Dienstag, 31. Januar 2012

Auf Spurensuche

Seit bestimmt zwei Jahren rennt mir ein Geist von einer Geschichte hinterher, aber ich knalle ihm jedes Mal die Tür vor der Nase zu, weil ich nicht so recht weiß, was ich mit ihm anfangen soll.
Ab und an setze ich den Stift in meinem Notizbuch an, doch dann ... rums ... Tür wieder zu. Blöd nur, dass dieser unterernährte Hauch eines Plots wie der Kuss eines Stinktiers an mir haftet und jedes Mal einen Spalt in der Türdichtung findet. Dann schimpfe ich ihn an, er solle verschwinden, schließlich habe ich so gar keine Zeit, denn ich muss schon ein leckgeschlagenes Baby, das nicht so recht laufen lernen will, windeln und ein anderes in elefantischer Tragezeit reifen lassen ... Aber denkste, dieser nervige Mutz im Schaufenster klebt so fest an mir, dass ich justamente heute beschlossen habe, meinen Schreib- und Ablenksabbat und zudem auch die Lektüre von "Hyddenworld" zu unterbrechen und in Fachliches einzutauchen.
Schon letztes Jahr habe ich mir - und da stand mit Sicherheit Klein-Nervling Pate - im Heimaturlaub ein Stück Regionalgeschichte gekauft: Mühlen an der Auma, der Triebes, der Leuba und im Güldetal: Mit den Mühlen am Kesselbach, Finkenbach, Pöllnitzbach, Struthbach, Floßbach sowie dem Seebach
Ich muss sicher nicht ausufernd erläutern, dass es Klein-Nervling null interessiert, dass Regionales Schnappatmungspreise hat. Jedenfalls ist mir das Geld in dem liebevoll sortierten, tatsächlich noch nach Büchern duftenden Buchladen in Greiz freiwillig aus der Kasse gefallen, bevor ich dem Imker ein "Lass mich doch machen!" entgegengeschleudert und meine Errungenschaften zum Auto geschleift habe. 
Man mag mir ja eine gewisse Nostalgie und Sentimentalität nachsagen, aber nachdem ich inzwischen den größten Teil meines Lebens an anderen Orten als den Orten meiner Kindheit verbracht habe, wird mir bewusst, wie wenig ich eigentlich über das, was ich so lapidar Heimat nenne, weiß. 
Und so sitze ich denn hier und wandele eher auf den Spuren meiner Mutter denn auf meinen eigenen. 
Der Landstrich aus dem ich stamme, ist nämlich noch nicht immer eine große Wasserfläche, sondern war von einer Vielfalt von Mühlen entlang der zahlreichen Wasserläufe durchzogen. Meine Mutter erzählt häufig von Familienwanderungen an Wochenenden. Da wanderten meine Großmutter und mein Großvater - trotz Holzbeins - mit ihren vier Kindern los und picknickten an den Mühlen, die es heute nicht mehr gibt. 
Heute bedecken ganze drei Talsperren das Wandertal meiner Großeltern, sodass von dem Land, über das meine Mutter mit einer gehörigen Portion Nostalgie erzählt, kaum mehr etwas übrig ist. 
So schmökere ich nun in einem Buch, das mit so viel Liebe zusammengetragen wurde, dass es jeden teuren Cent wert ist, lasse die alten Mühlen an damals noch ihrem ursprünglichen Verlauf folgenden Gewässern auf mich wirken und öffne die Tür einen Spalt weit für die Fragmente einer Geschichte. 
Noch weiß ich nicht, ob diese Fragmente ein thüringisches Atlantis bilden oder einfach nur eine kleine Familiengeschichte erzählen wollen. Vielleicht wird aus den vielen hölzernen Mühlrädern auch nichts als gezähmtes Wasser, vielleicht plätschert es auf unbestimmte Zeit vor sich hin ... gleichgültig, wie viele oder wenige Wörter das Flußbett verlassen, die Spurensuche tut mir gerade sehr gut.

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