Sonntag, 10. Juli 2011

... über unliebsame Szenen #2 - oder "blutende Charaktere"

Das Telefon schrillt. 
Ich sehe auf die Nummer und denke: "Mann, der ist doch nur in der Werkstatt. Kann er nicht hochkommen, wenn er was will." 
Also frage ich genervt: "Was'n los?"
"Komm runter. Bring den Sanikasten mit!"
Ich lege auf. 
Mein Vernunfts-Ich auf der rechten Schulter flötet, unpassend wie immer: "Warum zum Henker hat der immer noch keinen Sanikasten in der Werkstatt?"
Mein Frauchen-Sorgen-Ich auf der linken Schulter kreischt verschreckt: "Himmelherrje, er ist verletzt!"
Mit Sanikasten in der Hand wehe ich wie ein Herbststurm in der Werkstatt ein. 
Er steht am Schraubstock, hält die Hand hoch. Blut tropft auf das Werkstück, das ich sowieso nicht identifizieren kann. Blass ist er, aber er steht wie ein Fels. 
Frauchen-Sorgen-Ich pumpt sich mit Adrenalin voll, während Vernunfts-Ich alle Nachmittage der "Jungen Sanitäter" mit ihren gefakten Knete- und Kunstblutverletzungen Revue passieren lässt: Säubern oder nicht, Druckverband oder nicht ... und Wunden an den Händen sehen immer viel Schlimmer aus, als sie sind.
Mutig und hilfsbereit versorge ich adrenalinbenebelt den langen Schnitt auf der Handfläche. 
Sieht nicht tief aus. 
Blutet aber unschön. 
Zum Doktor müssen wir wohl nicht.
Das Hobbyautoren-Ich kickt das Vernunfts-Ich von der Schulter und lässt mich schnuppern und beobachten. Der Geruch von frischem Blut auf Holzspänen und Metall malt mir Bilder ins Hirn, ich suche nach Metaphern. 
Vorsichtig prüfe ich, dass der Verband nicht zu fest ist, und schließe ihn sorgsam. 
Mein Blick fällt auf den roten Rinnsal, der sich vom Schraubstock in die Tiefe stürzt, und als der erste Tropfen die Späne am Boden erreicht, purzelt mein Frauchen-Sorgen-Ich hinterher, weil das Adrenalin nicht mehr reicht.
Ich kann kein Blut sehen, fällt mir jetzt wieder ein. Deshalb habe ich bis jetzt auch jede OP-Szene in Grey's Anatomy zum Hörspiel werden lassen. 
Ich kann kein Blut sehen. 
Adrenalindefizitär folge ich meinem Frauchen-Sorgen-Ich. 

Ja, so ist es: Ich kann kein Blut sehen. 
Deshalb sind vor allem meine Kurzgeschichten vergleichsweise blutleer, auch wenn ich vor langer, langer (Lese-)Zeit von einem blutrünstigen Vampir gebissen wurde.
Den klischeehaften Blutfleck auf Bettlaken kann ich mir aber nicht verkneifen. Auch nicht scharfe weibliche Fingernägel, die sich genüsslich vom Schlüsselbein ausgehend ins Fleisch schlagen ...
Vom SchmonzettenRomanzenfieber gebeutelt, strömte trotzdem eine Vampirromanze aus mir heraus, aber da, wo Kitsch tropft, bluten auch Charaktere "wie ein Schwein".
Weil ich einen Hang zum Masochismus habe? 
Nö. 
Ich hangele mich durch Blutszenen und müsste mir eigentlich die Augen und Nase zuhalten, um nicht etwas noch Unliebsameres zu tun. 
Aber so hätte ich ja nicht mehr die Hände zum Schreiben frei, und ganz ohne Blut geht es bei den Vampiren auch nicht. Über Vampire habe ich bisher schließlich am meisten geschrieben (auch gänzlich ohne Blut). 

Tja, und deshalb muss ich wohl heute wieder mit einem unliebsamen Beitrag in die Welt stolpern.

Bluten wir also los: 
 
Während ich aber zu Blutsaugern mit Tischmanieren tendiere und angesichts des (im Grunde wunderbaren und erfrischend realistischen) Fernsehbeißgesabbers gern ein Tuch zum Mundabwischen durch den Bildschirm stecken möchte, vergieße ich nicht gern, aber absichtlich anderweitig Blut.  

Fremdschämen? 
Aber gerne doch!

Mitleiden? 
Sicher doch!

Distanzierte Betrachtung? 
Wenn's Not tut, unbedingt!

