Samstag, 26. November 2011

... über "Whisper Island - Sturmwarnung" von Elizabeth George

Elizabeth George

Unspektakuläre kriminalistisch angehauchte Geschichte mit paranormaler Ausrede

Zum Inhalt:
Hannah Armstrong ist 14 Jahre alt, recht unscheinbar, leicht korpulent, und sie hat eine Fähigkeit geerbt, die so manch einer vermutlich wahnsinnig toll finden würde: Sie kann die Gedanken anderer Menschen hören. Doch das ist gar keine einfache Angelegenheit, denn Hannah ist ständig von einem Flüstern umgeben, das aus mehr oder weniger zusammenhängenden Gedankengängen der anderen besteht. Deshalb trägt sie ein MP3-Player-ähnliches Gerät, sie nennt es AUD-Box, bei sich, das sie mit einem permanentem Rauschen versorgt und das Flüstern übertönt. Außer ihrer Großmutter, die dieselbe Fähigkeit hatte, und ihrer Mutter weiß auch ihr Stiefvater Jeff Corrie von Hannahs ungewöhnlicher Begabung und nutzt sie für seine Machenschaften aus. Als Jeff seinen Geschäftspartner ermordet, bleibt das Hannah natürlich nicht verborgen, was Jeff wiederum recht schnell bemerkt. Mit dem Ergebnis, dass er den unliebsamen Mitwisser aus dem Weg räumen will. Hannah und ihre Mutter fliehen, und aus Hannah Armstrong wird nun Becca King. Vom heimatlichen, sonnigen San Diego geht es bis hinauf an die Grenze Washingtons, wo Laurel Armstrong ihre Tochter allein, mit einem Fahrrad und einem Wegwerfhandy, auf die Fähre nach Whidbey Island setzt, wo sie angeblich von einer Jugendfreundin der Mutter, Carol Quinn, erwartet wird. Dort soll sie vor Jeff geschützt sein, bis die Mutter weitere Vorkehrungen getroffen hat. Kaum von der Fähre geklettert, muss Neu-Becca feststellen, dass da niemand auf sie wartet, und sie macht sich schließlich allein mit dem Rad auf den Weg zu der Adresse Carol Quinns, wo sie erfahren muss, dass Carol gerade verstorben ist. Nun beginnt für Becca eine Odyssee auf der unbekannten Insel voll unbekannter Menschen. Sie schläft zwischen Hunden, bis sie Seth kennenlernt, der sie nicht nur mit Essen versorgt, sondern auch an Debbie Grieder verweist, die sie letztendlich mit in ihr Motel nimmt, ihr gegen Zimmermädchendienste Kost und Logis in Zimmer 444 gewährt und sie auch in der örtlichen High School anmeldet. Debbie und ihre beiden Enkelkinder, aber auch Seth sind rasch zwar Beccas Kontakte, aber keinesfalls Vertraute, während ihre Mutter Laurel durch Abwesenheit glänzt und über die im Wegwerfhandy eingespeicherte Nummer nie erreichbar ist. Als Becca bei einem Ausflug mit Seth und dessen Hund in den typischen Wäldern von noch verwirrenderem Flüstern heimgesucht wird und ihrem Schulkamerad Derric etwas zustößt, bringt sich Becca selbst in die Bredouille. 

