Samstag, 18. Juni 2011

... über "Electrica - Lord des Lichts" von Helene Henke

"Electrica - Lord des Lichts"

So lässt Steampunk auch Frauenherzen höher schlagen

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Zum Inhalt:
1819 lebt Sue Beaton im Dorf Lochdon auf der schottischen Isle of Mull, das dem Clan der Macleans untersteht, von denen man sich allerlei Schauergeschichten erzählt. Von ihrer Familie ist der gebürtigen Engländerin, nun Mitte Zwanzig, nur Tante Meggie geblieben, bei der sie seit ihrem zehnten Lebenjahr lebt. Im Gegensatz zu dem üblichen dörflichen Frauenbild ist Sue des Lesens und Schreibens mächtig und liebt es, Geschichten auf das schwer zu beschaffende Papier zu bannen. Von anmutiger Gestalt und anziehendem Äußeren, geht sie den Dörflerinnen, die sie eher begaffen, gern aus dem Weg. Lieber umgibt sie sich mit dem scheinbar minderbemittelten, herzensguten Sean, den sie großzuziehen half. Es steht ihr nicht der Sinn danach, sich an einen ungeliebten Mann zu binden, weshalb sie die wenig schmeichelhaften Anträge des ungehobelten Sheriffs Black vehement zurückweist und lieber als alte Jungfer davonlaufen würde. Als es im Hause des rüden Schulmeisters, dessen Haushalt Meggie führt, zu einem Zwischenfall kommt, dem Meggie zum Opfer fällt, beschließt Sue, Lord Maclean um Hilfe zu bitten. Den hat allerdings noch keiner zu Gesicht bekommen. Nach einer Beinahebegegnung mit etwas, das Sue für eines der sagenhaften Wasserungeheuer hält, steht sie bald im Duart Castle zunächst den merkwürdigen Bediensteten des Lords gegenüber, die sie am liebsten schnellstmöglich wieder loswerden möchten. Kurz darauf trifft Cayden Maclean, der Hausherr, ein, der sie nicht nur schützend im Haus aufnimmt, sondern sie auch mit seinen technischen Spielereien fasziniert. So besitzt er eine Druckmaschine, die er Typomat nennt und die sofort Sues Schreiberherz höher schlagen lässt. Außerdem tüftelt er an einem Ersatz des Gaslichtes, forscht an der Nutzbarmachung von Elektrizität, um die Nacht dem Tag ebenbürtig zu machen. Sue aber weiß natürlich nicht, dass der Hintergrund dafür ist, dass Cayden ein Vampir ist. Unwissend in Bezug auf diesen Umstand wird sie bald seine Geliebte, doch Cayden muss seine Gefühle unterdrücken. Ein inneres Band verbindet ihn mit seinem ehemaligen Mentor und nun Feind Luthias, den jede Emotion weiter Fährte aufnehmen lässt, bis er Cayden findet, um ihn zu vernichten. Natürlich hat Sue ein ordentlichen Wörtchen mitzureden ... 

