Dienstag, 2. August 2011

... über "Vertraute Gefahr" von Michelle Raven

Michelle Raven

Glaubhafte Romanze vor atemberaubender Kulisse

Klick aufs Bild zu Amazon
Zum Inhalt:
Bibliothekarin Autumn Howard kehrt New York den Rücken. Ihre Eltern sind vor einiger Zeit bei einem Autounfall ums Leben gekommen, ihr eigenes Leben ist angsterfüllt und zerstört, sodass sie dort einfach nichts mehr hält. Sie verkauft Wohnung und Auto, informiert nicht einmal ihre Freundin, dass sie alles hinter sich lässt. Ihr neues Leben möchte sie im Arches National Park in Utah beginnen, wo sie eine Stellung als Rangerin antreten soll. Ihre erste Erkundung unternimmt sie allein, wobei sie prompt einen Unfall hat und sich verletzt. Ihr zukünftiger Kollege Shane Hunter befindet sich zum selben Zeitpunkt glücklicherweise gerade auf einer Fototour, sodass er auf dem Rückweg buchstäblich über die Verletzte stolpert. Allerdings will sie sich zunächst gar nicht helfen lassen, stößt ihn von sich, und es erfordert einiges diplomatisches Geschick, bevor Shane wirklich Erste Hilfe leisten kann. Während Shane Autumns Bein verarztet, fallen ihm zahlreiche schlecht verheilte, alte Narben auf, aber er ist Gentleman genug, um Autumn nicht auszufragen. Auch wenn er sofort von der Frau, deren Haar ihrem Namen alle Ehre macht, fasziniert ist, spürt er jedoch deutlich ihre Anspannung und Furcht. In den folgenden Tagen und Wochen lernt Autumn das gesamte Parkteam und auch Shane besser kennen. Obwohl sie Zuneigung für ihn empfindet und er sich ihr unaufdringlich immer weiter nähert, ist sie nicht in der Lage, sich voll und ganz auf ihn einzulassen. Zu tief ist ihr Vertrauen in Männer erschüttert. Zu sehr wurde sie vor nicht allzu langer Zeit nicht nur seelisch, sondern auch körperlich verletzt. Nach und nach integriert sich Autumn im Team, bleibt aber Erklärungen für ihr reserviertes Verhalten schuldig. Trotz Shanes Geduld und Fingerspitzengefühls öffnet sie sich, selbst als er sie am 4. Juli mit zu seiner Großfamilie nimmt, nicht. Doch bei ihrer Rückkehr findet sie ein abstoßendes Geschenk vor, denn ihre Vergangenheit will ihr perfides Spiel bis zur letzten Konsequenz fortsetzen.

