Montag, 31. Januar 2011

Januar

Ich habe es ja nicht so mit Lesestatistiken, aber da ich in den nächsten Wochen wohl etwas abstinent sein werde, will ich mir doch selbst rasch einen Überblick über einen für meine Verhältnisse recht guten Monat verschaffen. 

Nachdem ich zwischenzeitlich nach einer Aushilfsmuse suchen musste, hat es mit dem Schreiben dann doch noch geklappt. 
Ergebnis: 2,75 Kurzgeschichten. 
Es fehlte mir etwas der Atem, um Geschichte Nr. 3 fertig zu bekommen. Zu meinem Leidwesen ist es eine Vampirgeschichte, die mir schon länger im Kopf herumspukt, mich aber immer wieder zum Umschreiben und Neuüberdenken auffordert. Ich werde sie sicherlich weiterverfolgen, aber momentan muss ich den Bösewicht etwas sacken lassen. 


Gelesen habe ich:

Christine Feehan
"Dämmerung des Herzens"
Hat mir ganz gut gefallen, und ich komme zu einer durchschnittlichen Wertung von 3,5 Weißdornzweigen. Rezi hier und hier.  

Christine Feehan
"Zauber der Wellen"
Hat mich leider enttäuscht, Rezi folgt, wenn ich wieder mehr Zeit habe.

Lynn Viehl
"Darkyn 02: Im Bann der Träume"
Zur Rezi. Mir gefallen die Darkyn einfach.

Jennifer Benkau
"Phoenixfluch"

Das ist mein absolutes Buch des Monats Januar, und ich werde mich mit der Rezi sputen.


Nina Blazon
Faunblut

"Faunblut" haben wir in einer Leserunde in unserem Buchclub gelesen, und ich habe mich trotz wunderbarer Bilder und Sprache über weite Strecken leider schwer damit getan und kann mich mit dem Buch leider gar nicht anfreunden.

Auf den Ohren hatte ich: 

Nalini Singh
"Leopardenblut"

Allerdings in der ungekürzten Fassung von audible
Eine wunderbare Umsetzung eines großartigen Buches, das ich in Papierform schon einmal ausgeliehen hatte.
Der Sprecherin Elena Wilms ist es sehr gut gelungen, Spannung, Emotionen und Erotik ungekünstelt und abwechslungsreich zu vermitteln.

Mittendrin bin ich noch bei: 

Jackie Kessler
"Ein Sukkubus in Nöten"

Das Buch liegt schon seit dem Sommer auf meinem SuB. 


Sukkubus Jezebel ("Jesse") muss sich schleunigste aus der Hölle aus dem Staub machen. Weil sie aber als männerenergieraubender Dämon auf Erden für ihre höllischen Verfolger zu leicht zu finden ist, lässt sie sich von einer Hexe in einen Menschen verwandeln. Sie macht sich auf den Weg nach New York und versucht, ein menschliches Leben zu führen. Gleich bei der Anreise lernt sie Paul kennen, der ihre Sukkubus-Sinne anspricht und der bislang das Love Interest der Geschichte zu sein scheint. Aber nun muss Jesse erst einmal Geld verdienen und tanzt in einem Stripclub vor, wo sie vom Fleck weg engagiert wird. 

Bis jetzt haut mich der in Ich-Form geschriebene Roman allerdings nicht vom Hocker.  Noch habe ich das Gefühl, die Autorin weiß noch nicht genau, ob sie witzig sein will oder nicht. Es gibt einige Schmunzelszenen, z. B. hat Jesse mit menschlichem Essen nicht wirklich Erfahrung. Milch beispielsweise ist für sie eine Art Weihwasser, womit man sie in die Flucht schlagen kann, während sie beim Genuss eines Muffins einer berühmten Filmszene Konkurrenz macht. Trotz Menschengestalt kann sie ihre Sukkubus-Bedürfnisse nicht abstellen und ist, weil sie sie ja nicht rauslassen darf, gleichermaßen frustriert wie unter Strom, und das in einer Sprache, die man mitunter als derb bezeichnen kann.
Trotzdem will ich wissen, wie es weitergeht. 

Weil der Februar mit Anthologie-Arbeit ausgefüllt sein wird, wird die Lektüreliste wohl sehr mau aussehen. 

Sonntag, 30. Januar 2011

Samstagabend

Ich muss schon sagen, so langsam bekomme ich den Nebelblues. 
Einerseits ist das Wetter durchaus inspirierend, weil ich die Facetten des Nebels sehr wohl brauchen kann, andererseits aber schlägt mir die undurchdringliche Waschküche gewaltig aufs Gemüt.

Gestern Nachmittag aber lachte die Sonne. 
Leider war ich beim Hörbuchrelaxen nach Mittagessen und Abwasch genüsslich eingschlummert (obwohl das Schlafen eigentlich Sohnemanns Auftrag gewesen wäre), sodass ich eine gute Stunde zu spät mit Kamera und Stativ aus dem Haus gestürmt bin. 

Hier also meine lahme Samstagsausbeute ungefähr eine Sekunde, bevor die wunderschöne Sonne hinter dem Hügel verschwunden ist und drüben in Thüringen (genau hinter dem Hügel) wohl noch eine Weile weiter geschimmert hat.


Wie man sieht, hat sich der Schnee bei uns verabschiedet. Bei heute -13°C denke ich aber, dass wir mit dem Thema Winter noch nicht durch sind, auch wenn die nächsten Fotos eine andere Sprache sprechen. 

Derselbe Weg aus einer leicht anderen Perspektive. Auf einem dieser Wege stellte ich mir Anne mit dem Handwagen vor.


Auch wenn mir das Licht langsam nicht mehr hold war, musste ich einfach noch ein bisschen herumexperimentieren. 


Wenn ich das so sehe, wird mir, ehrlich gesagt, etwas mulmig. Ich erinnere mich, dass wir vor zwei Jahren noch einmal einen späten Wintereinbruch hatten, dem sämtliche Jungtriebe zum Opfer gefallen waren. Für die Imkerei ist das nicht erfreulich, denn die Bienen finden dann in der wichtigsten Zeit, in der sie mit ordentlichen Nachwuchs ins Jahr starten sollten, nichts zum Sammeln. Also bitte, liebe Knospen, macht schön langsam ...


Ein kleines Tänzchen im Abendlicht, als der Nebel langsam wieder aufzog. Dann habe ich schnell die Flucht ergriffen. Die Kälte zauberte nämlich schon kleine Kristalle auf Fototasche und Kamera, und Nebel ist mir sowieso suspekt, denn ich weiß nie, ob mir da nicht einer meiner Vampire auf den Fersen ist. 

Ein kleines Herbstüberbleibsel zog mich dann aber doch noch in seinen Bann. Da hing es so einsam am kahlen Busch und schrie förmlich danach, dass ich es fotografiere.

Donnerstag, 27. Januar 2011

... von abgründigen Schwänen

Nachdem ich mich gegen den cineastenunfreundlichen öffentlichen Verkehr durchsetzen konnte, habe ich es nach Jahren wieder einmal ins Kino geschafft. Ziel war ein Kinderfilm, danach aber verkaufte ich Mann und Kind für einen schwarzen Schwan. 

Normalerweise eile ich (selbst wenn es die Verkehrslogistik mir Nichtbesitzerin eines Pkws zuließe) nicht in Filme, die aktuell in aller Munde sind. 

Aber bei "Black Swan" konnte ich schlichtweg nicht widerstehen. 

Ich liebe Schwanensee (ja, meine Protagonistin Anne lässt grüßen), schon seit ich als Kind die animierte Interpretation des Märchens gesehen habe. Sollte übrigens jemand wissen, wie der Trickfilm, der in den Achtzigern im - in meinem Falle - ostdeutschen Fernsehen ausgestrahlt wurde, heißt und ob er auf gewöhnlichem Wege zu bekommen ist, bin ich für Hinweise sehr dankbar. 
Seit den Aufführungen, die ich im Petersburger Mariinsky-Theater und im Moskauer Kreml-Palast gesehen habe, in denen Odette und Odile übrigens nicht von derselben Tänzerin interpretiert wurden, bin ich regelrecht schwanenseesüchtig. Ja, ich belästige meine Mitmenschen mit Inbeschlagnahme des Fernsehers, wenn Ballettaufführungen ausgestrahlt werden. 
Wahrscheinlich bin ich tief in mir eine potenzielle Ballettmutter und daher sehr froh, dass ich einen liebenswerten Sohn mit Babyspeck und vollkommenem Ballettdesinteresse habe. 

