Donnerstag, 10. November 2011

Wie die Jungfrau ...

... Ha! Erwischt! 

Wusst ich's doch: ein reißerischer angerissener Titel und schon schaut mal wieder einer vorbei. 
Aber sorry, denn auch wenn hier gewaltig geschliddert wird, wird's nicht schlüpfrig. 

Die Jungfrau bin nämlich ich, und ich darf von meiner Rutschpartie in die elektronische Literatur berichten. Und, nein, es ist kein Testbericht!

Noch nie habe ich ein Blatt vor den Mund genommen, wenn es um meine mangelnde technische Begabung geht. 
In Sachen Technik bin ich ganz freiwillig und freimütig Angehörige des schwachen Geschlechts und hebe, wenn sich die Gelegenheit ergibt, einfach die Hände mit einem irritierten Gesichtsausdruck, der besagt "Sorry, aber das kann ich nicht."
An mindestens 3 Tagen in der Woche beschimpfe ich nämlich mein so genanntes Translation Memory Tool, das von anderen in den Himmel gelobt wird. Ich schimpfe zum einen, weil es mir meistens Zeit und Geld klaut, aber vor allem auch, weil es nicht macht, was es soll oder wovon ich meinte, dass es es machen sollte. 
Ich hämmere etwa 9 bis 10 Stunden im Affenzahn Buchstaben in mein(en) Laptop und komme selbst bei meinem Erstklässler nach Feierabend (Feierabend? was'n das?) nicht um irgendwelche Internetrecherchen herum (sind eigentlich meine Lehrbuch- und Nachschlagewerkberge für die Katz und gehört ein PC jetzt zur Schulstartausrüstung?).  Nicht, dass ich die Vorteile der elektronischen Vernetzung zu Recherchen nicht zu schätzen wüsste ... um Gottes willen, nein ...
Üblicherweise erwartet der Kunde, dass man sich mit jedem DTP Tool ausgekennt, im Idealfalle natürlich auch alles besitzt, was der Markt so hergibt (die Anschaffung von Adobe-Produkten ist bei einmaliger Verwendung in etwa 2-Jahresrhythmus auf jeden Fall anzuraten, immerhin benötigt man zur Hereinarbeitung der Anschaffungskosten auch nur in etwa ein halbes Arbeitsjahr). Und selbstverständlich hat man auch jede Menge Zeit, sich mit Programmen vertraut zu machen oder zu Schulungen zu fahren (am besten nehme ich mein Kind gleich mit, dann ist es schon mal gewappnet für die Zukunft). 
Nein, nein, das ist freilich nur ein Traum, denn in der Realität wurschtelt man sich täglich autodidaktisch in Neues ein, bis einem die Fehlermeldung zu den Ohren herausquellen und man ermattet mit nervös zitternden Händen und einem ebenso dubiosen Zittern der Augenlider zum Telefon (idealerweise natürlich mobil und immer am Mann, äh, an der Frau) greift, um einen Support anzuklingeln, der einen dann süffisant an die Online-Knowledge Base ver- und auf den lukrativen Supportvertrag hinweist. Letzteren hat man aus Kostengründen natürlich nicht, also heißt es wieder "selbst ist die Frau". Dear most beloved Knowledge base, have I told you lately that I love you? Because English is of course my working language!
Weil ich es aber eigentlich so ziemlich satt habe, immer "selbst" zu sein und mich mit Dingen zu befassen, die vom Wesentlichen ablenken, schreibe ich Gedanken ganz altmodisch mit der Hand ins schnöde Notizbuch, zeichne ich meinem Sohn irgendwelche Hausaufgaben von Hand auf echtes Papier und will ich am liebsten immer sofort das perfekte Foto schießen, damit ich es auch ja nie nacharbeiten muss.
Ich will nicht Schriftsetzer, Buchdrucker, Coverdesigner, Werbetänzer, Flöhehüter, Fußabtreter ... ups, das Thema war für einen anderen Tag vorgesehen ... Wörterzählmaschine, Programmierer und Schnickschnack sein und habe mich bis dato nicht die Bohne für E-Books interessiert (Duden 25. Auflage: es heißt E-Book, genauso wie E-Card, E-Business und Co.). In erster Linie auch, weil mir schon die Mikrofiches in der Deutschen Bücherei zu guten alten Diplomarbeitszeiten ein mittlerer Graus waren und vor allem, weil ich meine Lesefreizeit nicht auch noch vor einem Bildschirm verbringen will. Mein einziges technisches Freizeitzugeständnis ist mein iPod Touch, ohne den meine Putztanzsessions schlichtweg nicht denkbar wären.  
Kurzum: Ich versuche, die Elektronisierung auf ein erträgliches Maß zu reduzieren, weil ich nicht ständig das Gefühl haben möchte, nicht mehr denken zu müssen, weil man alles ergoo ... dingsbums kann.
Nun habe ich aber daheim einen (hauptberuflich imkernden) Technikfreak sitzen, einen Autodidakten zwar, aber wenigstens sprüht dieser Non-Fiction-Fetischist und freiwillige Einstein-Leser vor Enthusiasmus für alles Technische, das nicht einmal auf den Computer beschränkt sein muss. Weil er von Technischem nicht die Finger lassen kann, werden wir wohl in Kürze entweder einen (infolge übermäßiger Mengen an Vernachlässigung dahingeschiedenen) Gerätefriedhof oder ein x-tes Standbein haben (Fotoatelier, ick hör dir trapsen für die Bienenwinterschlafszeit (und ja, ich weiß, dass Bienen nicht schlafen!)). 
Das E-Book aber ging auch meinem nach einem Tablet-PC illernden Imker bislang so ziemlich am Allerwertesten vorbei, denn er tendiert aufgrund seines enormen Fahrtaufkommens eindeutig zum Hörbuch. Eine beachtenswerte Hörbibliothek fährt dank Kleingeräts mit Apfel immer mit.
Doch trug es sich eines schönen Tages vor nicht einmal zwei Wochen zu, dass über eine kleine, unbedeutende Zubehörerweiterung der Fotoausrüstung amazoniert wurde. 
Defekt ist nämlich mein heißgeliebter Fernauslöser, und der Blitz (wovon ich elektrotechnische Jungfrau selbstredend null Ahnung habe) muss auch ein wenig gepimpt werden.  
