Samstag, 30. Juli 2011

... über "Blood Lily Chronicles 01: Erwachen" von Julie Kenner

Julie Kenner

Unentschlossen-wirrer Auftakt zu dämonischer Urban-Fantasy-Trilogie

Zum Inhalt:
Lily Carlyle war eine ganz normale junge Frau. Nicht sonderlich attraktiv, beruflich kaum ambitioniert. Umso mehr aber war sie von der Sorge um ihre Schwester Rose geprägt und fühlte sich nach dem Tod der Mutter für sie verantwortlich. Als Rose eines Tages in die Fänge eines Mannes, Lucas Johnson, gerät und von diesem gefoltert und missbraucht wird, steht für Lily Roses Schutz an erster Stelle. Mehr noch, sie beschließt, als der Verbrecher davonkommt, ihre Schwester zu rächen. Es gelingt ihr, Johnson zu töten, kommt dabei aber selbst ums Leben. Sie spürt ganz deutlich, wie sie stirbt, doch im nächsten Moment findet sie sich in einem fremden Körper wieder. Nun muss sie sich unter dem neuen Namen Alice nicht nur in diesem Körper und diesem neuen, fremden Leben zurechtfinden, sondern es kommt auch noch ein seltsamer Kerl namens Clarence daher, der ihr weismacht, sie sei die Auserwählte, die die Welt vor Dämonen schützen und dafür sorgen soll, dass die neunte Höllenpforte geschlossen wird. Clarence und ein weiterer undurchsichtiger Mann, Zane, lernen Lily-Alice also an und trainieren sie zur Dämonenjägerin. Zusätzlich tritt Deacon Camphire auf den Plan, der offenbar mit Alice noch etwas zu klären hat, in Lily aber ambivalente Gefühle weckt. Während sie also fleißig beschäftigt ist, Dämonen zu vernichten, versucht sie aber auch, Rose nicht aus den Augen zu lassen, und findet nach und nach mehr über ihre ebenfalls tote Körperspenderin Alice heraus. Frisch fröhlich stolpert Lily blindlings in ihre Weltrettungsaufgabe und erlebt eine faustdicke Überraschung. 