Meine Meinung: 
Meines Erachtens spiegelt der Buchumschlag den Roman recht gut wider, selbst wenn das abgebildete Frauengesicht nicht unbedingt meiner Vorstellung der Protagonistin entspricht. Atmosphärisch hingegen wird der Inhalt mit Felsformationen und rötlich-sandigen Texturen und der geheimnisvollen männlichen Silhouette passend eingefangen. Auch dem eher romantischen Touch der Liebesgeschichte wird Rechnung getragen.
"Vertraute Gefahr" ist die überarbeitete Neuauflage von Michelle Ravens Reihenauftakt rund um die Hunter-Familie, der zuerst unter dem Titel "Canyon der Gefühle" erschienen war. 
Überwiegend aus Perspektive der Protagonistin erzählt die Autorin die Geschichte einer Frau, die unbeschreibliche Qualen durchleiden musste. 
Ihre Angst sitzt so tief, dass sie jedes Wort, jeden Blick, jede Handlung, jede Berührung des Mannes, der ihr neues Leben sein könnte, mit ihrem einstigen Peiniger vergleicht. 
Was genau mit Autumn passiert ist, wird zunächst lediglich in Vergleichen angedeutet. Später kommen kursiv gedruckte Erinnerungen hinzu, die im Präsenz geschildert werden und auf unerklärliche Weise eine Distanz schaffen, die den Leser zum hilflosen Zuschauer macht. 
Vor der atemberaubenden Kulisse des Nationalparkes gelingt es Michelle Raven hervorragend, den Leser in die Gefühle der Protagonistin eindringen zu lassen. Vorsichtig beginnt man, sich mit ihr gemeinsam freier zu fühlen, Distanz zur Vergangenheit zu empfinden und dem männlichen Part, Shane, entgegenzukommen. Sie hat einerseits Schreckliches erlebt, das unterschwellig immer präsent ist und sein wird, aber man gönnt ihr die Augenblicke, in denen sie sich erlaubt, Attraktivität zu empfinden und sich Nähe zu wünschen.
Auf nachvollziehbare, realistisch langsame Weise entspinnt sich zwischen den Charakteren eine Beziehung, die, und das ist nach Shannon McKennas "Die Nacht hat viele Augen" und Lisa Marie Rices "Gefährlicher Fremder" geradezu erfrischend, nicht in erster Linie auf Erotik aufbaut und trotzdem oder gerade deshalb weder eintönig noch langweilig ist. Eine überhastete Beziehung mit deutlichem Fokus auf Intimitäten wäre absolut unpassend und ein Affront gegenüber Autumns traumatischer Vergangenheit gewesen.
Shane ist ein geduldiger, sympathischer Charakter, hat einen Sinn für die Schönheit der Natur, die er ausgezeichnet im Bild festzuhalten weiß, aber ist in keiner Weise ein Weichei, sondern hat Biss und ist vor allem, wenn es um die geht, die ihm am Herzen liegt, bereit, alles zu geben und richtig zuzupacken. Dass er noch dazu ein ansehnliches Schmuckstück ist, überliest man angesichts seiner traumhaften Charakterzüge leicht. So präsentiert er sich von Anfang an als genau der Mann, den Autumn an ihrer Seite braucht. Damit wachsen beide dem Leser rasch ans Herz und man hofft, je länger man beobachtet, wie Autumn nach und nach die schwere Last von den Schultern gleitet, mit jedem Kuss, jeder Berührung, dass der große Knall möglichst nie eintreten möge. 
Zwangsläufig muss dieser aber eintreten, denn das Genre will es so. 
Nach anfänglicher Harmonie spitzen sich die Ereignisse zu, zeigen aber, dass Autumn nicht nur an Shanes Seite, sondern auch aus eigener Kraft so gewachsen ist, dass ihr Überlebenswille sich weder von Schuldgefühlen noch von Angst beugen lässt. 
Obwohl die Autorin vergleichsweise viele Nebenfiguren, wie Ranger, Polizisten und Shanes große Familie, ins Spiel schickt, entsteht keine Verwirrung. 
Jede Figur hat ihren Platz in der Geschichte, niemand wirkt überflüssig, und bei einigen Charakteren weiß man sofort, dass man sie nicht zum letzten Mal gesehen hat.  
Shanes taffer Bruder Clint, ein Navy Seal, kommt im nächsten Buch Riskante Nähe zum Zug. 
"Vertraute Gefahr" mag zwar etwas vorhersehbar, in sprachlicher Hinsicht noch unausgewogen und dem Erotikliebhaber noch zu vorsichtig sein, ist aber durchweg spannend, zum Ende hin sogar überraschend brutal, sodass die Sanftheit der Romanze und die landschaftliche Schönheit geradezu verpuffen. Michelle Raven beweist hier, dass auch deutsche Autorinnen Romantic Suspense beherrschen. 

Fazit: 
Gelungener Reihenauftakt, der für bildhafte Atmosphäre sorgt und mit glaubhaftem Verhalten der Charaktere überzeugt. 

Gesamteindruck:
4 von 5 Weißdornzweigen

Keine Kommentare:

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...