Mittwoch, 10. August 2011

[Filmklassiker] Don't bother to knock

(Ich bin ein Amazon-Link)
Was macht man, wenn der Sommer kein Sommer, sondern ein waschechter April ist, der romantische Blumenfotos vereitelt und Muse Nr. (ach, ich zähl nicht mehr) ersaufen lässt? Genau! 
Man liest den SuB in Grund und Boden und guckt, was das DVD-Regal so zu bieten hat. 
Und weil meines grad nix Neues zu bieten hatte, habe ich mich wieder von einem Sonderangebot einlullen lassen (wie war das noch gleich mit "ich kauf nichts mehr"?) und endlich mal ein paar Klassiker gekauft, die ich vielleicht nicht Klassiker per definitionem sind, ich sie aber schon länger haben wollte. 
Ich bin leider in Sachen alte Hollywoodfilme mit einer unheilbaren Sammelleidenschaft geschlagen, die hoffentlich nicht vererbbar ist, denn sonst müssen wir wirklich noch anbauen. 
So hat also ein kleines, stiefmütterlich behandeltes Monroe-Filmchen Einzug in meinem Regal gehalten: "Don't bother to knock" bzw. auf Deutsch "Versuchung auf 809". 
Ein Film, den ich vorher noch nie gesehen habe, obwohl ich bekennender Monroe-Fan bin.
In diesem Schwarz-Weiß-Streifen aus dem Jahr 1952 bekommen wir die Schauspielerin auf eine Weise zu Gesicht, wie sie das Publikum nicht sehen wollte, weshalb "Don't bother to knock" und einige Nebenrollenausflüge aus dem Vorjahr zu den wenigen Monroe-untypischen Ausnahmen zählen, auch wenn sie im Folgejahr noch einen hintertückischen Tripp an die Niagara-Fälle unternahm. Im Übrigen leiten sowohl die DVD-Aufmachung als auch das ursprüngliche Kinoplakat mit voller Verkaufsabsicht mit einer aufreizenden Monroe fehl, die sie ihm Film selbst aber kaum zum Besten gibt. 

