Sonntag, 5. Juni 2011

Wo die Hexe mit dem Wolf tanzt

Anfang Mai hatte ich bereits erwähnt, dass wir bislang die knapp 50 km nach Thale noch nicht in Angriff genommen haben. 
Dies haben wir vergangenes Wochenende nachgeholt, denn für einen Ausflug nach Thale bedarf es nicht zwangsläufig der berühmten Walpurgisnacht. 
Nun ließ sich der Nachwuchsgeschichtenerzähler leider nicht mit dem Ausflugsziel "Hexentanzplatz" locken, denn er weiß natürlich ganz genau, dass a) Hexen schon mal gar nicht tanzen müssen oder können, weil sie auf Besen durch die Gegend fliegen und es b) sowieso gar keine Hexen gibt. 
Wir waren daher gezwungen, die Tierparkkarte auszuspielen. So ganz genügte die aber auch nicht. Erst das Stichwort "Wölfe" überzeugte. Immerhin wird nach über zweihundert Jahren in nicht allzu ferner Zukunft mit der Rückkehr von Wölfen in den Harz gerechnet. 
Also begaben wir uns am frühen Nachmittag auf Schlengeltour bergauf und wurden hinter Friedrichsbrunn Opfer der mangelnden Ausschilderung. Bei einem angeblichen Tourismus-Highlight, wie dem Hexentanzplatz, sollte man davon ausgehen, es sei hinreichend beschildert. Ist es nicht. Deshalb bremsten wir auch scharf mitten auf der Straße, als der Imker ein am Waldrand kaum sichtbares Holzschild (ähnlich wie das auf dem Foto oben links) entdeckte. Was wir nach einer waghalsigen Wendeaktion fanden, war nicht etwa ein offizieller Parkplatz, sondern der Wanderweg zu Tierpark und Hexentanzplatz. 
Uns erwarteten knapp drei km Weg (mit leichtem Auf und Ab) durch den Wald. Wir sind zwar rund, aber gut zu Fuß, allerdings war diese dank der fehlenden Ausschilderung gefundene Behelfsstrecke trotz landschaftlichen Reizes für Kinderfüße ganz schön anstrengend. Bei der Erschließung der Wanderwege wurde aber ganz gut mitgedacht und dieses kreative Tipi mit Sitz- und Picknickmöglichkeit aufgestellt.
Zu unserer Überraschung erreichten wir den Tierpark am anderen Ende und durften also um das komplette Gelände herumwandern, bis wir den Eingang und, oh Wunder, den offiziellen Parkplatz erreichten. 
Die Familienkarte kostet 10 Euro, was bei unserem Dreiergespann eine satte Ersparnis von 50 Cents im Vergleich zum Einzelkartenkauf ausmachte. 
In einer längeren Pause zwischen der eigenen Kindheit und dem Dasein als Eltern durfte ich mich weitestgehend von Tieren erholen. Nicht, dass ich es nicht interessant finde, verschiedene Spezies zu betrachten, aber schon als Kind taten mir die eingesperrten Tiere leid. Aber ich meine auch, dass man ja nicht nur von Abbildungen in Büchern lernen kann, sondern die eine oder andere Art auch mal in Lebensgröße gesehen haben darf. Deshalb lasse ich selten eine Tiergehege-Gelegenheit mit Sohnemann aus. Der Tierpark Thale ist für Kindergruppen bestens vorbereitet und bietet einen ganzen Lernparcours, der sich für den Individualbesucher leider nicht so gut erschließen lässt, weil ein Teil der Stationen nicht selbsterklärend ist bzw. manche Stationen eben nur für Gruppen geöffnet sind. 
Da zudem eine Vielzahl von Bewohnern gar nicht zu Hause war oder sich den Blicken entzog (wobei es eher trüb und kühl und nicht heiß war), gestaltete sich der Besuch des Tierparks größtenteils als kostenpflichtiger Spaziergang in einem schön angelegten Park zwischen Bäumen und Grünanlagen. Ein Teil der Anlagen befindet sich in Bau oder Umbau, sodass die Bewohner wohl erst in geraumer Zeit neu oder wieder einziehen können. 
Ein Großprojekt sind beispielsweise die Freianlagen für Luchse und Fischotter. Luchse haben wir nirgends zu Gesicht bekommen, dafür aber hat das Kind einen verschreckten Fischotter in seinem Versteck aufgespürt ("Mama, guck, da sitzt ein Tier!"). 
Arbeit und Kosten sind enorm. Dass der Tierpark, der seit 1973 besteht, nicht von einem auf den nächsten Tag in hochmodernem Glanze erstrahlen kann, dürfte jedem Besucher klar sein. Wahrscheinlich lohnt sich ein Besuch zu einem späteren Zeitpunkt in diesem oder besser noch im nächsten Jahr mehr. Auf jeden Fall ist der Tierpark ein Kleinod, an dem ambitioniert gearbeitet wird.
Die Wölfe allerdings haben bereits ihr neues Gehege und hielten, zum Leidwesen meines Sohnes, gerade ein Nachmittagsschläfchen. Als sie dann von den Schaulustigen geweckt wurden, schauten sie ein wenig mürrisch, verzogen sich dann aber wieder in den Schatten und ließen die kindliche Fantasie arbeiten. Die kindliche Fantasie war dummerweise bei mir Nichtfachfrau in Sachen Gestaltwandlern an der falschen Adresse. 