Meine Meinung:
Electrica - Lord des Lichts ist ein wunderbares Gesamtpaket. Bereits beim Cover hat Autorin und Grafikerin Andrea Gunschera ganze Arbeit geleistet und den Inhalt lebendig werden lassen. So ist die abgebildete Dame tatsächlich blond und sanft-hinreißend, wie sie im Roman beschrieben wird, Schloss und mechanische Teile als Steampunk-Elemente sind ebenfalls aufgegriffen. 
Die Autorin Helene Henke hat mit Sue Beaton einen klugen, interessierten und interessanten Charakter geschaffen, der dem männlichen Part ebenbürtig ist. Sie ist zwar fraulich und in bestimmten Situationen (ich sage nur: rasante Automobilfahrt!) verständlicherweise ängstlich, aber es gelingt ihr - und zwar nicht erst in der Gegenwart - Cayden eben nicht nur auf körperlicher Ebene anzusprechen. So springt sie, nachdem sie erst nach vergleichsweise langer Zeit erfährt, was Cayden wirklich ist, auch nicht wie ein aufgeschrecktes Huhn davon, sondern hört ihm erst einmal besonnen zu. 
Dabei ist die Geschichte keineswegs auf die Romanze beschränkt, sondern immer wieder geschickt mit Caydens Technikbegeisterung, die er zudem gewinnbringend zu nutzen weiß, verknüpft. Ohne dass es aufgesetzt wirkt, flicht Helene Henke Steampunkelemente ein, die das Geschehen vorantreiben und die Spannung erhöhen. Einzig das Fluggerät schien mir trotz Einarbeitung in die Handlung ein wenig deplatziert, aber darüber konnte ich großzügig hinwegsehen.
Es ist mir bewusst, dass es ein typisches Frauenklischee ist, aber ich zähle mich zu den technisch wenig begeisterungsfähigen Leserinnen, die schon bei Jules Vernes Abenteuern Angst haben, den Faden zu verlieren. 
Diese Angst ist bei "Electrica - Lord des Lichts" absolut unbegründet, denn alles wird anschaulich und vor allem auch glaubhaft dargestellt, ohne übermäßig zu technisieren. 
Ich ziehe den Hut vor Recherchearbeit und Umsetzung!
Neben Erotik, die nun mal zum Romanzengenre gehört, hier aber wunderbar dosiert ist und nie am falschen Platz wirkt, gibt es ebenso wohldosierte, nahezu filmisch inszenierte Action, aber auch Blut in Maßen und somit einen Endkampf, der es tatsächlich ganz schön in sich hat. 
Aufgrund der Perspektivenwechsel, bei denen man abwechselnd Sue und Cayden (aber auch anderen wichtigen Charakteren) zusieht, kennt man natürlich jeweils deren Gedanken und Gefühle, sodass man sich im Showdown keiner Mitleidshudelei hingeben muss, sondern sich voll und ganz auf die Handlung konzentrieren kann. 
Es gibt kein haltloses Geschmachte, und die Personenanzahl ist überschaubar und nicht verwirrend.
Ebenfalls als wohltuend empfand ich, dass Cayden weder ein "normaler" Vampir und daher nicht mit den Klischeeeigenschaften ausgestattet noch ein typischer gequälter Held ist. Die Erklärungen dafür weiß Helene Henke geschickt in Geschehen und Dialoge einzubauen, ohne Längen zu produzieren. 
Selbst wenn Cayden hin und wieder auf Sues Geist einwirkt, einen Anflug von machohaftem Besitzanspruch zeigt oder sie mit Absinth benebelt, bleibt er durchweg Sympathieträger, und man wünscht sich, dass es ihm gelingt, die Nacht zum Tag zu erhellen. 
Und nicht zuletzt ist noch die eine oder andere Überraschung eingestreut.
Über den gesamten Roman hinweg ist die Freude der Autorin am Experimentieren mit dem Genremix aus Paranormal, Fantasy, Steampunk und Romanze ganz deutlich lesbar. 
Deshalb habe ich mich an "Electrica - Lord des Lichts" auch so festgesaugt, dass ich das Buch in einem Rutsch durchgelesen habe. 

Kleiner Hinweis: "Electrica - Lord des Lichts" hat ein breiteres und höheres Sonderformat mit kleinen Seitenrändern. Dadurch wirkt die Schrift, die in Standardfont und -größe ausgeführt ist, etwas klein, aber auf 200 Seiten passt wesentlich mehr Text, als man erwarten würde. Man sollte sich davon aber keinesfalls abschrecken lassen!

Fazit:
Ein erwachsener Liebesroman mit reifen, besonnenen Charakteren, denen man in nachvollziehbaren Geschehnissen gerne über die Schulter schaut. 
Eine Steampunkromanze, bei der die LeserIN keine Angst vor Technik haben muss, die Romantik aber nicht zu kurz kommt - ein rundum gelungenes Gesamtpaket mit lesbarer Freude, die Lesefreuden bereitet. 

Gesamteindruck: 
5 von 5 Weißdornzweigen

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