Montag, 16. Mai 2011

über "Romantik für Anfänger" von Ron Markus

Ron Markus

Romantik für Anfänger

Die besten Telenovelas werden sowieso nur vom wahren Leben geschrieben 

- oder - 

das Leben ist nichts anderes als eine Telenovela

(c) Kiwi-Verlag

Zum Inhalt: 
Charlotte, Quereinsteiger-Drehbuchautorin, sitzt mit Mitte Dreißig nach einigen Fernseherfolgsjahren auf einem Ast, an dem inzwischen von vielen Seiten gesägt wird. 
Zum einen ist sie wieder Single, nachdem sich ihr Ex Marius, der Star ihrer Telenovela, die sich, genau wie sie, auf einem absteigenden Ast befindet, durch die Crew geschlafen hat. Zum anderen nimmt das Publikum ihr die Telenovela "Renata - Engel der Liebe" nicht mehr uneingeschränkt ab, wie die Quoten beweisen. So sät Chef Friedhelm ordentlich Unmut, indem er versucht, Charlotte und Zweitautor gegeneinander auszuspielen, frei nach dem Motto "Konkurrenz belebt das Geschäft". Dann aber setzt er Charlotte die Huber Sabine, einen bayerischen Renata-Fan vor die Nase, die von nun an das Telenovela-Publikum repräsentieren und der ausgelaugten Charlotte mit Rat, Tat und Tipps zur Seite stehen soll. Selbstverständlich fühlt sich die großstädtische Autorin gegängelt, nimmt dann aber der Karriere zuliebe die serienverrückte, überbezahlte Hausfrau bei sich auf und bekommt von nun an deren romantische Ader zu spüren. Die Huber Sabine hat sich nämlich in den Kopf gesetzt, nicht nur ihre heißgeliebte Renata zu retten, sondern auch Charlottes Liebes- und Gefühlsleben. Dass dabei die Klischees nur so aufeinanderprallen, ist nicht verwunderlich. Während die Berliner Autorin von der hausmütterlichen Sabine, die ihren Mann sogar aus der Ferne bekocht und mit einem Schoßhund umherzieht, der in Serienfolge XY aufgetreten war, einigermaßen genervt ist, dürfte die Huber von Charlotte zunächst den Eindruck gewonnen haben, diese sei selbst einer Serie à la Sex and the City entsprungen. 
Da schließlich auch Frau Bedürfnisse hat, hat sich Charlotte nach dem Marius-Debakel über eine Internetseite einen One-Night-Stand angelacht, der sich dann nicht nur als deutlich jünger als angenommen herausstellte, sondern sich auch entschloss, bei ihr einzuziehen. 
Das kann die Huber Sabine nur schlecht mit ansehen, sodass sie einen einer Telenovela angemessenen Schlachtplan entwirft, der Schauspieler Marius zurück in die Serie (in der er eigentlich das Zeitliche gesegnet hatte - es lebe das Fernsehen und Bobby Ewing!) und damit zurück in Charlottes Leben bringt. 
Und als würde Charlottes dünner Ast nicht schon laut genug knacken, präsentiert Chef Friedhelm ihr seine Angetraute, eine Vertreterin der Namaste-Fraktion, die ihren Friedhelm ganz schön im Griff hat, als neue Chefin. 
Unter chaotischen Bedingungen in Charlottes neuer, unfreiwilliger Dreier-WG wird nun an den bevorstehenden Folgen von "Renata" gefeilt, um die Telenovela aus dem Quotensumpf zu hieven ... und Charlotte unter die Haube zu bringen. 

