend wenig komisch. Ich persönlich musste in gerade einmal einer Szene wirklich lachen. 
Insgesamt hege ich den Verdacht, dass entweder ich nicht empfänglich für den eventuell subtilen dramatisch-komödiantischen Stil von Anita Loos bin oder aber dass "Saratoga" Opfer eines gewissen Hypes ist, eben weil Jean Harlow plötzlich während der Dreharbeiten mit nur 26 Jahren verstarb. Da wird spekuliert, in welchen Szenen Jean Harlow ersetzt bzw. von einer anderen Sprecherin vertont wurde, aber alles in allem scheint mir "Saratoga" einfach ein typischer 30er-Jahre-Film zu sein, nicht mehr und nicht weniger, aber dann doch ein Klassiker, weil er Harlows letzter Film war. 
Weil mich dieser Film etwas enttäuscht hat, habe ich meinen Stapel ungesehener DVDs durchsucht, in der Hoffnung, diesen Eindruck mit einem anderen Harlow-Film wettzumachen. Herausgekommen ist allerdings ein Marathon. 
(Quelle: Amazon)

Los ging's mit DEM Harlow-Film schlechthin: "Bombshell", in dem sie den Hollywoodstar Lola Burns mimt, der einfach die Nase voll hat, dass alle immerzu nur etwas von ihr wollen, und vor allem davon, dass der Studiopublizist Hanlon macht, was er will, und sie damit in der Öffentlichkeit in ein Licht rückt, das ihr gar nicht behagt. Dabei ist er aber eigentlich in Lola verliebt und bekommt mächtig Muffensausen, als sie ihre Drohung wahrmacht und aus Hollywood verschwindet. Im Resort, in dem sie wieder auftanken will, begegnet sie Gifford Middleton (ein dauergrinsender Franchot Tone, der sichtlich Spaß an seiner Rolle hat), der offenbar noch nie etwas von Lola Burns gehört hat. Sie genießt seine übertriebenen romantischen Ausbrüche "I'd like to run barefoot through your hair"), hat aber keine Ahnung, dass sie von Hollywood glattweg in den nächsten Filmplot gerutscht ist. 

Eine wunderbar witzige Pre-Code-Komödie (1933) unter der Regie Victor Flemings; leider mit dem nervigen Störfaktor, dass sämtliche Dialoge nicht nur pistolenschnell, sondern auch sehr laut daherkommen und aufgrund der typischen Studiokulissen einen leichten Nachhall haben, sodass man froh ist, wenn die Spielzeit abgelaufen ist und man wieder von leiseren Tönen umgeben ist. 
(Quelle: Amazon)

Weiter ging es - nicht in chronologischer Folge, sondern mit wahllosen Griff in die DVD-Box - mit "Personal Property". Dieser Film, der selbst ein Remake von "The Man in Possession" von 1931 war, erschien 1937 nur drei Monate vor dem Tod Jean Harlows. 

Ein amüsantes Verwirrspiel, in dem Robert Taylor, damals wohl einer der attraktivsten Leading Men, die MGM zu bieten hatte, sich als Butler bei der Frau seiner Träume, der mittellosen Witwe Crystal, einschleicht und ihren Butler mimt, nur um dann festzustellen, dass sie bereits eine Zweckverlobung mit seinem Bruder eingegangen ist. Ansonsten aber ein Kind seiner Zeit, das heutzutage vermutlich nur den Fan hinterm Ofen hervorzulocken vermag und ebenfalls mit eher schrillem Ton und einer gezwungen wirkenden Ansiedlung der Handlung in England, während sämtliche Darsteller spürbar mit dem britischen Englisch hadern, nervt. 
(Quelle: Amazon)

Ebenfalls ein Kind seiner Zeit ist "Reckless" aus dem Jahre 1935, bei dem ebenfalls Victor Fleming Regie führte und wieder Franchot Tone sowie auch William Powell, mit dem Jean Harlow im echten Leben eine Beziehung unterhielt, mit von der Partie waren. Um den Inbegriff der blonden Sexbombe ein breiteres Darstellungsspektrum zu geben, verpflichtete man sie hier für ein Melodram mit einigen Gesangs- und Tanznummern, denen sie offenbar nicht gewachsen war. Während im auf der DVD enthaltenen Originaltrailer noch vollmundig mit "Harlow sings and dances" geworben wird, kann man heute nachlesen, dass sie eben nicht selbst sang und, außer in Close-ups, auch nicht tanzte. Trotzdem ist sie der Musical-Star Mona Leslie, die eines Tages ihren glühendsten Fan, Robert Harrison Jr., ehelicht, weil sie sich wirklich eine echte Liebesbeziehung erhofft, aber erleben muss, wie Robert am Widerstand seiner wohlhabenden Familie zerbricht. Als er sich letztendlich das Leben nimmt, macht die Presse sie zur Mörderin und sie muss sich vor Gericht verantworten. Kurze Zeit später bringt sie das gemeinsame Kind zur Welt und muss, um es behalten zu können, bei ihrem Schwiegervater die umfangreiche Erbschaft ausschlagen. Doch auf der Bühne will sie niemand mehr sehen. In der ganzen Stadt ist niemand bereit, sie für eine Produktion einzustellen. Ihr langjähriger Freund, Promoter Ned, springt ein und riskiert Kopf und Kragen für sie. 

