Sonntag, 26. Juni 2011

Französischer Abend mit "Odette Toulemonde"

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Weil die letzte Volkshochschulstunde naht und ich meine Schüler zu diesem Anlass ungern mit den Wunderwerken der französischen Grammatik quälen möchte, habe ich mich auf Filmsuche begeben. 

Letztes Semester haben wir mit "Willkommen bei den Sch'tis" geschlossen, allerdings ist es recht schwierig, etwas zu finden, das den Geschmack meiner 5 Kursteilnehmer auf ähnlich universale Weise zu treffen wüsste.
Einer meiner französischen Lieblingsfilme, "Ein Herz im Winter", fällt leider aufgrund von Kriterien, wie Länge und Schwermütigkeit, als Abschlussveranstaltungsfilm auch heraus. Mit "La Boum" kann ich auch niemanden mehr locken.
Also habe ich mir ein paar Filme ausgeliehen, die ich noch nicht kannte. 
Auch wenn mich die französische Sprache beruflich jeden Tag umgibt, sehe ich sehr, sehr selten französische Filme, sodass viele einfach an mir vorbeigehen.
So hat sich auch "Odette Toulemonde" an mir vorbeigeschummelt (zur Entschuldigung darf ich ins Feld werfen, dass der Film im Herbst 2007 in die deutschen Kinos kam, als wir aufgrund akuten Babysittermangels ohnehin nicht ins Kino gehen konnten).

Eric-Emmanuel Schmitts Regiedebüt erzählt von Allerweltsfrau Odette Toulemonde (= tout le monde = jedermann). 
Odette, Mitte Vierzig, ist bereits seit zehn Jahren verwitwet und lebt mit ihren zwei erwachsenen Kindern, dem homosexuellen Rudy und der trotz guter Ausbildung arbeitslosen Sue Helen, und zu allem Überfluss auch noch mit Sue Helens seltsam grummeligen, faul-ordinären Freund in einer spießigen Mietwohnung im belgischen Charleroi. Ihre Brötchen verdient sie in der Kosmetikabteilung eines Kaufhauses, in dem keiner an dem Platz zu arbeiten scheint, für den er geschaffen ist. Odette, die sich nie schminkt und trotz gepflegter Erscheinung unscheinbar, aber lesebegeistert ist, bringt Spachtel und Kitt und so manchen guten Ratschlag an die kaufwillige Frau, während ihre make-up-begeisterte Kollegin für Lektüre nichts übrig hat, aber in der Buchabteilung arbeitet. Abends näht Odette Federn an Revuekostüme, weil ihre Mutter dies bereits getan hat, und verdient sich so etwas dazu. 
Obwohl es auf den ersten Blick nicht so aussieht, dass Odette glücklich sein könnte, ist sie es doch und vor allem mit den kleinen Dingen zufrieden. Sie ist vernarrt in die seichten Romane des französischen Autors Balthazar Balsan, die sie ihrem Alltag (und das ist wörtlich zu nehmen) entschweben lassen, ihr nach dem Tod des Mannes sogar neue Kraft gegeben haben. Deshalb fährt sie ohne Umschweife zu einer Signierstunde nach Brüssel, wo sie ihrem Idol zum ersten Mal gegenübersteht, aber dermaßen aufgeregt und verdattert ist, dass sie nicht in der Lage ist, ihre einstudierte Rede, geschweige denn ihren Namen herauszubringen. Sie ergattert eine Widmung "Für Dette" (dass "dette" im Französischen Schuld bedeutet, geht im Deutschen natürlich unter, ist aber auch nicht weiter schlimm). 
Sohn Rudy, Frisör mit wechselnden Männerbekanntschaften, bringt sie schließlich auf die Idee, dem Schriftsteller einen Brief zu schreiben. 
Gesagt, getan, Odette setzt sich hin und schreibt alles auf, was sie Balthazar Balsan schon immer sagen wollte. Sie macht sich auf zur nächsten Signierstunde in Namur, um ihm den Brief zuzustecken. 
Während Odette mit einer ordentlichen Widmung stolz nach Charleroi zurückschwebt, zerbröckelt in Frankreich Balsans Leben. Er, der keine Gelegenheit, fremden Röcken nachzusteigen, auslässt, wird nicht nur von einem Literaturkritiker verrissen, sondern muss auch noch feststellen, dass seine Frau eben mit diesem Kritiker ein Verhältnis hat. Als sein Sohn auf einem Schulausflug lieber unter dem Namen der Mutter geführt wird, stürzt er in ein Loch. Balthazar unternimmt einen Selbstmordversuch, der ihn ins Krankenhaus bringt. Nachdem er in Therapiesitzungen beharrlich schweigt und schließlich selbst erkennt, dass er jemanden braucht, der ihn liebt, flieht er aus dem Krankenhaus. Auf seiner ziellosen Fahrt findet er Odettes Brief in der Manteltasche. Er liest ihn unter Tränen und steht wenig später unvermittelt vor Odettes Tür mit der Absicht, ein paar Tage zu bleiben. Selbstverständlich kann sie nicht nein sagen.

