Montag, 8. August 2011

... über "Darkyn 3: Dunkle Erinnerung" von Lynn Viehl

Meiner Einschätzung nach ist dieses Buch nicht für Leser unter 18 Jahren geeignet.


Lynn Viehl

Flotte, herausfordernde Fortsetzung mit alten und neuen Charakteren und einigen Überraschungen

Zum Inhalt:
"Dunkle Erinnerung" setzt ein wenig zeitversetzt nach Im Bann der Träume an. Alexandra, Protagonistin des Reihenauftakts Versuchung des Zwielichts, ist nach den Ereignissen des zweiten Bandes von Lynn Viehls Darkyn-Reihe wiederhergestellt und geht weiter ihrem Beruf als Ärztin der Kyn nach. Als sie zu einem potentiellen Patienten, Faryl, gerufen wird, der unter einer seltsamen Fleischfäule leiden soll, verschwindet dieser jedoch nach Florida. Michael Cyprien hegt den Verdacht, Faryl wolle sich von Lucan, dem berüchtigten ehemaligen Auftragskiller des Darkyn-Königs, töten lassen. Zudem besteht zwischen Cyprien und Lucan eine uralte Fehde. Gemeinsam mit seiner Entourage macht sich das Paar Alexandra und Michael also ebenfalls auf den Weg nach Florida. Dort, in Fort Lauderdale, wird in der Zwischenzeit eine junge Frau ermordet aufgefunden. Bei ihr befindet sich ein mittelalterliches Kreuz, in das der Name Lucan eingraviert ist. Samantha "Sam" Brown und ihr Partner Harry von der Mordkommission werden mit dem Fall betraut, der sie direkt in den Nachtclub "Infusion" und zu dessen Besitzer Lucan führt. Natürlich weiß sie nicht, dass der Mann mit den seltsamen Augen und samtbehandschuhten Händen ein Vampir ist. Von ihrem ehemaligen Partner verfolgt und belästigt, wird sie von Albträumen gequält, die sie generell vorsichtig machen und in ihr Misstrauen gegenüber allem und jedem keimen lassen. Auch wenn sie dem Attrait weitestgehend widerstehen kann, ist sie von Lucans düsterem Wesen fasziniert und schließt ihn bald als Verdächtigen aus. Auch Lucan, der nunmehr seinen eigenen Jardin führen möchte, kann nicht von Sam lassen, denn sie gleicht seiner ehemaligen Liebe Frances, die ihm einst das Herz brach, aufs Haar. Um nicht noch mehr menschliche Aufmerksamkeit auf die Darkyn zu ziehen, beschließt Lucan, Sam bei den Ermittlungen zu unterstützen, will sie aber gleichzeitig zu seiner menschlichen Geliebten machen. Als dann nicht nur Faryl, der eine besondere "Abart" der Darkyn darstellt, sondern auch Darkyn-König Richard, Cyprien nebst Gefolge und sogar Alexandras Bruder John in Fort Lauderdale eintreffen, verblassen die menschlichen Mordermittlungen. Denn plötzlich steht Sam, aber auch Alexandra, mitten in einem Darkyn-Krieg, in dem Lucan ganz und gar kein blütenreines Spiel spielt, aber auch alles daran setzt, Sam nicht zu verlieren.  

