Freitag, 27. Mai 2011

Nach dem Wochenende ist vor dem Wochenende

So ein Wöchelchen ist ja gar nichts. 
Wollte ich am Montag noch über unsere Wochenendstreifzüge berichten, weil ich gerade nichts aus der Schreibstube zu erzählen habe, hinderte mich mein gestörtes Bildbearbeitungsprogramm daran. 
Wie üblich huschte dann auch noch die Arbeit dazwischen, sodass ich mein letztes Wochenende einfach mal vor dem neuen Wochenende einschiebe. 
Immerhin hatte ich einen Bericht angekündigt, also, voilà, hier ist er.

ACHTUNG: Es wird lang :-)

Auch wenn uns die zahlreichen Burgen der Region sehr reizen, muss dem kleinen Ritterfan einmal eine Pause gegönnt werden.
Zum Glück bieten sich vielfältige andere Möglichkeiten an, sowohl bei uns in Sachsen-Anhalt als auch - wie man so schön sagt - "über die Huck" in Thüringen. 
Nachdem wir aber auch schon diverse Tiergehege durchstreift haben und seine kindliche Hoheit lautstarken Protest: "Nicht schon wieder Esel!" vernehmen ließ, kamen uns Affen in den  Sinn. 
Das thüringische Straußberg hat nämlich einen Affenwald mit Freigehegen zu bieten, in denen man den pelzigen Zeitgenossen gitterfrei recht nahekommen kann. 
Sofern man keine ortsblinde und geländedoofe Beifahrerin (= mich) dabeihat, die im Vorbeischleichen an Tourismuswegweisern anstatt Erlebnisbergwerk Erlebnispark liest (das war wohl die Vorfreud(sch)e) und einen damit in die nordwestthüringische Pampa lotst, gelangt man sogar recht schnell nach Straußberg. 
Wir brauchten eben etwas länger. Endlich angekommen, machten wir uns mit Sack und Pack (= dämliche Touries, die nicht mitdenken) auf zum Eingang, wo uns zunächst ein Hinweisschild erwartete, das Mann mit Rucksack und Fototasche wieder zum Auto zurückschickte. 
Wie "Freigehege" vermuten lässt, ist das umzäunte Gelände frei begehbar, und die Bewohner gehen beim Anblick von Rucksäcken und Taschen natürlich davon aus, dass es etwas zu essen gibt. Auch wenn die Herren des Waldes einen relativ knuddeligen Eindruck machen, sollte man einen Konflikt tunlichst vermeiden.

Als gebürtige Südostthüringerin mit fünfjährigem Südharzer J-Einschlag bin ich in Straußberg an meine Dialektgrenzen jestoßen - äh - gestoßen. Wir in Südostthüringen "palvern" janz anderst (huch, das war jetzt ein Südharzer Roller), sodass ich den Kassenmenschen einfach nicht verstanden habe. Es beschleicht mich das leise Gefühl, dass wir dadurch den halben Affenwald verpasst haben, denn von den eigentlich zwei Freigehegen haben wir nur eines gesehen. Andererseits war das, was wir für die Schleuse hielten, mit einem Vorhängeschloss gesichert, sodass es schließlich nicht weiterging. Angesichts des Eintrittspreises (9,50 € für uns drei) war das ohne die versprochenen 2 km Rundweg durchaus ernüchternd. 
Trotzdem führte ich vorschriftsgemäß das Kind an der Hand ("Hey, ich bin schon sechs!") - auf demselben Weg zurück - und begab mich auf Beobachtungsposten, um Berberaffen beim Faulenzen zu begutachten, während der Imker (= mein Nichtangetrauter) mit Teleobjektiv Paparazzo spielte und die Tierchen auf ihrem hohen Ross Baum im Bild festhielt.
Wieder unten angekommen, war die Kasse nachfragenuntauglich unbesetzt, das Ritterkind aber auf jeden Fall begeistert. Wir Großen bleiben angesichts von Affen in heimischen Gefilden einigermaßen skeptisch. 
Die angrenzende Sommerrodelbahn empfehle ich größeren Kindern, die bereits allein damit fahren können, und Erwachsenen, die wissen, wie man einen Bremshebel bedient. 
Für Sechsjährige ist sie definitiv nichts, denn diese müssen in elterlicher Begleitung fahren, was leider den Sicherheitsfaktor nicht erhöht. 
Auf ein "Bitte, bitte, bitte!" werde ich mich in naher Zukunft nicht mehr einlassen. 
Da aber zum Glück nichts Notaufnahmenbedürftiges geschehen und der Tag noch jung war, sind wir nach einem Mittagessen im gegenüberliegenden Waldhaus kinderfreundlich weitergefahren. 

 

Es ging also weiter, allerdings ohne spezielles Ziel. 
Der Kyffhäuserkreis bietet nämlich so viele Ausflugsmöglichkeiten, dass man einfach über irgendeine stolpert. 
Die ortsblinde, geländedoofe Beifahrerin (= ich) erblickte dabei ein Schild, das in Richtung "Märchenreich" wies. Sofort schrillten die Märchentantenalarmglocken, während der Imker zwar dem Schild folgte, aber in den nicht vorhandenen Bart moserte, wir würden wohl eher auf einem Campingplatz herauskommen als an einem sinnvollen Ausflugsziel. 
Ha, weit gefehlt, besagtes braunes Schild mit weißer Aufschrift führte uns nämlich direkt zum Erholungsgebiet Teichtal bei Hainrode. 
Campingfreunde, macht euch auf! 
Dort lassen sich wirklich schöne Tage verbringen. Es gibt einen Campingplatz, ein Waldbad, einen Gondelteich, auf dem gepaddelt werden darf, viel Raum zum Wandern und nicht zuletzt wirklich und wahrhaftig ein Märchenreich
Ich bin märchenwalderprobt und -verwöhnt. 
An meinem Lieblingsmärchenwald in Wünschendorf reicht natürlich nichts heran, was mich jedoch nicht daran hindert, andere Märchenwälder unsicher zu machen. Am liebsten mit meinem Märchenprinz. 

