Dienstag, 27. Dezember 2011

3 in 1 mit Betty Neels bei Julia Bestseller

(c) Cora-Verlag
Nachdem mich Jill Shalvis mit Band 0116 bei Julia Bestseller mächtig aufgehalten hat und ich nun einige Bände nachholen müsste, habe ich mich in Weihnachtslaune entschlossen, nicht der Reihenfolge nach zu lesen, sondern Band 0120 vorzuziehen. 
Natürlich sind diese Hefte nicht für die Ewigkeit bestimmt, aber Unterhaltung für zwischendurch bieten sie allemal. Ich will mir daher auch keine Mühe mit etwas machen, was Anspruch auf eine Rezension erheben könnte. Ab und an will ich meine Lektüre auch "einfach nur so" vorstellen. Das tue ich nämlich sehr gerne und betrachte das keinesfalls als Zeitverschwendung.
Was mir bei den Julia Bestsellern gut gefällt, habe ich bereits mehrfach erwähnt: Man bekommt Gelegenheit, Autorinnen kennenzulernen, die man sonst nicht wahrnehmen oder lesen würde, und zudem ist auch für jede Liebesroman-Präferenz etwas dabei. Habe ich mich das letzte Mal noch über Jill Shalvis hormonlastige, lustorientierte Geschichten belustigt, weil mir darin die Romantik zu kurz kam, stelle ich fest, dass ich für Betty Neels wohl zu jung bin, denn ihre Geschichten sind mir nun wieder zu züchtig. Ja, ja, ich brauche eben immer was zum Meckern, aber eigentlich ist es gar nicht so schlimm, einmal in Großmutters Wertewelt zu verschwinden. Seien wir also weihnachtlich tolerant.
Die Autorin, die 2001 91-jährig verstarb, darf man sicher als eine der Grandes Dames des Liebesromans einstufen, denn immerhin beglückte sie bis ins hohe Alter den Liebesromanfan mit über 130 Titeln. Darin hat sie sich, wie der winzige Ausschnitt, den Cora uns hier präsentiert, augenscheinlich der klassischen Themenwelt Arzt, armer Adel, arme Mädchen verschrieben. Warum auch nicht? Schließlich war Betty Neels selbst einmal Krankenschwester, sodass sie das Krankenhausmilieu wohl nicht von ungefähr auch in ihrer zweiten Karriere als Autorin im Rentenalter einfließen ließ.
Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass die männlichen Protagonisten der drei Romane dieser Bestseller-Sammlung allesamt Ärzte sind.  


In "Ein viel zu langer Kuss" lässt Betty Neels nämlich die unscheinbare Lilian Foster auf Professor Joost van de Loo los. "Unscheinbar" scheint tatsächlich ein beliebtes Attribut der Autorin zu sein, denn auch in den beiden anderen Romanen sind die weiblichen Hauptcharaktere erst auf den zweiten Blick attraktiv. Zumeist entsprechen sie eben nicht dem durchtrainierten Schlankheitstraum in High Heels, sondern wirken leicht ländlich und sind weiblich gerundet. Lilian ist außerdem auch noch ziemlich fehl am Platz, denn eigentlich hat sie einen anderen Lebenstraum, als ihr Dasein als Aushilfstelefonistin in einem altmodischen Krankenhaus zu fristen. Sie träumt von einem kleinen Laden, in dem sie ihre Handarbeiten an den Kunden bringen kann, aber die schlechte finanzielle Lage der Familie zwingt sie zu Jobs aller Art. Sie lebt noch bei ihren Eltern, und der Vater ist zunächst als Lehrer stellenlos. Für Männerbekanntschaften ist da natürlich kein Raum, weshalb der holländische Professor, der in besagtem englischem Krankenhaus Dienst tut, Lilian zunächst einfach nur arrogant erscheint. Auch er ist von ihr wenig angetan, ändert aber bald seine Meinung, als Lilian an einem hektischen Katastrophentag stundenlang am Telefon die Nerven behält. Unverhohlen zollt er ihr seine Wertschätzung, sodass sich nach und nach eine Freundschaft entspinnt, die dem Leser schon recht seltsam vorkommen mag, wenn man man nicht daran glaubt, dass Männer und Frauen ohne Hintergedanken "miteinander können". So spinnt der Professor im Hintergrund Fäden, damit Lilians Vater eine neue Stellung nebst neuem Heim findet, damit es auch Lilian letztendlich besser hat. Dann aber geht Einiges schief: Lilian wird nicht nur in ihrem alten Heim, das sie bis zum endgültigen Umzug hüten muss, überfallen, sondern das neue Heim ist außerdem noch nicht bezugsfertig, sodass Lilians Eltern buchstäblich aus dem Möbelwagen leben und für Lilian kein Platz ist. Aber der Professor springt helfend ein und nimmt gleich mal die ganze Familie Foster über die Feiertage mit zu seinem Familienanwesen nach Holland. So ganz langsam keimt schließlich in Lilian aus der unendlichen Dankbarkeit ein Fünkchen Verliebtheit. Da passt es allerdings ganz und gar nicht, dass der Professor bereits mit einer hohlen Schönheit verlobt ist. 