Meine Meinung: 
Zunächst ist es immer etwas schwierig, Lynn Viehls Darkyn-Reihe inhaltlich zusammenzufassen, ohne etwas zu vergessen oder zu viel zu erzählen. 
Zu komplex sind die einzelnen Bücher und zu wenig geht es jeweils nur um die vermeintlichen Hauptcharaktere. 
Handlungsstränge aus vorangegangenen Bänden werden aufgegriffen und fortgeführt. 
So gibt es immer wieder Berührungspunkte zwischen den Romanen, die deshalb meines Erachtens nach unbedingt in Folge gelesen werden müssen. 
Längere Zeiträume zwischen der Lektüre erweisen sich für mich ebenfalls als ungünstig, da immer wieder Einzelheiten in Vergessenheit geraten. Das ist auch ein Grund, aus dem ich mir für die Darkyn-Reihe ein Glossar mit den fremd anmutenden Namen der Hierarchien usw. in der Welt der Darkyn wünschen würde, denn diese bleiben kaum im Gedächtnis und tragen zu einiger Verwirrung bei.
Lynn Viehl fordert unverkennbar die Aufmerksamkeit und das Gedächtnis des Lesers heraus, was im Vergleich zu anderen Geschichten, die man getrost nach der Lektüre wieder vergessen darf, durchaus erfrischend ist, aber auch jede Menge Bereitschaft abverlangt.
In "Dunkle Erinnerung" sind Lucan und Samantha auf den ersten Blick die Hauptakteure, während aber der Weiterentwicklung des Darkyn-Universums große Beachtung gilt. Die Nebenhandlungen sollten daher nicht quer- oder überlesen werden.
Leider, so muss man sagen, verblassen die Hauptcharaktere und ihre Liebesgeschichte, die die Einordnung der Darkyn unter Romantic Fantasy rechtfertigen soll, vor all dieser Verknüpfung. 

Nach wie vor dürfte es dem softeren Romanzenfan nicht gefallen, wie sich die "Beziehungen" zwischen den Charakteren entwickeln. Von "Entwicklung" kann dabei nämlich kaum die Rede sein.
So ist auch in "Dunkle Erinnerung" der Vampir (und der Begriff Vampir sei bei Lynn Viehl nur zur Vereinfachung verwendet, da ihre Darkyn nicht 100-prozentig der bekannten Mythologie folgen) Lucan kein Kind von Traurigkeit und erst auf den zweiten Blick der gequälte Held. Seine besondere Fähigkeit, die ihn zwingt, Samthandschuhe zu tragen, wird hier zunächst auf subtile Weise, in Nebensätzen und Andeutungen, in die Geschichte eingewoben, wirkt nie aufdringlich, aber auch nicht aufgesetzt, als sie letztendlich volle Erscheinung erreicht. 
Zudem dauert es vergleichsweise lange, bis man eine gewisse Sympathie für den Vampir, der zwar ein gebrochenes Herz hat, aber ansonsten ziemlich vampirisch-gnadenlos daherkommt, empfinden und ihn, wie es auch Sam schließlich tut, als "Polizisten" der Darkyn akzeptieren kann. Zumindest bei mir kommt kein Gefühl von Charisma oder sonderlicher Attraktivität auf. Für mich bieten Lynn Viehls Vampire erfreulich wenig Romanzencharakter, dafür aber mehr Spannung.
Bei Lynn Viehl muss man sich auch immer im Klaren sein, dass die männlichen Charaktere in Bezug auf die weiblichen Gegenparts höchst selten kerzenbeschienene Schmuseabsichten haben. Erotik gehört bei den Darkyn dazu, steht aber nicht übertrieben im Vordergrund.
Für so manchen Leser wird die Glaubwürdigkeit der Beziehung (und großen Liebe) unter dem übermäßig dargestellten Verlangen und dem mangelnden Wachsen von Gefühlen leiden. Auch in "Dunkle Erinnerung" geht es gewöhnungsbedürftig deftig und deutlich und vor allem rasant zu, weil Lynn Viehl aufgrund der vielen Handlungsstränge wieder einmal kaum Zeit für menschliche Annäherung bleibt.