(Ich bin ein Amazon-Link)
In "Don't bother to knock" mimt Marilyn Monroe Nell Forbes, die auf den ersten Blick scheu-schüchterne Nichte des Fahrstuhlführers Eddie (Elisha Cook jr.) des New Yorker McKinley-Hotels. Aus Mitleid und weil sie noch nicht lang in New York weilt, besorgt Eddie ihr einen Babysitterjob in seinem Hotel. Während sich das Ehepaar Jones einen gemeinsamen Dinnerabend gönnt, soll die unerfahrene und sichtlich unsichere Nell auf die nicht mehr ganz so kleine Tochter Bunny aufpassen. Als Bunny schließlich einschläft, beginnt Nell sich zu langweilen und bedient sich an Mrs. Jones Sachen. Die zuvor unscheinbar gekleidete, zugeknöpfte Nell verwandelt sich so in Mrs. Jones' Negligee und Schmuck in Marilyn Monroe. Während sie sich vor dem Kosmetikspiegel die Lippen nachzieht, hält sie kurz in der Bewegung inne und gestattet einen deutlichen Blick auf die Innenseiten ihrer Unterarme. Narben, die unverkennbar von einem Selbstmordversuch stammen, vermitteln, dass mit Nell etwas nicht stimmen kann. Dann aber funkelt wieder der fremde Schmuck. Noch kurz das Radio eingeschaltet und ein sinnliches Tänzchen gewagt, und schon ist Nell optisch verschwunden. 
Bei ihrer Verkleidung wird Nell jedoch von Pilot Jed Towers (Richard Widmark) beobachtet. Jed unterhielt bis vor wenigen Minuten eine Beziehung zur hauseigenen Barsängerin Lyn Lesley (Anne Bancroft in ihrer ersten Rolle). Diese hatte ihm nämlich per Briefpost (sieh an, vor gut 60 Jahren scheute der Schlussmacher also auch schon vor dem persönlichen Gespräch zurück) das Beziehungsende mitgeteilt, woraufhin er erklärungssuchend angereist war und von ihr informiert wurde, es mangele ihm an Herz und Verständnis. Dementsprechend desillusioniert sitzt er nun in seinem Hotelzimmer mit einem Fläschchen Hochprozentigen und das Erste, das er sieht, als er einen frustrierten Blick aus dem Fenster wirft, ist eine in einem Zimmer im Hotelflügel gegenüber im Negligee tanzende Nell. Er sucht telefonisch Kontakt zu ihr und sie flirten kurz über die Distanz, bis Nell von Onkel Eddie, der nach ihr sehen möchte, unterbrochen wird. 
Selbstverständlich bekommt sie eine Standpauke und soll Mrs. Jones' Kleidung und Schmuck ablegen. Dann aber tröstet Eddie seine Nichte, dass sie eines Tages eben solche Kleider und Schmuck haben kann, wenn sie einen neuen Mann findet. Er überlässt sie wieder sich selbst, doch sie schlüpft mitnichten aus den fremden Federn, sondern lädt kurzerhand den sitzengelassenen Jed zu sich ein. 
Als der sie nun in Zimmer 809 besucht, findet er eine Nell vor, die ganz offensichtlich nicht in das Negligee gehört und in ihren Angaben auch nicht sonderlich kohärent ist. Das erhoffte Schäferstündchen lässt sich höchst seltsam an. Nachdem er ihr erzählt, dass er Pilot ist, wird Nells Blick seltsam entrückt und sie spricht zu ihm, als kenne sie ihn schon lang. Es scheint, als spräche sie nicht mit Jed, sondern ihrem Verlobten Philip, der, ebenfalls Pilot, bei einem Flug über den Pazifik ums Leben gekommen ist. 
Zu allem Überfluss wird auch noch Bunny geweckt und wundert sich unverblümt über Nells Aufmachung und den fremden Mann. Nachdem Nell sich wenig babysittertauglich zeigt und Bunny zum Weinen bringt, kann Jed das Kind beruhigen. 
Im Grunde würde er lieber gehen und noch einmal Lyn ins Gebet nehmen, aber er lässt sich doch von Nell umstimmen und bleibt, wenngleich jegliche Schäferstündchenstimmung verdorben ist. Natürlich kann das Kind nicht schlafen und kommt mit bösem Schluckauf zu den Erwachsenen zurück. Wieder wird klar, dass Nell keine Erfahrung mit Kindern hat, denn sie führt - noch immer sichtlich gedanklich in anderen Sphären - das schluckaufgeplagte Mädchen zum Fenster, damit es dort frische Luft schnappen kann. Sie lässt es sogar aufs Fensterbrett klettern und legt ihm die Hand auf den Rücken, sodass es für das ältere Ehepaar in einem der gegenüberliegenden Zimmer geradezu so aussehen muss, als wollte sie das Kind hinausstürzen. Vom Schrei der alten Dame alarmiert, zerrt Jed das Kind zurück ins Zimmer. Nell bringt Bunny wieder ins Bett, jedoch nicht ohne sie der Überwachung zu beschuldigen und ihr einzuschärfen, sie dürfe nicht noch einmal das Zimmer verlassen und müsse sich ganz ruhig verhalten. 
Wieder fleht sie Jed an zu bleiben und eröffnet ihm schließlich, dass sie nach Philips Tod einen Selbstmordversuch unternommen hat. 
Nun kommt auch Eddie ein weiteres Mal, um nach dem Rechten zu sehen, und die Situation, in der Nell längst in eine trauerbedingte Umnachtung gefallen ist und Jed beweisen kann, dass er doch Herz und Mitgefühl hat, eskaliert. 