"Odette Toulemonde" ist zwar eine Komödie, aber kein Schenkelklopfer und macht auch keinen Muskelkater in der Bauchgegend, aber der Film ist auf seine Weise sehr amüsant und auf jeden Fall unterhaltsam. 
Auf der DVD heißt es sogar "Märchenhaft". Nun ja, die märchenhaften Elemente bestehen wohl darin, dass Odette wie Mary Poppins, allerdings begleitet von Josephine Bakers Gesängen, zu schweben beginnt, wenn sie von Gefühlsregungen entrückt wird, und das Schattenpärchen auf ihrer kitschigen Sonnenuntergangstapete lebendig wird. 
Ansonsten ist Odette, charmant dargestellt von Catherine Frot, der klischeehafte Inbegriff der Schmonzettenleserin, aber weder "geistig arm", wie es Literaturkritiker Olaf Pims für Frisörinnen, Kassiererinnen etc. generalisierend behauptet, noch dumm oder kleingeistig. 
Es spielt keine Rolle, ob man überhaupt um die Existenz eines Literaturnobelpreises weiß, wenn das Glück in den Worten liegt, die ein jeder verstehen kann. 
Odette ist sozusagen die Daseinsberechtigung für Balthazar Balsan, denn er macht sie glücklich. Das allerdings muss er erst noch erkennen, er, der zutiefst gekränkt ist angesichts der Kritik (es grenze bereits an einen Geniestreich, dauerhaft so schlecht zu schreiben, so Kritiker Pims). Und er muss herausfinden, was ihn glücklich macht, denn plötzlich merkt er, dass er immer das Glück der anderen anstrebte, indem er sich eine falsche Vergangenheit andichtete, sich eine schöne Frau nahm, langbeinige Geliebte hatte, nach Geld und Ruhm strebte. Die wenigen Tage bei und mit Odette rücken seinen Kopf zurecht
"Odette Toulemonde" ist eine Liebesgeschichte, die mit der Verehrung einer Leserin für einen Autor beginnt und zu mehr wird, ohne dass man sich zunächst allzu große Hoffnungen auf ein Happy End macht. Dies ist übrigens auch der Siez-Distanz geschuldet, die bis zur letzten Szene des Films aufrechtgehalten wird. Der Film ist aber auch eine Liebeserklärung an die "seichtere" Literatur, die ebenso gebraucht wird wie Nobelpreisverdächtiges. Dass auch Autoren Gefühle haben, dürfte zwar klar sein, aber hier wird die Gelegenheit ergriffen, noch einmal darauf hinzuweisen.
"Odette Toulemonde" spielt nicht subtil mit Klischees, sondern kommt relativ holzhammermäßig daher, will vermutlich nicht einmal subtil sein, wodurch die überspitzten Charaktere trotzdem authentisch und sympathisch wirken. So ist Jésus, den Odette stets mit einem "Wie geht's, Jésus?" begrüßt, ganz klar eine Metapher für ihren jeweiligen Gemütszustand. Fühlt sie sich leicht und glücklich, kann Jésus übers Wasser laufen. Ist ihr Herz schwer, läuft er im Hintergrund halbnackt mit schwerem Balken auf der Schulter durchs Bild. Das ist zwar aufgesetzt, aber bringt einen doch zum Schmunzeln. 
Französischen Humor muss man ohnehin mögen. 


Alles in allem ist "Odette Toulemonde" eine charmante belgisch-französische romantische Komödie, die von ihren sympathischen Hauptdarstellern Catherine Frot und Albert Dupontel lebt, unterhält und nicht langweilig ist. 
Frankophilen Kinoliebhabern durchaus zu empfehlen! 
Auch zum Immerwiedersehen.

Kommentare:

Rabenblut hat gesagt…

Oh, ich liebe französische Filme!! Was mich aber sehr quält ist, dass ich sie nie im Original ansehen kann. Jetzt überlegen mein Liebster und ich, ob wir nicht auch an die Volkshochschule gehen sollen. Du gibst dort also Kurse?
Ist ja interessant!
Ich hoffe, dass wir uns tatsächlich dazu aufraffen können. Meines Liebsten Schulfranzösisch ist völlig eingerostet und ich hatte leider nur Latein.
Vielen Dank jedenfalls für diesen Filmtipp! (Die Sch`tis fand ich übrigens wundervoll komisch!)

Alles Liebe
Nikola

Sinje hat gesagt…

Ich bin oft geneigt, beide Sprachversionen zu schauen. Berufskrankheit :-)
Die Sch'tis waren sicher ein übersetzerischer Kraftakt. Gut gemacht.
Na ja, ich versuche, Kurse zu geben, denn das Interesse an Französisch hält sich hier in Grenzen. Momentan habe ich einen Minikurs mit Reisewilligen. Sehr angenehm ist das aber.
Auch empfehlen kann ich "Das Labyrinth der Wörter". Ich bin aber noch nicht dazugekommen, einen Beitrag zusammenzuschreiben.

Liebe Grüße
Sinje

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