Dienstag, 13. September 2011

... über "Der wahrhaftige Volkskontrolleur" von Andrej Kurkow

Andrej Kurkow
Spitz, subtil, skurril, sowjetkritisch - ein Kurkow für Liebhaber und Kenner 


Zum Inhalt: 
In "Der wahrhaftige Volkskontrolleur" begegnen dem Leser vier Geschichten, die zwar die betreffenden Protagonisten und Handlungsstränge nicht zusammenführen, wohl aber den systemkritischen Zeigefinger hochhalten.
Den Titel verdankt der Roman zunächst dem ländlichen wenig beliebten Gutmenschen Pawel Dobrynin, den eines schönen Tages in den 1920er Jahren - Lenin lebt bereits nicht mehr - die wunderbare Nachricht ereilt, man habe ihn zum Arbeitskontrolleur auf Lebenszeit für die ganze Sowjetunion ernannt. Das klingt erst einmal toll, denn prikasgemäß ist der Volkskontrolleur landesweit zu hofieren, und er genießt höchsten Status (verbunden mit Anerkennung und Rubeln). Während Pawel naiv-freudig seiner höchstoffiziellen Bestätigung in der Hauptstadt entgegenblickt, schluchzt Ehefrau Manjascha sich berechtigterweise in den Schlaf, denn sie und die Kinder sind es, die zurückbleiben. Und in ihrer bäuerlichen Einfachheit scheint sie zu begreifen, dass dieses Gold nicht glänzt. Kurzerhand bewaffnet sie den Ehemann für die Reise mit einer Axt, damit er nicht nur in der Hauptstadt nicht unter die Räder kommt. Denn schließlich erwarten den Neuwürdenträger dort neben einer netten geräumen Wohnung auch eine hauptstädtische Dienstehefrau und Leninsche Lernaufgaben, mit denen er sich erst einmal zurechtfinden muss, bevor er auf dem gewünschten Schimmel würdevoll in den Kreml einreiten und später dann in einem besonders kalten Fleckchen des Landes den Dienst antreten soll. Und dort blickt der zunächst so eindimensional gestrickt scheinende Volkskontrolleur gefährlich hinter die schöne Sowjetfassade.

Während Dobrynin in Moskau mit einer fremden Frau das Bett teilt, fällt an anderer Stelle des russischen Bären ein Engel vom Himmel. Desertiert aus dem Serail ist er sozusagen, denn er kann nicht glauben, dass es in diesem Land keinen echten Gerechten geben soll. Nicht einem Sowjetbürger ist er im Paradiese begegnet, und nun will er sich auf die Suche machen nach ihm, dem wahren Gerechten. Blöd nur, dass der erste Sowjetmensch, auf den der himmlische Deserteur trifft, ein Deserteur ist. Vertrauensselig lässt er sich von Deserteur Sergunkow zum Kleider- und damit Rollentausch überreden, der den irdischen Deserteur in nicht mehr ganz so irdische Gefilde bringt, während der Paradiesflüchtling nun ein ganz irdischer Rotarmisten-Flüchtling (mit kleinen himmlichen Fähigkeiten) ist und tüchtig für sein Brot ackern darf. Ob er bzw. die Pistolenkugel, die er auf den rechten Weg leitete und die nun suchend durch die russischen Weiten pfeift, dabei den Gerechten finden wird? 
In Moskau wiederum sorgt sich ein Schuldirektor um das Wohl seiner Schüler. Seine Schule ist seine Welt, sein Zuhause, sein Alles. Nichts ist ihm wichtiger. Selbst seine Freizeit sitzt er dort. Zufrieden seufzend, von Höherem träumend. Blättert in planmäßigen Aufsätzen und stellt entsetzt fest, dass die Mutter eines Schülers das Träumen verlernt hat. Als sei das Träumen ungleich wichtiger als Parteiauftrag und Co. setzt er nun alles daran, der Deutschstämmigen, die gar nicht die Mutter des Jungen ist, wieder das Träumen zu lehren. 
Und nicht zuletzt ist da Mark Iwanow, der Künstler, der mit einem sehr beredten Papagai Kusma durchs Land tingelt. Dieser rezitiert so scharfzüngig, dass er der wahre Star des Programms ist und dem Kreml Tränen in die Augen treibt. 