So stand es also gar nicht zur Debatte, dass ich "Black Swan" nicht ansehe. 

Nachdem ich schon seit Tagen mit meinem Online-Cineasten den Film zerpflücke, und das tue ich nur dann, wenn mich eine Umsetzung wirklich beschäftigt, schneite mir gestern die aktuelle Ausgabe der Nautilus - Abenteuer & Phantastik ins Haus, in der es ein Interview mit Regisseur Darren Aronofsky zu lesen gibt. 

Also kommt heute und an dieser Stelle doch auch mein Senf zu einer der diesjährigen Oscar-Hoffnungen.
 
In meinen Augen ist "Black Swan" kein Ballettfilm, will es auch nicht sein, sondern schreibt sich Psychothriller auf die Fahnen. 
Wenngleich ich den Thrill-Faktor persönlich vergeblich gesucht habe (kein Zusammenschrecken, kein Verstecken hinter dem Vordermann, kein Nägelbeißen angesichts nervenaufreibender Kamerafahrten in düsteren Gefilden ...), ist er doch eine Psycho-Studie, die sich nicht nur geschickt des Balletts, sondern auch - zwangsläufig - des Schwanenseethemas bedient, um psychologische Abgründe zu beleuchten.

Ich sehe die von Natalie Portman einzigartig dargestellte Tänzerin Nina Sayers als typisches Opfer einer "Stage Mom". 
In ihrem Falle war die Mutter selbst Tänzerin, hat es aber nie aus dem Corps de ballet herausgeschafft, denn sie wurde mit 28 schwanger (Nina ist also ein Unfall) und musste ihre Karriere aufgeben. 
So steckt sie also all ihre Energie in die Tochter, die als Erwachsene immer noch zu Hause wohnt und von der Mutter überfürsorglich gepampert, gleichermaßen aber auch unter Druck gesetzt wird.    
Und bereits dort, und nicht etwa erst in der nervenaufreibenden, schweißtreibenden Vorbereitung auf die große Rolle, liegt der Hund begraben, der im weiteren Verlauf des Films dazu führt, dass weder Nina noch der Zuschauer noch in der Lage ist, Realität und Wahnsinn zu unterscheiden. 
Auffällig ist, dass Natalie Portman im Film wenig Text hat. Ihre Darstellung lebt von Körperlichkeit und unterstreicht die seelische Unterdrückung ihres Charakters. Häufig folgt ihr die Handkamera oder beobachtet sie ohne musikalische Untermalung, wodurch sich rasch Beklemmung breitmacht. 
Ninas Stimme, und ich nehme hier Bezug auf die englische Originalversion, die ich erfreulicherweise nachträglich noch sehen durfte, ähnelt der eines kleinen Mädchens, wenn sie morgens der Mutter von ihrem Märchentraum erzählt und sich unangemessen euphorisch über die pinke Grapefruit freut, die sie zum Frühstück serviert bekommt. 
Perfektion strebt sie an, und es wird rasch klar, dass sie sich seit vier Jahren in der Company buchstäblich den Arsch abtanzt, sich aber mit netten, kleinen Rollen begnügen muss.
Und genau dieser Perfektionismus stellt ihr ein Bein, wie ihr auch Ballettdirektor Thomas Leroy (dargestellt von einem wunderbaren Vincent Cassel) unmissverständlich zu verstehen gibt: "I don't care about your technique ..." 
Obwohl Nina von Kindesbeinen auf Schwanensee getrimmt ist (eine Spieluhr in ihrem  rosa Mädchenzimmer lullt sie allabendlich mit den bekannten Melodien Tschaikowskis in den Schlaf), ist sie zu schüchtern (und innerhalb der Company vermutlich auch rückhaltlos alleingelassen), um mit fester Stimme ihre Chance einzufordern. Ein kläglicher Versuch endet in einer höchst unangemessenen Annäherung Leroys, die Perfektionistin Nina aber einmal so aus der Reserve lockt, dass sie tatsächlich die Rolle bekommt. 
Für Nina beginnt eine Gratwanderung, der sie emotional und psychisch nicht gewachsen ist. 
Auf der einen Seite ist da ihre Mutter, die sie als erste informiert, dass sie wirklich und wahrhaftig ausgewählt wurde. Verstohlen zieht Nina sich dafür mit dem Handy zur Toilette zurück, um ihrer Mutter mit piepsiger Kinderstimme mitzuteilen: "He picked me, Mommy!" Die Schwanenprinzessin, die stolzen Hauptes über diesen Etappensieg nach Hause fahren sollte, kauert sich innerlich zusammen, weil es in der Company niemanden zu geben scheint, der sich wirklich, ohne Neid und freundschaftlich mit ihr freuen kann. 
Am allerwenigstens freut sich die Ex-Primaballerina Beth (Winona Ryder, die hier zeigen kann, dass Hollywood sie nicht abschreiben sollte). Diese steht am Ende ihrer Karriere und wird die Company verlassen. Nina sieht, dass es für Beth offenbar kein Danach gibt. Beth verkörpert Ninas Ängste vor dem Abtreten, ohne auch nur einmal eine große Rolle getanzt zu haben. Obwohl die Primaballerina sich Nina gegenüber abfällig und gemein verhält, sie für frigide hält und ihr ein Verhältnis mit dem Ballettdirektor unterstellt, wird sie von ihrem drastischen Schicksal angezogen wie ein Gaffer am Tatort. 
Und da ist auf der anderen Seite Ballettdirektor Thomas Leroy, der sich die Rothbart-Rolle mit Ninas Mutter teilen darf und dessen Verhalten absolut unangemessen ist. In seinem eigenen Streben nach einer perfekten, emotionsgeladenen Aufführung will er Nina aus der Reserve locken. So fordert er sie nicht nur schlicht auf, aus sich herauszugehen, sondern fragt sie auch unverblümt, ob sie noch Jungfrau sei, und verlangt von ihr, zu masturbieren. Später legt er sogar selbst Hand an, nur, um Nina hungrig nach mehr im Ballettsaal stehen zu lassen. 
Lily, der Freigeist, der es mit der Strenge des Tänzerinnendaseins nicht so hat (rauchen, Cheeseburger essen, ausgehen, trinken, Drogen ...), aber aufgrund ihrer natürlichen Interpretation zu Ninas Zweitbesetzung bestellt wird, ist letzten Endes nur der berühmte Tropfen auf dem heißen Stein im Leben der nervös-anorektischen Nina. Und irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass Lily in der Schwanenseegeschichte einerseits der Prinz ist, der Nina zu retten versucht, andererseits aber auch der schwarze Schwan, der die Prinzessin in Rothbarts Auftrag betrügt. Aber das ist nur eine vage Vermutung ...

