Montag, 25. April 2011

Die Krux mit dem zweiten ...

Schlehen als Vampirfänger?
... nämlich mit dem zweiten Band. 
Beim zweiten wird alles anders, sagte ich mir und legte mit Elan los. 
Wie lange das her ist, will ich nur ungern erwähnen, denn die Schamesröte könnte sonst hier die Schriftfarbe dominieren. 
Mein Bauplan ist fertig, schon lange, denn der entstand bereits, als mir bewusst wurde, dass ich Blutsuche: Annes Reise nicht ohne Fortsetzung lassen konnte. Nicht nur, weil ich mit dem Ende niemanden - auch mich selbst nicht - im Regen stehen lassen wollte, sondern auch, weil mich die Ich-Erzählperspektive dahingehend einschränkte, dass meine Protagonistin vieles weder sehen noch anderweitig erfassen konnte, sodass nun andere bzw. neue Personen auf den Plan treten müssen, um Zusammenhänge zu entschlüsseln. 
Warten auf Rosa
Also nahm ich, wie immer, meinen Bauplan zur Hand, wer hier mitliest, weiß, dass der von Hand auf Papier niedergeschrieben wird, hangelte mich von Eckpfeiler zu Eckpfeiler und füllte so zwei Drittel der Romans. NICHT in Ich-Perspektive, obwohl mir bewusst ist, dass das den einen oder anderen Leser verwirren könnte.
Seit geraumer Zeit aber geht es nicht mehr vorwärts, weil ich eben beim zweiten nichts anders gemacht habe. 
Da ist also mein lieber Vampir, der sich plötzlich in ein Abbild der verschwundenen Protagonistin verwandelt und genau in ihre Verhaltensweisen verfällt, die sie in Band 1 zu einem sehr schwierigen Charakter machen. 
Dabei soll er doch aus sich heraus und auf die Suche gehen. 
Aber nein, was macht er? 
Schwelgt seelenruhig in Erinnerungen und saugt Details in sich auf. 
Kennen wir das nicht? 
Natürlich sind Erinnerungen und Details bei mir wichtig, denn ich liebe es, Hinweise zu verklausulieren, auch wenn ich dabei mal über das Ziel hinausschieße und die betreffenden Passagen nicht immer gut an- und wegkommen, aber damit kann ich leben. 
Bei mir muss man oft zwischen den Zeilen lesen (was leider hin und wieder beim Leser zu Un- bzw. Missverständnis führt), aber bei der Fortsetzung von "Blutsuche" sollte das gar nicht nötig sein, weil sie doch Fäden verknüpfen soll.
Stopp!
So sehr ich seine vampirische Langlebigkeit mit der antiquierten Frisur auch mag, so wenig will ich ihn in Selbstmitleid versinken sehen und dabei ertappen, wie er das Muster auf dem Teppich abzählt, nur weil Anne das tun würde, weil es nun mal ihre Macke ist, die sie am Wesentlichen vorbeischauen lässt.
Alles wartet ...
Da mir die liebe Anne aber abhanden gekommen ist, muss nun ein anderer das Zepter in die Hand nehmen und alles interessanter machen (davon abgesehen werden die, die Band 1 schon langweilig finden, wohl auch Band 2 nichts abgewinnen können). 
Und wieder sitze ich und betrachte mit dem geistigen Auge meinen Vampir. 
Während ich versuche, ihn objektiver zu sehen, schmelze ich trotzdem dahin. Ich liebe ihn halt - was soll ich tun? 
Aber der Junge muss definitiv mehr aus sich raus  und hundert beschissene Jahre abschütteln, Ängste runterschlucken und etwas unternehmen!
Hier stelle ich mir selber ein Bein, denn ich bin schließlich kein Mann. Ich habe keine Ahnung, wie sich ein Mann verhalten würde, selbst wenn er mein Geschöpf ist. 
Während mein eigener Mann für (jugendfreie) Bissübungen herhalten musste, um zu sehen, ob sich in bestimmten Positionen tatsächlich der Hals nahrungstechnisch noch gut erreichen lässt, ohne zu sportlichen Höchstleistungen herauszufordern, hat er sich als untauglich erwiesen, wenn es um das Ergründen der männlichen Psyche geht. Da muss wohl jemand den Schlüssel verlegt haben ...
Wenn ich abends im Bett liege und über meine Geschichten sinniere, weiß ich genau, was Anne denken würde, wenn John ihr fehlt, er verschwunden wäre und sie nicht wüsste, wo sie mit ihrer Suche beginnen sollte. 
Ist Anne hier durch den Schnee gewatet?
Mit ihrer gesamten Seele ist sie eine Träumerin = sperrig, nervig und zum Ohrfeigen.
