Freitag, 17. Juni 2011

... über "Ewige Versuchung" von Kathryn Smith

Kathryn Smith 
"Die Schattenritter: Ewige Versuchung"

Etwas überhasteter, übererotisierter Reihenabschluss mit angelehnten Hintertürchen 


Zum Inhalt: 
Wer die Vorgänger der mit "Unsterbliches Verlangen" eingeleiteten historisch-erotischen Vampirreihe von Kathryn Smith gelesen hat - und man sollte die Reihe unbedingt in Folge lesen - , weiß, dass nun noch ein Schattenritter im Bunde fehlt: Temple. 
Während in den vorangegangenen 4 Romanen vier der einstmals 6 Vampire, die aus dem Blutgral tranken, unter die Haube gebracht wurden, weilte Temple, der ungekrönte Anführer der sogenannten Schattenritter, in Rom in der Gefangenschaft von Rupert Villiers. Letzterer ist Mitglied des Silberhandordens, der sich offenbar der Vernichtung der Vampire verschrieben hat. Obwohl Rupert Villiers ein neuer Charakter ist, sind dem Leser die Machenschaften des Ordens bereits bekannt. Immer wieder fällt er durch Taten auf, die sich in unmittelbarer Nachbarschaft der Smithschen Vampire ereignen. 
Während die übrigen Vampire, Chapel, Bishop, Saint und Reign, wie von Zauberhand zu entkommen scheinen, wissen wir bereits von Anfang an, dass Temple entführt wurde. 
In "Ewige Versuchung" treffen wir nun den charismatischen Anführer in seinem Gefängnis. Von seiner Wächterin Vivian, die für eine Frau außergewöhnlich stark ist, wird er mit opiumversetztem Blut gefüttert. Während das Opium nach und nach nicht mehr wirkt, nimmt Temples Interesse an Vivian zu, und auch sie fühlt sich zu dem Vampir hingezogen. Er scheint ihr kaum das Monstrum zu sein, als das er ihr von ihrem Mentor Rupert Villiers beschrieben wurde.
So kommt es, wie es kommen muss, und Temple nutzt einen Moment der Nähe, um von Vivian zu trinken und damit ihre unvermeidliche Bindung zu knüpfen. Wenngleich der Klappentext den Eindruck entstehen lässt, Temples Gefangenschaft machte einen wesentlichen Teil des Romans aus, so ist das nicht der Fall. Denn nicht zuletzt aufgrund Vivians Unschlüssigkeit in Bezug auf ihre eigenen Gefühle gelingt Temple schon nach wenigen Seiten die Flucht. 
Da auch Rupert Villiers nicht blind und unwissend ist, weiß er, dass die Insel Clare Temples Ziel ist, und nutzt die Gelegenheit, Vivian hinterherzuschicken. 
Kaum trifft sie auf der abgeschiedenen Insel, auf der es nicht als die Garden Academy gibt, ein, stolpert sie auch schon in erotisch aufgeladenem, strömendem Regen in Tempels Arme und verliert neben mehr als nur einem Schlückchen Blut auch ihre Unschuld.
Von nun an befindet sie sich sozusagen im offenen Strafvollzug in der von Temples alter Freundin Kimberly Cooper-Brown, kurz "Brownie", geleiteten Garden Academy, die sich Lilith verschrieben hat. Während Rupert Villiers auf dem Festland weiterhin seine Ränke schmiedet und der Leser keinem der Charaktere über den Weg trauen sollte, wundert sich Vivian über die seltsamen Blicke, die ihr in der Akademie zugeworfen werden. Als man sie endlich aufklärt, was an ihr so besonders ist, sind auch schon alle bekannten Akteure der Vorgängerromane versammelt und Temple längst in inniger Liebe zu ihr entbrannt.  

