Montag, 2. Mai 2011

Willkommen im Mai

Zwei Tage ist er erst alt, der sogenannte Wonnemonat Mai, und schon zeigt er ein eisiges Gesicht. Da habe ich doch den Verdacht, dass wir hier im Harz dem Winter nicht genug Feuer unter dem Hintern gemacht haben. 
Vielleicht aber sind auch wir schuld, weil wir nicht bis zum großen Feuer geblieben sind. 

Samstag:
 
Der 30.04. ist bei uns - leider - immer ein Arbeitstag, weshalb uns am Abend nicht mehr der Sinn danach stand, uns den Berg hinauf nach Thale, vermutlich dem Highlight der Walpurgisnacht, zu schlängeln. 
(Eine kleine, aber sehr feine Zusammenfassung zum Thema Walpurgisnacht gibt es übrigens bei meiner Blognachbarin Carol Grayson.)
So oft haben wir es in den fünf Jahren, die wir inzwischen Südharzer sind, schon vorgehabt, einmal eine Veranstaltung zu diesem Anlass zu besuchen, aber nie hat es geklappt. 
Dieses Jahr haben wir endlich Nägel mit Köpfen gemacht und sind - als Kompromiss - nach Breitenstein (Harz) gefahren, wo die Feier der Walpurgisnacht lange Tradition hat, wie man natürlich auch im Ort sehen kann, der überall mit hexenhafter Dekoration aufwartet.
Mit deutlicher Begeisterung stellt die kleine Gemeinde auf ihrer zugigen Höhe unter anderem einen bunten Umzug auf die Beine, bei dem nicht nur die Maikönigin in der Kutsche sitzen darf, sondern auch rotgesichtige Teufel kleine Nachwuchshexen auf der Simson durchs Dorf fahren. 
Wer seine Schuhe nicht geputzt hat, muss damit rechnen, den Birkenbesen einer - im übrigen gar nicht so furchteinflößenden - Hexe (wer hat gesagt, dass Hexen immer verkrautert aussehen müssen?) auf den Füßen zu spüren. Die Süßigkeiten, die vom Umzugswagen des Breitensteiner Gesangsvereins munter zur Straße fliegen, sind ebenfalls nicht verzaubert oder Schlimmeres, sondern gut gemeint. 
Da Breitenstein recht klein ist, ist der Umzug auch flugs vorbei, sodass man sich rasch auf den Festplatz begibt. Dort wird ein buntes Programm geboten, wofür man, das muss ich einräumen, allerdings ein gewisses Faible haben muss. Kirmeslaune scheint uns nicht angeboren, denn wir hatten eher auf "alte" Traditionen denn auf Jahrmarkttrubel gehofft. Aber das kommt eben dabei heraus, wenn man spontan lossegelt ...
Fahrgeschäfte locken Kinder und die Geldbeutel der Eltern, es gibt allerlei zu essen und zu trinken und nicht zuletzt ein Bühnenprogramm, bei dem man sich richtig ins Zeug legt. 
Feuer und Hexentanz allerdings ließen auf sich warten, nämlich so lange, dass Sohnemann, der mit seinen sechs Jahren durchaus auch einmal ein Wochenendausnahmeprogramm genießen darf, nach Bratwurst und Karussellfahrt müde das Tanzbein stillhielt und noch vor Einbruch der Dunkelheit auf liebenswert quengelige Weise darum bat, nach Hause chauffiert zu werden. 
Somit waren wir um 22 Uhr wieder zu Hause und hatten den Winter nicht mit in Frührente geschickt. Vielleicht hätte es auch ein Feuer auf dem Hof getan ... 
Nächstes Jahr aber, da bin ich sicher, wird die Walpurgisnacht besser geplant!
So viele fotogene Hexen :-) Wäre nur das Licht besser gewesen!

Sonntag: 

Momentan kann ich von Regionalerkundung nicht genug bekommen, deshalb habe ich den Maifeiertagseisbecher von einem Waldspaziergang abhängig gemacht und Kind und Kegel in den Forst zwischen Stempeda und Rottleberode geschleppt. Die Wälder hier bergen nämlich  nicht nur eine Vielzahl von (mehr oder weniger bekannten und wichtigen Höhlen (und gefährlichen Löchern), sondern auch die eine oder andere Ruine bzw. ein Plätzchen mit einem Schild mit dem Hinweis, dass vor grauer Vorzeit dort eine Burg bzw. in nicht allzu grauer Vorzeit mal eine Ruine dort gestanden hat. 
Nun war ich also auf die Idee gekommen, die Grasburg ausfindig zu machen, die der Legende nach den Grafen zu Stolberg zugeschrieben wird. Man möge mir verzeihen, dass ich ortsblind und geländedoof bin und deshalb nicht mit Kind allein in den mir unbekannten Wald stolpern wollte, sondern brav gewartet habe, bis Kegel, der hier ja einen Großteil seiner Kindheit verbracht hat, mal marktfrei war. 
Nachdem mich die Arnsburg, von der heute gar nichts mehr zu sehen ist und man nur dank der Gedenkplatte weiß, dass es sie an jener Stelle wohl einmal gab, zur Hainburg in Blutsuche: Annes Reise inspiriert hat, ist die Grasburg bzw. die Ruine der Kapelle, die an deren mutmaßlichem Standort heute zu finden ist, ja ein wahres Füllhorn der Inspiration.
Über einen Pfad, der mit den Blättern der Rotbuchen übersät ist, muss man sich bergauf quälen begeben, um dann mit dem malerischen Anblick der Ruine belohnt zu werden, und nicht nur diesem Anblick, denn auch der dahinterliegende Steilhang mit der leicht verschleierten Aussicht durch das Blattwerk ist nicht zu verachten. 
Während man so zu Füßen des (mit etwas Nachhilfe) erhaltenen Mauerwerks sitzt, kommt man nicht umhin, nachzusinnen, wie es hier wohl im 10./11. Jh. ausgesehen haben muss. Gab es damals schon diesen Wald? Wie alt wird eine Rotbuche überhaupt? Was machten die Grafen eigentlich mit so vielen Burgen? Wer besuchte die Wallfahrtskapelle auf dieser Anhöhe? Wie empfindlich ist das Gelände tatsächlich, wenn man bedenkt, dass im aktiven Steinbruch, der nur einen Steinwurf entfernt ist, häufig Sprengungen stattfinden? 
Das sind Orte, die Geschichten erzählen (wollen), und sei es nur darüber, wie toll es für Kinder ist, auf den nicht verrottenden Blättern auszurutschen und sich darin zu suhlen, während Mutter bei jeden Schritt fürchtet, dass sich der Karst unter ihr auftut. 
Wie die folgenden Collagen ein klein wenig verdeutlichen, hatten wir einen wunderbar grünen 1. Mai in historischem Ambiente. 
Mit diesen Ansichten wünsche ich euch einen tollen Start in den Mai und dass sich die verfrühten Eisheiligen mal rasch wieder verziehen!



Kommentare:

Claudia und Joachim (Groschi) hat gesagt…

Ich mag deine Fotozusammenstellungen. Eine ähnliche "Puppe" haben wir neulich erst bei usneren Ausflügen entdeckt. "Sie" hat zu eienr Weinprobe eingeladen.

Sinje hat gesagt…

Dankeschön.
Soweit ich es erkennen konnte, sind diese "Puppen" meistens Gebilde aus ausgestopften Altkleidern. Es gab wirklich so viele zu sehen - das ganze Dorf war voll davon. Ach, wenn nur immer das Licht gepasst hätte ...
Ich komm gleich mal bei euch stöbern.
Liebe Grüße
Sinje

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