Meine Meinung: 
Ja, das Jugendbuch für alle Alterklassen ist der neue Trend, und da versteht es sich von selbst, dass auch der in anderen Altersgruppen oder Genres etablierte Autor einen Ausflug in die YA-Gefilde wagt. So also auch Krimiqueen Elizabeth George, von der ich, wie es sich für einen Nichtkrimileser auch gehört, noch nie etwas gelesen habe. Deshalb habe ich keinerlei Vergleich und kann mich voll und ganz auf Whisper Island konzentrieren, und ich entschuldige mich gleich vorab, dass diese Besprechung noch länger als meine üblichen langen Ausführungen wird. 
Mich reizte nämlich das übersinnliche Element des Gedankenhörens. Aufgrund des Klappentextes hatte ich mir eine spannende paranormale Geschichte erhofft. Auch während des Lesens habe ich dann darauf gewartet, dass Beccas übersinnliches Talent in irgendeinem verzwickten Zusammenhang mit ihrem Zufluchtsort Whidbey Island stehen könnte. Leider entpuppte sich das Paranormale lediglich als eine Art Ausrede, um irgendwie ins Schema der aktuell so beliebten paranormalen YA-Geschichten zu passen. Und leider hat mich auch die für ausgeklügelte Plots und überwältigenden Stil hochgelobte Autorin, die sich hier genremäßig vom Krimi nicht allzuweit entfernt, im Großen und Ganzen enttäuscht.
Aber beginnen wir erst einmal mit den Äußerlichkeiten. 
Das Cover, gestaltet vom renommierten Hanna Hörl Designbüro, ist zwar nett anzusehen, reflektiert aber einen Hauch zu viel Träumerei und Romantik, wovon es im Buch gerade einmal den Ansatz eines Hauchs gibt. Auch der deutsche englische Titel kann mich nicht voll überzeugen, lässt aber zweifelsohne Raum zur Interpretation, selbst wenn Beccas Zufluchtsort nicht Whisper Island heißt und das Flüstern, das die Protagonistin mit ihrer AUD-Box zugunsten ihrer Geistesgesundheit und der Wahrung der Privatsphäre der unbeabsichtigt Abgehörten von sich fernhält, auf dieser Insel auch nicht anders oder vielsagender ist als anderswo. Wer angesichts des Untertitels "Sturmwarnung" auf einen stürmischen Plot à la Ich weiß noch immer, was du letzten Sommer getan hast, wartet, wartet auf Godot. Im Sinne eines metaphorischen Sturms ist eine Warnung hingegen nicht ganz abwegig. 
"Whisper Island - Sturmwarnung", das im Englischen unter dem Titel The Edge of Nowhere 01. The Dog House erscheinen wird, ist, wie soll es schon anders sein, der Auftaktband zu einer neuen YA-Reihe, und genau das wird bei der Lektüre immer wieder deutlich. Probleme bleiben ungeklärt, Protagonisten werden eingeführt oder halbherzig erwähnt, und man weiß einfach genau, dass da "noch was kommen muss", aber eben erst nach den 445 Seiten dieses Bandes. 
Erfreulicherweise aber schickt Elizabeth George ihre Protagonistin Hannah/Becca nicht als Ich-Erzählerin ins Rennen und erlaubt sich damit ab und an Perspektivenausflüge zu Geschehnissen, in denen der Hauptcharakter gar nicht auftaucht. Weniger erfreulich ist, dass diese Ausflüge oft schlicht und ergreifend nicht notwendig sind. 
Wieder erfreulicherweise gelingt es der Autorin, das "Flüstern" der Gedanken genauso verworren darzustellen, wie es Becca wahrnimmt. Da sind Wortgruppen, Satzfetzen, Wörter, die Becca versucht, zu entschlüsseln oder auch links liegen zu lassen. So erlebt man als Leser einige Verwirrung, die einerseits interessant, andererseits aber auch ziemlich anstrengend und letztendlich auch noch unnötig ist. 