Aronofskys Film ist eine Geschichte voller Extreme, die sich sowohl in Charakteren als auch Handlung wiederfinden. 
Allein Ninas Mutter ist dermaßen ambivalent, dass sie schon  beinahe irreal ist. Sie hütet ihre Tochter, die als Erwachsene in Körper und Seele eines Kindes steckt, wie ihren Augapfel, kümmert sich um ihre geschundenen Füße, schneidet ihr die Nägel, weil das Kind in extremem nervösem Verhalten dazu neigt, sich die Haut vom Körper zu kratzen. Einerseits will sie, dass Nina etwas erreicht, achtet auf ihre Ernährung, setzt sie psychisch unter Druck, in dem sie ihr ständig vor Augen führt, dass sie nicht möchte, dass Nina ihr "Schicksal" erleiden muss. Andererseits nimmt sie im selben Atemzug den Druck mit einem "Ich wusste, dass es zu viel für dich werden würde" zurück. Sie malt und zeichnet Bilder von ihrer Tochter, pampert sie mit einem rosa Zimmer und Bergen von Kuscheltieren, sodass man sich fragt, wie alt Nina denn eigentlich ist. Und während sie an einem Tag noch Pink Grapefruit zum Frühstück serviert, wartet sie am Tag der frohen Botschaft, dass Nina die Rolle erhalten hat, mit einer fetten, rosa Torte auf, die die Tänzerin, deren Magen an streng dosierte Nahrung gewöhnt ist, überhaupt nicht essen kann. 
Dass Nina bei diesem Hin und Her überhaupt nicht mehr weiß, was sie wollen sollte oder tatsächlich will, und - laienhaft diagnostiziert - schizophrene Züge an den Tag legt, ist nicht verwunderlich. 
Sie will die Mutter nicht enttäuschen, aber sie will auch Leroy zeigen, dass sie so sein kann, wie er es will. 
Das Ausbrechen unterdrückter Sexualität generell, und zwar nicht etwa von lesbischen Neigungen, wie der Trailer glauben machen will, denn Nina sind Sinnlichkeit und Sexualität offenbar grundsätzlich fremd, ist eine logische Konsequenz, um die das als prüde verschriene Amerika wieder mehr Wind macht als notwendig.
Die Eskalation, in der "my sweet girl", wie Nina von ihrer Mutter genannt wird, tatsächlich zum schwarzen Schwan, der das Sich-Gehenlassen und Sich-Übergrenzenhinwegsetzen repräsentiert, verwandelt, ist vorprogrammiert. 
So drastisch, wie der Film sich in einem rasanten Dauerlauf nach den ersten eher verhaltenen 20 Minuten zeigt, so schockierend muss er enden. 

"Black Swan" erzählt, zugegeben auch mit einigen Klischees, dass Kunst harte Arbeit ist und Perfektion wohl nur unter Inkaufnahme von Verlusten verschiedener Art zu erreichen ist. 
Und er zeigt auch, dass Spiegel nicht lügen. Der Ballettspiegel ist Freund und Feind zugleich, denn er wird nicht blind gegenüber Fehlern und zeigt die unbeschönte Wahrheit. 
Deshalb sollte man den Spiegeln im Film eben nicht nicht vertrauen, sondern genau hineinschauen, denn sie zeigen ein Spiegelbild des Inneren.

Ein Film, der in meinen Augen der allgemeinen Oscar-Euphorie nicht ganz gerecht werden kann, aber Natalie Portman zu - Vorsicht! - Perfektion auflaufen lässt und sich erfreulich vom Einheitsbrei abhebt.

... über "Darkyn 2: Im Bann der Träume" von Lynn Viehl

Lynn Viehl 
"Darkyn 2: Im Bann der Träume"

(Originaltitel: Private Demon: A Novel of the Darkyn, Übersetzung: Katharina Kramp) 

Serienepisode mit vampirischen Verwicklungen und einer Liebesgeschichte ohne verklärte Romantik



Zum Inhalt:
Darkyn 2: Im Bann der Träume bildet die Fortsetzung von Versuchung des Zwielichts und schließt sich nahtlos an die dortigen Ereignisse an. 
Es ist deshalb unbedingt zu empfehlen, Lynn Viehls Darkyn-Serie in der richtigen Reihenfolge und die Teile nicht voneinander gelöst zu lesen. 
Wer den Reihenauftakt gelesen hat, wird sich erinnern, dass es auf den letzten Seiten eine Auseinandersetzung gegeben hat, in deren Verlauf die Protagonistin Alexandra verletzt wurde. Von Thierry, der durch seine Ehefrau betrogen und gefoltert wurde. Traumatisiert von den Ereignissen flieht er, aber auch besessen von dem Drang, den Anschlag auf Alexandras Patientin Luisa aufzuklären. 
Michael Cyprien hat er natürlich auf den Fersen, denn ungestraft verletzt man die Gefährtin des Lehnsherren nicht. 
So gelangt Thierry nach Chicago, wo er auf Jema Shaw trifft, die ihn auf seltsame Weise fasziniert.
Die junge Frau, anerkannte Expertin für Antikes, arbeitet im Museum ihres verstorbenen Vaters und nebenbei als Beraterin der Polizei. 
Auf den ersten Blick lebt Jema ein überbehütetes Leben. 
Ihre Mutter wurde bei einem Unfall bei Ausgrabungen schwer verletzt und sitzt im Rollstuhl. Da Jema mit juvenilem Diabetes diagnostiziert wurde, haben Mutter und Tochter sozusagen einen Leibarzt, der sich um beide kümmert. Aufgrund des schweren Ausmaßes von Jemas Erkrankung steht sie trotz ihres bevorstehenden 30. Geburtstages arg unter der Fuchtel der Mutter, die angeblich nur um ihr Wohlbefinden besorgt ist. Ihre Tätigkeit bei der Polizei ist für sie eine Art Ausbruch aus dem goldenen Käfig, denn sie tut dies ohne Wissen der Mutter. 
Bei eben dieser Tätigkeit fällt sie Thierry auf, der sie wider besseren Wissens und Vernunft nicht nur verfolgt, sondern auch bei der ersten Begegnung Blut von ihr nimmt. Danach sucht er nach ihr und kommt Nacht für Nacht zu ihr, um sich in ihren Träumen mit ihr zu treffen. Diese gemeinsamen Träume sind intensiv, aber auch verstörend. Jema beginnt, sich ihrem "gelbäugigen Dämon" (und hier macht der Originaltitel mehr Sinn als der deutsche) anzuvertrauen. Sie öffnet sich ihm und offenbart ihre Ängste vor dem Tod, aber auch von dem Bedürfnis nach Erlebnissen, die ihr verwehrt sind. Magisch angezogen, offenbart sich auch Thierry, nähert sich ihr nicht nur sinnlich, sondern zieht sie auch in blutige Ereignisse seiner Vergangenheit, bis sie erfährt, dass er ein Vampir ist. Zu diesem Zeitpunkt liebt sie ihn jedoch bereits und erwartet ihn schließlich außerhalb ihrer Träume. 
Während die beiden Hauptfiguren dieses Bandes einander näher kommen, sind die Protagonisten des Reihenauftaktes nicht untätig. Alexandra forscht unermüdlich, um der vampirischen Mutation auf den Grund zu kommen, herauszufinden, warum ihre Verwandlung anders verläuft und warum sie überlebt hat. Auch die bekannten Feinde sind präsent, und Cyprien und Alexandra entkommen nur dank ihrer Darkyn-Gabe einem erneuten Anschlag. Auch sie führt es wieder nach Chicago, wo sie zuvor Luisa zurückgelassen hat.
Dort wird klar, dass im Darkyn-Universum alle Personen miteinander verknüpft sind: Luisa, das Anschlagsopfer, hatte im Shaw-Museum gearbeitet, und bei einem Krankenbesuch treffen Alexandra und Jema aufeinander. Die Ärztin wird misstrauisch in Bezug auf Jemas Krankheit und macht eine wirklich überraschende Entdeckung. 
Selbstverständlich darf auch Alexandras Bruder John nicht fehlen, der nun kein Priester mehr ist, nimmt einen Job in einem Heim für obdachlose Jugendliche an, in dem er allerdings eher wie das fünfte Rad am Wagen wirkt. In Sicherheit aber wird auch John nie wieder sein.
Und nicht zuletzt begegnen wir Suzerän Valentin Jaus, der Nachbar der Shaws ist und deshalb Jema von Kindesbeinen kennt. Doch er  ist viel mehr als nur ein Nachbar, sondern hegt zudem eine unausgesprochene, tiefe Zuneigung für die Frau, die außer ihrer herrschsüchtigen Mutter keinen Menschen zu haben scheint. Anlässlich ihres Geburtstages lädt er sie zu einem Maskenball auf seinem Anwesen ein, bei dem alle Charaktere aufeinander treffen ...

