Mittwoch, 21. Dezember 2011

Stinkige Weihnachten

Das sind vielleicht tolle Weihnachtsferien. 
Es schneite und schneite, und als es nicht mehr schneite, sind pünktlich zwei Tage vor Heiligabend in der Platte alle Wasserleitungen eingefroren. 
Ganz am Anfang war es noch lustig, Muttis riesigen orange gepunkteten Emailleeimer mit Schnee zu befüllen. Richtig festdrücken, damit auch viel reingeht. Mutti musste ihn dann zu uns in den letzten Stock hochschleppen, den Schnee in Töpfe umfüllen und auf dem Herd auftauen. Dann ab damit in die Badewanne. Voll bis zum Rand, Tag für Tag, damit wir uns wenigstens waschen können. Für mich aber war es das Größte auf der Welt, in der viel besungenen weißen Pracht herumzubuddeln, bis das steife Gras zum Vorschein kam. 
Dumm nur, dass nicht nur kein Wasser aus dem Hahn kommt, sondern auch die heimelig-bequeme Fernwärme kläglich versagt.
Oma hat zwar einen Kohlenofen, aber viel zu wenig Platz, als dass sie uns aufnehmen könnte, und weil unsere Familientreffen sowieso immer erst nach Weihnachten stattfinden, frieren wir lieber am sozialistischen Jahresende um die Wette und schauen zu, wie sich die Schneeberge vorm Haus auftürmen.
Wenn ich mal groß bin, nennt man das "Jahrhundertwinter". 
Den gibt's dann zwar fast jedes Jahr, aber egal ...
Jahrhundertwinter hin oder her, ich jedenfalls habe meine allerersten Weihnachtsferien überhaupt und sitze nun seit gestern hier mit einem supertollen Rotz.  Natürlich habe ich den Weihnachtsmann nicht zu Gesicht bekommen. Ich hätte ihn ja anstecken können ...
Mit Triefnase und in Muttis Patchworkhäkeldecke eingemummelt, lungere ich am Fenster herum und schaue sehnsüchtig meinen Schulfreunden beim Rodeln zu. 
Weil ich im letzten Block der Neubausiedlung wohne, habe ich den Vorteil des kurzen Weges zum Rodelberg und nun den Nachteil der direkten Sicht auf den Spaß der anderen. 
Gerne wäre ich jetzt auch hinterm Haus und düste mit dem Hörnerschlitten, den der Weihnachtsmann letztes Jahr einfach so vor der Tür abgestellt hatte, den Hang hinunter, bis Mutti das Mittagessen fertig hat. 
Gestern hat der Weihnachtsmann übrigens einen schicken rosa Skianzug gebracht, den ich mir schon letztes Jahr gewünscht hatte. 
Ich ärgere mich, dass ich ihn jetzt nicht im Feldversuch austesten kann. 
Blödes Fieber! 
Also echt! 
Nicht mal in den neuen Büchern zu blättern macht Spaß.
Sobald ich mich der Scheibe nähere, wird sie von meinem Fieberkopf hübsch neblig. 
Ich verziehe griesgrämig das Gesicht und schluchze kurz vor mich hin. 
Scheiße darf man zwar nicht sagen, aber es ist die Wahrheit. 
Es ist echt Scheiße, hier hustend und prustend da zu sitzen, während die anderen draußen herumtoben. Die Enttäuschung macht auch das teure toll funkelnde Goldlametta, das Vati dieses Jahr ergattern konnte, nicht wett. 