Ein weiterer Pluspunkt war für mich, dass Becca nicht in einem Hässliches-Entlein-mit-besonderer-Fähigkeit-wird-zum-schönen-Schwan-und-findet-die-große-Liebe-Plot verwurstet wurde. Das eigentlich ziemlich normale Mädchen ist auf der Flucht, muss sich verstecken, und zwar nicht nur an einem abgelegenen Ort, der übrigens inzwischen auch Wohnsitz der Autorin ist, sondern auch hinter wenig vorteilhafter Brille, dickem Make-up und kaum schmeichelhafter Kleidung. Zudem entspricht sie nicht dem Modell-Schlankheitsbild und wird einerseits von der Mutter regelmäßig zur Mäßigung ermahnt und muss sich auf der bergigen, kurvigen, waldreichen Insel mächtig abstrampeln, um im Laufe der Zeit etwas zu erschlanken. Ansonsten ist sie nicht auf den Kopf gefallen, und der Leser lernt sie im Laufe der Lektüre als empfindsamen und aufmerksamen Menschen kennen. Trotz ihrer 14 Jahre weiß Becca, sich irgendwie durchzuwursteln. 
Und hier kommt auch schon die paranormale Ausrede ins Spiel. 
Der Roman wäre ja ziemlich schnell zu Ende gewesen, gäbe es da nicht Beccas übersinnliche Gabe, mit der man schlecht zur Polizei gehen kann (wir sind schließlich nicht bei Ghost Whisperer, wo nach knapp 30 Minuten jeder Beteiligte das Übersinnliche akzeptieren muss, bevor die Sendezeit vorbei ist). Anstatt also bei der Polizei aufzuschlagen und zu sagen: "Hey, ich kann Gedanken hören und weiß, dass mein Stiefvater seinen Partner ermordet hat" und daraufhin in der Gummizelle zu wandern, bleibt dem Mädchen nichts anderes als die Flucht. Dass sie dabei keinen bzw. nur einen sehr vorsichtigen romantisch verklärten Blick nach links und rechts wirft und auch dem übrigen in der Jugendliteratur gern überthematisierten Outfit- und Make-up-Schischi keine sonderliche Beachtung schenkt, ist durchaus realistisch und lobenswert.
Während Becca aus gegebenen Gründen natürlich nicht vorpreschen und sich erklären kann, ist es aber doch höchst unrealistisch, dass keiner der beteiligten Erwachsenen auf der Insel auch nur einen Gedanken daran verschwendet, die Behörden einzuschalten, als man rein gar nichts von Beccas Mutter hört. Welche Mutter setzt ihr Kind schon allein auf eine Fähre und schickt es zu einem vollkommen unbekannten Ort mit nichts als einem Handy, bei dem man doch selbst in den hochtechnisierten USA nicht allerorts von perfekter Erreichbarkeit ausgehen kann? Und wer nimmt ein wildfremdes Kind dauerhaft bei sich auf, das daherkommt wie der klischeehafte Grufti und dessen Mutter scheinbar keine Anstalten macht, in irgendeiner Form Kontakt aufzunehmen? Keiner hinterfragt, ob das Mädchen nicht vielleicht weggelaufen ist usw. Auch wird man offenbar an allen Wald- und Wiesenschulen angenommen, ohne im Besitz gültiger Dokumente zu sein. Dies ist, so scheint es, aber literarisch ein weitaus weniger schwer wiegendes Problem, als einen Heranwachsenden gar nicht in die Schule zu schicken. Nun ja ...
Anstatt die Sorge um die Mutter, die so gar nicht auftauchen will, stetig anwachsen zu lassen, lässt Elizabeth George Becca vom Alltag aufsaugen und die Mutter immer seltener erwähnen, nimmt ihr dann auch noch das Handy, mit dem man offenbar alles, nur nicht die Mutter erreichen kann, weg und legt den Jungen, zu dem sich eine seltsame, unausgesprochene Beziehung anzubahnen scheint, auch noch schwer verletzt in den Wald und dann im Koma ins Krankenhaus. 
Jeder hat irgendetwas zu verbergen und flüstert wirre Gedanken, die Becca schlichtweg nicht zusammenbekommt. 
Da sind: 
Derric, der ugandastämmige Adoptivsohn des Sheriffs, der weite Strecken des Buches im Koma verbringen muss und dessen Gedanken Becca immer und immer wieder das Wort "Freude" entnimmt. 
Debbie, ihre "Ersatzmutter", die ihr anstelle der verstorbenen Carol Quinn einen Platz zum Schlafen und mehr gibt, aber alle und jeden des Drogenmissbrauchs verdächtigt und schon gar keinen Jungen in Beccas Nähe duldet, aber Becca nie eine vernünftige Erklärung gibt. 
