Montag, 4. April 2011

Kleine Leseprobe aus "Mystische Helden - Wald ohne Wiederkehr"

Es ist mal wieder Zeit für eine Leseprobe, oder?    
Meine Leseproben habe ich in letzter Zeit sträflich vernachlässigt, aber ich gelobe Besserung. Natürlich kommen jetzt nicht alle Schlag auf Schlag, sonst sind wir ja bald fertig, aber ich versuche, mich regelmäßiger darum zu kümmern. 
Die Verlinkung zu den Leseproben werde ich ab sofort über den Reiter "Veröffentlichungen mit Leseproben" vornehmen. Da ist dann alles an einem Platz.

Heute gibt es einen kleinen Auszug aus meiner Kurzgeschichte "Irrruf", die im letzten Jahr in Thomas Tippners Anthologie "Mystische Helden - Wald ohne Wiederkehr" im Wunderwaldverlag erschienen ist. 

"Irrruf

‚Komm zu mir, Geliebte’, säuselte eine fremde Stimme und ließ sie erwachen.
Wie lang hatte sie wohl geschlafen? Sie konnte sich nicht erinnern.
Erde lag auf ihrer Brust und versuchte, sie zu erdrücken. Erde war überall. Tiefschwarz, feucht und schwer, aber wohlriechend und schützend. Hatte sie mitten in ihr geschlafen?
Sich zu bewegen, fiel ihr schwer. Mühsam quälte sie einen Arm nach oben. Sie war wach, davon war sie überzeugt. Gestärkt fühlte sie sich, wenn auch nur im Inneren. Ihr Körper war nicht imstande, diese Kraft zu reflektieren. Noch nicht.
Was war nur geschehen? Auch daran konnte sie sich nicht erinnern.
‚Komm zu mir, Geliebte!’
Etwas drang zu ihr. Ein Kribbeln schlich sich durch den Boden, kein echtes Schaudern, sondern ein Licht, das unsichtbar war. Ein Licht, das nicht die Sonne schickte, denn es war kalt und unerbittlich, aber es fuhr in ihren Körper wie ein Blitz und zog sie an, nährte sie sogar. Woher wusste sie, dass es der Mond war, der sie rief? War sie die Geliebte des Mondes?
Zunächst langsam, dann aber immer schneller und kraftvoller begann ihr Arm, das Erdreich zu durchstoßen. Ihre Finger gruben wild und gierig durch den Boden, klaubten Steine und Wurzeln beiseite, bis sie einen Hauch von Luft spürte, die sie nicht atmen wollte. Endlich fand sie festen Halt und zog sich hoch.
Der Mond umfing sie liebevoll, streichelte ihren verschmutzten Kopf und Körper. Sein bläuliches Leuchten kroch in ihre Muskeln, ihren gesamten Organismus, und ließ sie erschauern. Sie atmete nicht, sie musste es nicht, denn sie lebte von der Kraft des Mondes. Für einen kurzen Moment gestattete sie sich, ihren Leib im Singsang der Bäume zu wiegen. Sie streckte dem Mond die Arme entgegen, ohne in sein Antlitz zu sehen, und lauschte dem geheimnisvollen Knacken von Ästen und Zweigen. War sie zu Hause?"

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