Samstag, 18. Juni 2011

... über unliebsame Szenen #1 - oder "kotzende Charaktere"


Bevor ich zum Kern der Sache komme, schicke ich den Warnhinweis voraus, dass nervös-pikierte Mägen diesen Post wohl eher meiden sollten. 

Ich werde häufiger gefragt, was ich gerne schreibe.
Während die meisten Autoren antworten, sie schreiben gern, was sie selbst gern lesen würden, ist meine Antwort nicht ganz so schwarz und weiß. 
Natürlich schreibe ich auch Dinge, die ich gerne lesen würde. Es wäre ja blöd, wenn ich meine eigenen Geschichten nicht lesen wollen würde. Aber ich schreibe auch hin und wieder Dinge, die ich bei anderen Autoren kritisiere oder die (für mich und vielleicht auch für den Leser) eher unliebsam sind.
Auch wenn ich im Leben harmoniebedürftig bin, halte ich allseitige Gefälligkeit noch lange nicht für das Maß der Dinge und sträube mich, zu schreiben, was die Allgemeinheit mit einstimmigen Jubelschreien vom Lesehocker haut. So kann der Kitsch tropfen oder auch nicht, Blut mit Fremdschämfaktor fließen usw.

Schon länger habe ich darüber nachgedacht, in unregelmäßigen Abständen aus der Schreibstube über Szenen zu berichten, die mir aus verschiedenen Gründen schwer fallen. 
Man sitzt schließlich nicht still in seiner Fantasieblase und tippt gedankenlos wirres Zeug, sondern es arbeitet in der Hobbyautorin. Sie hadert, zaudert, zweifelt, löscht, schreibt neu, diskutiert und kämpft mit Szenen, die so gar nicht buttrig sein wollen. Weil sie vielleicht Persönliches preisgeben könnten, zu kitschig sind oder zu blutig oder gar eklig und unangenehm.

Während meiner Überlegungen ergab es sich, dass ich inzwischen von  drei befreundeten Autorinnen auf aktuelle Negativrezensionen zu "Blutsuche" aufmerksam gemacht wurde.

Es tut mir natürlich immer leid, wenn einem Leser mein Buch nicht gefällt, aber ich kann damit leben, denn weder lege ich es darauf an, dass meine Geschichten jedem gleich gut gefallen, noch haben Leser allesamt den gleichen Geschmack. Auch mir geht es gelegentlich so, dass ich positive, gar überschwängliche Bewertungen von Romanen nicht nachvollziehen kann. 

Ich bin also überhaupt nicht beleidigt. Jeder darf seine Meinung äußern, ich tue es ja auch.

Daneben bin ich für negative Kritik nicht einmal undankbar, da ich nicht vorhabe, das Schreiben aufzugeben, sondern Kritik berücksichtigen möchte.

Allerdings wird mir in einer Rezension ein Vorwurf gemacht, den ich so nicht stehen lassen kann. Ich weiß, dass man (sogenannte) Rezensionen eher neutral betrachten und sich nicht äußern sollte. Als BOD-Autor haben wir aber immer den Stempel "Das ist eh bloß Mist" auf der Stirn und werden oft wesentlich gnadenloser beurteilt, auch wenn es in vielen Fällen berechtigt ist, weil BOD ja "nur" ein Verlagsdienstleister ist und auch ein Buch mit komplett schwarzen oder weißen Seiten drucken würde.

Langes Vorgeschwafel, einfacher Anknüpfungspunkt: Dies alles trifft mit meiner Absicht, Leseproben zu posten, wie auch dem Vorhaben zusammen, über Szenen zu schreiben, die mir schwer von der Hand gehen.  

Es gibt einige Themen oder Szenen, die mir von vornherein nicht gut von der Hand gehen. Trotzdem will ich sie nicht umschiffen, wenn sie zu einem Charakter dazugehören, und seien sie noch so unangenehm.

Diese Thematik bietet Stoff für mehrere Postings, sodass ich zu gegebener Zeit darauf zurückkommen werde.

Heute möchte ich nicht nur, sondern muss ich schlichtweg umfangreicher auf den einen Aspekt eingehen, der in aktuellen Negativrezensionen mit einer übertriebenen Bedeutung versehen wird.

