Samstag, 8. Oktober 2011

Kannste nix andres lesen?

oder

Wenn Mann sich lustig macht, Frau aber trotzdem weiter LiRos liest ...

Soleils Buchgedanken zur Verpackung des Liebesromans in Pseudogenres, damit auch ja keiner mitkriegt, was man da eigentlich liest, noch in bester Erinnerung, spielte ich gestern wieder einmal ahnungslos meinem non-fiction-bevorzugenden Imker meinen Lieblingslesestoff in die Hände. 

So schwierig ist es nun auch wieder nicht, in unserem Haushalt einen Liebesroman zu finden. Zwar tummeln sich die ganz besonders beschämenden Cover mit Vorliebe in zweiter Regalreihe (sorry, aber die Erstausgabe der Feehanschen Karpathianer sorgt für Erpelpelle an der falschen Stelle), aber ansonsten wird hier aus der Liebesromansucht kein Hehl gemacht. 
Die Geschichten können sich noch so sehr hinter Genrebezeichnungen, wie Paranormal Romance, Romantic Suspense, Romantic Fantasy und sonst welcher Augenwischerei, verbergen, bei mir ist der Liebesroman allgegenwärtig. 
Nach meinem Joballtag schreit mein Leseherz nämlich nach Unterhaltung und Flucht.
Habe ich gerade einen Autopsiebericht hinter mir, ist mir mit der Suche nach dem passenden Terminus auch jegliche Lust nach Thrillern verlustig gegangen. 
Habe ich mich durch die zwanzigste Broschüre irgendwelcher Must-see-Sehenswürdigkeiten gewuselt, kann mir gut recherchierte Historie selbst mit Liebesgeschichte gestohlen bleiben. 
Hatte ich die fünfte Ehescheidung des Monats auf dem Tisch, steht mir der Sinn erst recht nach Romantik. 
Alltagsflucht? 
Aber sicher doch!
Realitätsverlust? 
Tschuldigung, aus dem Alter bin ich raus. 
Ich bin durch und durch Realist - life's a bitch, oder etwa nicht? 

Wenn ich von der rosaroten Lesewolke beseelt herabsegele, fange ich nicht an, mein Leben nach Buch X zu färben, und nicht selten bin ich sogar genervt von dubios konstruierten literarischen "Beziehungen" (die ich selber ja auch so gerne konstruiere). 
Trotzdem entspannen mich Liebesgeschichten immer noch am besten. 

Es ist ja nicht so, dass ich nicht offen für anderes wäre, aber ich bin froh, dass ich "Krieg und Frieden" schon vor knapp 20 Jahren gelesen habe, weil das derzeit nicht in meinen Lesealltag passen würde. 

Zum Beweis, dass es aber auch nicht ganz so einseitig geht, ist dieser Beitrag - *hüstel* - werbewirksam mit meinem aktuellen, eher sparsamen Lesestoff bebildert.
Nicht selten schmökere ich in mehreren Büchern (nicht zwangsläufig Belletristik) gleichzeitig, was durchaus Verwirrung stiften kann, wenn sich zwei Plots ähneln. Das trainiert zwar das Gedächtnis, führt aber in der Regel zum kurzfristigen Austausch eines der betreffenden Bücher.
Zum anderen verlängert sich dadurch die Lesezeit erheblich. 
Aber wer hetzt mich denn? 
Ich hab kein mehrere tausend Seiten umfassendes Jahresleseziel. 
Wenn ich auf Statistiken stehen würde, hätte ich ein passendes Studienfach anstelle der Übersetzerei gewählt.

Vor allem aber äußert sich diese Mehrere-gleichzeitig-Schmökerei darin, dass in jedem Raum, in dem ich mich so im Laufe des Tages aufhalte, und zwar mit Ausnahme des Kinderzimmers wirklich in jedem Raum, ein angefangenes Buch herumliegt. Macht ... Moment ... im maximalen, fürchterlich verwirrenden Extremfall ... fünf (wir haben kleine Räume ...)

Wo war ich? 
Ach ja, in jedem Raum ... 
Die Bücher liegen also immer im Blick des Mathematikfachbuchverschlingers, mit dem ich mein Leben teile. 
Somit sind sie auch immer erfrischender Diskussionspunkt - okay, Thema einseitiger Belustigung. 
Wer sich allzusehr vor Klischees fürchtet, muss sofort in Deckung gehen, denn bei uns werden die schnulzige Realität. 
"Mich findeste wohl nicht mehr attraktiv?" (Er winkt mit einem der Palmerschen Krieger des Lichts. Okay, ich werde beim nächsten Meg-Ryan-Film nackt vor Fernseher tanzen und dasselbe fragen ...)
"Was'n das für'n triviales Schmachtfetzchen?" (meistens Cora-Bestseller - nur so als Beispiel)
"Geliebte des Schleimbeutels" - ich hoffe, das Buch ist besser als der Titel!" (Wenn's das Buch wirklich gibt, bitte ich um kurze Information.)
"Lass mich mal reinlesen ..." (aktuell: Dragon Kiss)
Ha, und genau da findet er, der natürlich nicht sucht, beim blinden Aufschlagen des Buches zielstrebig die ausführliche, explizite, verschnulzte - whatever - Liebesszene des Romans.
Und er liest sie auch noch vor ... 
Selbstverständlich hat er noch nie ein Hörbuch mit Simon Jäger als Sprecher (und sowieso noch nie einen Liebesroman) gehört, sodass er dabei nur versagen kann, denn in seiner Lesart muss sogar ich über den "Schwachsinn" lachen. 
Dass er mich damit spoilert, weil er in aller Regel nämlich viel weiter blättert, als ich im Text bin, ist ja sowas von nebensächlich ... 
Tja, und gestern winkte mir aus der Propolis-Hand des Bienenzüchters mein unter Wörterbüchern sicher versteckt gewähnter Cora-Sammelband vom August entgegen. 
"Also ehrlich?! Wo gibt's denn sowas? Fremder trifft Fremde. Es herrscht Unwetter. Er hat ein Hotelzimmer. Sie nicht. Eine gemeinsame Nacht in seinem Zimmer folgt ..." 
Sein Augenrollen war wie immer filmreif. 
Und dann ... au nein ...dann hat er wieder vorgelesen. 
Ein, wie aus Liebesgeschichten auf Papier und Celluloid bekannt, höchst probates Mittel, um einen Mann (huch, war's nicht immer die Frau) zum Schweigen zu bringen ist - ich hab's getestet - ein Kuss!
Trotzdem kam sie wieder, gepresst zwar, aber sie kam, die Frage aller Fragen: 
"Kannste nix andres lesen?" 
"Doch, aber ich hab keine Lust. Und nun leg endlich das Buch weg ..."


PS: Sollten dir grad bei der Arbeit die Ohren klingeln, mein Herz, dann ist das durchaus beabsichtigt. Denn Frau liest jetzt weiter im Cora-Bestseller ...

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