Dienstag, 17. Mai 2011

Kleine Leseprobe aus "Dark Vampire"

Nachdem ich bereits angedeutet hatte, dass mich beim Schreiben hin und wieder der Regen nicht loslässt, ist es wieder einmal Zeit für eine kleine Leseprobe. 

Passend zum Thema gibt es einen Auszug aus meiner Kurzgeschichte "(Nimmer)Wiedersehen", die 2010 in der Anthologie des Geisterspiegels "Dark Vampire" erschienen ist. 
Hier folgt die Version, die auf meiner Festplatte schlummert. 
Abweichungen gegenüber der veröffentlichten Version sind nicht auszuschließen. 
Leider habe ich kein Exemplar mehr hier, weshalb ich nicht abschreiben kann. 

"Kaum hatte Marcus zu graben begonnen, brach der Regen herein. Durch die dunklen Spitzen des Nadelwaldes bahnte er sich seinen Weg, zunächst gemächlich, schließlich aber rasend. Die Baumkronen keuchten im Wind und peitschten die dicken Tropfen hinunter zu dem Mann, der in gebückter Haltung den Waldboden aushub. Es toste, und der Himmel weinte wie vor zehn Jahren.
Waren tatsächlich zehn Jahre ins Land gegangen? Zehn Jahre, seit lebensfrohe Achtzehnjährige einander versprochen hatten, auch nach der Schule Freunde zu bleiben und sich nicht aus den Augen zu verlieren? 
Gierig und ungestüm grub der Spaten ein weiteres Loch in die aufgeweichte Erde, deren wohliger Waldduft vom reinigenden Regen verwischt wurde. Zehn Jahre … Jeder Spatenstich schrie die Zahl hinaus ins Unwetter. Zehn verdammte Jahre, in denen sich die sogenannten Freunde nicht mehr zu Gesicht bekommen hatten. Nur noch ein Tag trennte den Mann von dem Jahrestag des Schulabschlusses. So sehr er sein Tun unterbrechen wollte, er konnte es nicht. Aufschauen wollte er, durchatmen, nachdenken. Doch alles, was ihn erfüllte, war das, was vor zehn Jahren geschehen war, damals, als er, das Stipendium sicher in der Tasche, hatte aufbrechen wollen, um ein Mann zu werden, mit allem, das dazugehört. Ein standesgemäßer Beruf, ein nettes Häuschen, eine adrette Frau und eine Schar liebreizender Kinder: Die von der Werbung suggerierte Vorstellung saß noch immer in seinem Kopf, doch nichts von ihr war Realität geworden, denn seit zehn Jahren konnte er nicht loslassen von jener Nacht, in der sie voneinander Abschied genommen hatten. Seit jener Nacht hatte er nicht einen Tropfen mehr getrunken, nicht einmal Hustensaft, aus Angst, die Geschehnisse wiederholten sich. Sie wiederholten sich nicht, allein in seinem Kopf waren sie präsent. Seit zehn Jahren schrie ihm jeder Regentropfen ins Gesicht, was er getan hatte."

Kommentare:

Sue hat gesagt…

Ich warte schon gespannt auf diese Anthologie!! Bestellt ist sie! ;-)

Die Kurzgeschichten passen so richtig gut in die kleinen Pausen, die der Tag gelegentlich bereithält!

Und dieser Post macht doch neugierig auf mehr (Text)!!

Liebe Grüße!

Sinje hat gesagt…

Ist ein schönes Buch, mit z. T. sehr erotischen Texten.
Ich bin sicher, sie kommt bald.
Viel Spaß beim Lesen!

Liebe Grüße
Sinje

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