Donnerstag, 3. November 2011

... über "Die Insel der besonderen Kinder" von Ransom Riggs

Ransom Riggs
Größtenteils spannende Zeitenverschmelzung, Holpersteine inklusive


Zum Inhalt: 
Jacob Portman ist eigentlich ein ganz normaler Teenager. Er jobt in der familieneigenen Supermarktkette, wo er sich gewaltig fehl am Platze fühlt. Sonderlich viele Freunde scheint er nicht zu haben, und sein einzig wahres Idol ist sein Großvater Abraham (Abe). Als Jacob noch klein war, erzählte Abe ihm allerlei abenteuerliche Geschichten aus der eigenen Jugend. Nicht die üblichen Märchen, die man seinen Kindern und Enkelkindern vorliest, sondern gruselige Geschichten von seltsamen Kindern, die in einem Waisenhaus auf einer Insel leben und besonders stark oder gar unsichtbar sind oder levitieren können. Doch diese besonderen Kinder sind in Gefahr, denn fürchterliche Monster sind auf der Suche nach ihnen. Während Jake als Kind fasziniert und ängstlich zugleich war, wächst mit zunehmendem Alter auch die Überzeugung, dass, entgegen der Beteuerungen des Großvaters, alles nur erfundene Stories sind, die vermutlich lediglich des Großvaters Kriegserlebnisse widerspiegeln. Doch auch mit über achtzig Jahren hält Abe an seinen Erzählungen fest, bis zu jenem Tag, als er Jacob vermeintlich verwirrt zu sich ruft, der Enkel ihn jedoch nur noch in den letzten Atemzügen auffinden kann. Sterbend erteilt er Jacob den Auftrag, "den Vogel" zu finden. Bevor Jacob selbst die Kräfte verlassen, blickt er einer entsetzlichen Kreatur ins Auge, die ihn nicht mehr loslassen wird. Um die Vergangenheit des Großvaters schließlich zu ergründen und die mit seinem Tod verbundenen Dämonen zu verjagen, reisen schließlich Jacob und sein Vater, der erfolglose Vogelbuchautor, nicht zuletzt auch auf Anraten von Jacobs Psychiater auf die Insel, die den Kriegsflüchtling Abe einst so viel Sicherheit geboten hat, und der Junge ist nahezu auf alles gefasst, nur nicht darauf, dass er vielleicht selbst Teil der alten Geschichten werden könnte ...



Meine Meinung: 