Meine Meinung: 
Ich muss vorausschicken, dass ich nicht mehr weiß, wie "Blood Lily Chronicles: Erwachen" in mein Regal gekommen ist, denn Kurzbeschreibung/Klappentext und auch Cover sprachen mich nicht an. Trotzdem habe ich versucht, die Lektüre möglichst ohne Vorurteile in Angriff zu nehmen. 
Auch wenn der Buchumschlag auf den ersten Blick nicht zu Begeisterungsstürmen veranlasst, hat er doch einen inhaltlichen Bezug, was bedauerlicherweise nicht oft der Fall ist. Zu sehen sind zum einen Lilien, denn die Protagonistin heißt nicht nur Lily, sondern es spielt auch ein Lilientattoo eine wichtige Erkennungsrolle. Im unteren Teil gibt es die genretypische Stadtansicht, über die sich ein Nebel zieht, den der im Hintergrund abgebildete Beau einzuatmen scheint. Mit etwas Fantasie kann man das sicherlich als Synonym für das Besetzen eines anderen Körpers verstehen. Insgesamt leitet die Gestaltung allerdings eher in Romanzenrichtung fehl. Die "Blood Lily Chronicles" sind bislang nämlich überhaupt keine Romanze, wie das Cover der Originalausgabe auch unmissverständlich klarmacht.
Protagonistin und Ich-Erzählerin Lily hat zwar einerseits Riesenglück, noch eine Chance zu bekommen, andererseits damit auch mächtig in die Toilette gegriffen, denn wer möchte schon, wenn er getötet wird und noch einmal auf Erden zurückkehren darf, sich abrackern, um das Böse zu bekämpfen. So versucht sie zwar erst einmal, im Leben ihres neuen Körpers Fuß zu fassen, kann dann aber gegen die buffymäßige Berufung nichts mehr machen. Widerspruchlos lässt sie sich von dem seltsamen Männlein, der nach eigenen Angaben kein Engel ist, mitzerren und ausbilden. Wer vertraut denn schon blindlings jemanden, der Clarence heißt und dann auch noch kein Engel ist? Hat die Gute denn nie den Jimmy-Stewart-Weihnachtsklassiker gesehen? Schon der Name Clarence hätte mich aufhorchen und mich sang- und klanglos kehrt machen lassen. 
Der geübte Urban-Fantasy-Leser weiß natürlich, dass man keinem Charakter trauen sollte, vor allem nicht den übermäßig auf das Gute pochenden Guten. Dabei hat der Leser der Protagonistin aber deutlich etwas voraus, denn die ficht sich hörig übers neue Schlachtfeld, steckt ein, teilt aus, schlüpft durch Portale und lässt sich an der Nase herumführen.
Jedenfalls nimmt Lilys Kampfausbildung mehr Zeit in Anspruch als die Geschichte um ihre Schwester Rose, ihren neuen Körper Alice und deren Leben, und als sie endlich die Grauzonen von Gut und Böse erkennt, ist der Roman fast zuende.
Es passiert somit über gut zwei Drittel des Romans nichts Wesentliches, sodass man "Erwachen" titelgerecht tatsächlich nur als Vorbereitung für die weiteren Teile der Trilogie auffassen kann. Ob das die Autorin, die eine Vorliebe für das Dämonische zu haben scheint, so beabsichtigt hat, sei einmal dahingestellt.
Löblich ist, dass Lily durch ihren Körperwechsel ihre Vergangenheit nicht vergessen hat. Sie ist immer noch Lily, fühlt und denkt wie Lily. Alice Purdue ist lediglich ein Gefäß und Lily vollkommen fremd. Daher widersetzt Lily sich sogar den Anweisungen, nimmt an ihrer eigenen Beerdigung teil und sieht auch nach ihrer Schwester, der sie sich natürlich nicht zu erkennen geben kann. Auch bemüht sie sich trotz aller Kampfausbildung folgerichtig, Näheres über Alice zu erfahren, die ebenfalls ermordet wurde und sogar magische Ambitionen hatte. Die Erklärungen kommen allerdings sehr spät und aufgrund der bereits fortgeschrittenen Seitenzahl arg gedrängt. Für Aufklärung sorgt ausgerechnet der mysteriöse Mann, von dem sie sich fernhalten sollte: Deacon Camphire. 
Zwar lassen Klappentext und Kurzbeschreibung vermuten, dass dieser als Love Interest viel beizutragen hat, aber seine Auftritte sind begrenzt und, selbst wenn Lilys Körper mit allerlei elektrischem Kribbeln auf ihn reagiert, wenig romantischer Natur. 
Erst auf den letzten fünfzig Seiten wird seine wahre Identität aufgedeckt, die der mitdenkende Leser sicherlich bereits erahnt haben dürfte. 
Und da nimmt auch endlich die Handlung tüchtig Fahrt auf und überrascht mit Wendungen. 
Allein der flotten Sprache der Protagonistin, die nicht auf den Mund gefallen ist und mit frischen Metaphern wie auch Selbstironie aufzuwarten weiß, ist es zu verdanken, dass "Erwachen" flüssig zu lesen ist und keine Langeweile aufkommt. 
Am Ende droht Lily, dass sich die Dämonen nun auf eine stinksaure Jägerin gefasst machen können, und es bleibt zu hoffen, dass sie diese Drohung in der Fortsetzung Blood Lily Chronicles 02. Zerrissen auch wahrmacht, denn wirklich Lust auf mehr macht Band 1 leider nicht. 

Fazit: 
Auftaktband, der sich viel Zeit für die Neuentwicklung der Protagonistin zur taffen Jägerin lässt und damit noch etwas unentschlossen wirkt. Für rettende Dynamik sorgen schnörkellos flotte Sprache und zahlreiche Kampfszenen. Romanzenhoffnungen werden jedoch kaum genährt. 

Gesamteindruck: 
3 von 5 Weißdornzweigen



1 Kommentar:

Nazurka hat gesagt…

Du hast nicht zufällig Lust bei der Lyx Challenge mitzumachen? Habe nur gesehen, dass du auch öfter aus dem Verlag liest, daher würde es sich anbieten. Kannst dir das ja mal überlegen, wäre ja theoretisch kein Mehraufwand für dich.

Liebe Grüße,
Nazurka

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