Ein Plot, der in den 30ern steckenbleibt, gepaart mit Musik, die heute wohl kein Tanzbein mehr zum Schwingen bringt, und verträumten Weichzeichner-Close-ups von Harlows gemalten Strichaugenbrauen. Powell überzeugt als hilfsbereiter Ned, der, obwohl er seit Jahren in Mona verliebt ist, die Freundschaft nie vergisst. Franchot Tone hingegen bleibt als depressiver trinkender Harrison Jr. blass und wenig überzeugend. Harlow allerdings hat ihre Glanzminute tatsächlich am Ende des Films, als sie nach langem Kampf doch wieder auf der Bühne steht und sich vor dem skeptischen Publikum, das sie ausbuht, rechtfertigt. 

Mit "Suzy" unternahm das Studio 1936 einen weiteren dramatischen Ausflug und schickte Jean Harlow in die Wirrungen von Krieg und Spionage. 1914 ist Suzy als Showgirl in London, aber während die Truppe nach Paris weiterzieht, will sie bleiben und hofft auf den großen Wurf oder einen reichen Ehemann. Beides bleibt leider aus, und so tingelt sie monatelang von einem Theater zum nächsten, ohne auch nur eine winzige Rolle zu bekommen (denn den Weg über die Besetzungscouch will sie nicht gehen). Eines schönen Tages lernt sie Terry Moore kennen, den sie zunächst für wohlhabend hält, aber bald erfahren muss, dass er "nur" Ingenieur und Erfinder ist. Sie finden trotzdem zueinander und heiraten recht überstürzt. Kaum verheiratet, wird Terry jedoch von einer mysteriösen Frau niedergeschossen, und Suzy flieht aus Angst, man könne ihr den Mord anhängen, nach Frankreich, wo sie ihre alte Kommilitonin wiedertrifft und schließlich an ihrem neuen Arbeitsplatz, dem Kabarett, den angesehenen Bomberpiloten
André Charville kennenlernt. Nach rascher Heirat werden sie rasch durch den Ersten Weltkrieg getrennt. Suzy sitzt nun krank vor Sorgen um André bei dessen Vater und wartet auf die gesunde Heimkehr des Ehemanns. Dieser unterhält im Fronturlaub allerdings eine nette kleine Affäre mit Diane. Bald stellt sich heraus, dass nicht nur Ehemann Nr. 1 noch am Leben ist, sondern auch Diane keine Unbekannte ist, und wieder fallen Schüsse ...
Kriegsdrama, das Cary Grant als ehebrecherischen André zum Unsympath machen will, ihn dann aber doch als Held feiert. Franchot Tone hangelt sich, wie immer sympathisch lächelnd, durch seinen irischen Charakter, während Jean Harlow zunächst den Eindruck einer unentschlossenen, oberflächlichen Schnepfe macht und erst in der letzten halben Stunde zu dramatischer Form aufläuft und man durchaus Bedauern empfindet, dass sie das Alter der Charakterdarstellerin nicht mehr erreichen durfte.

Jetzt brauche ich definitiv eine Pause von den Studioproduktionen jener Zeit.
Zum einen nerven mich trotz allem Interesse für alte Filme sowohl Studioton als auch Studiokulissen. Wenn Franchot Tone zwischen künstlichen Kakteen vor gemaltem Horizont hoch zu Rosse sitzt und Jean Harlow umgarnt, muss ich heute schon fast lachen.
Zum anderen störe ich mich an der zwanghaften Ansiedlung der Geschichten in Europa - wie letztens auch mein Online-Cineast unabhängig bemerkte - wobei die Darsteller zwar den damaligen Spielkonventionen Genüge taten, aber nicht selten sichtlich mit den Akzenten hadern. Interessanterweise stammen Jean Harlows Rollen fast immer aus Amerika, sodass man sie wohl absichtlich nicht mit einem Dialogtrainer belästigte (Vermutungsalarm!).
Ein weiterer Nervfaktor ist die Kassengarantie-Paarung beliebter Darsteller.
Da die Schauspieler/Stars damals keine Freelancer, sondern Studioangestellte waren, sind vier oder fünf Filme pro Jahr keine Seltenheit. Es musste ja fürs Wochengehalt auch ordentlich gearbeitet werden, und wer nicht arbeitete, bekam auch kein Geld fürs Nichtstun. Dabei setzte man gern auf bewährte Teams, lieh Stars frisch-fröhlich gegen Unsummen aus und paarte immer jene, die für klingelnde Kinokassen sorgten. Ein Aspekt, den ich heute mittels DVD sorgfältig dosieren muss. Ich muss gestehen, dass selbst mich die sechste Romanze in Folge zwischen zwei bewährten Darstellern irritiert und den Filmgenuss ziemlich mindert.

Wenn ich demnächst in die Verlegenheit komme, meine Liste unter Tag 29 abzuarbeiten, werde ich Abstand davon nehmen, Film A noch mit Film B, C, D und, und, und zu ergänzen.
Memo an mich selbst: KEINE MARATHONS MEHR!

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