Es ist mir so manches Mal schleierhaft, wie deutsche Titel zustande kommen, denn was im Original The Mistletoe Kiss heißt, dürfte analog auch im Deutschen funktionieren, denn es passiert nichts anderes als ein Kuss unter dem berühmten Mistelzweig, und zu lang ist er schon mal gar nicht. 
Eine besondere Auffälligkeit in allen drei hier vorliegenden Romanen ist der offensichtliche Synonymmangel, wenn es um die Bezeichnung des potenziellen Angebeteten geht. So wird der gute Joost fast immer als "der Professor" betitelt, was ihm verbal mehr graue Haare verleiht, als er haben dürfte. Deshalb hat man häufig das Gefühl, dass die junge Lilian, die noch keine Dreißig ist, einen Sechzigjährigen datet. Ich befürchte allerdings, dass eine leserfreundliche Änderung durch Übersetzung (was schon arg eigenmächtig und ungehörig gewesen wäre) und Lektorat am Ende die Brühe teurer gemacht hätte als das Fleisch. 
Trotz gewisser Altmodischkeit und damit auch problematischer zeitlicher Einordnung der Geschichte muss ich zugeben, dass Betty Neels hier doch etwas Romantisches mit britischem Charme geschaffen hat, das gerade zu Weihnachten sehr anheimelnd wirkt. Lilian und Joost, den man gerne ohrfeigen möchte, weil er doch längst in Lilian verliebt ist, aber trotzdem an seiner dämlichen Schickse festhält, habe ich das Happy End von Herzen gegönnt.
Mit den beiden weiteren Romanen, die ebenfalls Ende der 1990 im Original erschienen, ist ihr das aber nicht gelungen, weshalb deren Vorstellung etwas knapper ausfällt. 


In "Auf diesem Schloss soll die Liebe wohnen" greift Betty Neels in die Kiste, in der der verarmte Adel verramscht wurde. Leonora, auch erst auf den zweiten Blick wirklich hübsch und ansehnlich mit guter Figur und vollem dunklem Haar, lebt mit ihren Eltern auf einem Schloss, dem langsam aber sicher der Verfall droht. Selbstverständlich war der Bankenkrach daran schuld, dass das kleine geerbte Vermögen den Bach runterging, und selbstverständlich ist auch der alte Herr nicht bereit, sich von Prestigeobjekten, wie seinem alten Daimler, zu trennen. Nur gut, dass Leonora Tony gefunden hat, den aufstrebenden Geschäftsmann, der weiß, wie man Geld verdient. Ihn soll sie bald heiraten, und sie hofft, dass sie damit ihr Elternhaus retten kann. Sie fragt sich zwar noch flüchtig, ob es ihm vielleicht nicht doch auf ihren Namen ankommt, auch wenn der Adelstitel nicht erblich ist, aber doch immer noch für "Ehrenhaftigkeit und Tradition" steht. Letztendlich aber freundet sie sich mit dem Gedanken an, den mutmaßlichen Retter in der Not zu ehelichen. Wie es kommen muss, wird der alte Herr krank und der neue Doktor muss her. Nett, wie der charmante und schmucke Dr. Galbraith nun mal ist, stellt er Leonora auch glatt als Sprechstundenhilfe ein, entlässt sie aber bald wieder, weil er sich in sie verliebt. Inzwischen schwant es Leonora auch, dass Tony gar nicht helfen, sondern das alte Gutshaus nebst Land verkaufen und ihre Eltern somit aus dem trauten Heim vertreiben will. 

Wer hätte gedacht, dass ca. 150 Seiten so langatmig sein und das winterliche Flair derart verpuffen lassen können. Für Frau gehört es sich offenbar nicht, sich zu verlieben, das darf sie nämlich erst, wenn Mann es zuerst sagt. So wundert sich Leonora immerzu über die galante Behandlung durch den "Doktor", der auch hier eigentlich keinen Namen braucht, weil ihn sowieso keiner mit Namen nennt, redet sich aber ein, dass Tony ihr Mann ist, ganz gleich, wie klein er sie hält. Logisch konsequent bricht sie aber höchst brüsk mit letzterem, als sie nach einigen Dinnerpartys und mehreren unverbindlichen Essen mit dem Doktor von Tonys Betrugsabsicht erfährt. Und dann sinkt sie quasi umgehend dem Doktor in die Arme, der ihr nun endlich gesteht, dass und wie sehr er sie liebt. Selbstverständlich darf er sich dann auch sofort um die Hochzeit und alles kümmern, damit Leonora wieder hübsch ins Frauchen-Image zurücksinken kann. Ob das nun romantisch ist? Na, ich weiß nicht.


