Montag, 5. Dezember 2011

... über "Weihnachtsglanz" von Barbara Schrettle und Julia Krischak (Hrsg.)

Barbara Schrettle und Julia Krischak (Hrsg.) 



Zum Buch: 
Weihnachtsglanz - Ein Sack voll Geschichten ist ein Anthologieprojekt, das von der Literaturagentur Thomas Schlück in Kooperation mit epubli als E-Book realisiert wurde. 21 Bestsellerautoren, die von der Agentur vertreten werden, haben für dieses karitative Projekt Beiträge (Kurzgeschichten und Gedichte) beigesteuert. Um ganz im Sinne von Weihnachten etwas Gutes zu tun, werden sämtliche Erlöse aus dem E-Book-Verkauf zu je 50 % an Writers in Prison und an den Trauer-Fuchsbau gespendet. 
Weitere Informationen sind über die hinterlegten Links zu erreichen.

Meine Meinung: 
Obwohl wir alle mit kurzen Geschichten und Märchen groß geworden sind, sagen viele, sie mögen keine Kurzgeschichten, weil Kurzgeschichten a) zu kurz seien und man nicht richtig in die geschriebene Welt eintauchen könne und b) die hohe Schule der Erzählkunst seien, die eben nicht jeder beherrsche. Während Anthologien in Kleinverlagen häufig dem Hobbyautor ein gern gesehenes Werkszuhause (und dem Verlag eine Einnahmquelle) bieten, halten sich die großen Verlage mit gedruckten Kurzgeschichtensammlungen zurück, weil schließlich auch der Buchhandel behauptet, so etwas lese keiner. 
Deshalb scheint das E-Book ein echter Segen zu sein, denn hier lässt sich die Kurzgeschichte preisgünstig an den Leser bringen, ohne dass man auf ausufernden Auflagen sitzenbleibt. 
Ich lese schon immer gerne kurze Geschichten. Sie eignen sich einfach wunderbar für angenehme Lektüreminuten vor dem Einschlafen. Sie sind kurz, in sich geschlossen, und man ärgert sich nicht schwarz, weil man gerne wüsste, wie es weitergeht, aber nicht weiterlesen kann, weil man ja früh um 6 wieder am Schulbus stehen muss. Selbstverständlich sind Anthologien immer ein buntes Gemisch von Ideen und Stilen, und es ist vorprogrammiert, dass dem Leser nicht alle gleichgut gefallen.
Das trifft auch auf die E-Book-Anthologie "Weihnachtsglanz" zu, die in der Tat ein bunter Sack voll Geschichten ist, der sich prima gleich mit dem E-Reader zu Weihnachten verschenken lässt. 
Wie erwähnt, finden hier 21 Autoren der Agentur Schlück zusammen und bieten ihre Interpretation von Weihnachten. Nicht alle Geschichten sind neu, manche bereits im Internet oder früheren Anthologien erschienen (zudem ist einer der Autoren leider bereits verstorben), aber dennoch bieten sie alle zusammen Lesevergnügen, das vielleicht etwas krimilastig ist, dem es aber keineswegs an schwarzem Humor, Kritik, Fantasie und guter Laune fehlt. Selbst wenn der Gedanke von Weihnachten - das Miteinander, die Hilfsbereitschaft - und auch der festliche Glanz nicht unter den Tisch gekehrt werden, ist "Weihnachtsglanz" erfreulicherweise eben eines nicht: kitschig verschmust. Zum Glück, denn der Gedanke an Friede, Freude, Eierkuchen, lalala, lässt mich nämlich oft von spezieller Weihnachtsliteratur Abstand nehmen. Während die Autoren eher knapp und mit viel Augenzwinkern erzählen, sind die Autorinnen weicher und weihnachtlicher, aber trotzdem nicht weniger mitreißend. Die Auswahl ist gut und bietet eine ordentliche Bandbreite weihnachtlicher Ideen.
Insgesamt gibt es von mir zwei Daumen hoch für dieses E-Book, das nicht nur ein tolles Geschenk ist, sondern auch noch Gutes tut. 
Eine prima Gelegenheit, Autoren kennenzulernen, die man sonst nicht auf der Leseliste hat!
Da ich jede Geschichte einzeln bewertet habe und mich nicht jede in gleichem Maße begeistern konnte, komme ich auf einen Gesamteindruck von 

4 von 5 Weißdornzweigen




wobei auch darauf hinzuweisen ist, dass das E-Book natürlich allein von seinen Beiträgen lebt und nicht noch Punkte mit besonders ansprechender weihnachtlicher Gestaltung herausschlagen kann. In dieser Hinsicht steht es nämlich einer Printversion leicht nach. Nichtsdestotrotz sollte man sich "Weihnachtsglanz" nicht entgehen lassen.