"Es gibt bald Essen, und dann kannst du ein bisschen schlafen", will Vati mich besänftigen. "Schlaf dich gesund, und du bist in null Komma nichts wieder draußen bei Sandra und den anderen!"
Bis ich mich gesundgeschlafen habe, sind die Weihnachtsferien bestimmt vorbei, denke ich traurig, denn ich bin sicher, dass ich in meinem gesamten sechsjährigen Leben noch nie so erkältet gewesen bin. Jawohl!
"Ich hab gar keinen Hunger", murmele ich und wische mir die Nase. 
Das bedaure ich nicht einmal, denn heute soll es Wildschwein geben. Das ist nämlich meine Leib- und Magenspeise, die es immer irgendwann zu oder um Weihnachten herum gibt. Wahrscheinlich hat Mutti den guten Braten sofort nach dem letzten Weihnachtsfest in der Fleischerei vorbestellt. Denn an Wildschwein führt kein Weg vorbei. Und blöderweise schmeckt es genauso, wie es beim Kochen müffelt. Es beruuhigt mich auch nicht, dass das Schwein heute auch nicht anders schmecken dürfte als der Kartoffelsalat gestern, denn so viele Geschmacksunterschiede dürfte Pappe nicht zu bieten haben.
Vati setzt einen strengen Blick auf, aber ich sehe ein Lächeln in seinen Augen. "Als Nachtisch gibt's Vanillepudding mit Erdbeerkompott", flüstert er verschwörerisch, denn der Nachtisch darf eigentlich nicht verraten werden. 
Ich schürze die Lippen. "Menno", grummele ich, "davon schmecke ich doch auch nix!"
Jetzt schaut Vati etwas hilflos drein, und ich schäme mich, dass ich so unleidlich bin. Wäre ich nicht so erkältet, wäre der Nachtisch ohnehin kein Geheimnis, denn meine Süßigkeitenspürnase hätte den Vanillewind gewittert, selbst wenn Mutti die Schüsseln mit dem Pudding wieder klammheimlich im Kühlschrank der Nachbarin gebunkert hätte.
"Leg dich doch noch ein paar Minuten aufs Sofa ...", schlägt Vati vor, nachdem er meinen Brummschädel befühlt hat. 
"Ach, nein, ich will lieber zuschauen!", gebe ich mich tapfer, selbst wenn ich jeden Moment auf dem Fensterbrett einzuschlafen drohe. 
Ich glaube, Sandra hat mich erspäht, denn sie winkt ganz fröhlich in meine Richtung. Sie ruft auch etwas, aber ich kann sie nicht verstehen, weil Vatis alter Elektroradiator so einen Radau macht und ich auf keinen Fall das Fenster aufreißen will. Während Vati sich als Haushaltshilfe zu Mutti in die Küche begibt, winke einfach mal zurück. Das kann ja nie schaden. 
In Gedanken bei meinen Schulfreunden im Schnee, höre ich, wie die Flurtür klappt. Sicher holt Vati das Erdbeerkompott aus dem Keller. Erdbeeren sind dieses Jahr Mangelware. Die Ernte in unserem Garten war ziemlich mau ausgefallen - nein, ich habe nicht alle Beeren weggenascht! - weshalb wir nun mit dem Eingemachten haushalten müssen. Deswegen gibt es ziemlich oft Pudding ohne Erdbeeren. Ein bisschen freue ich mich nun doch aufs Essen. 