Dass das Thema nicht nach Rosen duftet, ist mir klar, aber - gerade herausgesagt - auch ein Protagonist muss mal aufs Klo, und wenn er sich nur kurz zum Nasepudern verabschiedet.
Es wird immer wieder Leser geben, die sich daran stoßen, dass Kommissar X pinkeln muss, sobald er aus seinem Auto aussteigt. 
Aber daneben gibt es auch Leser (oder Filmfreunde), die es befremdlich finden, wenn ein (zukünftiges) Pärchen in einer Hafenkneipe sitzt, ein Bier nach dem anderen trinkt und hernach zu körpernahen Aktivitäten im Stundenhotel verschwindet, ohne dass das Bier auch nur einen Hauch von Wirkung gezeigt hat. (Was in aller Welt trinken denn die Menschen auf diversen Veranstaltungen, wenn sie anschließend nicht ganz so klammheimlich länger in Ecken oder an Straßenrändern verweilen müssen?)
Es geht natürlich nicht darum, die Blasenkapazität en détail zu hinterfragen oder außerhalb von plotnotwendigen Autopsien Mageninhalte zu analysieren, aber einen Funken menschliche Bedürfnisse dürften doch mit einer schlichten Feststellung, wie "Ich ließ ihn stehen, weil sich die drei Tassen Kaffee einfach nicht mehr zurückhalten ließen" (ja, ich weiß, es geht auch besser), niedergeschrieben werden.

Im speziellen Fall geht es nun um das Erbrechen meiner Protagonistin: Es heißt, der Hauptcharakter übergebe sich ständig, was die Frage aufwerfe, ob ich Bulimie habe und das auch noch toll finde.

Werte Leserin, ich bedaure sehr, dass Ihnen dieses menschliche Wesensmerkmal der Protagonistin derart zuwider war, aber ich kann Ihren Vorwurf nicht unkommentiert belassen, und ich tue das hier in diesem Blog, der meine Plattform für meine Schreibarbeit ist. Deshalb möchte ich mich auch an dieser Stelle vehement wehren! 

Nein, ich leide nicht unter Bulimie!
Ich bin ein kugelrunder Genussmensch mit sechs Jahre altem postnatalem Kampfgewicht, und ich finde auch Bulimie nicht toll, sondern halte sie für eine sehr ernstzunehmende Krankheit, über die man weder Scherze macht noch sie leichtfertig unterstellt! 

Tatsächlich ist mir jede der insgesamt sechs Szenen, die fast ausschließlich konstatieren, unendlich schwer gefallen, denn ich selbst wurde aufgrund des Dauerthemas Erbrechen einst von Stephen Kings Büchern abgebracht. Als 16-Jährige fand ich es einfach nicht toll, dass in jedem seiner Bücher die pubertierenden Protagonisten nicht nur zum Fürchten aussahen (na ja, ein Honigschlecken ist die Pubertät wohl nicht), sondern auch noch ein entsetzliches erstes Mal hatten (etwas weniger Holzhammerernüchterung hätte es auch getan) und sich zu guter Letzt irgendwer irgendwann übergab (= eklig). 
Inzwischen sehe ich das aber anders. Würde mich das Thema noch immer derart abstoßen, hätte ich das wunderbar authentische Buch "Die verborgene Sprache der Blumen" von Vanessa Diffenbaugh nämlich weglegen müssen. Dieses ist in Sachen Schwangerschaftsübelkeit so deutlich, dass einem schon fast der Kinderwunsch ausgetrieben werden kann.  
Deshalb habe ich mich auch bei "Blutsuche" tapfer durchgekämpft, ganz gleich, wie unangenehm mir das Thema ist.

Im Vorfeld habe ich nicht nur mit meinen Testlesern meine Bedenken besprochen, sondern auch recherchiert, inwieweit Schock und Panikattacken mit dem Resultat des Erbrechens einhergehen. Geschrieben habe ich diese Passagen weder mit dem  Hintergedanken, mich zu therapieren, noch mit der Absicht, dem Leser vor  Ekel eine Gänsehaut zu verschaffen, und schon gar nicht, um einen Spaßfaktor zu vermitteln!

Mit Anne habe ich einen sehr schwierigen Ohrfeig-Charakter erschaffen, der psychisch (maßlos) viel Gepäck mit sich herumschleppt. Hinzu kommt Ihre medizinisch auf jeden Fall übertriebene Reisekrankheit, durch die sie medikamentenfrei kein Verkehrsmittel nutzen kann und in eine höchst  peinliche Situation gerät (und die ist wirklich so peinlich, dass ich mich selber fremdgeschämt habe). Ich habe ihr keineswegs dieses Merkmal aufgedrückt, weil ich es genieße, sie und den Leser leiden zu sehen, sondern um sie in ihrem Dorf zu fesseln.

