Sonntag, 27. Februar 2011

... über "Eine Frage der Höflichkeit" von Amor Towles

Amor Towles
"Eine Frage der Höflichkeit"


Erscheint am 2. März 2011    

Ein Debütroman über den schönen Schein und die Macht der Frauen

Aus dem Inhalt: 
New York, 4. Oktober 1966: Die New Yorkerin und Ich-Erzählerin Kate - Katherine, Katey, Katya - Kontent (Betonung auf der letzten Silbe) besucht mit ihrem Mann eine Fotoausstellung im Museum of Modern Art. Gezeigt werden Bilder des New Yorker Lebens vom Vorabend des Zweiten Weltkriegs. So begegnet die mittlerweile gestandene Frau dem Bildnis eines Mannes wieder, mit dem sie zahlreiche Erinnerungen verbindet, die sie anschließend in diesem Roman für sich Revue passieren lässt. 
Ende 1937 ist sie Mitte Zwanzig, arbeitet als Sekretärin und lebt mit mehreren jungen Frauen in einer Pension. Mit ihrer Mitbewohnerin Eve - Evelyn, Evey - Ross, die aus einer gut situierten Familie aus Indiana stammt und lieber den Gürtel enger schnallt, als Daddys Geld anzunehmen, zieht sie abends um die Häuser. Sie sind sehr erfinderisch, wenn es darum geht, auch ein Stück vom New Yorker Lifestyle abzubekommen. Die Kleider werden mit den Mädchen in der Pension getauscht und dann geht es los in Clubs, wo man bereitwillig Drinks von Fremden annimmt, ohne aber weiterzugehen. Es wird geschnorrt, was das Zeug hält, und sie wissen, wie man sich kostenlos ins Kino schmuggelt. Kurzum: die Damen haben gemeinsam Spaß. 
An Silvester 1937 begegnen sie dem jungen, attraktiven Banker Theodore Grey, genannt Tinker, dem sie bald beide am Arm hängen. Von nun an erleben sie ihre Abenteuer zu dritt - nicht ohne kleinere Eifersüchteleien, denn weder Eve noch Kate gönnen der anderen Zweisamkeit mit Tinker. Beide Frauen genießen die Aufmerksamkeit des wohlhabenden Tinker, bis sich an einem Wintertag ein Autounfall ereignet, bei dem Eve schwer verletzt wird. Während Tinker, wohl schuldbewusst, Eve, deren Gesicht nach dem Unfall vernarbt ist, bei sich aufnimmt, geht Kate weiter ihrer Arbeit nach, zieht schließlich in eine eigene Wohnung. Wenngleich sich die Freundinnen immer wieder beteuern, sie liebten einander, ist ihr Verhältnis gestört. Eve weiß Tinkers Schuld und Gutmütigkeit geschickt zu nutzen, drängt dabei Kate, die über die eigene Verliebtheit hinwegzusehen versucht, aus dem Dreiergespann. Als Tinker mit Eve schließlich nach Europa reist, hat Kate aber längst einen Fuß in Tinkers Kreise setzen können. Sie lernt andere Männer kennen, findet eine neue, bessere Anstellung bei einem aufstrebenden Magazin. Trotzdem wartet sie auf Tinkers und Eves Rückkehr, die sie dann hinter seine Fassade blicken lässt ... 