Ein enormer Rums reisst mich aus meiner fiebrigen Starre. 
Mutti krietscht (so sagen wir, wenn jemand kreischt) kurz in einem unerträglich hohen Ton. 
Dann wird es verdächtig still.
Erschrocken pelle ich mich aus der Häkeldecke und schwanke in den Flur. 
Vati steht zwischen Tür und Angel, ein Bein in der Küche, eins im Flur. Kochdampf waberte in den kalten Flur, und Vati sieht aus, als hätte er einen Mord begangen. Ihm entfleucht das Wort, das man nicht sagen darf. Von seinen Händen, die er erschrocken weit von sich streckt, als hätte ihn der Blitz getroffen, tropft rote Flüssigkeit, und für seine Brille könnte er gut einen Scheibenwischer gebrauchen. Er ist von oben bis unten besprenkelt mit tiefroten Flecken und fleischigen Rudimenten. Wieder murmelt er das schlechte Wort. 
Mutti hat sich wieder gefasst und schiebt Vati etwas unsanft zurück in den Flur. "Mach die Badtür auf!", befiehlt sie mir in harscherem Ton als beabsichtigt. 
Während mein mit Opferblut besudelter Vater an mir vorbei ins Bad geschoben wird, ist mein Schnupfen plötzlich weg. 
"Puh!", stöhne ich und presse die Hand vor den Mund. "Was ist denn das?!"
Inzwischen steht der Gestank im gesamten Flur, sodass ich mich frage, ob das Wildschwein, das da in der Küche gar werden soll, nicht vielleicht vergangenes Jahr in unserem Flur verstorben ist. Als Mutti mit dem Emailleeimer, der wahrscheinlich die letzten Schneeschmelzereste aus der Badewanne enthält, aus dem Bad geeilt kommt, kann ich noch einen letzten Blick auf die rot gescheckte Schiebetür der Küche und auf die Glasscherben am Boden werfen, bevor ich mit strengem Blick zurück vor den Radiator geschickt werde. 
Leider duftet es dort auch nicht königlicher. Immerhin gibt besagter Elektroradiator, den Vati schon besaß, bevor er Mutti kennenlernte, immer einen etwas verschmorten Geruch ab, der gepaart mit dem Gestank des explodierten Erdbeerkompotts eine sofortige schnupfenkurierende Wirkung entfaltet. 
Pfeiff auf den Fieberschummerkopf, denke ich mir und reiße das Fenster auf. Sandra und der Rest sind gerade auf dem Heimweg. "Geht's dir besser?", schreit sie zu mir hinauf. 
"Nein", brülle ich meine Antwort zurück und könnte die Welt für die frische Luft umarmen. Mann, riecht Schnee gut! 
Sandra schreit wieder etwas, das wie "Mach das Fenster zu!" klingt, aber ich bin mir nicht sicher, denn der Geruch unserer weihnachtlichen Chemieexperimentierbude schwappt nun auch aus dem Fenster und macht mich duselig.
Mutti und Vati haben sich in der Wolle. Nicht ernsthaft, aber er kann es sich nicht verkneifen, ihr vorzuwerfen, dass sie eine Erdbeere eingekocht hat, die wohl schon das Verfallsdatum überschritten hatte. Im gleichen Atemzug beglückwünscht er sie, dass dieses Glas bis Weihnachten durchgehalten hat. Mutti hingegen schimpft, dass er doch den Temperaturunterschied von Keller, Treppenhaus, Flur und Küche hätte berücksichtigen und das Glas entsprechend schützen müssen. Selbst eine Mütze auf dem Glas änderte aber nichts an dem Umstand, dass das Kompott verdorben war, also hat Vati recht. Mutti gibt zu bedenken, dass ihr nun richtig "kottrig" sei, fängt dann aber doch an zu lachen. 
Ich denke daran, wie die Erdbeersoße von Vatis Brille tropfte, und muss ebenfalls lachen, selbst wenn meine rotgeputzte Nase mit größter Freude wieder verstopft sein möchte. Schlecht ist mir jetzt auch. Wohl aus Solidarität mit dem Kompott. 
Eines weiß ich, Erdbeeren können mir erst einmal gestohlen bleiben. 
Igitt!
Aber der Schnee, der riecht echt gut! 
Ich nehme mal noch eine kräftige Nase.