Definitiv eine Weihnachtsleseempfehlung! 

Es folgt nun Näheres zu den Geschichten. 
Bei 21 Kurzgeschichten ist eine gewisse Länge nicht zu vermeiden, weshalb der geneigte Leser hiermit ausdrücklich gewarnt sei. 
Ich habe versucht, Spoiler zu vermeiden, sodass die Inhaltsangaben besonders knapp ausfallen. 
Trotzdem interessiert? 
Dann hier weiterlesen!


Andreas Eschbach 
"Das schönste Fest" 
Die Geschichte eines einsamen Mannes mit drögem Job, der sich an Weihnachten selbst Geschenke macht und akribisch seine eingefahrenen Traditionen pflegt. 
Weihnachten in neuer, alltäglicher Dimension, die den Leser unterhaltsam an der Nase herumführt. 
5 Punkte 

Carla Federico 
"Weihnachten auf Feuerland" 
Die Geschichte von Benedict und seiner Frau Rachel, die die Goldsuche von England nach Feuerland verschlägt und die an Weihnachten erkennen müssen, dass es eben nicht Gold ist, das im Leben zählt. 
Viel fernländisches Flair, in dem die verzweifelten Emotionen zu ertrinken drohen. Eigentlich schade, denn die Geschichte geht wirklich ans Herz. 
3 Punkte 

Marcel Feige 
"Rettender Engel" 
Die Geschichte von Alex Brandner, der durch eine feuchtkalte Winternacht auf der Flucht ist und verletzt endlich eine Mitfahrgelegenheit findet. 
Friede, Freude, Eierkuchen an Weihnachten? Pustekuchen!  
5 Punkte 

Katia Fox 
"Eine mondlose Weihnachtsnacht" 
England 1183: Die Geschichte der Schmiedin Ellen, die in der Nacht von Heiligabend lieber ein besonderes Schwert schmieden möchte, anstatt die allseitige Ruhezeit zu nutzen und mit Mann und Kindern zur Messe zu gehen. Aber dann kommt alles anders … 
Historisches Weihnachtsambiente, in dem der Geist der Weihnacht ganz groß geschrieben wird und der Frauencharakter mir aber einen Tacken zu modern wirkt. 
4 Punkte 

Robert Gernhardt 
"Weihnachten" 
9 Zeilen Gedicht.  
Unbeschreiblich, aber effektiv! Kurz, aber rund! LESEN! 
5 Punkte 

Anke Greifeneder 
„O du Fröööhliche …!“ 
Die Geschichte eines Paares, das zu Weihnachten mal für sich sein will und keine Lust auf das große Familiendrama hat. Auf geht's also mit dem Flugzeug in die Sonne ... 
Das hat man nun davon, wenn man mit den Traditionen brechen will. Realistisches, Überspitztes, unweihnachtlich Weihnachtliches zum Mitleiden, Schmunzeln und Seufzen. 
5 Punkte 

Thomas Gsella 
"Jesus kommt zu früh, macht alles nass und braucht kein Handtuch" 
oder: Duschen mit Jesus. 
Ohne Worte. Lesen! 
5 Punkte 

Caroline Hartge 
"dieser stern lehrt beugen II" 
Gedicht. 
Fein kritisch. 
5 Punkte 

Tanja Heitmann 
"Weihnachtsglanz" 
Eine weihnachtliche Geschichte um Morgenrot-Protagonist Adam, der zwischen dem Durst seines Dämons und der New Yorker friedlichen Weihnachtsstimmung hin- und hergerissen ist. 
Sprachlich schön, genretechnisch und thematisch zur Farbigkeit der Anthologie beitragend, aber konnte es nicht eine eigenständige Geschichte ohne Bezug auf ein anderes Werk der Autorin sein? Schade. 
3 Punkte 

Dora Heldt 
"Weil Weihnachten ist …" 
Eine Geschichte über fünf Geschwister, die an Weihnachten pflichtbewusst zu den Eltern auf Sylt fahren. Alle Jahre wieder … 
Eine Geschichte voller Missverständnisse, in der man sich rasch wiedererkennt und die zum Schmunzeln bringt. Allerdings etwas länglich und mit ganz schön viel Personal. 
4 Punkte 