Nachdem Samantha durch die Erfahrung mit ihrem Ex-Dienstpartner, der sie leider nicht nur in ihren Albträumen, sondern auch in der Gegenwart nicht loslässt, stark traumatisiert ist und der Brutalität ihres Jobs mit großer, nach Selbstschutz schreiender Professionalität begegnet, ist es doch einigermaßen verwunderlich, dass sie trotz ihrer unerklärlichen Resistenz gegenüber dem Attrait zwar nicht schmachtend in Lucans Arme sinkt, aber sich von ihm auf eine Weise nehmen lässt, die man oft nur sehr schwer als konsensuell bezeichnen möchte.
Selbst wenn Lynn Viehls weibliche Charaktere bisher allesamt sehr eigenständig und, ausgenommen vielleicht Jema, als taff einzustufen sind und sich nach der Begegnung mit dem smarten Vampir nicht wie in anderen Reihen des Genres vollends in nicht länger erwähnenswerte Heimchen am Herd verwandeln (Alexandra bleibt Ärztin, Sam will weiter als Polizistin arbeiten), so bleiben doch die männlichen Charaktere dominant, was nicht jeder Leserin gefallen dürfte. 
Die Herren der Vampirschöpfung lenken und leiten nämlich überaus gerne und lassen ihre Frauen auch gerne einmal über Wichtiges im Unklaren. 
Selbst Alexandra, die nun schon eine gewisse Zeit an der Seite Michael Cypriens verbracht hat, weiß längst nicht alles über die Kyn und fällt so von einer Überraschung in die nächste. Dabei wundert man sich, dass sie nicht öfter mit der Faust auf den Tisch haut, denn ein solches Tappen im Dunkeln ist natürlich sehr ungünstig, immerhin arbeitet sie fieberhaft an der Erforschung eines Heilmittels, womit sie sich naturgemäß nicht nur Freunde macht. 
Als ihre letzte Verbindung zum "Leben" tritt wieder ihr Bruder John auf den Plan, der sich noch so sehr wehren, noch so weit flüchten und noch so viele neue Lebensaufgaben suchen kann, aber immer in Geschehnisse mit Kyn verwickelt wird und offenbar mehr als nur eine Nebenrolle spielt. 
Allerdings finde ich, dass es langsam einmal Zeit wird, ihn und den Leser aufzuklären, welche Bewandtnis es denn nun mit ihm hat. Das Rätselraten macht auf die Dauer keinen Spaß und höchst ungeduldig. 
Genauso vertrakt sind die Fehden unter den Darkyn. 
Während die Jardins sich untereinander nicht zwangsläufig grün sind, scheint der Highlord aller Kyn, Richard, ganz eigene Ziele zu verfolgen, und dieser Handlungsstrang, für den "Dunkle Erinnerung" den Grundstein legt, dürfte nun erst richtig interessant werden. 
Insgesamt betrachtet ist "Dunkle Erinnerung" eine würdige und spannende Fortsetzung, die mit neuem Schauplatz, neuen Charakteren, neuen Informationen und neuen Experimenten und vor allem einem wirklich fiesen Cliffhanger aufwartet. 
Inwieweit wir Sam und Lucan noch einmal zu Gesicht bekommen, sei jedoch dahingestellt, denn echte "wiederkehrende" Charaktere sind bisher nur Alexandra, Michael und deren Gefolge. 
Auf jeden Fall aber macht "Dunkle Erinnerung" Lust auf mehr von den Darkyn.  

Fazit: 
Gewohnt komplexe Fortsetzung einer nicht alltäglich-langweiligen Reihe. Empfehlenswert für Freunde verwirrender und kriminalistischer Hintergrundgeschichten und Fans von Vampiren, die nicht anbetungswürdig, dafür aber umso hinterlistiger sind. Poesie und Blümchenerotik sind nicht zu erwarten. 

Obwohl mir Lynn Viehls Darkyn-Reihe aufgrund ihrer Einzigartigkeit nach wie vor gefällt und ich direkt im Anschluss den frisch erschienenen vierten Band Blindes Verlangen lesen werde, muss ich mich zu mehr Punktabzug durchringen.
Vor allem die Szenen zwischen den beiden Protagonisten, die sehr viel Vertrauen erfordern, konnte ich nur begrenzt nachvollziehen und empfand dieses Mal die Erotikszenen als absolut grenzwertig  für "normale" Romantic Fantasy. 
Das konnten auch die vergleichsweise innovativen Ideen um das Darkyn-Blut und die actiongeladenen Szenen im Endspurt nicht wettmachen.

Daher bleibt mir nur ein Gesamteindruck von 
3 von 5 Weißdornzweigen


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