Freitag, 7. Oktober 2011

Spritzringe

Man möge mir meine Abwesenheit verzeihen. Mein Computerdilemma im September hat mich mit allem etwas zurückgeworfen, sodass ich das Bloggen zunächst vernachlässigen musste. Nach einem ganzen Arbeitstag vor einem piepseligen, verspiegelten Netbookdisplay hatte ich in der Freizeit einfach keinen Nerv mehr für Schriftliches. So langsam schaue ich aber wieder aus meinem Papier- und Dauermüdigkeitsstapel heraus, sodass ich nun wohl wieder öfter etwas Senf zu verteilen habe.

Heute aber habe ich mal wieder eine kleine Leseprobe, und zwar aus LeseBlüten Band 4 - Über Grenzen 2011 - Spezial: 50 Jahre Mauerbau. Mein Beitrag heißt "Spritzringe". 
Wie bereits erwähnt, habe ich lange mit mir gehadert, ob ich überhaupt eine Kurzgeschichte zu diesem Thema ersinnen soll. Nicht nur ich bin ziemlich genervt von Klischees und den Ost-/West-Stempeln, deren Tinte irgendwie gegen alles resistent zu sein scheint. Auch wollte ich keine Schluchzgeschichte schreiben, in die ich bekanntermaßen nur allzu gerne verfalle. Deshalb habe ich mal in meiner Osterinnerung herumgekramt und bin in der Pionierrepublik gelandet. Aber weil meine Grinseerinnerung auf dem Papier einfach nicht funktioniert hat, habe ich Persönliches auf ein klitzeklitzekleines Minimum reduziert und doch noch eine Art Liebesgeschichte draus gemacht. 

Und so geht sie los:

"Dass ich eines Tages den Stapel meines Lebens sortieren müsste, habe ich immer gewusst. Trotzdem schreit mir das Herz in den Ohren, als ich eine halbe Stunde lang reglos in die überdimensionale Kiste starre. Sie steht meiner Mutter im Weg, keiner kann sie heben, in meinem Heim findet sie nie und nimmer Platz. 
An nur einem Tag soll ich entscheiden, welcher Teil meiner Vergangenheit entsorgt wird. 
Hier im ländlichen Raum gibt es keine Firmen, die gegen Entgelt unentschlossene Habe aufbewahren. Deshalb wird meine heutige Entscheidung endgültig sein. Was im Müll landet, wird entweder recycelt oder Heizenergie.
Meine Nase wird kalt, wie immer, wenn ich kurz vor dem Tränenausbruch stehe, und ich kichere dümmlich vor mich hin, um zu verhindern, dass salzig-sentimentale Körperflüssigkeit die Berge sozialistischer Schülerkorrespondenz versaut, die ich mit zitternden Fingern aus der Kiste ziehe. 
Wie in Trance zerreiße ich wenig später nach und nach Briefumschläge, die ohnehin bereits so vergilbt und mürbe sind, dass ich die Adressen von Jekatarina, Jelena und wie sie alle hießen, nicht mehr entziffern kann. Stundenlang lese ich jede einzelne Seite, die mir fremde Mädchen aus Saratow, Leningrad, Karlovy Vary, Bukarest … geschrieben haben, stapele neue Briefberge, stürze sie wieder um, weil ich nicht entscheiden kann, was ich behalten soll. 
Den letzten Brief halte ich in der Hand, als die Sonne bereits rot hinter der Obstplantage hinter dem Wohnklotz meiner Kindheit versinkt. Ich muss das Licht anschalten, um die Bleistiftzeilen erkennen zu können. Unwillkürlich frage ich mich, wann wir den Füller als Schreibutensil verbannt haben. Ich drehe und wende das graue, dünne Papier, bis ich das Datum erkenne. 1. Mai 1989 steht dort in regelmäßigen Schreiblettern, eine Woche vor meinem dreizehnten Geburtstag."

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