Gunnar Homann 
"Blutgrauen in den Massakerbergen" 
Die Geschichte, vom ersten „Weihnachten, das der Marschall, der Bestattungsunternehmer und die Madame miteinander feierten“. In der einsamen Kälte, ohne wirklich was zum Schenken zu haben.
Männlich-sarkastisch, augenzwinkernd-satirisch, trotzdem "nicht ganz so meins". 
4 Punkte 

Vincent Kliesch 
"Der Fremde" 
Die Geschichte von Paul Krüger, der an Weihnachten von einem Fremden in seiner eigenen Wohnung gefangen gehalten wird. 
Nichts ist, wie es scheint. Köstlich kritisch. 
5 Punkte 

Gisa Klönne 
"Frohe Botschaft" 
Eine Krimigeschichte um Arnd Ruprecht, dem vermeintlichen Aussteiger auf Karpathos, bis ein Schokoladenweihnachtsmann ihn mit einem tödlichen Auftrag aus der ägäischen Ruhe holt. 
Unerwartete Wendung ganz in weihnachtlichem Sinne, die aber einen bitteren Nachgeschmack hinterlässt. 
5 Punkte 

Sarah Lark 
"Friede auf Erden" 
Wenn der Deutsche bei einer Deutschen auf Mallorca Urlaub und der mallorquinische Nachbar Ärger macht. 
Andere Länder, andere Sitten. Sehr amüsant, aber etwas lang. 
4 Punkte 

Christoph Lode 
"Nach Jahr und Tag" 
Geschichte aus dem 12. Jh. um das Sehnen nach Freiheit. 
Geschenke müssen nicht immer materiell sein. Stimmt nachdenklich. 
5 Punkte 

Laila El Omari 
"Schwefelhölzer" 
Eine weihnachtliche Interpretation des Märchens vom kleinen Mädchen mit den Schwefelhölzern im alten, starr-kalten London. 
Etwas süßliche Geschichte über das Gute im Menschen, das man manchmal gar nicht erst vermuten möchte.
4 Punkte 

Fran Ray 
"Copy Checker" 
Eine Geschichte, die die Psyche der Mörderin Lalita Sager auseinandernimmt. 
Mir zu undurchsichtig. 
3 Punkte 

Michaela Schwarz 
"Slow Christmas oder ein Heiligabend mit Kerzenschein" 
Vierzig, betrogen, verlassen - da will man Weihnachten und seine Neuigkeiten doch mal ganz ruhig angehen. Aber dann steht nicht nur Mutter, sondern auch der Ex vor der Tür ... 
Brenzlig, amüsant, weihnachtlich großmütig. 
5 Punkte 

Jana Seidel 
"Zimtsternschnuppen" 
Die Geschichte von Tanja und dem alten Turban, der im Altersheim partout nichts zu sich nehmen will. 
Einfühlsam, ohne rührselig zu werden. 
5 Punkte 

Ines Thorn 
"Der Weihnachtshasser" 
Die Geschichte von Statistiker Arthur, der Weihnachten ganz und gar mathematisch zu betrachten pflegt, bis der Statistik ein Schnippchen geschlagen wird. 
Flott-amüsant, mit einem Hauch Romantik. 
5 Punkte 

Claudia Toman 
"Hering mit Heiligenschein" 
Ein Tag vor Heiligabend, Verlagsweihnachtsfeier, der Baum brennt … wenn das nur die einzige Bescherung wäre … 
Feerige, beschwipste Verkupplungsgeschichte, mit galantem Witz erzählt.  
5 Punkte

Kommentare:

Carmen hat gesagt…

Also ich mag Kurzgeschichtenbände dann, wenn sie von einem Autoren sind und die Geschichten lose miteinander verknüpft sind.

Sinje hat gesagt…

Das hat natürlich auch seinen Reiz, insbesondere wenn die Kurzgeschichtenmeister am Werk sind.
Grundsätzlich mag ich aber die Vielfalt zu einem Thema. Was mir allerdings gar nicht zusagt, sind Verwurstungen von Kurzgeschichten, die in einem Roman-/Reihen-Universum angesiedelt sind und immer etwas nach Werbung müffeln. Klar verkauft sich das bei den Fans besser und bestimmt eignet sich nicht jede Idee zur Aufnahme in den Roman, aber ich habe letztens erst eine amerikanische Antho weggelegt, weil ich nicht noch eine Sookie-Geschichte wollte. Ich muss auch sagen, dass ich langsam den Eindruck habe, dass Autoren ein besseres Händchen für Kurzgeschichten haben.

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