Wer auch immer dem Kind etwas von Werwölfen geflüstert hat, ich war es nicht - ich schwöre! Denn auch ich starrte die Tiere an und überlegte, wie sich so ein vergleichsweise kleines Wesen, das zudem am Menschen als Beute keinerlei Interesse hat, hin- und herverwandeln können soll.
Die Sagenbücher, die ich mir am selben Tag gekauft habe, bieten eine Reihe von Geschichten um Werwölfe, also werde ich wohl doch noch näher in die Materie eintauchen. 
Nachdem dann auch Herr Reinecke durch Abwesenheit glänzte und die letzte Attraktion im vermeintlichen Fluchtversuch einer jungen Ziege bestand, war der Tierparkbesuch schneller vorbei als erwartet, sodass wir uns direkt auf den Weg zum Hexentanzplatz machten, der sich in nicht allzu weiter Entfernung auftut. 
Ich kenne den Begriff Teufelskanzel, denn so etwas gibt es in meiner thüringischen Heimat. Zweck war die Darbringung von Opfern für den Teufel, um die Bevölkerung oder die Natur vor Unheil zu schützen. Weitaus imposanter und exponierter ist der Hexentanzplatz, der mir bislang nur auf dem Papier, erstmals im Heimatkundeunterricht in der dritten Klasse, untergekommen ist. 
Anstelle von freier Tanzfläche findet man hier heute, wie es sich für einen Touristenspot gehört, ein Restaurant und viele Souvenirgeschäfte (die alle die gleichen Artikel führen). Die Aussicht allerdings ist atemberaubend, und die imposanten Felsformationen, über die hinweg man tatsächlich bis hinüber zum Brocken sehen kann, bringen ein weiteres Mal die Fantasierädchen ordentlich in Gang. Ich kann mich noch gut erinnern, dass wir in der Grundschule "Die Sage von der Rosstrappe" durchgenommen haben (Heimatkunde war schon toll) und ich damals gedacht habe: "Da will ich mal hin." Na ja, an der Rosstrappe war ich zwar immer noch nicht, denn die liegt ja dem Hexentanzplatz gegenüber (linkes Bild), aber immerhin habe ich es nach gut fünfundzwanzig Jahren mal an den Schauplatz des Heimatkundeunterrichtes geschafft.
Spätestens dort oben auf dem zerklüfteten Felsplateau musste ich einsehen, dass selbst für uns, die wir nur 50 km entfernt wohnen, Thale mindestens einen Ganztagsausflug wert sein sollte. 
Es ist ja nicht nur der "schnöde" Hexentanzplatz allein, der besucht werden möchte. Auch eine Fahrt mit der Seilbahn sollte drinsein, wenn man nicht gerade eine halbe Stunde vor Schließung dort aufschlägt, und vorausgesetzt, man ist schwindelfrei. Ergo: Unsereins war zu spät dran und fuhr zur großen Enttäuschung des Kindes nicht mit der Seilbahn. Lieber genossen wir die interessanten Felsformationen im Wald und die Aussicht auf Thale. 
Leider war die Walpurgishalle geschlossen. 
Noch heute sind die Überreste des Sachsenwalls zu sehen, der vor anderthalbtausend Jahren um den Hexentanzplatz verlief und von wo die Sachsen als Hexen verkleidet die Franken in die Flucht geschlagen haben sollen. Während mich alte Steine faszinieren, war es für das Kind aber doch höchste Zeit, den Rückmarsch durch den Wald anzutreten (mit 5 Büchern im Gepäck). 
Der Hexentanzplatz und seine Umgebung laufen uns ja nicht davon, und das Bergtheater wird uns vermutlich noch in dieser Saison kennenlernen, denn das märchenhafte Kinderprogramm klingt verlockend.
Ein besonderes Geschenk machten die Wölfe meinem Sohn auf dem Rückweg. Nachdem der Tierpark geschlossen hatte, kamen sie aus ihren Verstecken und begleiteten uns am Zaun entlang, bis es nicht mehr weiterging. Manchmal blieben sie stehen, als wollten sie mit meinem Sohn ein stummes Zwiegespräch führen (vielleicht wollten sie auch einfach nur sichergehen, dass wir uns wirklich vom Acker machten). Mein Sohn war jedenfalls so gerührt, dass er sich winkend und Luftküsse werfend von den vier Wölfen verabschiedete. 



Kommentare:

Sue hat gesagt…

Na, da hat sich das Warten ja doch auf jeden Fall gelohnt! Sehr schöne Bilder! Vor allem die Kollagen vom Hexentanzplatz und das Bild vom "Tipi" haben es mir angetan.
Ich denke, Thale ist wirklich einen Tagesausflug wert. Wenn ich mir die Bilder ansehe, könnte ich ja allein dort schon einen ganzen Tag verbringen.
Vielleicht verschlägt es uns ja auch irgendwann mal in den Harz.

Viele Grüße
Susanne

Sinje hat gesagt…

Das Tipi war toll, richtig urwüchsig, und es roch nach frischer Erde :D
Thale ist ja noch ein Stück runter im Tal, ich weiß nicht, ob das selber so sehenswert ist, aber gegenüber liegt noch die Rosstrappe und andere Aussichtspunkte, die man einfach nicht schafft, wenn man erst nach dem Mittag lostrudelt.
Der Harz ist eine Reise wert!
LG
Sinje

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