Meine Meinung: 
Romantik für Anfänger startet bereits kurzweilig mitten in einer Produktionssitzung, die ein jähes Ende findet bzw. unfreiwillig verlängert wird, als die gesamte Mannschaft von der Putzfrau eingeschlossen wird, weil sie beleidigt ist, dass man ihre geschätzte Meinung zu Renata nicht hören will. 
Zu diesem Zeitpunkt wirkt die Protagonistin noch, als sei sie Herrin der Lage, aber das ändert sich ziemlich schnell, als der Leser Einblicke ins harte Telenovela-Business bekommt. Charlotte ist sogar schon so weit telenovelaisiert, dass sie sich ihre Gedanken und Gefühle visuell als Skript vor Augen führt - die im Buch auch in der typischen Schrift und im typischen Layout abgebildet sind, was dem Roman durchaus einen authentischen Touch verleiht. Überhaupt, und das kommt nicht von ungefähr, denn der Autor schreibt fürs Fernsehen, hat man immer das Gefühl, das professionelle Drumherum ist keine pure Fiktion. Als Nichttelenovelaseherin bin ich geneigt, einen neuen Blick auf das Nachmittagsprogramm zu werfen, ganz gleich, wie verdenglischt die Dialoge im Produktionsalltag wohl sein mögen (tut mir leid, aber ich bin nun mal ein leiser Verfechter der deutschen Sprache und fühle mich von einer Überbeanspruchung des Englischen im deutschen Dialog reichlich genervt).
Obwohl Ich-Erzählerin Charlotte altersmäßig zu mir passt, habe ich schon arge Identifikationsprobleme, was vermutlich daran liegt, dass ich mich nach jahrelangem Paardasein mit Kind und Kegel nicht mehr in eine Single-Städterin hineinfühlen kann. Deshalb kommt mir ihr, und das soll nicht als Wertung zu verstehen sein, Verhalten ein wenig unweiblich vor, wenngleich es nachvollziehbar ist, dass sie nach Marius' Vertrauensbruch nicht mit offenen Armen in die Romantik hüpft, sondern eher Wert auf Bedürfnisbefriedigung legt. Das macht sie unbestritten sympathisch. 
Trotz ihrer nervigen Art ist auch Charlotte-Nemesis Sabine ein im Grunde sympathischer Charakter, der es einfach immer einen Ticken zu gut meint. Wie Charlotte erkennt auch der Leser, dass in der Huber Sabine mehr steckt und sie aus unterdrücktem Potenzial gestrickt ist. Selbst wenn die Voranstellung des Namens vor dem Vornamen nicht sonderlich unüblich ist, muss ich doch sagen, dass mich das nach einer Weile richtig nervte, weil für mich dieser Darstellungsweise (wahrscheinlich meinem eigenen Dialekt geschuldet) immer eine Abwertung anhängt, die allerdings im Roman eher anfänglich zum Tragen kommt, zum Ende hin aber natürlich schwächer wird. 
Die männlichen Charaktere allerdings hätte ich gerne im Verlaufe der Handlung in einen Sack stecken und verhauen wollen. Marius ist mir dermaßen unsympathisch, dass ich am liebsten laut geschrien hätte: "Lass die Finger von dem A..." Andererseits konnte ich mir die gute Charlotte aber auch nicht mit One-Night-Stand-Missversteher Alex vorstellen. 
Das Ende, auf das auf knapp über 300 großzügig bedruckten Seiten hingearbeitet wird, veranlasst mich somit auch zu Punktabzug, weil es mir einfach charakterfremd vorkommt und mich deshalb nicht zufriedenstellen kann. 

Fazit: 
Romantik für Anfänger ist eine sprachlich unkomplizierte, kurzweilige Lektüre aus der turbulenten, zuweilen etwas unrealistischen Telenovela-Welt, die vom Format her ein wenig zu groß für den Urlaub sein mag, aber anspruchslose Schmunzelstunden auf der Terrasse bescheren dürfte. 

Gesamteindruck: 
4 von 5 Weißdornzweigen







Für das Leseexemplar bedanke ich mich bei http://www.vorablesen.de/ und Kiepenheuer & Witsch.

Kommentare:

Carmen hat gesagt…

Mein Daumen geht hoch.

Sinje hat gesagt…

:) Kennst du das Buch auch schon?
Wie üblich gehen die Meinungen mal wieder auseinander.

Carmen hat gesagt…

Nein, ich kenne es nicht, aber ich finde Deine Rezension gut! Daher das Häkchen bei "mehr davon".

Sinje hat gesagt…

Na, das ist doch auch schon viel Wert. Hab vielen Dank!

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