Ich bin nicht sicher, ob ich als Fan nun in Jubel ausbrechen muss oder doch weiterhin gespaltene Gefühle hegen darf. Ich zähle mich nämlich zu jenen, die Marilyn Monroe sehr gerne einmal NICHT als das knallblonde Naivchen im engen Kleid sehen. Selbst wenn ich eine gewisse Faszination nicht verleugnen kann, muss ich mich nicht an weiblichen Kurven ergötzen und habe schwarzweiße Film-noir-Versuche bisher meist mehr gemocht als die hochglanzpolierten Starmache-Technicolor-Produktionen. 
Dass mich "Versuchung auf 809" weniger vom Hocker reißt, liegt vermutlich daran, dass Marilyn Monroes Rolle tatsächlich genauso auf mich wirkt, wie es der Kritiker der New York Post Archer Winston so schön ausdrückte, nämlich, dass sie im tiefen Wasser des Dramas weder schwimmt noch untergeht. 
Dieser Eindruck mag nun daran liegen, dass der Zuschauer - und somit auch ich - ungerechtfertigterweise mit den Monroe-Highlights "Wie angelt man sich einen Millionär", "Blondinen bevorzugt" und "Manche mögen's heiß" übersättigt wurde, sodass man leicht den Blick verlieren kann. 
Selbst wenn man "Versuchung auf 809" gemeinhin als Monroes Versuch, ernst genommen zu werden, interpretiert, so liegt dieser Film und Versuch doch deutlich am Anfang ihrer Hauptdarstellerzeit, ist überhaupt und überraschenderweise ihre erste "starring role" und folgt auf eine Reihe von Nebenrollen, die zwischen ernsten und revuelastigen Themen schwanken, sie aber, und da dürfte sie nicht das einzige Starlett jener Zeit gewesen sein, als schmückendes Beiwerk nutzen. Deshalb meine ich, dass man "Versuchung auf 809" in seinen Hintergründen vielleicht nicht übermäßig dramatisieren und ihn als eine Zwischenetappe auf dem Weg zum Star der 1950er Jahre sehen sollte. 
Nicht mehr und nicht weniger. 
Ein Job, der einen minimalen Einblick in eine Bandbreite, die dem Zuschauer ansonsten vorenthalten bleibt, gibt, aber nicht hundertprozentig überzeugt/überzeugen muss.
Während Marilyn in "Clash by night" keineswegs nach "Monroe" klingt, verfällt sie als Nell seltsamerweise in den ihr antrainierten atemlosen Ton, der trotz Nells voranschreitender Entrückung nicht immer passen will. 
Will man weiter an Gesten und Mimik heruminterpretieren, könnte man meinen, die Bemühung, es gut machen zu wollen, seien hin und wieder sichtbar.
Nachdem der Film aber knapp sechzig Jahre auf dem Buckel hat, ist das meiner Meinung nach alles wurscht. 
Das Drama, das ohne großartige Knallmomente auskommt, dürfte den blockbusterverwöhnten Zuschauer heutzutage kaum aus der Hightech-Sound-Effect-Ecke locken, bietet dem überanalysierfreudigen Cineasten sicherlich gewissen Reiz.

Es ist schade, dass man diese frühen Filme, wenn überhaupt, nur noch auf DVD bekommt, sie ansonsten aber herzlich gern unter den Tisch fallen.
Zur DVD sei gesagt, dass diese vergleichsweise mager ausfällt. 
Neben den 73 Minuten Film in verschiedenen Sprachversionen (die ich nicht alle durchgetestet habe, da mich lediglich Englisch und Deutsch interessieren) mit verschiedenem Untertitelangebot gibt es gerade mal den Trailer und ein Vorher-Nachher-Extra zur Aufbereitung des Films, der entschmutzt und verbessert wurde, aber nicht der Nachkoloration zum Opfer fiel, wie man es heutzutage gerne macht.
Da, wie man wikipedia entnehmen kann, die deutsche Originalsynchronisation mit Marilyn Monroes Stammstimme leider verloren ist, wurde "Versuchung auf 809" neu synchronisiert. Das ist natürlich sehr löblich, zumal nicht jeder Fan zwangsläufig ausreichend der englischen Sprache mächtig sein kann, lässt aber doch die stimmgewohnten Ohren verwundert aufhorchen. Weil ich aber generell ein Verfechter der Synchronisation bin (das ist nämlich auch eine Einnahmequelle für Übersetzer ;-)) und immer auch an jene denke, die der englischen Originalspur nicht folgen können, kann ich persönlich das sehr gut verschmerzen. Allerdings hat die deutsche Spur meiner DVD eine Macke, sodass ich zwangsläufig bei der englischen Version bleibe.

"Versuchung auf 809" ist vielleicht kein Klassiker im eigentlichen Sinne (ich höre schon die Einwände: Das ist ein B-Movie! Ein B-MOVIE!), gehört aber unumstößlich ins Monroe-Repertoire, das keinesfalls so beschränkt ist, wie man annehmen mag, und ist es wert, gesehen zu werden, selbst wenn kein Wow-Effekt zurückbleibt.

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