Obwohl mich Nebenwirkungen von Büchern in der Regel kaltlassen, muss ich vorausschicken, dass dieses Buch für eine geschlagene Woche eine olfaktorische Herausforderung war. Kaum hatte ich es aus der Schutzfolie entfernt, schlug mir ein sauer-stechender Geruch von Druckfarbe in die Nase, der mich daran hinderte, zunächst mehr als zwanzig Seiten am Stück zu lesen, und auch zur strikten Verbannung des Buches vom Nachttisch führte. Nach einer Woche war dann der Gestank aber verflogen und der Lektüre wurde kein Abbruch mehr getan. 
Soviel zum allerersten Eindruck, der sich sonst üblicherweise auf die Gestaltung eines Buches richtet. 
Demzufolge ist die Gestaltung von Ransom Riggs "Die Insel der besonderen Kinder" erst Gegenstand des zweiten Eindrucks, und der macht den weniger duftigen ersten Eindruck wieder wett. Auf dem grünlich gehaltenen Schutzumschlag, sehen wir eine alte Fotografie eines schwebenden Mädchens, dem wir dann auch im Roman begegnen dürfen. Fotografien dieser Art, die allesamt aus Zeiten stammen, in denen die Fotografie noch in den Kinderschuhen steckte, finden sich überall im Buch wieder und unterstreichen nicht nur den Text, nein, sie sind auch untrennbar mit ihm verbunden, denn der Autor bezieht sich in seiner Geschichte direkt auf diese Fotografien, die sein Protagonist an verschiedenen Orten auffindet bzw. gezeigt bekommt. Beim Lesen wandert das Auge also automatisch hinüber zum beschriebenen Bild. Dadurch erhält Ransom Riggs' paranormal-fantastischer Jugendroman unverkennbar einen sehr authentischen Touch. In dieser Beziehung muss ich auch meinen ersten Eindruck nach der Leseprobe revidieren. Nach Lektüre der Leseprobe hegte ich nämlich die Befürchtung, die zahlreichen Abbildungen könnten den Lesefluss stören und vom Wesentlichen ablenken. Das ist nicht der Fall, denn offenbar hat der Autor seine Geschichte um diese Fotografien herumgeschrieben und sie gezielt dafür ausgewählt. Faszinierend sind die alten Fotografien allemal, ein wenig gruselig auch, denn wenn man bedenkt, dass damals noch keine Photoshopper am Werk waren, muss man hin und wieder die eigene Fantasie im Zaum halten. Neben Fotos werden im Text auch Briefe erwähnt, die allesamt handschriftlich im Buch wiedergegeben sind. Hier wurde nicht etwa auf irgendeine Handschrift-Schriftart zurückgegriffen, sondern tatsächlich von Hand geschrieben. Obwohl davon auszugehen ist, dass auch vor 70/80 Jahren kein Mensch gleich geschrieben hat, kommen mir die Handschrift, wenn ich die Handschriften meiner Großeltern daneben lege, zu modern und Abes Vermerk recht unmännlich vor. Da ich aber keinerlei graphologische Fähigkeiten besitze, bleibt es hier natürlich bei einem rein subjektiven Empfinden.
"Die Insel der besonderen Kinder" ist im dritten Eindruck eines der wenigen Jugendbücher, von denen ich heute als Erwachsene sagen kann, dass ich sie im Zielgruppenalter sehr gern gelesen hätte und sie auch für mein Kind aufbewahren würde/werde. Und zwar auch als Mädchen, ganz gleich, ob der Hauptcharakter ein Junge ist und es (jippie, endlich mal) keine (vordergründige) Romanze gibt.
Protagonist und Ich-Erzähler Jacob ist für seine 16 Jahre zwar erstaunlich eigenständig, wenn man bedenkt, dass dem heranwachsenden jungen Mann klischeehaft nachgesagt wird, er sei im Vergleich zu gleichaltrigen Mädchen deutlich unreifer. Diese "Reife" lässt sich jedoch problemlos auf seine innere Rebellion zurückführen. Denn er möchte eigentlich nicht in der Vetternwirtschaft verrotten und hat für sich andere Vorstellungen, auch wenn er (noch) nicht so recht weiß, welche. Von Jacobs Mutter gewinnt der Leser quasi keinen Eindruck, während der Vater ihm näher zu stehen scheint, aber in seiner eigenen Welt als erfolgloser, strauchelnder Autor von Vogelbüchern von der angeheirateten Familie belächelt vor sich hindümpelt. Vor diesem Hintergrund muss Teenager schon selber sehen, wo er bleibt. So hat Jacob einen passenden Kumpel, Ricky, der aber vergleichsweise unnötig ist, da er nur zu Beginn des Romans und später gerade einmal in Erinnerungen an die Todesnacht des Großvaters auftaucht. 
Wesentlich wichtiger sind im weiteren Verlauf natürlich die "besonderen" Kinder.
Während der Autor aber das Ambiente der Insel und des heute verfallenen Waisenhauses sehr atmosphärisch und teilweise hübsch schaurig darzustellen weiß, gelingt es ihm nur bedingt, seine zahlreichen besonderen Kinder detailliert zu ergründen. So erfährt man vergleichsweise wenig über deren Werdegang und Beweggründe, ein besonderes Kind bleiben zu wollen. Auch habe ich mich oft gefragt, wie die Kommunikation zwischen Großvater Abe und der besonderen Emma über so viele Jahre funktioniert hat.
Ransom Riggs hat ein interessantes Zeitenszenario erschaffen, das einigen Erklärungsbedarf mit sich bringt, und angesichts der Teilhandlung vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkrieges könnte ich es nachvollziehen, wenn insbesondere ältere Leser die Abhandlung und Metaphorik des Romans als etwas lapidar empfinden. Für mich stand allerdings die abenteuerliche Geschichte um einen Jugendlichen, der auf der Suche nach Zugehörigkeit ist, im Vordergrund. Dabei gerät das Böse allerdings zu schwarz und das Gute zu verwaschen. Es wird kaum deutlich, ob das "Besondere" der Kinder einen Nutzen bringt. Auch sind die jeweiligen Fähigkeiten zum Teil fragwürdig, und selbstverständlich ist das große Ziel des erklärten Bösen die Weltherrschaft.
Davon abgesehen gelingt es dem Autor sehr wohl, den Orts- und Stimmungswechsel sprachlich zu transportieren. Ist Jacob zu Beginn noch auf eine erfrischende Weise altklug-sarkastisch, so wird er nach dem Tod des Großvaters nachdenklicher und wirkt sprachlich weniger jugendlich. Da in Riggs' Roman nun aber Zeiten aufeinanderprallen, hätte ich mir dazu passend auch etwas sprachlichen Konflikt gewünscht.
Ein solcher trat aber nicht ein, wohingegen sich mit fortgeschrittener Lektüre eine leise Ahnung einschlich, dass Jacob in "Die Insel der besonderen Kinder" nicht auf des Pudels Kern treffen würde.
Und so war es dann auch.
Wer sich eine in sich geschlossene Geschichte erhofft, sei hiermit vor einem Cliffhanger gewarnt.
Wie der Verleger der Originalausgabe verlauten lässt, wird es mit Jacob und den besonderen Kindern 2013 weitergehen. Wenn ich ehrlich bin, trübt der Gedanke, schon wieder an eine Fortsetzungsgeschichte geraten zu sein, meinen Leseeindruck erheblich, weil ich schlicht und ergreifend reihenmüde und trotz der spannenden Lektüre nun nicht nägelkauend auf einen weiteren Band erpicht bin.

Fazit: 
Jugendroman mit paranormalen und fantastischen Elementen, der einmal nicht allein der LeserIN vorbehalten ist, sondern mit reichlich Schauerabenteuer auch den männlichen Leser ans Buch lockt. Visuell und textuell ein gelungenes Gesamtpaket, das aber einige Fragen offen lässt und somit nach Fortsetzung schreit.

Mein Gesamteindruck: 
4 von 5 Weißdornzweigen





Gebundene Ausgabe: 416 Seiten
Verlag: PAN (2. November 2011)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3426283689
ISBN-13: 978-3426283684
Vom Hersteller empfohlenes Alter: 14 - 16 Jahre
Übersetzung: Silvia Kinkel

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