Meine Meinung:

Zunächst muss ich leider feststellen, dass Lynn Viehls Darkyn-Reihe zu jenen Büchern zählt, die in ihrer deutschen Aufmachung sowohl aufgrund des Covers als auch des Klappentextes reichlich irreführend sind. 
Während die Umschlaggestaltung durch Mohn und Nacht auf Schlaf und Träume erfolgreich auf den Traumplot Bezug nimmt, ist sie doch deutlich zu romantisch und "verträumt". 
Denn "Im Bann der Träume" ist alles andere als verträumt und auch nicht romantisch im Sinne von Herzklopfen und Herzschmerz, was sich die geübte Romanzenleserin erhoffen würde. 
Auch ist der "Bann" im Titel eher unglücklich, denn Jema steht weniger unter einem Bann als unter Einfluss ihrer Medikamente. Dabei profitiert sie allerdings von Thierrys Darkyn-Fähigkeit, in die Träume der Menschen zu wandern. 
Jema, die, wie bereits erwähnt, anfänglich wie eine junge Temperance Brennan wirkt, arbeitet zwar heimlich für die Polizei, wer sich nun aber einen kriminalistischen Handlungsstrang erhofft, wird enttäuscht. Diese Eigenschaft wird zwar im Klappentext herausgestellt, ist aber im weiteren Verlauf der Geschichte vollkommen nebensächlich. 
Die dort ebenfalls angekündigte Sinnlichkeit vermisse ich. 
Daneben wird die Leserin auf der Rückseite des Buches in roten Lettern mit "rasante Action", "knisternde Erotik" und "atemberaubender Spannung" gelockt. 
Werbung ist wirklich etwas Schönes, vor allem gaukelt sie schön etwas vor. 
Wie zuvor im Reihenauftakt "Versuchung des Zwielichts" gibt es bei Lynn Viehl zwar Erotik, aber da knistert nichts. So schafft es die Autorin, erotische Begegnungen zum Teil auf nur eine Seite einzudampfen, und lässt die Charaktere mit Vorliebe über einander herfallen, und das weder innovativ noch sprachlich sonderlich ausgefeilt.
Ist die Leserin auf der Suche nach romantischen Intimitäten, die das Herz höher schlagen lassen, sollte sie meiner Meinung nach die Finger von den Darkyn lassen, denn Romantikherzen werden enttäuscht. 
Einen Pluspunkt der Liebesgeschichte im großen Darkyn-Ganzen stellt in diesem Fortsetzungsband die Entstehung der Beziehung zwischen Thierry und Jema dar. 
Im Gegensatz zu "Versuchung des Zwielichts" bietet "Im Bann der Träume" keine ad-hoc-Liebe, bei der die Leserin das Gefühl haben muss, sie habe etwas verpasst. 
Das Zauberwort heißt hier Annäherung. Sie geschieht zwar vage und auf nicht unbedingt anheimelnde Art und Weise, aber die Beziehung schleicht sich heran und wird nicht in einer sexuellen Begegnung geboren.    

Die Romanze ist es nicht, die mich an die Darkyn-Reihe fesselt. 
Sie bietet schlichtweg keine Charaktere, denen man hinterherschmachten möchte oder die man um die große Liebe beneidet. 

Es ist zu einem kleinen Teil die geringe Scheu der Autorin vor der Erschaffung ungefälliger Geschichten, mit Szenen, die durchaus an Ekelgrenzen kratzen, gefallenen Priestern, schwangeren Jugendlichen, Abtreibung, Mord ... Elemente, die man mag oder nicht, die aber auch keinem allgemeinen Trend folgen wollen.

Zum großen Teil aber ist es die Komplexität der Serie, die sie für mich spannend macht, während sie anderen wirr und unausgegoren erscheinen mag.
Wir haben es mit einem Gesamtgebilde zu tun, in dem ein Buch nicht ohne das andere funktioniert. Erklärungen wie in anderen Reihen, die immer wieder, in jedem einzelnen Installment, zum Urschleim von Band 1 zurückkehren, muss man bei Lynn Viehl suchen. Alles ist miteinander verknüpft, und man kann keinem Charakter wirklich trauen, so blass er auch noch wirken mag. Denkt man, dass Charaktere eines Bandes, wie man es üblicherweise gewöhnt ist, im nächsten Statisten sind oder gar überhaupt nicht mehr auftauchen, so ist dies bei den Darkyn nicht der Fall. 
Mehrere Handlungsstränge wirken ebenbürtig, auch wenn der eine oder andere scheinbar in der Luft hängen bleibt. 
So sind Alexandra und Cyprien aus Band 1 nicht zu Statisten geworden, denn die Ärztin, das deutete sich im Auftakt schon an, hat innerhalb der Darkyn eine wichtige Aufgabe inne, die es unmöglich macht, sie auf eine Nebenfigur zu reduzieren. Michael Cyprien wirkt weiterhin äußerst zwielichtig, und ich erwarte durchaus eine Eskalation. 
Momentan bin ich in der Erwartungshaltung, dass wir von jedem bislang zur Sprache gebrachten Charakter künftig noch mehr lesen werden. 


Fazit: 
"Im Bann der Träume" ist ein typischer Fortsetzungsband, der anknüpft, aber keinen Abschluss bildet, innerhalb einer Serie, die sich in kein konkretes Fantasy-Subgenre pressen lässt. 
Wer Vampire mag, momentan generell aber schmachtromanzenmüde ist, wird in Lynn Viehls Darkyn-Reihe eine gelungene Abwechslung finden, sofern er bereit ist, sich auf eine Serie einzulassen, die keine echten Stand-Alone-Geschichten bietet, sondern, so deutet sich an, nur als Ganzes funktioniert. 

Trotz sprachlicher Abstriche und unterkühlter Erzählweise konnte "Im Bann der Träume" bei mir punkten und hinterließ einen Gesamteindruck von

4 von 5 Weißdornzweigen 






Weiter geht es im Februar mit Darkyn 3: Dunkle Erinnerung und im August mit Darkyn 4: Blindes Verlangen.

Mittwoch, 26. Januar 2011

Es war einmal eine Leserunde ...

... denn sie ist bereits seit einer Woche vorbei. 

Pünktlich zum Jahresbeginn war im Forum von Bellas Wonderworld eine Leserunde gestartet, die ich, wie bereits erwähnt, begleitet habe. 
Ich bin der Forumsbetreiberin Steffi sehr dankbar, dass sie mir diese Möglichkeit geboten hat. 

Für mich war es eine neue Erfahrung, quasi mit Lesern gemeinsam mein Buch zu lesen. 
Da ich seit vergangenen Februar keinen Blick mehr auf meinen Roman geworfen habe (Abnabelung ...), musste ich tatsächlich mitlesen, um sozusagen auf dem aktuellen Stand zu sein. Schließlich habe ich nicht jedes Wort und jeden Satz mehr im Kopf, und manchmal gehen mir auch Dinge verloren, denn gedanklich bin ich mittlerweile in ganz anderen Geschichten (Abnabelung ...).

Als - vielerorts von vornherein verteufelte, pauschal niedergeknüppelte - BoD-Autorin, die während des Schreib- und Korrekturprozesses zwar auf sehr patente und hilfreiche Testleserinnen, nicht aber auf den Rotstift eines Lektors und später auch nicht auf begründete Absagen zurückgreifen konnte, hatte ich somit eine gute Gelegenheit, mich mit Lesern auseinanderzusetzen. 
Aus verschiedensten Gründen gibt es von mir nichts (mehr) online zu lesen, sodass ich mich eher als ein Bastler im stillen Kämmerlein sehe.  Ich vergleiche das mit dem Übersetzen, denn Übersetzungen stelle ich auch nicht im Prozess zur Diskussion. Nun gut, der Vergleich hinkt ...
Deshalb war es interessant, zu sehen, wie unterschiedlich das Buch und seine Charaktere aufgenommen werden. 
Die Leserunde war für mich ebenso ergiebig wie fundierte Rezensionen (wenngleich ich nie gezielt danach suche, weil ich keine Zeit dafür habe und auch gänzlich uneitel bin). 
Uns Selbstveröffentlichern ist nämlich mit bloßer Bepunktung im Grunde nicht gedient, da sie uns nicht aufzeigt, was wir beim nächsten Mal (oder in einer neuen Auflage) ändern und besser machen können. 

