Sonntag, 3. Juli 2011

... über "Die Poison Diaries - Band 1" von Maryrose Wood

Maryrose Wood
"Liebe ist unheilbar"
(nach einer Idee der Herzogin von Northumberland)

Unergründlich poetisch, giftig, anspruchsvoll - ein Buch, auf das man sich einlassen muss

Zum Inhalt:
Die sechzehnjährige Jessamine Luxton lebt mit ihrem Vater Thomas allein auf dem Gelände eines verfallenen Klosters in Northumberland, in einer Zeit, in der Krankenhäuser ihren Unrat noch im Freien verbrennen mussten und Irrenhäuser aufs Land verlegt wurden, um die Unzulänglichkeiten des Menschen vor der feinen Gesellschaft zu verbergen. Jessamines Mutter starb bereits vor Jahren. Der Vater ist weder Arzt noch Wundarzt, sondern ein Botaniker, den man dank seines Wissens um die heilende Kraft von Pflanzen gern als Apotheker und Heiler zu sich bestellt. Während er sich zu Fuß auf den Weg zu seinen Patienten begibt, bleibt Jessamine, die er von anderen fernhalten will, damit sie zum einen sein Wissen nicht ausplaudern kann und zum anderen nicht als Hexe verschrien werden soll, zu Haus zurück und kümmert sich mit größter Sorgfalt um Haus, Garten und Belladonna-Samen. Daneben führt sie ein Gartentagebuch, in dem sie nicht nur die Handgriffe im Garten, sondern selbstverständlich auch ihre Empfindungen festhält. Eines Tages stört Tobias Pratt, Gründer und Inhaber eines Genesungsheimes (= Irrenhauses), die Vater-Tochter-Zweisamkeit und bringt ein seltsames Geschenk mit: einen Jungen, der in seinen Diensten stand und wie von Zauberhand seine Patienten geheilt hatte. Fortan bleibt der Junge, Weed (= Unkraut) genannt, im Luxton-Haushalt. Trotz Weeds merkwürdigen Verhaltens - er flüchtet in den Keller, will nichts essen - verliebt sich Jessamine in ihn und findet schon bald heraus, dass er ein ganz besonderer Mensch ist. Auch Thomas Luxton bleibt nicht verborgen, dass Weed über mehr Pflanzenwissen als er selbst verfügen muss. Daher beschließt er, seiner Tochter und Weed seinen bisher unter Verschluss gehaltenen Apothekergarten, in dem zahlreiche todbringende, giftige Pflanzen gedeihen, zu öffnen. Wenig später wird Jessamine sterbenskrank und Weed muss in den Giftgarten zurückkehren, um die Giftmischung zu finden, die sie zu heilen vermag. 