Während wir also diverses Zubehör zusammensuchten, das wider Erwarten so preisgünstig war, dass wir nicht einmal die versandkostenfreie Zone erreichten, sinnierte der bienenzüchtende Landschaftsfotograf vernehmbar in den nicht vorhandenen Bart: "Brauchste nicht einen E-Reader?" 
Ha! 
Das war doch die Gelegenheit, die Hände von mir zu strecken und unschuldig zu flöten: "Ach nö, davon hab ich keine Ahnung. Nö, da müsst ich mich jetzt erst mit befassen und das ist mir grad viel zu aufwändig." In Wahrheit bin ich nämlich auch bequem, altmodisch, borniert, bockbeinig und auch ein bisschen faul.
Sprach's, ließ die Hände sinken, drehte den Rücken ... widmete sich Hausfrauenkram, und schwups wanderte ungesehen ein Kindle in den Warenkorb. 
Kostet ja auch nicht die Welt. Nö ... 
Zu meinem EntsetzenErstaunen hat der Do-it-yourself-Freund tatsächlich zum ersten Mal in knapp über 15 Jahren wilder Ehe ein technisches Gerät geordert, ohne vorher einhundert Testberichte zu studieren und durch einschlägige Elektronikfachmärkte zu tingeln und Verkäufer stundenlang um die allfällige Provision zu bringen (weil er sie nur ausfragt und in 99 % der Fälle nichts kauft). Okay, letzteres hätte mit dem Kindle sowieso nicht geklappt. 
Nicht, dass dieses Verhalten schlecht wäre, denn bisher haben wir stets Technik im Haus gehabt, die nicht bereits nach einem Jahr wegen irgendwelcher dubiosen Macken ausgesondert werden musste (auch wenn mein Laptop im Herbst von Lebensjahr drei einen argen Hau hatte, konnte der doch kostenfrei wieder behoben werden). 
Nicht einmal zwei Tage später kam dann das flache Päckchen hereingeschneit und kurz darauf saßen endlich mal zwei Jungfrauen vor dem grauen Etwas und guckten wie die Kuh ins Uhrwerk. Na gut, die Kuh war ich, denn er hatte in der Zwischenzeit das Testberichtleseloch gestopft. Fast ...
"Ich habe einen Kindle", dachte ich. Glauben konnte ich es immer noch nicht. Wie sich aber herausstellte, gehört das Ding nicht mal mir, denn wir haben es über den Account des Imkers erworben. Wie blöd ist das denn? Was will der Hörbuchlauscher mit einem elektronischen Lesegerät, das nicht vorlesen kann? Nun muss ich mich jedes mal mit seinem Konto anmelden. (Selbstverständlich bekomme ich seitdem täglich Werbe-E-Mails, in denen man mir den Kauf eines Kindle schmackhaft machen will. Klar. Zwei Augen. Zwei Hände. Zwei Ohren. Warum nicht auch zwei Kindles?)
Da traf es sich doch gut, dass ich noch kurz zuvor mit meinem Online-Cineasten über Poe diskutiert habe, denn während der (mir gehen die Synonyme aus)-Imker fleißig das vorgeladene Gerät anwarf (der Anschalter ist unten! der Anschalter ist unten!) und nach einem Sekündchen mit Fluchen anfing, weil seine verappleten Finger keinen Touchscreen vorfanden, durchforstete ich schon mal das Kostenlos-Angebot; ich bin eine Frau, aber ich kann einkaufen, ohne einen Cent auszugeben. Also flüsterte mir der Anbieter eine Reihe Kurzgeschichten für meine Begriffe etwas umständlich auf das (im Übrigen entsetzlich nach Kunststoff stinkende) Neugerät. In der Zwischenzeit schimpfte der Tablet-willige Mathebuchverschlinger (siehe da, mir ist doch noch ein Synonym eingefallen) weiter: 
"... alles nur schwarzweiß ..." (ach, stand wohl nicht in deinem Testbericht?), 
"... das Skalieren ist aber etwas umständlich, das muss ich mir mal näher anschauen ..." (also ich muss das nicht, denn ich will keine Fotofachbücher mit aufwändiger Formatierung als PDF-Datei auf dem Kindle lesen und habe sehr gute Augen, um Schriftgröße 12 erkennen zu können), 
"... Wie jetzt? Der hat ja gar keine Beleuchtung! Da kannste nicht heimlich unter der Bettdecke lesen ..." (weil ich das ja auch immer mache! Erwischt!) 
"...  das Hochformat liest sich aber nicht so gut, mal auf Querformat umschalten ..." (okay, jetzt weiß aber ich mal was: die Zeilen werden im Hochformat kürzer und sind somit besser zu lesen) 
... 
Ich schaltete dann schon mal ab, weil er ja sowieso mit einem iPad liebäugelt, sodass ich eigentlich nur auf ein Stichwort wartete, um endlich fragen zu können: "Darf ich nun endlich lesen?"
Ha, und dann kam doch noch ein Lob: "Diese elektronische Tinte hat schon was. Ehrlich. Guck dir das an. Keine Reflexionen. Aus allen Winkeln gestochen scharf. Da kriegste keine Kopfschmerzen beim Lesen." Ich guckte pflichtbewusst aus allen ohne Verrenkung erreichbaren Winkeln und gab ihm Recht. Mit einer großzügigen Geste reichte er mir dann die Neuerwerbung. "Ich glaub, da haben wir nix verkehrt gemacht", bestätigte er sich selber, bevor ich mich enthusiastisch mit Poe in die Rue Morgue zurückzog. 
Gelesen habe ich zwei Seiten. 
Seitdem liegt der Kindle auf meinem Schreibtisch, akkustark mit wechselndem Bildschirmschonerbild, aber eben ungelesen. 
Das liegt allerdings nicht am Kindle, sondern an Poes unnachahmlichem Hang zum seitenweisen Vorabpsychologisieren, mit dem ich momentan nach Tagen voller technischer Übersetzungen nichts anfangen kann. Zusätzlich ist mein papierduftiger SuB so hoch, dass ich gar nicht auf die Idee komme, den elektronischen SuB ins Blaue hinein zu erhöhen. 
Angekommen in der elektronischen Literaturwelt fühle ich mich demzufolge nicht, und eine Prüfung des Geräts auf Herz und Nieren werde ich wohl auf absehbare Zeit schuldig bleiben. 
Aber hey, wir haben noch mehr Elektronik im Haus!
Das war sie also, die Geschichte, wie die Jungfrau zum Kindle kam, der Familienzuwachs aber noch kläglich versauert.

