Freitag, 29. Juli 2011

... über "Gefährlicher Fremder" von Lisa Marie Rice

Lektüre ab 18!

Lisa Marie Rice

Vermeintlich gefährliche, aber heiß prickelnde Weihnachten, die Schnee und Kälte vergessen lassen 

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Zum Inhalt:
Jack Prescott ist der Gewalt und des Blutvergießens müde. Gerade erst hat er die Security-Firma seines (Zieh)vaters verkauft, in Sierra Leone dessen Ruf reingewaschen und sich danach auf den Rückweg in die USA gemacht. In all den Jahren, in denen er in den Krisengebieten dieser Welt für die Sicherheit wichtiger Personen zuständig gewesen war, konnte er doch nur an Caroline Lake denken, das Mädchen, das ihn einst im Obdachlosenheim, in dem er noch unter anderem Namen aufwuchs, besuchte und ihm Bücher brachte. Der Gedanke an die freundliche, aber auch viel zu vertrauensselige Caroline hielt ihn aufrecht, und deshalb will er sie nur ein einziges Mal wiedersehen, bevor er sein neues Leben beginnt. Nach anstrengender Reise kommt er an Heiligabend in Summerville an, wo Caroline Lake einen Buchladen führt. Als Jack ihr gegenübersteht, sieht er nicht die fröhliche High-School-Schülerin seiner Erinnerung, sondern eine erwachsene Frau, deren anmutigen Züge von Trauer und Sorgen geprägt sind. Vom Taxifahrer weiß Jack, dass Caroline Schulden hat und ums Überleben kämpft. Auch weiß er bereits, dass Caroline gerade freie Zimmer zu vermieten hat. Er nutzt die Gelegenheit und mietet sich in ihrem Familienanwesen ein, dem langsam, aber sicher der Verfall droht. In einem wahren Jahrhundertblizzard fahren beide also gemeinsam dorthin, und dabei lernt Jack eine verletzliche, angsterfüllte Caroline kennen, denn ihre Eltern kamen vor sechs Jahren zu Weihnachten bei einem ähnlichen Schneesturm bei einem Autounfall ums Leben. Ihr Bruder überlebte schwer verletzt, war jedoch fortan auf Hilfe angewiesen, die ihm Caroline liebevoll und finanziell aufopfernd über Jahre angedeihen ließ, bis er vor Kurzem verstarb. Nach einem gemeinsamen Abendessen - selbstgekochte Mahlzeiten sind im Mietpreis inklusive - und einem für die einsame Caroline erneut schmerzhaften Erinnerungsmoment kommen sich beide bereits näher, sodass die Weihnachtstage, als dann auch noch Heizung ausfällt, größtenteils zwischen den Laken gefeiert werden. Caroline weiß allerdings nicht, dass sie Jack aus ihrer Vergangenheit kennt, und ahnt noch viel weniger, dass in seinem Gepäck nicht nur ein paar Waffen, sondern auch ein Beutelchen Rohdiamanten verborgen sind. Und auf eben diese Blutdiamanten ist Kriegsverbrecher Vince Deaver scharf, und er geht über Leichen, um sie zu bekommen. 

