Dienstag, 9. August 2011

... über "Darkyn 4: Blindes Verlangen" von Lynn Viehl

Lynn Viehl

Runde Fortsetzung mit dynamischen Charakteren und großem Handlungsfortschritt

Zum Inhalt (mit Spoilern zum Vorgängerband "Dunkle Erinnerung"):
Am Ende von "Dunkle Erinnerung" war Dr. Alexandra Keller von Highlord Richard Tremayne entführt worden. Er brachte sie auf seine "Festung" ins schottische Dundellan, damit sie dort nach einem Heilmittel für ihn suchte. Das Oberhaupt der Darkyn zählt zu den sogenannten Veränderten und mutiert mehr und mehr, um vielleicht vollends seine menschliche Gestalt zu verlieren, wie es in "Dunkle Erinnerung" bereits Faryl erleben musste. Alexandra wäre aber nicht Alexandra, wenn sie sich dem Zwang und dem Eingesperrtsein kampflos ergeben würde. So weigert sie sich standhaft, Richard zu helfen, während ihr Gefährte Michael Cyprien in den USA seine Kräfte, unter anderem auch Alex' Bruder John, der nach wie vor zwischen der Bruderschaft des Lichts und den Kyn steht, mobilisiert, um seine Frau zu befreien. Doch Alexandra ist nicht die Einzige, die sich in Gefangenschaft befindet, denn in Frankreich wird ebenfalls ein Vampir gefangen gehalten. Gabriel Seran, Bruder von Angelica, die noch in "Versuchung des Zwielichts" durch Intrigen und Verrat an den Kyn von sich Reden machte, wurde von der Bruderschaft des Lichts, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Welt von den Darkyn zu bereinigen und im Reihenauftakt hierzu sogar John zu einen der ihren gemacht hatte, entführt und nun in einem alten Schloss gefangen gehalten und gefoltert. Während Gabriel Höllenqualen zu erleiden hat und jegliches Zeitgefühl verliert, halten ihn allein Träume von einer unbekannten Frau am Leben. Seine Schmerzenschreie, die nachts im alten Château zu hören sind, nähren in der Region Gerüchte, dass dort ein Geist umgehe. Diese Gerüchte bekommt auch Nicola  "Nick" Jefferson zu hören, als sie dort eintrifft. Sie sucht etwas ganz Bestimmtes, eine goldene Statue, die einst ihrem Stiefvater gehört hat. Als geschickte Diebin zieht sie durch die Lande, findet Schätze von unsäglichem Wert, jedoch nicht diese eine Madonna, die sie zu ihren Eltern ins Grab legen möchte. Ihre Goldsuche und seltsame Träume von einem Grünen Mann führen sie also nach Frankreich, wo sie im Château keinen Schatz, aber den nach all der Folter erblindeten und über und über mit grünlichen Narben übersäten Gabriel findet. Sie weiß, was Gabriel ist, doch sie zeigt keine Furcht. Es gelingt ihr, ihn zu befreien, und gemeinsam fliehen sie vor den Häschern der Bruderschaft zu Gabriels Landsitz bei Toulouse, nur um dort festzustellen, dass Gabriels Existenz ausgelöscht ist. Enttäuscht über das Ausbleiben der Hilfe durch die Kyn will Gabriel nun nach Schottland, um die Dinge wieder ins Lot zu bringen. Natürlich können weder Nick noch Gabriel wissen, dass in Dundellan bereits ein eigener Krieg brodelt, in dem Alexandra sich an Lucans Aussage "Man ist, was man isst" erinnert und sich schließlich doch an die Forschungsarbeit macht. Widerstand begegnet ihr dabei allerdings von einer Seite, mit der sie nicht gerechnet hätte ... 