Kommentare:

Soleil hat gesagt…

Du und Deine langen Texte ... nee. Hach, schön!
Du kannst den Kindle übrigens vom Konto Deines wie-auch-immer-Imkers abmelden und an Deines anmelden. Frag mich nicht wie, ich habs nur gelesen, als vor einer Woche mein Kindle hier ankam und zunächst nicht das tat, was er sollte ...
Ich bin echt auf den Geschmack gekommen, was das Lesen auf diese Art betrifft. Gerade lange Bücher, die sich blöd halten und umblättern und zu schwer für die Tasche sind ...
Man muss die kostenlosen E-Books noch suchen, aber es gibt sie :)
Ich wünsche Euch beiden noch viel Spaß an dem Teil! ;-)

Sinje hat gesagt…

*Grins*
Oh, das ist ja gut zu wissen. Nun muss ich mich wohl doch mal genauer damit befassen und den Familienzuwachs ummelden.
Bis jetzt habe ich ja nur die Handbücher und 10 Kurzgeschichten von Poe auf dem Gerät. Aber ich habe mir schon einmal autodidaktisch erschlossen, wie man Ordner erstellt, sodass ich jetzt einen gesonderten Poe-Ordner habe. *Sich auf die Schulter klopft*
Ach, das wird schon werden. Ich bin gaaaaanz optimistisch :D

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