Da wir uns oft erklären müssen, kam ich also auch zu diesem Anlass nicht umhin, die Formatentscheidung zu erklären. 
Eigentlich ist es schade, dass wir als Nutzer der  bezahlbaren Verlagsdienstleistungen von BoD immer wieder deren Preisgestaltung rechtfertigen müssen. 
Also tue ich das an dieser Stelle noch einmal: 
"Blutsuche" ist schlichtweg zu umfangreich für eine BoD-Publikation. Die Ausgabe im Standardtaschenbuchformat würde mehr als 25 € kosten und wäre damit sicher unverkäuflich, und das selbst dann noch, wenn ich Annes (und meiner) Detailverliebtheit den Garaus mache.  
Weil sich aber "Annes Reise" nicht in zwei Bände aufteilen lässt, habe ich das breite Format  gewählt, mit schmalen Seitenrändern, wodurch die Schrift (Garamond 10 und damit identisch mit der Schrift wie derzeit beispielsweise in Jennifer Benkaus "Phoenixfluch") wesentlich kleiner wirkt, als sie eigentlich ist.
Ein typischer Fehler, für den ich mich, denn ich bin nun mal Ein-Frau-Betrieb und Do-it-yourself-Buchsetzer, zu Recht entschuldigen muss. 

Genug gejammert, schließlich gibt es nichts zu jammern. 

Es hat mir nämlich sehr gefallen, mich mit den Lesern auszutauschen und zu erzählen, wann und wo sich welche Inspiration eingeschlichen hat. 
Und gefallen hätte mir die Runde auch, selbst wenn das Buch nicht angekommen wäre. Ich bin erwachsen und kann mit Kritik umgehen (Reklamationsmanagement ist mir ganz und gar nicht fremd). 

Wie erwartet hat Anne die Leserinnen gespalten, sie wurde als "eigen" und "seltsam" empfunden, aber ich stelle fest, dass sich die eine oder andere doch mit ihr identifizieren kann. 
Froh war ich, dass vor allem auch John mit einem kritischen Auge betrachtet wird. 
Ich bin zwar verliebt in ihn, aber nicht blind, deshalb höre ich es durchaus gerne, wenn man ihm nicht sofort zu Füßen fällt.

Interessant fand ich übrigens die Frage, ob Freunde oder Bekannte für bestimmte Charaktere als Vorlage dienten. 
So ganz einfach ist das natürlich nicht, denn selbst wenn man sich von dem einen oder anderen Wesenszug inspirieren lässt, möchte man ja vermeiden, dass man schlimmstenfalls verklagt wird, weil man existierende Personen wiedererkennt.
Da ich mich hier im Blog aber noch nicht zu den Charakterinspirationen geäußert habe, will ich einfach mal herüberkopieren, was ich geantwortet habe: 

Anne habe ich meinen Beruf aufgedrückt, das habe ich bereits erwähnt. 
Einmal wollte ich sie etwas Realistisches tun lassen, und da kann ich einfach am besten über meinen eigenen Beruf schreiben, zumal er sich eben ausgezeichnet für introvertierte Menschen eignet und prima an jedem Ort der Welt einfach von zu Hause aus ausgeübt werden kann, ohne dass man ständig persönlich Fremden gegenüber sitzt. (Letzteres finde ich selbst schade, denn ich habe immer gerne kundenkontaktintensive Tätigkeiten ausgeübt.)

Eunice wurde, wie gesagt, von meiner Freundin Kelly inspiriert, sieht ihr aber überhaupt nicht ähnlich und ist abgesehen von der Gastfreundschaft und Verbundenheit privat und beruflich ein vollkommen anderer Mensch.

John (wer weiß, ob er wirklich so heißt) ist zu 99% Fiktion.
Neben der Vorstellung, dass dort in den Hügeln ein Vampir unerkannt leben könnte, hatte ich seit Jahren eine Geschichte über eine Urlaubsromanze im Kopf. Obwohl ich die anderweitig noch verfolgen werde, habe ich das in Annes Geschichte einfach einfließen lassen müssen.
Allerdings hat John den Beruf meines Großvaters, den ich sehr für seine Kunstfertigkeit bewundert habe: Bildhauer (mein Opa war Holzbildhauer).
Auch wenn John nach Honig schmeckt, ist er jedenfalls nicht mein Mann. *Hüstel*

Ich glaube, dass man durchaus von Freunden, Bekannten und Verwandten beeinflusst wird. Manchmal sagt jemand etwas, und das setzt sich so im Gedächtnis fest, dass man es später in einer Geschichte verarbeitet.
Eine Freundin, die ich übrigens auch noch nie von Angesicht zu Angesicht getroffen habe, sondern nur von Telefon und Mails kenne, sagte mir, dass sie mich an einer Stelle raushören konnte. Ich sollte noch einmal nachfragen, um welchen blumensteinschen Satz es sich wohl da gehandelt hat :-)
Beispielsweise hat Helma ein paar Züge von meiner Großmutter, die ich sehr vermisse. Auch sie sehe ich mit einem Zopfkranz auf dem Kopf, allerdings konnte meine Oma weder zaubern noch hellsehen und hatte wunderbar glänzendes, ganz weißes Haar.
Der Name Helma kam übrigens von selbst, erst später fand ich heraus, dass er "die Beschützende" bedeutet.

George ist bei einem Besuch der im Roman thematistierten Höhle entstanden, er ist eine Art Wunschdenken, der Traum von dem einen, dem es gelungen sein könnte, zu fliehen. Leider sah die Realität weniger magisch aus.

Tom hat sich auch von selbst eingeladen, dieser Frechdachs. Wahrscheinlich geht er auf eine der WG-Partys im Studentenwohnheim zurück, aber ich könnte bewusst keine bestimmte Person mit ihm verbinden.

Nun aber genug erzählt. 
Die letzte Frage lautete nämlich: "Wann kommt Band 2?"

Wohl nie, wenn ich die zeitraubenden Online-Aktivitäten nicht reduziere ...

Mittwoch, 19. Januar 2011

Kleine Leseprobe aus "Avatare, Roboter & andere Stellvertreter"

 Nach der Leseprobe aus meiner in "LeseBlüten Prosa 2010" erschienenen Kurzgeschichte "Sternenkind" gibt es heute einen kleinen Auszug aus meiner Kurzgeschichte "Fruchtmond", die in Susanne O'Connells Anthologie "Avatare, Roboter und andere Stellvertreter" aufgenommen wurde. 

Im wöchentlichen Wechsel gibt es auf Susannes HP derzeit noch Leseproben aus allen Geschichten dieser vielfältigen, für den Vincent Preis nominierten Sammlung. 

In meiner Kurzgeschichte "Fruchtmond" geht es eigentlich um zwei "Stellvertreter", einer davon ist der Mond.