Meine Meinung: 
Obwohl die Covergestaltung der Darkyn-Reihe großen Wiedererkennungswert in Bezug auf die Reihe hat, so muss ich sagen, dass ich, je mehr Bände es nun werden, den Überblick verliere, welcher Band welcher ist. So wünschte ich mir doch etwas Abwechslung gegenüber dem Rot, das seit Band 2 das Bild dominiert und leider auch gerade mal Bezug zu dem Blut haben könnte, das die Darkyn konsumieren müssen. Warum nun noch einmal Lilien zu sehen sind, verschließt sich mir. Da Gabriel nach Tannen duftet und über das besondere Talent verfügt, Insekten und Spinnengetier zu rufen und zu befehligen, wäre ich einem Grünton nicht abgeneigt gewesen. Nun gut, diese Entscheidung liegt nicht beim Leser, schade ist es aber trotzdem. Inhaltlich passend ziert "Blindes Verlangen" erfreulicherweise ein Frauenporträt, denn auch wenn sowohl Richard als auch und noch mehr Gabriel unverkennbar gequälte Helden sind, so sind doch die Frauen in diesem vierten Buch der Reihe die Heldinnen der Stunde. 
Mit "Blindes Verlangen" macht Lynn Viehl wieder Punkte bei mir gut. 
Sie knüpft nahtlos an die Geschehnisse von "Dunkle Erinnerung" an und vergisst auch nicht, Lucan und Samantha noch einmal zu erwähnen und somit die Verbindung zu Alexandra und ihrem Blut herzustellen. Während sie Alexandra fleißig modern dem machohaften Gehabe der Herren im schottischen Schloss die Stirn bieten lässt, stellt sie ihr in der parallelen Handlung Nicola an die Seite, die nicht minder taff ist und sich durchzusetzen weiß. 
Das ist auch kein Wunder, denn sie hat sich seit dem Tod der Eltern, zu dem sie sich äußert bedeckt hält, allein durchschlagen müssen und verfolgt konsequent ihr Ziel, die goldene Madonna zu finden. Auch wenn Nick zu Beginn übertrieben unabhängig scheint, wird sie rasch zu einem Sympathieträger, weil man häufig den Eindruck gewinnt, ihr beinahe aufopferndes Verhalten gegenüber Gabriel müsse einen tiefer gehenden Grund haben als schnöde Anziehung. Der Darkyn-Leser weiß natürlich bereits, dass Lynn Viehls Frauencharaktere immer etwas Besonderes sind, und ähnlich wie bei Jema in "Im Bann der Träume" flicht die Autorin geschickt kleine Hinweise ein. Trotzdem ist die Überraschung am Ende ungetrübt und auf jeden Fall ein weiterer Fortschritt in der Darkyn-Welt. 
Mit Gabriel wird der Wunsch der Leserin nach einem gequälten Charakter, der in vieler Hinsicht Unterstützung benötigt, befriedigt. Nachdem Michael Cyprien im Reihenauftakt schönheitschirurgische Hilfe brauchte und dabei Alexandra fand, ist nun in "Blindes Verlangen" Gabriel blind und ausgehungert. Dem Hunger könnte auf allerlei andere Weise abgeholfen werden, aber Nick stellt sich wissend zur Verfügung und verfestigt so auch die Verbindung, die beide bereits in ihren Träumen aufgebaut hatten, ohne einander zu kennen. Diese Träume sind oft kryptisch und recht mystisch angehaucht. Sie erzählen Existentes, aber auch Dinge, die geschehen werden oder könnten. Nicht immer leicht zu deuten, lenken sie aber nicht von der eigentlichen Handlung ab, sondern sind nicht wegzudenkender Bestandteil. 
Ebenso nicht wegzudenken sind auch wieder die Düfte, die dieses Mal etwas anschaulicher und besser nachvollziehbar beschrieben sind und sich nicht auf ein "er duftete nach Geißblatt" beschränken, denn nicht jeder Leser ist in der Lage, Gerüche auch mit entsprechenden Blüten und Pflanzen zu assoziieren (im Übrigen weiß ich immer noch nicht, wie Geißblatt duftet). Einmal mehr spielen die Gerüche hier eine wichtige Rolle, um den l'attrait zu verdeutlichen und auch die - emotionale und sexuelle - Sehnsucht der Sygkenis aufzuzeigen, wenn sie länger von ihrem Gefährten getrennt ist. Letzteres war zwar in "Dunkle Erinnerung" bereits angedeutet worden, verkam dort aber zu einer zwar kurzen, aber heftigen, magenherausfordernden Sexszene.
Ein wenig fragwürdig sind allerdings so manches Mal die besonderen Fähigkeiten ("Talente") der Kyn, die offenbar nicht immer höheren Überlebenszwecken dienen, sondern gelegentlich auch der Befriedigung niederer Instinkte. Gabriels Herrschaft über die Insektenschwärme erweist sich in vielerlei Hinsicht als hilfreich, ebenso wie Alexandras Talent, die Gedanken von Mördern zu hören, aber vielleicht ist es ja doch von Nutzen, wenn ein Kyn in der Lage ist, alles und jeden dazu zu bringen, mit ihm zu schlafen. Na ja ...
Lynn Viehl wechselt in passenden Intervallen zwischen den Standorten Frankreich und Schottland (und weniger Amerika), rückt die Charaktere räumlich näher, bis sie schlussendlich alle aufeinander treffen. Dabei sind die Hauptcharaktere von "Blindes Verlangen", Nicola und Gabriel, nahezu ununterbrochen beisammen und lernen sich deshalb über einen längeren Zeitraum besser kennen, als es bisher bei den Darkyn der Fall war. Trotzdem nährt gerade Nicks Verschlossenheit Fragen und Misstrauen, wodurch der Liebesgeschichte keine romantische Verklärung anhaftet.
Dazwischen wird es nicht langweilig, Lynn Viehl findet ihre eigene Erklärung für den Verbleib des berühmten Bernsteinzimmers, Alexandra macht immense Fortschritte in ihren Forschungen, und die erotischen Begegnungen driften, den Charakteren angemessen, nicht ins Geschmacklose oder Unerträgliche ab. 
Als störend empfinde ich lediglich die Passagen, in denen recht viel Französisch gesprochen wird und man vom Leser nicht zwangsläufig erwarten kann, dass er diese versteht (es in den meisten Fällen glücklicherweise auch nicht muss). Nach wie vor störe ich mich an der Verwendung des bestimmten Artikels in den kursiv wiedergegebenen französischen Einwürfen, wie l'attrait oder le château, in etwa "sie gingen in le château" (kein Zitat), die allerdings bereits im englischen Original so dargestellt werden. Mich persönlich hemmen sie im Lesefluss, aber das muss nicht für jeden Leser gelten. 

Fazit: 
Spannende Fortsetzung, die mit wichtigen Schritten in der großen Rahmenhandlung der Reihe aufwartet und ein Liebespaar bietet, das sich fast ertrinkend aneinander klammert und noch viel aufarbeiten muss. Dabei ist "Blindes Verlangen" nach einem atemlos machenden Durchmarsch durch vier Romane mit Erklärungen und Zusammenführungen loser Fäden aber soweit in sich geschlossen, dass man bis zum Erscheinen des fünften Bandes Für die Ewigkeit im Februar 2012 kaum Angst haben muss, den Anschluss zu verlieren. 

Gesamteindruck: 
4 von 5 Weißdornzweigen


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