Seth, der eifersüchtig auf Derric ist und im Laufe der Zeit zu Beccas bestem und zuverlässigem Freund mutiert.
Hayley, Seths Ex, deren Familie von großer Sorge um den kranken Vater gebeutelt wird.
Sheriff Mathieson, Derrics Adoptivvater, der ein Geheimnis privater Natur hat. 
Diana, die Frau mit den vielen Hunden, die tatsächlich die Einzige zu sein scheint, die in irgendeiner Weise mit Becca verbandelt ist. 
Und alle sind sie eingebettet in die beschauliche Waldlandschaft der Insel vor Seattle, die doch eigentlich eine schön spannende Kulisse bieten sollte, hier aber gerade einmal zum Geheimplatz für jugendliche Kiffertreffs mutiert. 
Nebenhandlungen rund um die Nebencharaktere blähen die Geschichte auf und nehmen dem Geschehen Spannung, bevor eine profane Auflösung des Falls (huch, das Wort an sich ist schon ein Spoiler) hingeworfen und dann der obligatorische Cliffhanger draufgesetzt wird. 
Und immer wieder fragt sich der Leser, nein, fragte sich diese Leserin, was das denn alles mit Becca zu tun hat. 
Ja, nix, na gut, nicht ganz nichts, aber weniger, als man sich erhofft, und damit verschenkt die bekanntermaßen kriminalistisch plottende Autorin unheimlich viel Potenzial.
Sprachlich bin ich ebenso gespalten, aber unsicher, ob dies wirklich dem Einsatz zweier Übersetzerinnen anzulasten ist. Insgesamt liest sich der Text wie mit heißer Nadel gestrickt. Während auf Becca auf der einen Seite (8) zusieht, wie ihr "Stiefvater verstohlen dort [aus ihrem Zimmer] herausgeschlichen kam", anstatt er aktiv herausschlich, vermutet sie auf anderer Seite (63), dass die Mutter "eingekehrt sein musste", "konsultierte" aber auf der Folgeseite (64) die Straßenkarte. Besonders am Anfang scheint man sich nicht einig zu sein, ob man eher eine lockere Richtung einschlagen will oder nicht. Der verwirrendste Punkt allerdings ist das Wort "Freude", das Becca aus Derrics Kopf entgegenweht. Selbstverständlich kann sie lange Zeit nichts damit anfangen, außer es im strengen Sinn, nämlich von Freude, aufzufassen, und diese Verwirrung wird im Buch auch folgerichtig zur Sprache gebracht. Als es dann aber endlich die Auflösung gibt, die der geübte Leser natürlich längst vermutet hat, wird geradezu stoisch an dem Wort Freude festgehalten, wodurch der Lesefluss erheblich gestört wird. Keine Spur vom überwältigenden Stil, den das Wall Street Journal laut Umschlagrückseite lobt.

Fazit: 
Jugendbuchausflug mit angenehm realistischen Tendenzen, die vor überflüssigen Handlungssträngen und unspektakulären Klärungen leider verpuffen. Auch angesichts des Preises eher bedingte Leseempfehlung nur für eingefleischte Elizabeth-George-Fans, die sich nichts entgehen lassen wollen, Unerschrockene bzw. Leser, die Gefallen an vor sich hin plätschernden Geschichten finden und nicht auf den großen Wow-Effekt bestehen, denn reißerische Knaller müssen nicht allgemeingültig ein Muss sein. 

Mein Gesamteindruck 
3 von 5 Weißdornzweigen








Gebundene Ausgabe: 448 Seiten
Verlag: INK; Auflage: 1 (4. November 2011)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3863960017
ISBN-13: 978-3863960018
Vom Hersteller empfohlenes Alter: 13 - 16 Jahre
Originaltitel: The Edge of Nowhere
Größe und/oder Gewicht: 21,6 x 15,8 x 4,4 cm 
Preis: neu 19,99 € 

1 Kommentar:

Carmen hat gesagt…

Eine sehr informative Rezension. Das Buch zieht mich so gar nicht an. Hast Du Mal das Biergulasch mit alkoholfreiem Bier gekocht?

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