 

Ja. 
Zu meinem Glück habe ich einen märchenverrückten Sohn, der (nach Entlöhnen von weiteren 8,50 €) direkt mit Feuereifer in das Eingangsgebäude stürmte, wo Hänsel und Gretel, Ali Baba und die 40 Räuber (hach, wie das funkelte), Hans im Glück, Rumpelstilzchen, die Gänsemagd mit ihrem Fallada und das tapfere Schneiderlein ("och, Fliegen klatschen ist doch nicht tapfer") warteten. 
Cowboys und der Baron von Münchhausen (inkl. Raucheffekt und Kugelritt) hatten sich ebenfalls eingeschlichen. 
Jedes Märchen wird über das Audiosystem kurz vorgestellt. Natürlich wird nicht komplett erzählt, aber zumindest angeregt, sie mal wieder (vor)zu lesen oder neu zu entdecken. 
Auf dem Freigelände (selbstverständlich im Wald) sind Häuschen zu finden, in denen mit Puppen verschiedene Märchenszenen nachgestellt sind. Auf Knopfdruck werden die Szenen erleuchtet, und man kann einem Auszug aus dem jeweiligen Märchen lauschen. 
Das ist wohl etwas, was die meisten Märchenwälder gemein haben.
Neben allseits bekannten Märchen bietet Hainrode aber auch Geschichten, die - so kommt es mir vor - weniger bekannt sind, denn sie werden nicht in neuere Märchenbücher aufgenommen oder von der Filmindustrie berücksichtigt. 
Beispielsweise "Die 7 Schwaben", "Die 3 Spinnerinnen", "Die weiße Schlange", "Brüderchen und Schwesterchen" und "Allerleirauh" (das man in Ansätzen in "Die Prinzessin mit dem goldenen Stern" wiedererkennen kann). Mit dem Rattenfänger von Hameln hat sogar eine Sage Einzug gehalten.  

 

Nicht alle Märchen sind in Hütten dargestellt und vertont. Manche Figuren stehen auch mit witterungsbeständigem Gewand im Freien (Froschkönig-Prinzessin im blauen Latexjäckchen, oder so). 
Schneewittchens Zwerge sind in der Nähe einer Baumwurzel inmitten des Unterholzes integriert, dass man meinen könnte, sie gehörten dahin. 
Wie üblich, gibt es gegen die kindliche Langeweile auch einen Spielplatz und, ganz dem Zeitgeist entsprechend (ist das Augenrollen hörbar?), auch ein Trampolin und eine Hüpfburg (die nächstgelegene Notaufnahme in Nordhausen kennt uns zum Glück immer noch nicht, und ich hoffe, es bleibt eine Weile so). 
Verführungen, die in Form von Überraschungs-Ausspuck-Automaten das Budget der Eltern strapazieren, gibt es in angenehm überschaubarer Zahl (1, wenn ich mich nicht verzählt habe). 
Man darf sich aber auch mit einem Eis niederlassen. 

Tja, und während wir, gesäumt von afrikanischen Tieren und den Bremer Stadtmusikanten, im Wald saßen und hin und her überlegten, worum es in "Die weiße Schlange" ging, fing es an zu regnen. 
Der geplante Ruderversuch fiel damit (jippie!) ins Wasser, sodass wir gemächlich wieder nach Sachsen-Anhalt nach Hause flohen, wo es nicht regnete. 
Hainrode wird uns aber auf jeden Fall wiedersehen. 

 

Kommentare:

Carmen hat gesagt…

Mir wär ja ein bisschen mulmig unter diesen Affen ...

Sinje hat gesagt…

Frag mich mal :-) Ich bin das personifizierte Mulmig!
Die waren aber ganz friedlich und es offenbar gewöhnt, begafft zu werden.

Soleil hat gesagt…

Wow, toller Bericht, danke Dir! Ich wäre ja auch unheimlich gerne bei den Märchen gewesen!
Und ok, ich verstehe, dass die Unterhaltung ebenfalls nicht billig sein wird, aber es dürfte jedem den Spaß nehmen, wenn wirklich alles Geld kostet ...
"Allerleirauh" sagt mir vom Titel her was.

Sinje hat gesagt…

Allerleirauh ist das Prinzesschen im güldenen Gewand unter einem Mäusemäntelchen :D
Mich regt es tierisch auf, wenn man als Familie etwas unternehmen will und an jeder Ecke irgendwelche Verführungen locken, die einen Haufen Geld kosten. Klar, es ist eine Erziehungsfrage und man muss seine Kinder in den Griff kriegen, aber es muss doch nicht überall ein Überraschungsautomat mit fünf Jahre altem Schrott herumstehen. Das fand ich dort eben noch human, nicht so auf Tourismus getrimmt. Das ist etwas, was mich in den USA unendlich genervt hat. Kaum hat man im Zoo ein Gehege verlassen, fiel man direkt in den zugehörigen Souvenirshop, und das schwappt ja langsam aber sicher auch zu uns. Aber auch um die 10 € Eintritt für die Familie fand ich erträglich. Wir haben hier im Harz Sehenswürdigkeiten, da macht man auf dem Absatz kehrt, weil sie so teuer sind.
Wenn ich mal wieder in Thüringen bin, machen wir noch mal einen Ausflug nach Wünschendorf. Die Fotos vom letzten Mal sind leider nicht so toll geworden.

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