Meine Meinung: 
Ich bin weder echter Kurkow-Kenner noch habe ich mich seit dem Studium nennenwert mit sowjetischer oder russischer Geschichte befasst. Nach einer höchst unterhaltsamen Leseerfahrung mit Kurkows "Ein Freund des Verblichenen", die mir noch relativ präsent ist, habe ich mich dennoch auf den Volkskontrolleur gefreut. Als ich die Leseprobe bei vorablesen.de las, gab ich im Leseeindruck zu bedenken, dass diese Lektüre wohl leicht am nicht russophilen Leser verpuffen könnte. 
Schlussendlich stellte es sich heraus, dass auch ich trotz Interesses für die zwanziger Jahre an diesem Kurkow zu knabbern hatte. 
Leider konnte ich die auf dem Umschlag angepriesene Leichtig- und Heiterkeit nicht eindeutig nachempfinden. Kurkows Roman ist keine schreiend witzige Zwischendurchlektüre, sondern überrascht mit langen Sätzen, zahlreichen Figuren, bei denen man sich fragt, ob sie alle notwendig sind, Klischees, gepaart mit parabelhaften Handlungen, und unterhält auf seine kritische Weise sehr wohl, verlangt aber, dass man sich auf Thematik, Text und Akteure einlässt. 
Fast fühlt man sich angesichts des Kurkowschen Rufes darauf geeicht, die Bedeutung von Figuren, und sei es nur ein Pferd, und Handlungen zwanghaft zu hinterfragen, sodass man sich leicht beim Lesen selbst ein Bein stellt.
Die vier Geschichten, die den Eindruck eines Episodenfilms unter dem Thema "Es war einmal nach Lenin" hinterlassen, laufen nebeneinander her, wechseln einander ab, aber man wartet vergeblich auf deren Verknüpfung. Hin und wieder keimte in mir der Versuch einer verknüpfenden Interpretation, die Bestätigung blieb jedoch aus. 
Die vier Handlungsträger treffen in ihren Geschichten auf ganz unterschiedliche und zahlreiche Figuren. Die daraus resultierende Namensvielfalt wird den Russlandunkundigen eher verwirren bzw. die in Klischeenamen versteckten Realitäten dürften eher verpuffen.
Aber Kurkow schreibt nun mal russisch authentisch, und man wird das Gefühl nicht los, dass er in all seiner Überspitzung und Absurdität eben genau für jene schreibt, die einst in der Realität auf ebenso absurde und nicht selten schlichtweg nur säubernde Missionen geschickt wurden. Um eben aufzuzeigen, an welchen bürokratisch-sortierten Dämlichkeiten man sich aufhielt, wie den Dobrynin in eine Gegend zu schicken, in der es eigentlich nichts und niemanden zu kontrollieren gibt, anstatt sich um Seelenheil und innere Freude, Fantasie und Lächeln des Menschen zu sorgen. Kein Wunder, dass der Engel im Paradies noch nie einem S0wjetbürger begegnet ist ... Schuldirektor dürfte dabei die regelbstätigende Ausnahme sein, denn trotz Regimetreue ist er bestrebt, etwas zu finden, das ihn (und die traumlose Frau) innerlich aufleben lässt. 
Die Geschichten muten dabei tatsächlich so typisch an, dass man hin und wieder versucht ist, die Geschehnisse, und bewirkten sie noch so starkes Kopfschütteln, für bare Münze zu nehmen. 
Positiv zu erwähnen ist, dass die Übersetzung mühelos wirkt und Erklärungsbedarf ohne zu viele und zu ausufernde Fußnoten meistert. 
Dass Kurkows Volkskontrolleur insgesamt betrachtet eher anstrengend ist, liegt keinesfalls an der Übersetzung, sondern an der Erwartungshaltung, die der Leser im Textverlauf annimmt. Immer wieder hofft man auf Kreuzungen der Handlungen, doch am Ende wird diese Hoffnung genauso enttäuscht wie die Hoffnung nach einem ordentlichen Abschluss der Handlungsstränge. 
Was bleibt, sind ein verhaltenes Gefühl von "Was wollte der Künstler damit sagen?", lose Fäden und (durchaus nachhaltige) Nachdenklichkeit ohne hochstürmende Begeisterung.


Fazit: 
Unfertig wirkende Sozialkritik an der Sowjetunion der 1920er Jahre und ihren weitreichenden Folgen, die die von der humorvoll flockigen Umschlaggestaltung versprochene Leichtigkeit nicht halten kann und in Lesegefallen wohl eher dem wahren Russland- bzw. Genrefan vorbehalten bleiben wird.


4 von 5 Weißdornzweigen

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