Meine Meinung: 
Die Gestaltung des Buchumschlages muss man im Romantic Thrill (und wahrscheinlich generell) offenbar nicht unbedingt nachvollziehen können. Obwohl bei "Gefährlicher Fremder" löblicherweise Wert auf den sinnlichen Part des Buches gelegt wird, passt das Cover meiner Meinung nach nicht vollkommen. Wie üblich wird mit Texturen gespielt, die auch auf den Umschlaginnenseiten wiederkehren und hier den Dschungel in Erinnerung rufen. Da die Handlung im tiefsten Schnee angesiedelt und es in Summerville klirrend kalt ist, sind diese höchstens ein Überbleibsel von Jacks letztem Auftrag in Sierra Leone. Zumindest reflektiert das Rot, das die Pflanzentextur verfremdet, Jacks blutigen Hintergrund. Der geprägte Titelschriftzug ist für meine Begriffe zu historisch angehaucht, spiegelt aber unverkennbar Romantik wider. "Gefährlicher Fremder" spielt in der Gegenwart und hat neben den im Lakeschen Familienanwesen fehlenden Teppichen, Gemälden und anderen wertvollen Einrichtungsgegenständen überhaupt keinen antiquarischen Bezug. Aber gut, die warme Atmosphäre wird dem Inhalt trotzdem noch vergleichsweise gut gerecht. 
Da ich "Gefährlicher Fremder" im Anschluss nach Shannon McKennas "Die Nacht hat viele Augen" gelesen habe, kam ich um den direkten Vergleich nicht umhin und kann sagen, dass mir Lisa Marie Rices Auftakt zu ihrer Dangerous-Reihe schon besser gefallen hat. 
Jack Prescott ist zwar aufgrund seines Berufes zwangsläufig ein harter Kerl und zu Beginn noch vergleichsweise Ich-fixiert, stellt sich dann aber rasch als patenter Charakter heraus, dem menschlich viel an der Protagonistin gelegen ist. Selbst wenn es anfänglich aussieht, als sei Caroline über zwölf Jahre lediglich sein feuchter Traum gewesen, so ändert sich dies schon im ersten Drittel des Romans hin zu echter Zuneigung. 
Da "Gefährlicher Fremder" zum Großteil Jacks Perspektive folgt und nur selten zu Carolines Perspektive gewechselt wird, kommt leider Caroline etwas zu kurz. Im Übrigen habe ich diese männliche Perspektive bereits in Die Nacht hat viele Augen als etwas störend empfunden, weil ich selbst lieber der weiblichen Sichtweise folge. So interessant es auch ist, in das männliche Gefühlsleben zu blicken, so sehr fühle ich mich als LeserIN außen vor und kann nicht immer voll und ganz ins Geschehen eintauchen. Ein zusätzliches Hindernis wird durch klischeehaftes maskulin-machohaftes Auftreten aufgebaut, für das man wirklich ein Faible haben muss.
Jack hingegen bietet mehr Anziehungspotenzial für Leserinnen, die mehr Wert auf eine starke Schulter und Sinnlichkeit legen. Denn bei Lisa Marie Rice geht es zwar deutlich und atemberaubend ausdauernd, aber nicht deftig, sondern wesentlich gefühlvoller zu, sodass man die Einordnung in "Romantic Thrill" durchaus nachvollziehen kann.
Leider lässt aber auch "Gefährlicher Fremder" an Suspense vermissen und wickelt vor allem das, was man als "gefährlich" einstufen könnte, viel zu schnell ab.
Über gut zwei Drittel des Romans wohnt der Leser lediglich Jack und Caroline bei. Hin und wieder wird deren Handlung zwar durch Wechsel zum Antagonisten Vince Deaver, der mordet, die Identität wechselt und sich den beiden in großen Schritten nähert, unterbrochen, aber im Großen und Ganzen liegt der Fokus auf den beiden Turteltäubchen, die sich beinahe in einer endlosen Liebesszene wiederfinden. Gut, zwischendurch muss Jack mal den Boiler reparieren und Schnee schippen ...
Kurz bevor Vince Deaver schließlich in Summerville eintrifft, wird dann auch noch Carolines Ex-Liebhaber Sanders ins Spiel gequetscht. Er soll ein gewiefter Anwalt sein und hat es weniger auf Caroline als Person, sondern mehr auf ihre tadellose Erziehung und ihr hochwertiges Familienanwesen abgesehen. Für eine eifersüchtige Dreiecksgeschichte bleibt Lisa Marie Rice aber gar keine Zeit mehr, denn sie muss ja die Konfrontation mit dem Bösen herbeiführen und auch noch Verwirrung zu Jacks Identität stiften.
Caroline und Jack sind im Auge des Lesers aber schon so aneinandergewachsen, dass Carolines plötzliches Misstrauen, das von ihrer Freundin Jenna (die als Nebencharakter ab und an zur Sprache kommt) geschürt wird, weil Jack in ihrer Bank einen immensen Geldbetrag eingezahlt hat, kaum ernst zu nehmen ist.
Überhastet kommt es zum großen Showdown und genretypischen, hier aber nur angedeuteten HEA, sodass jene Leser, die sich ein Danach mit Hochzeit, Haus, Nachwuchs usw. wünschen, zwangsläufig unbefriedigt zurückbleiben.  Mir hingegen hat die Aussparung weiterer Details und der Schwenk zu einem ganz anderen Handlungsort mit einem ganz anderen Charakter gut gefallen, da sich so der Kreis zum Prolog und somit wohl auch Jacks Vergangenheitsbewältigung schloss.
Leider gibt es immer wieder Szenen, die zu Kopfschütteln führen.
So hat beispielsweise Jack aufgrund seiner langen Anreise aus Sierra Leone natürlich keine Kondome dabei, auch wenn sein einziger Gedanke Sex mit Caroline war. Während er sechs Monate darbte, ist es bei ihr aus gegebenen Gründen sogar sechs Jahre her, weshalb sie natürlich ebenfalls kein Verhütungsmittel im Haus hat, aber sehr wohl die Pille nimmt. Das Einzige, was ihr aber einfällt, ist, Jack zu mustern und festzustellen "Du siehst gesund aus". Nachdem er aber über Jahre in Krisengebieten gelebt hat und mit Sicherheit nicht immer Luxusbedingungen genießen durfte, ist das in meinen Augen reichlich blauäugig und auch nicht zeitgemäß. In einer anderen Szene schüttet dann Caroline Jack ihr Herz über ihre Trauer über des Bruders Tod aus. Diese emotionale Annäherung ist höchst wünschenswert, nur hätte sie meines Erachtens nicht unbedingt beim Geschlechtsverkehr stattfinden müssen. Überhaupt scheint die körperliche Vereinigung für die Protagonisten das einzige Mittel zu sein, mehr über sich zu erfahren und ihr Innerstes kennenzulernen. Das Herz des Erotikfans wird dabei zwar höher schlagen, das wahre Romantikerherz dürfte sich allerdings weniger körperliche Ergüsse, sondern mehr Kuschelmomente wünschen.
Insgesamt war "Gefährlicher Fremder" für mich eine angenehme, kurzweilige, in sich geschlossene Lektüre, die zwar ihre Ecken und Kanten nicht verbergen konnte, aber ohne langweilige Längen zu unterhalten wusste.

Fazit:
Vergleichsweise ungefährliche, kurzweilige Romanze vor weihnachtlicher Kulisse, mit viel emotionalem Vergangenheitsgepäck und abwechslungsreicher Gänsehauterotik, aber ohne den angepriesenen nervenaufreibenden Thrillfaktor.


Gesamteindruck: 
4 von 5 Weißdornzweigen


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