Samstag, 28. Mai 2011

Kleine Leseprobe aus "Liebe: Geschichten rund um die Liebe"

Die Veröffentlichung meiner Leseproben entscheide ich immer unabhängig von bestimmten Daten oder Reihenfolgen, Themen oder was auch immer ... 
Heute aber mache ich eine ganz private Ausnahme, denn ich erlaube mir, heute einen Hänger zu haben und mein Herz überströmen zu lassen. 

Weil ich auf Erden mit meinen Gefühlen nicht allein bin, teile ich an dieser Stelle eine Passage aus meiner Kurzgeschichte "Neuanfang", die in diesem Jahr für die Anthologie Liebe: Geschichten rund um die Liebe im Noel-Verlag ausgewählt worden ist. 
Ich hatte nicht damit gerechnet, dass ich für themawürdig befunden würde, hoffe aber, dass ich vielleicht Gefühle ausspreche, die andere gern aussprechen würden, aber nicht können. 

"Wie viele gleißend helle Lampen hängen an der Decke und rauschen über meinen Kopf wie ein bedrohlicher Schwarm von Raubvögeln? Wie viele Male habe ich diese Perspektive im Film gesehen und mich gefragt, ob sie der Realität entspricht? 
Heute sehe ich keinen Film, sondern erlebe meine eigene Realität: den Krankenhausgang, das weiße Licht, das steril duftende Bett, die Stützstrümpfe an meinen Beinen, die Flexüle in meiner linken Armbeuge, das Blut, das mich erst langsam und nun immer heftiger verlässt, die vielen Fragen, fremden Gesichter, Stimmen und die unbekannten Hände, die mich untersuchen. 
Wann wird das Licht mich nicht mehr blenden? Warum gelingt es mir nicht, meinen Blick abzuwenden? Warum kann ich meine Augen nicht schließen? 
Das Beruhigungsmittel lähmt mich, soll mich vorbereiten auf das, was kommt. 
Warum bin ich nur unendlich traurig? Warum kann ich mich nicht beruhigen, auch wenn meine Augen trocken sind und mein Körper ruhig und entspannt? 
Ich höre Stimmen um mich, beantworte apathisch Fragen, die meiner Sicherheit dienen. Meine Augen sind nach wie vor auf Lichter geheftet und lassen grellen Schmerz in mein Hirn dringen. Desinfektionsmittelgestank und andere Gerüche bringen meinen Magen zum Revoltieren, und ich spüre, wie die Farbe aus meinem Gesicht weicht. 
Mein Körper gehört nicht länger mir. Professionelle Hände rasieren meinen entblößten Intimbereich, ich bin so taub, dass ich mich nicht einmal mehr schämen kann. Man sortiert meine Gliedmaßen, legt mich in Position, montiert Zubehör und schnallt mich fest. 
Tief einatmen, tief ausatmen, befiehlt jemand mit vertrauenswürdiger Stimme und presst mir eine Maske aufs Gesicht. Ich gehorche stumm und verliere den Kampf gegen den Schlaf. 

Etwas Raues schabt über meine Nase, um Feuchtes fortzuwischen. 
Was ist passiert? 
Mühsam, noch benommen öffne ich die Augen. Da ist es wieder, das gleißende Licht! Der Schmerz in meinem Kopf kehrt zurück, während meine Nase schmerzlos blutet. 
Es ist vorbei! Ich fühle mich leer, als ich mich langsam erinnere, weshalb ich hier liege. 

Die Worte der Gynäkologin hallen in meinem Kopf nach wie der Lärm eines Presslufthammers. 
Die Schwangerschaft ist abgestorben, höre ich sie sagen und falle in ein Loch. 
Abgestorben! 
Weinen will ich, doch meine Augen starren trocken.
 Abgestorben."

Keine Kommentare:

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...