"Das Paradies auf Erden" ist gar nicht so paradiesisch. Claudia lebt mit ihrer Mutter (Mrs. Ramsay) und diversem Personal bei ihrem Großonkel, Colonel William Ramsay, und umsorgt dessen Haus und Anwesen. Onkel William ist jedoch ziemlich krank, weshalb er gleich zu Beginn der Geschichte zu einer Bypassoperation überredet werden soll. Weil er sich aber weigert, verstirbt er alsbald und hinterlässt Personal und dem hilfreichen Familienpart der Ramsays quasi nichts, denn zum einen ist der Vermögenstopf wieder einmal fremdverschuldet leer und zum anderen erbt der gefürchtete, kalt dreinblickende Cousin Mr. Ramsay das Anwesen (warum auch immer) und setzt alle flugs auf die Straße. Leider hatte der gute Onkel William nämlich nicht mehr genug Zeit, um sein Testament zugunsten derer zu ändern, die ihm am Ende seines Lebens wirklich nahestanden. Während Mrs. Ramsay flott den Hausarzt Dr. Willis ehelicht, nimmt Claudia eine Stellung in einem Altenheim an, die ihr zunehmend an die Substanz geht. Als ihr Onkel Williams zweiter Arzt, Dr. Thomas Tait-Bullen, der zur Konsultation hinzugezogen worden war, aus heiterem Himmel einen Heiratsantrag macht, weil er eine Frau und sie ein sicheres Heim braucht, willigt sie mangels anderer Gelegenheit ein. Bald aber muss sie feststellen, dass sie im hübschen Anwesen des Doktors/Professors sehr allein ist, auch wenn Thomas sich redlich Mühe gibt, ihr das Leben zu erleichtern. Außerdem weiß sie logischerweise nichts von diesem Mann und seinem Vorleben, beweist aber erstaunliche Größe, als eine seiner Verflossenen auftaucht und ein Hauch von eifersüchtigem Ärger in der Luft steht ...
Es ist mir ein Rätsel, weshalb der Part um Onkel William und den ungeliebten Cousin so aufgebauscht wurde. Ich hatte mir versprochen, dass an diesem Konflikt mehr angeknüpft würde als die Vernunftsehe zwischen Claudia und Thomas. Aber dann hatte es sich damit erledigt, und selbst wenn Claudia ihr Versprechen, einen Teil des Mobiliars, das besagter Cousin verscherbelt hat, zurückzukaufen, wahr gemacht hat, dann habe ich es überlesen, weil nichts wirklich Interessantes passierte. Damit Frau nicht so einsam ist, bekommt sie einen Hund, freilich einen, den sie selber aufliest. Man richtet gemeinsam ohne jegliche Gefühlsregung den gemeinsamen Zweitwohnsitz, Christmas Cottage, ein, aber es passiert - jawoll - nüscht. Man gibt sich edel, vornehm distanziert, sodass man sich schon fast wundert, dass in der Übersetzung nicht auf antiquiertes Gesieze zurückgegriffen wurde. Natürlich musste erst eine Gefahrensituation her, um die sich aneinander vorbei liebenden Protagonisten final zusammenzuführen, aber ich habe mir echt die Hand vor die Stirn geschlagen, als er auf ihre Frage "Du liebst mich doch wirklich?" mit "Ich könnte nicht länger ohne dich leben, mein Herz" antwortet. Himmelherr, kann der Professor nicht einfach nur mal JA sagen? Aber da war die Romantik ja ohnehin längst verschenkt. 

Trotz meiner weihnachtlich positiven Stimmung und Vorliebe für galante, etwas altmodische Protagonisten werde ich wohl künftig Abstand von Betty Neels nehmen. Ich habe nichts gegen gute Manieren, und der Angebetete darf die Dame auch gerne einmal materiell auf Händen tragen, aber der Butlerbedarf und die unentschlossenen Weibchen, die sich selbst ihre Liebe nicht eingestehen wollen, sind mir zu viel und zu unromantisch. Vermutlich bin ich auch die falsche Lesergeneration für diese Art Romance, die hier mit einem schlichten, aber doch halbwegs modernen Cover verkauft wird. 
Cora präsentiert in diesem Sammelband im Grunde Aschenputtelgeschichten, die durchaus einen gewissen Reiz haben, aber tiefe, seufzerproduzierende Gefühle vermissen lassen. Dafür sind die Beziehungen zu steril und zu zweckbestimmt. Wenn die Liebe endlich eingestanden wird, hat man als Leser bereits eine Distanz eingenommen, die emotional kaum noch zu überbrücken ist. 
Und gerade das ist bei Stories mit weihnachtlichem oder winterlichem Ambiente doch ziemlich schade. 

Gesamteindruck, den die erste Geschichte stark herausreißt
3 von 5 Weißdornzweigen 
   

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