„Nein, lass sie offen!“
Marama verharrte mit ausgestreckten Armen, als die Aufforderung mit seinem sinnlichen Atem ihre Schulter streifte. Langsam legte sie dennoch die Hände auf das spröde Holz der Fensterläden und strich darüber, bis sie den Griff fand, an dem sie nur ziehen musste, um den runden Mond, der klar und blendend über dem Berg strahlte, auszusperren.
„Aber heute ist Vollmond. Ich werde kein Auge zutun, wenn er weiter hereinschaut“, erwiderte sie, ließ sich jedoch von ihrem Vorhaben ablenken, als sie spürte, dass er langsam die winzigen Ösenknöpfe entlang ihrer Wirbelsäule öffnete.
„Heute sollst du nicht schlafen“, flüsterte er und knabberte sich über die zarte Haut ihres Halses bis zu ihrem Ohrläppchen empor. Brennende Röte explodierte auf Maramas Nacken und bahnte sich rasend einen heißen Weg zu ihren alabasterweißen Wangen.
„Todd … die Gäste …“, wies sie ihn schwach zurecht und versuchte, sich vom Fenster wegzudrücken.
Er knurrte genüsslich, als das cremefarbene, viel zu teure Seidenkleid von Maramas Körper glitt und ihr Korsett offenbarte, und erinnerte sie: „… beide Mütter abgereist ...“
Während er sie behutsam aus ihren Wäschestücken schälte, berührte sie verträumt den Ehering, der seit dem Mittag trotz seiner Schlichtheit Sonnen- und Mondlicht Konkurrenz machte.
„Mein Füchslein …“, murmelte er in ihr Haar, nachdem er den festen Knoten gelöst hatte und es füllig über ihren nackten Rücken floss.
Sie kicherte ob des Kribbelns und maßregelte ihn halbherzig: „…nenn mich nicht immer so, Todd Voss!“ Dann ließ sie sich von ihm mit einem sanften Ruck aufs Bett ziehen, sodass ihr kupferfarbenes Haar sie beide einhüllte wie ein Meer aus kühlender Seide. Marama schloss die Augen und genoss die Gänsehaut, die sie immer befiel, wenn Todd sie küsste. Als er sie zur Frau nahm, spürte sie, wie die langen, silbernen Strahlen des Mondes über ihren Rücken glitten und sie im Wechselspiel von sengender Hitze und kühlem Prickeln gleichsam neckten wie lockten.
Später stand Marama am Fenster und beschloss, dass es ihr gefiel, verheiratet zu sein. Endlich, dachte sie und seufzte, während sie ihrem Herzschlag lauschte. Aufgeregt und überhastet pumpte es Blut durch ihren Körper, ein Umstand, den sie auf das unbeschreibliche Glück ihrer ersten Nacht zurückführte. Verträumt ließ sie sich vom lauen Nachtwind streicheln und dachte vorfreudig an die Zeit, die ihr mit diesem Mann bevorstand.
Ja, endlich ist er ganz mein, kam es ihr in den Sinn, und sie gewährte der Erinnerung an den ersten Vollmondabend, an dem sie ihrem Helden begegnet war, Einlass. Sie war auf dem Heimweg mitsamt Wäschekarren in den winterlichen Bach gefallen, weil der große Fremde urplötzlich aus dem Wald getreten war und ihr Pferd verschreckt hatte. Sie erfuhr nie, was Todd damals dort tat, wichtig schien einzig und allein, dass er nicht nur eine fiebrige Erinnerung geblieben war, sondern gemeinsam mit ihrer Mutter dafür gesorgt hatte, dass sie die Lungenentzündung überstand. Seither war er in ihrem Leben - klug, für einen einsiedlerischen Wildhüter bemerkenswert eloquent und stets mit offenem Ohr. Drei Jahre lang hatte er sie kunstvoll und altmodisch zurückhaltend umgarnt, bis sie endlich eingewilligt hatte, seine Frau zu werden, im Spätsommer ihrer Großjährigkeit, an einem Tag, dem eine Vollmondnacht folgte, genau wie am Tage ihrer Geburt.

Eine Ehefrau, wie es sich geziemte, wollte sie sein. Sie würde sich um sein – ihr – heimeliges Haus in den bewaldeten Bergen kümmern, wo sie allein waren, nachdem ihre Mutter sicher war, dass sie es im ehelichen Heim gut hatte, und mit der neuen Eisenbahn abgereist war. Und sie würde dieses Haus mit seinen Kindern füllen.
Sie betrachtete ihre Finger, die angespannt auf dem Fensterrahmen lagen, als warteten sie auf einen Moment, in dem sie sich festklammern müssten. Der Mond spielte mit ihr. Seine Strahlen krochen zwischen ihren Fingern nach oben, wanden sich um ihre Handgelenke, und bald zerrten sie an ihr.
„Ich fühle mich seltsam“, gestand Marama und konnte die leichten Schauer, die durch ihren Körper vibrierten, nicht verhindern. Todds Lächeln sah sie nicht, als er aufstand und sich fest an sie schmiegte. „… irgendwie betrunken“, fuhr sie fort und schüttelte den Kopf, denn sie erinnerte sich, dass sie beim bescheidenen Hochzeitsessen lediglich ein Glas Met getrunken hatte.
Sie strich ihr welliges Haar nach vorn, um ihre Blöße zu bedecken und lehnte den Kopf an Todds Brust. Eine Hitzewelle durchfuhr Marama, während ihr Herz auffällig stolperte, obgleich dieses Mal nicht die Erregung in Gegenwart des festen Männerkörpers schuld daran war.
Ihre Haut brannte wie Feuer, und als Blut in ihren Ohren stürmische Wellen zu schlagen begann, entfuhr es ihr: „Oh, mir geht es gar nicht gut!“
Ihr Oberkörper krümmte sich nach vorn, als müsse sie sich übergeben. Todd fuhr mit der flachen Hand über ihren weißen Rücken und berührte sacht die Erhebungen der Knochen, die ihre schmale Gestalt preisgab.
„Das ist normal, mein Füchslein“, murmelte er abwesend und sah ebenfalls hinauf zum Himmel, wo der Mond scheinbar näher rückte. „Deine Verwandlung beginnt nun.“
 
Mehr gibt es natürlich in Avatare, Roboter & andere Stellvertreter


(c) SB, 2010

Himmelhoch

Manches lässt sich nicht planen, vor allem nicht, wenn das Wetter ein Wörtchen mitzureden hat. Das ist auch gut so, denn die Spannung bleibt erhalten oder man verabschiedet sich im Stillen schon mal von dem Gedanken.
Ich entscheide mich gerne für Letzteres, denn eigentlich bin ich ein Angsthase.
Genau dieses Angsthasentum lässt mich an diesem Tag nur schlecht schlafen.
Aufgeregt bin ich, weil ich heute nach Hause fliege, aber innerlich bin ich auch besorgt, dass der wetterabhängige Plan wohl doch Realität wird.
Das Letzte, woran ich mich erinnere, war ein Blick auf den Wecker. Eine fette 5:00 hatte mich da angegrinst.
Deshalb trifft mich das Schnarren des Telefons in den frühen Morgenstunden wie eine Abrissbirne.
Filmreif schlägt meine Hand auf den Hörer und ich ärgere mich, dass ausgerechnet ich auf der Kommunikationsseite des Bettes liegen darf.
Verschlafen suche ich nach meinem Englisch und gurgele dem Störenfried dann doch nur ein sehr deutsches "Hallo" entgegen. Den südthüringischen Einschlag bekommt mein Informant natürlich nicht mit.
Während ich benebelt wahrnehme, dass ich wirklich meine Abreiseüberraschung, die ein offenes Geheimnis ist, bekommen soll, erwacht neben mir der Millionen-Dollar-Spitz meiner Freundin Kel. Er quäkst ein leichtes Schmerzgeräusch, denn vor ein paar Wochen hatte er, der in Hundejahren schon ein Opi ist, eine kostspielige Rücken-OP. Als er anfängt, mein freies Ohr zu lecken, ist meine Konzentration hin und die Instruktionen verpuffen aus dem Hörer. Unfreundlich stupse ich Kel an und erwürge mich fast mit der Schnur, als ich ihr den Anrufer rüberreiche.

Dann wird es plötzlich hektisch.
Duschen?
Fehlanzeige!
Es dauert zu lange, bis das Wasser warm ist. Bei der Panik, die mit einem flotten Satz in mich springt, wäre eine Morgenwäsche auch völlig für die Katz. Aber wenn ich Glück habe, lebe ich am Nachmittag noch und kann mich wenigstens kurz vor dem Abflug entstinken.
Ich bin zwar feige, aber ein Spielverderber will ich nicht sein.
Zwei Freunde haben sich die Mühe gemacht, etwas für mich zu organisieren,  wofür man sich sonst Wochen im Voraus anmelden muss, also muss ich da jetzt durch.
Ohne Frühstück im Bauch, aber mit teurem Kuschelhund, den ich gern mit nach Hause nähme, im Schlepptau sausen wir also in einer kanadischen VW-Variante durch den morgendlichen Großstadtverkehr von Calgary.
Wir sind ein wenig zerzaust, als wir den Startplatz erreichen.