Meine Meinung: 
"Die Poison Diaries" ist zunächst ein edler Hingucker. Im Hardcover mit Schutzumschlag mit goldener Aufschrift und Schnörkeln und der geheimnisvollen Abbildung, die auf eine undurchschaubare, fremde Welt schließen lässt, macht Maryrose Woods Roman optisch schon einmal was her, verspricht aber gleichzeitig keine helle, leichte Geschichte.
Keine Überraschung ist es, dass Jessamine tagebuchgerecht ihre Geschichte aus der Ich-Perspektive erzählt. Überrascht aber hat mich, dass dies im Präsenz geschieht, wofür sich nicht viele Autoren entscheiden. 
Da, wie der Kurzbeschreibung und dem Umschlagtext ohnehin zu entnehmen ist, Jessamine im Verlauf des Romans schwerkrank wird, und zwar so schwerkrank, dass sie nicht bei Bewusstsein ist, tritt später Weed als Ich-Erzähler hinzu, und seine Stimme wechselt sich mit Jessamines ab. Dies ist eine notwendige Folge, die aber die Aufmerksamkeit des Lesers herausfordert. Und das ist gut so!
Maryrose Wood beginnt Jessamines Geschichte gemächlich und fast schon poetisch. Aufgrund des historischen Settings bedient sich die Autorin einer zwar nicht antiquierten, aber gehobeneren Sprache, die für den jüngeren Leser teilweise gewöhnungsbedürftig sein kann. 
Es dauert eine gewisse Zeit, bis man aus Jessamines Gefühlswelt, in der sie auf die Rückkehr des Vaters wartet und sich um ihre Pflanzen kümmert, auftaucht und etwas passiert. Wenn die Protagonistin also über Seiten nichts weiter zu tun hat, als Belladonna-Samen zu hegen und zu pflegen, das Einweichwasser zu einer sicheren Stelle zu bringen usw., dann ist das keineswegs langweilig, sondern gehört zu ihrem abgeschiedenen, einsamen Wesen. In ihrer Welt gibt es bis dato nur den Vater und seine Pflanzen, die Umsicht und Vorsicht erfordern, und genauso sieht sie die Welt: von pflanzlichem Leben geprägt, in allen Farben und mit einer gewissen Poesie, in die man sich hineinspüren muss.
Jessamine ist ihrer Zeit entsprechend kein sonderlich aufmüpfiger Charakter. 
Ihr Vater behütet sie, hält sie fern vom Markttreiben, teilt sein Wissen nur häppchenweise mit ihr, verbietet ihr sogar, seine Bücher zu studieren, lässt sie aber mit giftiger Belladonna hantieren, gestattet ihr dann wiederum nicht, seinen Apothekergarten zu betreten, selbst wenn sie, ihrer Meinung nach, längst verantwortungsbewusst ist und dazu bereit wäre. 
Daneben ist sie die einzige Frau im Haus und führt somit den Haushalt, kocht und putzt und hat überhaupt keinen Kontakt zu Gleichaltrigen (die ohnehin drei Wanderstunden entfernt sein dürften). Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass sie Weed, dessen Alter keiner genau beziffern kann, als Gefährten im Haus annimmt und sich zu ihm hingezogen fühlt; anfangs fast mütterlich, da sie zunächst ergründen muss, wie sie ihn ernähren soll. Wahrscheinlich kann sie ihre Gefühle für den mysteriösen, grünäugigen Fremden selbst nicht richtig einschätzen, sodass die Liebe, die sie zu empfinden meint, vielleicht nur eine Euphorie des Neuen ist. Da Weed sich trotz oder gerade wegen seiner wundersamen, beneidenswerten Gabe, die Pflanzen zu hören und mit ihnen zu kommunizieren, in ihre botanikgeprägte Welt einfügt, muss sie zwangsläufig seinem Zauber erliegen. 
Weed ist ein undurchsichtiger Charakter, der in einem Moment zu Stirnrunzeln veranlasst, im nächsten wieder das Leserinnenherz höher schlagen lässt, nur um im übernächsten wieder zu schockieren. Sein Wesen bleibt trotz der unübersehbaren Liebe zu Jessamine, für die er alles, und zwar wirklich alles tun würde, unergründlich, sodass der Leser sich wohl bis zur Fortsetzung gedulden muss, um noch mehr über ihn zu erfahren. 
Je weiter die Handlung voranschreitet, um so deutlicher wird, dass dem Vertrauten nicht immer zwangsläufig Vertrauen geschenkt werden darf, selbst wenn echte Gefahr dort lauert, wo man sie immer wusste. Die Pflanzenwelt des Giftgartens entwickelt nach und nach ein Eigenleben und zwingt Weed, der den gutmütigen Pflanzen so zugetan ist, dass er ihren Schmerz, werden sie gebrochen, körperlich spürt, sich durch Jessamine aber mehr und mehr die menschliche Gefühlswelt aneignet, in eine Welt von giftigem Verrat einzudringen. 
Und so wird die Geschichte im Endspurt durch Perspektivenwechsel, bei denen man manchmal nur noch schwerlich weiß, ob man sich in einer Halluzination, Illusion oder in der Realität befindet, tatsächlich noch richtig spannend. Die Belladonna zieht sich dabei zwar wie ein roter Faden durch den Roman, über Wohl und Leid entscheiden aber schließlich andere.
Abzug gibt es dafür, dass die Übersetzung den größtenteils poetisch-bildhaften Sprachstil mit Komparativsätzen mit "als ob"-Einleitung abschwächt, anstatt zu stilistisch besseren Konjunktivvarianten zu greifen. Die Charaktere, die in Aussehen und Wesen deutlich hinter den verliebten Naturbeschreibungen zurückbleiben, tragen ebenfalls zum Punktabzug bei. 

Fazit: 
Ein Roman voller Liebe zu den Geheimnissen der Natur, der weder oberflächlich noch ein Pageturner sein will und vor allem dem anspruchsvollen, nicht zwangsläufig jugendlichen Leser mit einem Faible für Pflanzen- und Giftwissen gefallen dürfte, die Herzschmerz- und Romanzensehnsucht jedoch  nur verhalten bedient. 
Ein Buch, das herausfordert und sich abhebt.

Gesamteindruck
4 von 5 Weißdornzweigen

Keine Kommentare:

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...