Vati kommt zu mir in die Stube und stellt den Elektrostinker ab. Notgedrungen ist er in Unterwäsche und sieht leicht zerzaust, aber sauber aus. Die Schneevorräte in der Wanne sind nun bestimmt wirklich aufgebraucht. Vatis Züge reflektieren aber nichts als gute Laune. Das liebe ich an ihm. Selbst vergammeltes Erdbeerkompott wirft ihn nicht aus der Bahn. Ob sein ermutigender Anblick ausreicht, um den Gestank vergessen zu machen? Oh je, da will ich mich aber mal nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. 
"Zieh dich an!", trägt er mir auf. "Wir müssen aus diesem Gestank raus!"
Da hat er recht, denn mittlerweile reicht das offene Fenster nicht mehr. 
Ich habe immer noch Fieber und die Kälte schüttelt mich, aber ich gehorche und klettere zur Feier des Tages in meinen neuen Skianzug. Als ich in den Flur komme, muss ich beim Mützeaufsetzen und Schuheanziehen die Luft anhalten. 
Bäh!
Mutti hat sich in der Kürze der Zeit redlich gemüht und den Türrahmen wieder weiß geschrubbt, und das wohlbemerkt nur mit Schneeschmelze. 
Das dürfte auch eine Form von Überlebenstraining sein. 
"Geh schon mal runter", schlägt Mutti folgerichtig vor, weil sie sieht, dass sich mein Fieberrot in Grün zu verwandeln droht. "Aber sieh zu, dass du nicht nass wirst." Offenbar hat sie nicht viel Vertrauen in die Einkaufskünste des Weihnachtsmanns. 
Dankbar steige ich langsam die Treppen hinunter und versuche, die Erdbeeren hinter mir zu lassen. Aber sie wehen mir nach ...
Während ich unten vor dem Haus warte, beobachte ich, wie Mutti und Vati sämtliche Fenster aufreißen. Welch ein Glück, dass es heute windstill ist, sodass sich der Zug in Grenzen halten und der Weihnachtsbaum auch nachher noch stramm stehen dürfte. 
Mich wundert allerdings, dass die Nachbarschaft angesichts des emsigen Treibens meiner Eltern noch nicht vor Neugier an die Wand geklatscht wurden. 
Es hat nämlich noch keiner die Weihnachtsdauerwelle aus dem Fenster gesteckt oder aufdringlich gebimmelt, um die Lage zu ergründen. 
Wahrscheinlich essen alle gerade etwas, das schmeckt und nicht stinkt. 
Egal, ums Getratsche kommen wir sowieso nie herum.
Ich atme gierig die Winterluft, weil die Gammelerdbeeren an mir kleben wie das Pech an der faulen Marie. 
Wenn die Explosion jetzt meinen Skianzug versaut hat, werde ich böse. 
Ich schnüffele misstrauisch am kühlen Stoff, und beim Gedanken an das Erdbeerbeet im Garten wird mir mulmig.
Mutti und Vati haben die Lüftungsaktion endlich abgeschlossen und gesellen sich zu mir.
Vati macht meinen Hörnerschlitten flott und Mutti holt den anderen Schlitten, der mir inzwischen viel zu unmodern ist, aus dem Keller. Angesichts des zweiten Schlittens schwant mir Böses, und als Mutti dann noch mal nach oben verschwindet, schwant mir noch viel Böseres. 
Zum Glück muss ich husten und kann mich für eine Weile auf nichts anderes konzentrieren, bevor ich mich auf den Hörnerschlitten schwinge, um mich von Vati ziehen zu lassen. Er tut mir schon leid, denn aus dem Ziehalter bin ich heraus. Ich beschimpfe stumm mein blödes Fieber. 
Nun gehen wir doch zu Oma und Opa. 
Weil sie kein Telefon haben, werden sie ganz schön überrascht sein. 
Der Schnee macht einen recht beständigen Eindruck, als wir losmarschieren. Auf den Wegen ist er festgetreten, und mein Schlitten gleitet gleichmäßig unter Vatis kraftvollem Zug.
Mutti folgt uns, und ihr auf meinem alten Schlitten im Topf das Wildschwein, nebst Gemüse.
Na dann: Frohe Weihnachten!



(c) Sinje Blumenstein, 2011, nach einer wahren Begebenheit Anfang der 1980er, die mir gerade wieder einfiel, als ich den Kühlschrank reinigte, wobei mir ein im Oktober abgelaufener Joghurt in die Hände fiel. Haben wir ein Glück, dass der keine Druckwellen mit sich brachte ...

1 Kommentar:

Carmen hat gesagt…

Eine amüsante Geschichte :-)

LG Carmen

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