Ich atme sehr vorsichtig auf, denn weit und breit ist nichts zu sehen, was nach Ballon aussähe.
Eine Ballonfahrt über die Betonwüste von Calgary und das weitläufige Umland soll nämlich mein Abschiedsgeschenk sein.
Großspurig hatte ich mich mutig gezeigt, denn gegen das Fliegen habe ich nichts einzuwenden. 
Nachdem mir aber bewusst geworden war, dass an einem Heißluftballon eben nur ein Körbchen hängt, sagte Madame Angsthäschen in mir ganz flink wieder guten Tag.
Kels Bald-Verlobter Dave nimmt uns in Empfang.
Das Ballonteam habe Verspätung, sagt er uns.
Wir dürften nun eine Stunde warten.
Das ist das Höchste der Gefühle, denn irgendwann ist bei mir Schluss, wenn ich den Flug nicht verpassen will. Ganz gleich, ob Kels Haus in Inglewood nur eine halbe Fahrstunde vom Flughafen entfernt ist, ich kann nicht ewig durch die Weiten Albertas gondeln, und einen Zeitpuffer brauche ich sowieso immer. Nicht nur für eine Dusche.
Weit wollen wir uns nicht entfernen und laufen deshalb durch das Viertel, das selbst Kel, die hier geboren wurde, unbekannt ist, bis wir ein kleines Café finden, in dem wir der Ankunft der Montgolfierschen Equipe harren können. 
Nachdem ich zwei Maismuffins (ick!) und einen riesigen Milchkaffee (yummy!) intus habe und meine Sprachkenntnisse schon vorfristig "Auf Wiedersehen" gesagt hatten, woraufhin Kel sich weigerte, die Dolmetscherin für Französisch (das kann sie nämlich) und Englisch zu spielen, und Dave mich unermüdlich zum Reden zwang, sind wir eine Stunde später wieder auf der großen Wiese.
Doodoo, der Knuddel-Spitz, kuschelt sich desinteressiert an Kels Schulter und leckt ihr Kinn. Ihre blonden Korkenzieherlocken verhängen ihr meist ein wenig die Augen, aber trotzdem kann ich in ihrem Blick sehen, dass ihr die Muffe geht. 
Wenig vertrauenserweckend liegt ein Korb, der, ehrlich gesagt, ein ganz klitzekleines Bisschen nach Handarbeit aussieht, umgekippt auf dem Rasen und wartet darauf, dass das lange Etwas an ihm befestigt wird. Unfassbar viele Meter - okay, ich übertreibe - ist es auf dem Gras ausgebreitet und vier oder fünf Männer wuseln herum, befestigen Haken in Ösen, schlagen Heringe in den Boden, binden den Korb mit dicken Seilen daran fest, ziehen den Stoff breit, und auf einmal bläst eine Flamme in die untere Öffnung. 
Nur Dave zuckt bei diesem unerwartet lauten Geräusch nicht zusammen. 
Kel und ich weichen einen Schritt zurück und wundern uns. Erst in der Luft wird er damit rausrücken, dass er Ballonfahrtwiederholungstäter ist. Vierfacher sogar!
Der Brenner faucht, der Korb ruckt, das lange Etwas wird immer mehr zum Ballon, und irgendwann steht das Flechtobjekt tatsächlich aufrecht. Über ihm schwebt rund und lässig der Ballon, gierig nach heißer Luft schnappend. 
Mein Gasthund Doodoo ist pflegeleicht und lässt sich widerstandslos in die Arme eines stämmigen Mannes vom Bodenteam drücken. Trotzdem wirft er mir einen Blick zu, der nach "Alles wegen dir" aussieht. Ich grinse, weil ich mich plötzlich erinnere, wie wir uns vor vier Jahren kennengelernt haben. Damals wollte ich ihm ausweichen und bin so majestätisch gestürzt, dass ich mir das Knie aufgeschlagen habe. Als Beweis zeige ich gern eine wulstige Narbe vor. Ein bisschen Sorgen mache ich mir schon um den Post-OP-Patienten, doch Kel ist zuversichtlich. 
Während Doodoo leicht wehmütig aus dem Van herausschaut, wuchte ich meinen schlaffen Übersetzerbody über den Korbrand. Natürlich hat das Körbchen, in dem angeblich 5 Erwachsene und, in einem Extraabteil, sogar noch drei Kinder Platz finden, keine Tür, und schon gar nicht hält er still. In seiner notdürftigen Verbindung mit dem Boden floatet er wie ein Lämmerschwanz ca. 30 cm über den Boden, und als ich endlich drin stehe, ist mir so schwindlig, dass wir gar nicht mehr starten bräuchten, um mir ein Fluggefühl zu bescheren.
Dann aber starten wir doch, sogar ziemlich schnell. 
Schwuppdiwupp sind die Taue gekappt und auf geht es, wohin der Wind uns treibt. An diesem Tag bedeutet das: über die Vororte in angenehmer Sichtentfernung zu Downtown.
In gemächlicher Höhe schleichen wir sicher am Calgary Tower vorbei, und eine kurzen Moment lang möchte ich winken, kann mich aber nicht bewegen. Da hab ich letzte Woche einen Kaffee getrunken, will ich sagen, als sei das von Bedeutung, bleibe aber stumm. Irgendwie scheine ich außerdem ein Problem mit den Ohren zu haben, oder der Ballonführer hat einfach ein schlechtes Timing. Immer wenn er etwas zu sagen hat, betätigt er den Brenner, der seine Flamme in die Höhe brüllt, damit ich kein Wort verstehe. 
Aus den Augenwinkeln sehe ich, dass sich Kel an Dave schmiegt und es sichtlich genießt, wie sich die heiße Luft mit dem Wind vermischt und uns vorwärts treibt. 
Solange ich unter uns Gebäude sehen kann, bin ich unfähig, zu entspannen. Im Grunde macht es doch keinen Unterschied, ob ich auf einem Supermarkt zerschelle oder auf weiter Flur, aber mein Herzschlag klingt um Längen gesünder, als wir über die Felder ziehen. 
Die Sonne wirft unseren Schatten auf die riesigen Parzellen, die so gar nicht nach meinen heimischen Patchworkflicken aussehen, die ich von den Landeanflügen auf Leipzig in Erinnung habe. Hier in Alberta ist alles immens groß und weitläufig, und es dauert eine ganze Weile, bis unser schwarzes Abbild von einem sichtbaren Grundstücksende zum nächsten gleitet. Hin und wieder zücke ich die Kamera, denn manchmal ähnelt die Landschaft etwas Außerirdischem, das es wert ist, festgehalten zu werden.  Selbstverständlich halte ich die Kamera immer in dieselbe Richtung; solange ich mich nicht ausladend bewegen muss, ist alles gut.
Der Wind riecht nach April, irgendwie unfertig, als könnte er sich nicht zwischen den Jahreszeiten entscheiden, genau wie das Aprilwetter der letzten Tage, das dieses Ballonerlebnis insgesamt vier Mal vereitelt hat. 
Ich weiß, dass ich blass um die Nase bin, denn Kel schaut mich besorgt an. Ich lächele unsicher, aber zu diesem Zeitpunkt glaube ich tatsächlich, dass ich vor nichts mehr Angst haben könnte, alles schaffen kann, wenn ich hier oben nicht aus der Haut fahre. 
Die Korbwand reicht mir gerade bis über die Hüfte, wann immer der Brenner angeworfen wird, glaube ich, meine am vergangenen Freitag neu erworbene Kurzhaarfrisor ließe noch mehr Federn, und hin und wieder bewegt sich Dave absichtlich, damit wir in eine Sekunde weiblicher Hysterie ausbrechen. Dann lacht er schallend und gibt schließlich seine Erfahrung preis. 
Trotzdem bin ich die Ruhe selbst. Verspannt wohl, von den vielen Versuchen, mich nicht mehr als nötig zu bewegen, und ich weiß, dass sich meine Schulter-Nacken-Region fies rächen wird, aber ich breche nicht in helle Panik aus. Kein hysterisches Kreischen, kein überspielendes Gelächter, kein tanzender Magen. Nur stumpfes Starren und Fühlen. 
Die Kamera hängt ruhig am Band um meinem Hals, während ich nach einem gewissen Zeitverlust innerlich zu fliegen beginne. Ich atme ruhig und erlaube dem Wind, mich mit all meinen Erinnerungen zu umhüllen.
Als ich tatsächlich soweit bin und genießen könnte, schaut unser Steuermann von seiner undurchsichtigen Karte auf, denn er hat einen genehmigten Landeplatz gefunden. Wir werden aufgefordert, uns mit dem Rücken in Flugrichtung hinzusetzen und, wie bei einer Flugzeugnotlandung, Knie und Kopf zu einer missglückten Sitzkugel verschmelzen zu lassen. 
Ich höre noch die Geräusche des Brenners, und dann geht alles ganz schnell, zumindest fühlt es sich schneller an, als mir lieb ist.
Wir sinken und bald darauf setzen wir auf, schliddern einen Moment lang ... und kippen um. 
Der Ballon klatscht auf ein Stoppelfeld und verliert seine luftige Fülle. 
Da sind sie, die berühmten, bunten Kreise, die sich bemerkbar machen, wenn man wie irre die Augen zusammenpresst. Ich liege wie eine Schildkröte auf ihrem Panzer, die Arme um die Knie geschlungen und will mich erst wieder entknoten, wenn mir schriftlich attestiert wird, dass ich noch lebe. Als mir jemand sagt, ich könne nun aussteigen, und ich die Augen öffne, tanzen psychedelische Gebilde vor meinem Blick. Ich vollführe die erste Rückwärtsrolle seit dem Gymnastikunterricht in der Zwölften und taumele aufs weite kanadische Land. 
Bevor ich aber meine versprochene Ballontaufe bekommen kann, muss ich arbeiten. 
Das gehört dazu. 
Ich lasse die bunte Geometrie vor meinen Augen weiter Kapriolen schlagen und helfe beflissen beim Einrollen des Ballons. 
Wie ein Anorak, denke ich modebewusst, als ich ungläubig das Material befühle, ein Anorak, der fliegen kann. 
Das Einpacken und Verstauen übernimmt das Bodenteam, das uns in wohl halsbrecherischem Tempo über die Straßen gefolgt ist. 
Einer unserer erdgebundenen Verfolger führt uns zu dem weißen Van. Ein Campingtisch steht bereit, sodass Chef-Steuermann - seinen Namen habe ich vergessen - sofort Urkunden aufsetzen kann. Weil ich immer noch fassungslos auf meiner Leitung stehe, muss Kel meinen Namen buchstabieren. Sie grinst, denn der Mann erzählt wieder von seinen Ballonfahrten in Saskatchewan. Ich erinnere mich trübe, dass er das bereits in der Luft getan hatte. Dave macht sich lustig und schlägt ihm einen Umzug vor. 
Jemand drückt mir ein Glas Sekt in die Hand und scherzt über meinen bevorstehenden Abflug. Gern hätte man mich mit dem Ballon zum Flughafen gebracht, wirft der Saskatchewan-Fan ein, aber der Wind, der Wind ... 
Sie alle sind mir fremd, trotzdem umarmen sie mich, und werde ich endgültig wehmütig. 
Auf der Fahrt zum Startplatz, wo Kels VW geparkt ist, und auf der Fahrt nach Inglewood sitzt Doodoo auf meinem Schoß und leckt meine Hand. Er ist warm und leicht und so schrecklich zerbrechlich. 
Ich werde ihn vermissen.