Angedichtet habe ich meiner Prota ein Problem, das real vererbungstechnisch zwar unmöglich ist, aber in Band 2 gebraucht wird. (Die Wissenschaft möge künstlerische Freiheit verzeihen!)
Sind Charaktere, die der Reperistaltik frönen, schon kein Zuckerschlecken, sind es menstruierende Damen noch viel weniger. 
Charaktere haben gefälligst nicht aufs Klo zu gehen und zum Bluten sollten sie sich maximal in den Finger schneiden. Sonst wird am Schamgefühl geschabt.
Als Teenager wollte ich so etwas auf keinen Fall lesen, eben weil ich es peinlich fand. 
Mit Ende 20 wollte ich so etwas schreiben, weil es zum Leben dazugehört, wie Zähneputzen (und das ist auch nicht immer lecker).
Eitel Sonnenschein darf's gern in mondbeschienenen Strandpicknicknächten geben. 

So lasse ich also meine Protagonistin auf 348 typografisch unmöglich eng beschriebenen Seiten ganze 2 Mal unzeitig menstruieren. 
Unter anderem auch, weil mir Großmutters gut gemeinter Hinweis einfiel, man müsse eine Notfallration Damenutensilien bei sich führen, um bei Luftveränderung gewappnet zu sein. (Altmodisch? Mit größtem Vergnügen!)
Auf selben Ratschlag hörte in Fall 2 glücklicherweise auch meine Prota.
Hat sie ein Problem mit dieser weiblichen Erscheinung? 
Nö. 
Sie ist das gewöhnt und würde - nicht nur angesichts der fremden Stadt, sondern überhaupt - nicht auf die Idee kommen, einen Arzt aufzusuchen. Einen Moment des Jammers erlaubt sie sich, geruht aber ansonsten in dieser Situation, zu konstatieren und aus der Distanz zu funktionieren.
Es ist, als hätte sie therapieresistenten Heuschnupfen, der sie resignierend niesend durchs Leben schreiten lässt. Sie hat es akzeptiert, so stellt sie selbst fest, und lebt damit. Was sie nicht umbringt, verdient auch keine eingehendere Betrachtung, selbst wenn sie blutenderweise den Hai - äh ... - anlockt. 
Dazu kommt noch eine Prise magisches "Reflektionsbluten", das kryptischerweise natürlich keiner versteht, und beschämendes Intimitätsbluten. 
Die versauten Matratzen habe ich natürlich nicht vergessen, und nach diesem Posting darf ich die aus dem Fortsetzungsentwurf selbstverständlich nicht mehr löschen. Es könnte ja jemand danach suchen ... 

Blutszenen fallen mir unter anderem schwer, weil ich selbst Probleme mit dem "Blut sehen" habe, aber auch, weil man sich ja mit Details zurückhalten muss, die verschrecken, verekeln oder uninteressant sind. 
Wer will schon allzu viele Konsistenzen, Farben und Gerüche? 
Hält man aber in einer klaren Wüstennacht den Tod im Arm, kann ein schwarzes Schimmern schon faszinierend sein. 
Sehr reizvoll ist auch das Erfinden von Geschmack - Recherche und Selbstversuch sind zwar eine feine Sache, aber stoßen auf jeden Fall an ihre Grenzen. 
Ich kann auf die blutige Geschmackserfahrung verzichten, auch hat meine Nase keinerlei Faszinationsbewusstsein für Blutgeruch, aber ich will zum Kuckuck nochmal wissen, was ein Vampir schmeckt. 
Dilemma, ich hör dich antrapsen. 
Also wird die Fantasie angeschmissen und in unliebsamem Erfahrungsschatz gekramt ...

Und weil ich so viel Spaß an Blut habe und mich Grey's-tauglich therapieren muss, feile ich momentan an der obligatorischen Süffelszene. 

Meine Hausmütterchenhose ist voller Späne.
Dank dem kleinen Schock hat er mich nur mit Mühe auffangen können.
"Geht's wieder?", fragt der Verletzte die Sanitäterin.
Ich glaube, ich bin genauso blass wie er vorhin, als ich mich mit einer Hand an der Werkbank hochziehe.
Er sieht nämlich schon viel besser aus und stützt mich behutsam.
Benommen starre ich auf die getränkten Späne, die mittlerweile langsam bräunlich eintrocknen. 
Ich schweige. 
"Geht's wieder?!"
Frauchen-Sorgen-Ich sitzt auf seiner Schulter und mimt seinen Tonfall. 
Ich nicke, bevor er mich unterhakt und aus der Werkstatt führt. 
"Gib's zu, du willst das aufschreiben", neckt er mich. 
Das Hobbyautoren-Ich fällt vor Adrenalinansturm fast hinten über. 
"Aber sicher doch!", flötet es.

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