Anstatt des Erbrechens hätte ich viel lieber zehn verklausulierte blumige Liebesszenen geschrieben, denn diesen Kraftakt empfinde ich als deutlich weniger immens, auch wenn dies wohl Thema von "unliebsame Szenen #X" sein wird. 

Wenn ich pingelig sein will, könnte ich analysieren, dass entsprechende Verben auf insgesamt knapp 180000 Wörter noch nicht einmal 0,01 % ausmachen, wobei es sich mehrheitlich lediglich um Annes Gedanken handelt, dass sie sich zusammenreißen muss und nicht in Panik ausbrechen darf, denn sonst reagiert ihr Magen. Nur verbietet ihr ihre Sprache, zu sagen: "Jetzt bloß nicht kotzen!"
In sechs Szenen von um die 30 Kapiteln ist die Selbstbeherrschung hin, in drei davon wird nur die Aussage getroffen, dass sie sich erbricht, eben ohne zugehörige Beschreibungen In zwei Fällen sind Schock, Panik und Verzweiflung der Auslöser, Fall 5 und 6 sind übernatürlich verursacht und sollen aus Spoilergründen nicht weiter ausgeführt werden; eine dieser beiden ist tatsächlich eher unschön, aber längst nicht exorzistentauglich. 
In keinem Fall aber erbricht sich die Protagonistin, weil es ihr gar Spaß macht, und von "ständig" kann gar keine Rede sein. Beißt man sich nun aber daran fest, kann es denen einen oder anderen Leser sicher verfolgen. 

Eine Leseprobe zum Thema wird es in den nächsten Tagen geben.

Einfach machen werde ich es mir auch in Teil 2 nicht und auch da mit Szenen hadern, in denen geblutet, erbrochen und geliebt wird. 

Kommentare:

C. hat gesagt…

Meine Charaktere erbrechen sich gern mal. ^^ Es ist kein durchgängiges Thema, aber ich habe festgestellt, dass ich meinen Figuren manchmal so extrem viel zumute, dass dies die einzig nachvollziehbare Reaktion ist. Seien es nun physische oder psychische Qualen.

Und uns Autoren macht es überhaupt keinen Spaß, unsere Charaktere so leiden zu lassen; leiden wir im Normalfall ja genauso stark mit. Und wenn eine Figur gefoltert wird, haben ja ne grobe Ahnung, was wir gedanklich durchmachen müssen, wenn wir das schreiben.

Sinje hat gesagt…

Nachvollziehbare Reaktion - darum geht es ja.
Vor Jahren hatte ich mal einen Beinaheunfall, als ich fast in einen Unfall hineingefahren bin. Zwei Autos waren kollidiert und filmreif zu je beiden Straßenseiten davongeflogen. Als mein Mann einem der Fahrer aus dem Auto half, war dessen erste Aussage, es gehe ihm güt, aber er müsse sich übergeben.
Daher finde ich es durchaus nachvollziehbar, wenn der Magen in Paniksituationen die Contenance verliert.
Nun ja, mir wäre es nie in den Sinne gekommen, dass sozusagen 6 Mal die Aussage: "erbrach ich mich" derart schockieren könnte ...

Sylvia hat gesagt…

Liebe Sinje,
ich kenne diese Kritiken, die dem Autoren mit ihren ungerechtfertigten Vorwürfen, und Bulemie gehört nun wahrlich dazu, die Haare zu Bergen stehen lassen. Ich denke wir Autoren sind alle an Kritik gewöhnt, aber sie muss sachlich bleiben. Der Rezensent der den Autor persönlich angreift gehört für mich in die "Neidschublade". Denn egal wie gut oder schlecht ein Buch ausfällt, jeder soll sich erst einmal selbst viele Stunden vor den Computer setzen, schreiben bis die Fingerkuppen qualmen, dann das ganze bis zum "Erbrechen" immer und immer wieder durchlesen, korrigieren und letztendlich sogar noch Covergestaltung und Buchsatz übernehmen. Ich empfinde für jeden Autoren Hochachtung, der sich dieser Tortur für wenig Geld unterwirft. Selbst wenn mir sein Werk am Ende nicht gefällt, sollte man bei einer Kritik doch die Kirche im Dorf lassen, oder auch die Protagonistin im Klo.
Liebe Grüsse
die ebenfalls kritikgeschädigte
Sylvia

Sinje hat gesagt…

Liebe Sylvia,
ja, die Kirche wünschte ich mir gerade im Dorf :-(
Aber weißt du was. Ich mach jetzt mal den Mund auf.
Ich danke dir für deine Aufmunterung!
Liebe Grüße
Sinje

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