Knapp drei Stunden später sitze ich auf meinem Fensterplatz, geduscht, in frischer Kleidung. 
Tränen stecken in meinem Hals. 
Abschiede machen mich rührselig. 
Immer. 
Der Geruch in der Kabine missfällt mir, und ich rufe den unentschlossenen Aprilwind und den Duft der leicht feuchten Erde des Feldes, auf dem wir gelandet waren, in mein Gedächtnis. Das Zittern, das ich in jenem Flechtkorb erwartet hatte, durchfährt mich jetzt. Einen Augenaufschlag lang werde ich von jäher Angst geschüttelt, die ich noch nie in einem Flugzeug empfunden hatte. Flugzeuge sind fliegende Wohnzimmer, mit Fußboden, Decke, Wänden, Fenstern, Türen ..., darin muss man doch keine Angst haben, denke ich, und doch fürchte ich mich mit einem Mal vor dem erneuten Aufschwung. 
Ich sehe aus dem Fenster und bemerke, dass die Nachmittagssonne verschwindet. Sie weicht einem traurigen Grau. 
Prima, jetzt hab ich sie mit meinem Abschiedsjammer angesteckt. 

"Incroyable!", höre ich neben mir und schaue zum Gang. 
Ich muss zwei Mal hinsehen und dann fange ich an zu lachen.
Drei Freunde (davon ein Hund) bleiben zurück, einen neuen nehme ich mit.
Den Platz neben mir nimmt ein Mann ein, der mir flüchtig bekannt ist. Vergangene Woche bin ich ihm in den Devonian Gardens begegnet. 
So ist das mit mir: Ich bin allein unterwegs, aber trotzdem ziehe ich Bekanntschaften an wie das Licht die Motten. 
Diese Bekanntschaft hingegen war und ist nett. 
Er ist Allgemeinmediziner und unterhält eine Praxis in einem kleinen Städtchen in Marokko. Daneben spricht er ein wunderbar deutliches Französisch und hat mich nicht eine Sekunde lang angegraben (oder ich habe es nicht bemerkt). Später werde ich ihn googlen und herausfinden, dass ich einer ehrlichen Haut begegnet bin. Wir werden Mails schreiben und ein Mal im Jahr telefonieren, immer dann, wenn er seinen Bruder in Paris besucht.
Wie von selbst nimmt mein Französisch den frankokanadischen Klang an, den ich mir vor vier Jahren angewöhnt habe, als Kel und Doodoo noch in Montreal zu Hause waren. Vielleicht sind deshalb meine Englischkenntnisse im Laufe des Tages versandet, damit ich nun frei für die andere Sprache bin. 
Während wir von unseren Erlebnissen der letzten beiden Wochen erzählen, verpasse ich den Start. Erst als wir längst die Reiseflughöhe erreicht haben und erreignislos über die Wolken gleiten, stelle ich fest, dass ich nicht nur vergessen habe, einen letzten Blick auf meine Gastheimat zu werfen, sondern auch keine Furcht mehr im fliegenden Wohnzimmer habe. 
Mein Schlafdefizit der Vornacht schleicht sich nun ein, und bevor ich von  Kels Klavierspiel, dem Ausflug zu den heißen Quellen in den Rockies,  Spaziergängen und von Doodoo und seinem leisen Schnarchen träume, lässt mir mein Nachbar eine zweite Decke bringen. 


Am nächsten Tag strahlt mir die Leipziger Sonne durch die Verglasung des Flughafens ins Gesicht.
Noch bin ich nicht angekommen. 
Nach Flugreisen dauert es meist eine Weile, bis ich den Boden unter meinen Füßen komplett spüre. 
Vor der Automatiktür steht der Imker in Arbeitskluft. 
Trotz schwerer Tasche schwebe ich hinaus und stürze mich in seine Arme. 
Er duftet nach angesengten Sägespänen und Propolis, wie immer, wenn er an den Bienenstöcken gearbeitet hat. 
Ich lache und werfe den Kopf zurück, damit ich den blauen Himmel sehen kann. Wolken- und makellos empfängt mich dieser Teil der Heimat, doch dann wirft die Sonne frech ein Strahlenbündel auf die Stahl-/Glaskonstruktion des Gebäudes, das in die Verschwörung einwilligt und es mit einer noch größeren Portion Frechheit direkt in meine Augen pfeffert. 
Geblendet lege ich den Kopf zurück an die Schulter des Imkers und schlinge meine Arme fest um seinen Hals.
"Ich bin geflogen!", jubele ich, als sich der Sonnenschmerz aus meinem System verzogen hat. Unbeherrscht hüpfe ich in der Umarmung des Imkers und würde mich am liebsten von ihm im Kreis wirbeln lassen wie ein Kleinkind. Dass ich dafür zehn Kilo zu lange am Schreibtisch gesessen habe, ist mir bewusst, aber egal. 

"Das weiß ich doch", erwidert er trocken und ich lande. 



Eine private Anekdote - mit geänderten Namen - ohne literarischen Anspruch.
Trotzdem: (c) SB, 2011 
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