Meine Meinung: 
Ich muss vorausschicken, dass ich die Schattenritter-Reihe insgesamt betrachtet, wirklich mag, denn sie hat im Grunde alles, was das Vampirromanzenherz begehrt: eine interessante Vampirmythologie mit religiösem Hintergrund, ein Setting zur Entstehungszeit von Bram Stokers "Dracula" mit einem oft unüberlesbaren Augenzwinkern an diesen Klassiker, hinterlistige Gegenspieler, attraktive männliche Vampire, die einerseits den gequälten Helden geben, andererseits aber vor atemberaubenden Fähigkeiten strotzen und Frauenherzen zum Schmelzen bringen, nicht alltägliche Frauencharaktere, die sich nicht von der Powerfrau zum Heimchen am Herd wandeln, Erotik, bei der ganz schön viele Gewandschichten fallen müssen, wahre Liebe mit HEA-Ambitionen  ... 
Auch wenn ich ein Fan von derart verpackten Liebesgeschichten bin, wurde selbst mir die ganz offensichtliche "Sex sells"-Methode zu viel. Während in "Unsterbliches Verlangen" Erkundung und Erforschung historischer Hintergründe geschickt mit dem Liebesplot verwoben waren, nahmen die erotischen Begegnungen der Protagonisten in jedem Band mehr und mehr zu, sodass der geneigte Leser vor lauter Anziehung und Übereinanderherfallen schon gar nicht mehr mitbekommt, welche Ziele der böse Antagonist Silberhandorden denn verfolgt. 
Dadurch kommt Kathryn Smith in ihrem letzten Band in Erklärungsnot und muss die losen Fäden der Vorgängerbände sinnvoll und schlüssig miteinander verspinnen. Das wäre vermutlich auch ganz interessant gewesen, hätten Temple und Vivian mal ihre Lust im Zaume gehalten bzw. Vivian nicht immer wieder überlegt, auf welcher Seite sie nun stehen soll, obwohl sie doch von Anfang an bereits entschieden hatte. 
So kommen die Erklärungen um den Nosferatu aus "Kuss der Dunkelheit", die Prostuiertenmorde aus "Salon der Lüste" und all die anderen Ereignisse, die man wahrscheinlich wieder vergessen hat, wenn man die Romane in größerem Abstand liest, in so rasantem Tempo und zwischen Tür und Angel, dass man sich fragen muss: "Moment mal, wann/was war das noch gleich?"
Sehr gut allerdings fand ich, dass die Autorin wirklich alle Protagonisten der Vorgänger, samt Ehefrauen, versammelt und so auch Saint und Marika endlich aufeinander treffen. (Man erinnere sich, dass Marika ja auf Saint einen Groll gehegt hatte, inzwischen aber weiß, dass sie ihm ihr Leben und ihre Geburt, wenn auch als Dhampir, verdankt.) Ganz unverkennbar hebt Kathryn Smith den moralischen Zeigefinger und gibt ihren Charakteren auf, zusammenzuhalten. 
Überrascht hat mich allerdings Rupert Villiers Generalplan, der mir doch ein wenig konstruiert und simpel erschien. Hin und wieder habe ich gedacht, dass er gar nicht solchen Aufwand hätte betreiben müssen, aber berücksichtigt man das Jahr (1899) und die Tatsache, dass die Vampire teilweise über Jahrzehnte keinen Kontakt hatten, sind seine Bemühungen wohl doch nicht so ganz an den Haaren herbeigezogen. 
Zu einer gewissen Verwirrung trugen dieses Mal auch die Namen bei. Rupert Villiers (dass ich immer "Giles" schreiben möchte, dürfte keinen überraschen) beabsichtigte einst die Eheschließung mit einer Dame namens Violet, die dann aber zu einem Vampir wurde und einen Artgenossen ehelichte. Dann, eines Tages, rettete er die liebreizend rothaarige Vivian, die fortan sein Mündel und - perspektivisch - zum magischen Gefäß für Höheres werden sollte. Diese verflixte V-Versammlung verwirrte mich ganz schön, und es gab Passagen, da verwechselte ich tatsächlich Violet mit Vivian, obwohl erstere nun wirklich keine tragende VFunktion hatte. 
Nachdem Kathryn Smith leider über weite Strecken des Romans die Verwicklungen ihrer Vampire aus den Augen verloren und sich darauf konzentriert hatte, nicht nur Temple und Vivian, sondern auch Dreux-Nachfahre Marcus Grey und Akademie-Schülerin Shannon des öfteren körperlich zu vereinen, kam mir die große Aufklärung nebst Endkampf und "wahre Liebe muss belohnt werden" ein bisschen zu plötzlich. Schade ... 
Mir fehlte, wie so häufig, das Wachsen der Beziehung zwischen den Charakteren. Nachdem die kranke Pru sich durch Wissbegierde, Klugkeit, Mut und jammerloses Ertragen ihrer Krankheit in Chapels Herz geschlichen hatte, Marika Bishop ebenfalls mit Intelligenz, Mut und Schlagkräftigkeit überzeugte, Ivy Saint mit Selbständigkeit, Kreativität und unverkennbarem Knistern kaperte, waren Olivia und Reign mehr zwischen den Laken ein Team, als dass man ihnen die wahre Liebe abgekauft hätte. Das setzt sich leider bei Temple und Vivian fort. Unerklärliche Faszination schwappt über in die große Liebe. 
Versöhnt hat mich die Autorin mit ihrem Epilog, der 100 Jahre später angesiedelt ist und alle 5 Vampire, die sich nun wieder regelmäßig treffen, wieder zusammenführt und sie fast menschlich in die Gegenwart integriert. Da alle noch am Leben sind, aber auch (und hier wird einmal mehr mit dem Unfruchtbarkeitsklischee der Vampire gebrochen) Nachkommen  haben, verspüre ich ganz leise angelehnte Hintertürchen, die eine Rückkehr zu einer eigentlich abgeschlossenen Reihe zuließen. 


Fazit: 
Wenig überraschender, teilweise übereilt wirkender Abschluss einer mit 5 Romanen glücklicherweise überschaubaren Vampirreihe für die erwachsene Leserin. Zu viele wenig innovative Erotikszenen unterdrücken leider die Hintergrundgeschichte und verschenken Potential. Nur der Vollständigkeit halber ein Lese-Muss, ansonsten aber nett und kurzweilig für zwischendurch.

Gesamteindruck: 
3 von 5 Weißdornzweigen





Keine Kommentare:

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...