Gedanklich wäre sie umhüllt von seinem Duft, der Klang seiner Stimme streichelte sie, während ihre Haut versuchte, seinen Puls an ihrem zu reproduzieren, obwohl sein Herz still steht. Übergeben würde sie sich, keine Frage, das tut sie ja immer. Vielleicht, aber auch nur vielleicht, unter bestimmten Umständen, würde sie so lange weinen, bis keine Tränen mehr übrig sind, bevor sie die Kraft fände, etwas zu unternehmen. 
Spontanität ist für Anne ein Fremdwort.
Was aber denkt ein Mann? 
Sitzt ein Vampir wie John stumm im Dunkeln oder sucht er zwischen Zeilen oder auf Bildern nach Hinweisen? Schlägt er wütend die Wände ein, weil er so dämlich war, die Zeichen nicht zu erkennen? Würde er fremde Hilfe suchen? Er, der  seit Jahren niemandem vertraut hat? 
Deshalb muss nun mein Online-Cineast Ken (sorry, er heißt wirklich so :-), und ich habe auch die Erlaubnis, zu erzählen) als unabhängiger, vampirinteressierter männlicher Berater herhalten und meinem Rotstift neue Nahrung geben. Und bisher macht er seine Sache wirklich gut. 
Anstatt das letzte Drittel herunterzutippen, auch wenn ich dieses im Bauplan und im Kopf fix und fertig habe, bin ich also momentan dabei, alles bisher Geschriebene umzustoßen und John männlicher zu machen. 
Nach 3 angefangenen Romanen in der Schublade, von denen 2 gewiss nie wieder das Tageslicht sehen werden, fange ich plötzlich an, jedes Wort in die Waagschale zu legen, und das komischerweise, obwohl ich noch nie einen Satz geschrieben habe, nur damit er überhaupt dasteht. Selbst wenn ich mich immer wieder im x-ten Korrekturdurchlauf von Geschriebenem trennen muss, ist doch davon auszugehen, dass jedes Wort davon mit Bedacht aus mir herausgeflossen ist. 
Beim zweiten nun bin ich aus rein formalen Gründen immer wieder Bredouille zu entscheiden, ob ich einen Satz, ein Wort, ja einen ganzen Absatz überhaupt schreibe. Schließlich soll das Buch kein Wälzer werden ... Es ist, als müsse man die Nahrungsversorgung drosseln, um kein übergewichtiges Baby auf die Welt zu bringen, denn übergewichtige Babys sind teuer. 
Viel lieber lege ich mich mit meinen sperrigen Charakteren an als mit Formalien, meine Charaktere nerven nämlich weniger - finde ich.
Könnte Wasser eine Rolle spielen?
Ach ja, da ist ja noch jemand: Rosa - und die wird auch weiterhin so heißen, egal, wie viele Rosas gerade auf den Markt geworfen werden. 
Sie hieß schon in Band 1 so, und dabei wird es bleiben. Keine Pseudonyme, nur um dem Vorwurf von Namensklau zu entgehen. Ich wollte schon immer einen Charakter namens Rosa in meinen Geschichten haben, denn meine (mir nicht bekannte) Urgroßmutter hieß so. 
Nach den besagten zwei Dritteln stelle ich fest, dass Rosa bislang viel zu wenig Raum in der Geschichte hat, obwohl Band 2 eigentlich ihr Buch sein sollte, denn die Hexe Rosa wird gebraucht. 
Also suche ich momentan an jeder Stelle nach Inspirationen für sie, um sie früher aus der Großstadt zurückzulocken. 
Günstig ist dabei, dass ich mich jahreszeitlich im Jetzt bewege, sodass ich quasi sehe, was sie sehen könnte, weshalb ich diesen schnöden Jammerbericht auch brav mit aktuellen Fotos illustriere. 
Die Winterszenen in "Blutsuche" habe ich zu einem große Teil im Sommer geschrieben, was nicht immer einfach war, selbst wenn mich im Schreibfluss nichts bremsen konnte.
Deshalb war auch endlich wieder Rosa in meinem Kopf, als ich am Freitag mit Kind und Kegel auf einer Streuobstwiese in der Sonne lag und die Kirschblüten wie Schnee auf uns herunterfielen. 
Nach und nach beginnt die frühlingshafte Gegend wieder mich zu inspirieren, und ich habe beschlossen, dass ich mich nicht vom zweiten verbiegen lassen werde, denn er soll die Geschichte erzählen, die ich erzählen wollte und in der trotzdem alle Gedanken festgehalten sind, wie ich es wollte, mit ihren Ecken und Kanten und ohne Anspruch auf Gefälligkeit. 
Deshalb habe ich mich außerdem entschieden, nur noch zwei Wettbewerbsbeiträge fertigzustellen und mich anschließend ausschließlich Rosa, John und wer sonst noch dazu gehört zu widmen. Mit einem weinenden Auge sage ich hiermit allen Anthologieausschreibungen vorerst adieu.
Unser Freitagsausflug hat bereits bestehende Szenen noch weiter geschärft und mir außerdem wieder Lust auf die Geschichte gemacht. 
Jetzt muss ich mich nur noch von meinem verlegenen Rücken erholen, und schon kann es losgehen. 