Meine Meinung: 
Ich gebe zu, dass ich sehr gespalten an dieses Buch herangegangen bin. 
Vor Jahren habe ich Gesellschaftsromane ganz gern gelesen, bin aber irgendwann müde geworden.
Zum einen finde ich, dass New York und die ihm zu gewissen Zeiten nachgesagte Dekadenz schon ziemlich oft thematisiert wurden. Zum anderen stimmen mich hochtrabende Vergleiche mit Größen, wie F. Scott Fitzgerald, eher vorsichtig.
Gereizt hat mich hingegen die Verarbeitung weiblicher Charaktere durch einen Autor und das Setting Ende der dreißiger Jahre, denn ich habe in letzter Zeit eher Autobiografien, aber lange keinen Roman  aus/über diese Epoche gelesen. Nachdem ich die Leseprobe ich als ansprechend empfand, habe ich mich doch auf das Abenteuer eingelassen.
Leider überzeugt mich Amor Towles Debütroman nur bedingt, was vor allem daran liegt, dass er kritisch daherkommen will, aber gerade mal an der Oberfläche kratzt. 
Die Protagonistin Kate ist vergleichsweise blass, obwohl ich ihr eine gewisse unterschwellige Bissigkeit nicht in Abrede stellen möchte. 
Das in Kurzbeschreibung und Klappentext angedeutete Dauerabenteuer des Dreiergespanns ist bereits nach 71 Seiten zuende. Was folgt, ist Kates vorsichtige Hin- und Hergerissenheit zwischen ihrer Verliebtheit und der Loyalität gegenüber der Freundin und nicht zuletzt auch ihr Wunsch, beruflich weiterzukommen. Einerseits stellt sie mit Erschrecken fest, dass Eve ihre "Beziehung" zu Tinker wie ein Hollywoodregisseur inszeniert, nimmt es aber in Kauf und beginnt letztendlich sogar, sich selbst zu inszenieren, mit neuer Haarfarbe und neuem Job. 
Sie bewegt sich in einem Personenkreis, zu dem sie durch Tinker Zugang erhielt, ist dabei aber weder anmaßend noch schüchtern. Offenbar macht sie sich George Washingtons Rules of Civility (so auch der Originaltitel des Romans), nach denen Tinker Grey zu leben scheint, ebenfalls zu eigen. Der Wunsch, dazuzugehören, ist bei beiden Frauen präsent, unabhängig bleiben sie aber beide, jede auf ihre Weise, wobei es Kate augenscheinlich nicht gelingt, so kompromißlos zu werden, wie Eve erscheint. 
Für mich bietet weder Kate noch Eve Identifikationspotenzial. Beide können unterschiedlicher nicht sein, die eine aus einfachen Verhältnissen, die andere fast mit dem goldenen Löffel im Mund geboren, aber mit dem mehr oder weniger kompromißlosen Wunsch nach Unabhängigkeit, der aber gerade bei Kate kaum nachvollziehbar ist. 
Über das gesamte Buch war ich nicht in der Lage, beiden emotional zu folgen, sondern blieb immer als Beobachter außen vor. 
Als Eve aus Kates Leben verschwindet, treten andere Frauen an ihre Stelle, aber mit keiner kann Kate eine vergleichbare Beziehung aufbauen. 
Bis zum Ende hin konnte ich nicht sagen, wer Kate eigentlich ist. 
Als Chefredakteurin mit Apartment in der 5th Avenue kommt die einstige Sekretärin schließlich in der einmal so verführerischen Welt an, und man hat unweigerlich ein flaues Gefühl im Magen, dass die Vergangenheit ebenso verpufft ist wie die alkoholumnebelten Nächte in Bars, als der Jitterbug noch angesagt war. Die Charaktere, die die Protagonistin Kate umgeben, stehlen sich buchstäblich davon, ohne dass wir Nennenswertes erfahren. 
Was andere stimmungsvolles Porträt der 1930er nennen, wird für mich nur oberflächliches Hollywood, das nichts Neues bietet. Irgendwie fühlte ich mich in einen Katharine-Hepburn-Film versetzt, bei dem leider Hepburns Brillanz fehlt. Vielleicht heißt die Protagonistin nicht zufällig Kate?
Manchmal habe ich mich gefragt, ob der Autor eine eigene Version von Sex and the City in einer anderen Zeit schreiben wollte, ohne Frivolität, aber mit jeder Menge Alkohol.  Oder wollte er uns erzählen, welche Bücher er kennt und wertschätzt? Immer wieder verweist er auf die Literatur, die Kate liest und im Regal stehen hat, zitiert sogar daraus. 
Deutlich hingegen werden Dekadenz und Unbeschwertheit, mit der sich vermutlich nicht nur die New Yorker Ende der 1930er zieren. Da reist die Upper Class nach Europa, sonnt sich an der Côte d'Azur, shoppt in Paris bzw. lässt dort noch ganz andere unliebsame uneheliche Zwischenfälle beseitigen, während in Spanien der Bürgerkrieg tobt und Europa langsam auf den Zweiten Weltkrieg zudriftet. Nur Wallace, den man sich durchaus an Kates Seite vorstellen konnte, wird zum erdenden Element. 
Trotzdem wird der Charakter des Tinker zu einem wunderbaren Beispiel des Klischees, dass hinter jedem erfolgreichen Mann eine erfolgreiche Frau steht. Die Erkenntnis macht den Roman schon wieder lesenswert für Frauen. 
Zur Sprache des Romans muss ich sagen, dass sich mein anfänglich positiver Eindruck nicht ganz halten konnte. Amor Towles bedient sich wunderbarer Metaphern und schafft es auch stellenweise mit Sätzen aufzuwarten, die sich über sechs Zeilen ziehen, aber nicht unverständlich oder übermäßig kompliziert werden. In schon fast krassem Gegensatz dazu stehen die Dialoge, die auffällig und anstrengend oft von einem "sagte ich" oder "sagte er" gefolgt werden, und das in gefühlten zehn Sätzen hintereinander, sodass man sich fragen muss, wem hier nun die Verben ausgegangen sind. 

Mein Fazit: 
Amor Towles Debüt "Eine Frage der Höflichkeit" ist ein Gesellschaftsroman, der charmant und spritzig sein will, aber hinter den hochgesteckten Erwartungen zurückbleibt. Wer sich weder für New York noch für die 1930er interessiert oder mit ebenso kompromißlosen wie oberflächlichen Frauencharakteren nichts anfangen kann, dem sei dieses Buch nicht empfohlen. 

Mein Gesamteindruck: 
3 von 5 Weißdornzweigen




Vielen Dank an das Team von vorablesen.de und den Graf-Verlag für die Bereitstellung des Leseexemplars!

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