Hier noch ein paar Impressionen von der Wüstung Bernecke unweit meines Wohnortes, wo ich immer wieder Ideen tanke:
Einen ähnlichen Ort wird es in Blutsuche 2 geben.
 

Kommentare:

mirjam hat gesagt…

Liebe Sinje,

Ich finde es spannend zu lesen, wie du vorgehst beim erforschen deiner Charaktere, es weckt die Neugier auf dein Buch.
Ich spüre beim Lesen deiner Zeilen, wie sehr deine Figuren dir ans Herz gewachsen sind und das finde ich wunderschön.

Dass du dich entschieden hast, die Anthologieausschreibungen drastisch zu kürzen, kann ich verstehen. Es nimmt eben auch sehr viel Zeit in Anspruch.

Ich wünsche dir inspirierende Schreibtage (Wochen) & geniesse deinen zweiten Band mit jeder Faser deines Körpers =)

Ganz liebe Grüsse
mirjam

Astrid hat gesagt…

Ich habe nach einem halben Jahr meine Geschichte auch wieder aus den Tiefen meines Rechners geholt und bemerk: Ich liebe sie immer noch und habe wieder richtig Spaß am Schreiben. Also viel Spaß dabei, deine Geschichte weiter zu formen und endlich zu beenden. Es wird bestimmt ein tolles Buch, den Blutsuche war auch gut. Ich freue mich schon auf John(und auf Rèmy? wird es ihn geben?)

Sinje hat gesagt…

@Mirjam,
In der Regel umarme ich immer alle meine Charaktere, auch Anne, die sperrig ist und von mir wirklich manche Ohrfeige bekommen hat.
Wie Astrid geht es mir ähnlich, dass ich weiter an meiner Geschichte hänge und auch die Nervcharaktere auf eine gewisse Weise liebe.
Leider zahlen sich das Herzblut und die daraus resultierende Nichtgefälligkeit von Geschichte und Protas nicht aus, denn, wie derzeit Negativrezensionen gehäuft vermuten lassen, entsteht dennoch der Eindruck, dass ich überhaupt nicht gearbeitet habe. Aber damit werde ich leben.
Ausschreibungen machen Spaß und fordern heraus. Sie trainieren auch für den Fall, dass man mal etwas schreiben "muss", aber sie rauben die Zeit und den Blick für das eigentliche Große.

@Astrid:
Dir drücke ich ganz fest die Daumen für dein Projekt! Das weißt du ja.
Ja, er wird Rémy heißen. Der Name passt wirklich viel besser!
Vielen, vielen Dank für die Inspiration.

Ich wünsch euch eine schöne Woche!
Liebe Grüsse
Sinje

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