Sonntag, 13. Februar 2011

... über "Die verborgene Sprache der Blumen" von Vanessa Diffenbaugh

Vanessa Diffenbaugh 
"Die verborgene Sprache der Blumen"

Hinweis: Erscheint im März 2011.


 
Ein einfühlsamer, realistischer Roman über die Sprache der Blumen und die Vielschichtigkeit der Liebe, die zuzulassen erlernt werden muss

Aus dem Inhalt:    
Victoria Jones ist nun volljährig und wird nach Kindheit und Jugend, die sie zwischen Pflegefamilien und Heimen hin- und hergeschubst hatten, von ihrer Betreuerin ins wahre Leben entlassen. Der Aufforderung, sie solle sich umgehend um einen Job kümmern, kommt sie nicht nach. Die Zeit in ihrem vorübergehend mietfreien Zuhause nutzt sie, um in leeren Milchkartons einen Garten heranzuzüchten. Nach Ablauf der Schonfrist findet sich die junge Frau auf der Straße wieder. Alles scheint ihr gleichgültig, nur die Gegenwart der Blumen lässt sie aufleben. Victoria lebt und schläft zwischen ihren Zöglingen im Park, ernährt sich von Kostproben in Restaurants. In diesem Zustand findet sie den Blumenladen "Flora" und dessen Inhaberin Renata. Überrascht von Victorias Können, beschäftigt Renata sie daraufhin sporadisch in Schwarzarbeit. Nach und nach wird die Obdachlose zu einer festen  - und auch ordnungsgemäß angestellten - Größe des "Flora" und findet dank Renata ein Dach über dem Kopf, wenn auch ein sehr karges. Es gelingt ihr mit ihren Blumenarrangements, anderen Menschen nicht nur ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern, sondern sogar auf fast magische Weise Menschen zueinanderzuführen, Beziehungen zu kitten, anderen Freude zu spenden, während sie selbst in ihrer selbstgewählten Zurückgezogenheit und Unnahbarkeit feststeckt. Ihr Talent und Wissen um die Sprache der Blumen verdankt Victoria ihrer Pflegemutter Elizabeth, bei der sie als Kind ein Jahr lebte. Auf Elizabeths Weinberg lernte sie nicht nur alles über Blumen, sondern auch, wie es ist, so etwas wie eine Mutter zu haben. Ein Unglück aber machte Elizabeths Adoptionspläne zunichte, sodass Victoria zehnjährig zurück ins System fiel und sich wieder zu einem in sich gekehrten, mitunter auch recht renitenten Menschen verwandelte, Elizabeth und ihre Blumen aber nie vergessen konnte. 
Während der Tätigkeit für die beinahe mütterliche Renata, die nach eigenen Angaben nie eine Mutter hatte sein wollen, begegnet Victoria auf dem Blumenmarkt einem jungen Mann. Grant versteht und spricht dieselbe Sprache der Blumen, und es dauert nicht lang, bis Victoria ihn wiedererkennt. Grant ist Elizabeths Neffe, den sie als Jugendlichen mit leichtem Bartflaum im Streit mit Elizabeth in Erinnerung hat. Trotz der greifbaren Vergangenheit, von der sie sich nicht lösen kann, und den damit verbundenen Ängsten lässt Victoria langsam Grants Zuneigung zu und wird schließlich schwanger ... 

Meine Meinung: 
Vanessa Diffenbaughs Debüt ist kein Liebesroman, wie man angesichts von Klappentext und Kurzbeschreibung meinen mag. Trotzdem ist "Die verborgene Sprache der Blumen" ein einfühlsamer Roman über die Liebe, in erster Linie nämlich über die Liebe zwischen Mutter und Tochter, ganz gleich, ob es sich um ein leibliches Kindschaftsverhältnis handelt oder nicht. 
Es ist schwierig, über diesen Roman zu schreiben, ohne zu viel preiszugeben. Diese gebundene Ausgabe soll im März 2011 erscheinen, und ich bin sehr froh, dass ich ihn im Rahmen der Testleseraktion von Droemer Knaur lesen durfte.
Mit Victoria hat die Autorin, die selbst bereits mehrere Pflegekinder betreute, einen realistischen Charakter erschaffen, den sie gleichermaßen realistisch wachsen lässt. So bleibt die Protagonistin, die als Ich-Erzählerin über ihre Erlebnisse und Emotionen berichtet, über das gesamte Buch hinweg von Ängsten und Sorgen erfüllt und wird nicht etwa aschenputtelhaft über Nacht vom Prinzen aus ihrem Schneckenhaus befreit. Dafür hat sie in der Vergangenheit zu viel mitmachen müssen. Pflegefamilien, in denen sie nicht willkommen war und tagelang nichts zu essen bekam, ein Aufwachsen ohne Freunde und ohne Mutterliebe haben zu tiefe Spuren hinterlassen, als dass sich diese auf 416 Buchseiten zur Gänze fortwischen ließen. In nachvollziehbar langsamen Schritten entwickelt sich Victoria in den zwei Jahren, die die Gegenwartshandlung des Romans abdeckt, zu einer jungen Frau, die lernt, Entscheidungen nicht nur zum eigenen Wohle zu treffen. Victoria ist eine Frau, die meint, sie müsse alles allein meistern, und es dauert recht lang, bis sie Hilfe zulässt. Mit aller Akribie bringt sie sich selbst das Fotografieren bei, damit sie ein Wörterbuch der Blumensprache erstellen kann, während sie Alltägliches, wie das Kochen, zurückschrecken lässt. Mit Blumen ist sie glücklich, versagt sich aber ansonsten das Glücklichsein. Nähe und Berührungen will sie nicht zulassen.
Um Victorias Geschichte zu verdeutlichen, stellt Vanessa Diffenbaugh immer eine Episode aus ihrem Leben bei Elizabeth, dem Jahr, in dem das von der Mutter verlassene Kind Hoffnung auf eine Familie hegte, einer Episode aus der Gegenwart gegenüber. Auf diese Weise führt sie dieses entschneidende Jahr nach und nach mit dem Jetzt zusammen, sodass man erst spät erfährt, was damals bei Elizabeth geschehen ist und warum Victoria nicht bei ihr bleiben konnte. 
Auf lebendige Weise leitet die Autorin den Leser durch ihre blumige Geburtsstadt San Francisco und weckte bei mir durchaus die eine oder andere Erinnerung an deren Parks und auch an das Wetter der Bay Area. 
Ich muss gestehen, dass ich bei den vereinzelten Aufzählungen von Pflanzen hin und wieder den Faden verlor, weil ich zwangsläufig nicht alle kannte und mich genötigt sah, im Internet nach Bildern zu suchen, um eine Vorstellung von den Sträußen zu erhalten, die Victoria so kunstvoll zusammenstellte. Das empfand ich aber keinesfalls als störend, da mich Pflanzen interessieren, sodass für mich auch Victorias Wörterbuch der Sprache der Blumen, das sich dem Roman anschließt, reizvoll ist und ich mich sicherlich näher mit Blumen und ihren Aussagen befassen werde.
Während mich Victorias Schicksal als Systemkind vergleichsweise erschreckte, konnte ich mich an anderer Stelle durchaus mit ihr identifizieren, das kann wahrscheinlich jede Mutter, die sich an Dauerstillen, Dauerschreien und Versagensängste (die bei Victoria natürlich anderen Ursprung haben als den üblichen Baby-Blues) erinnert. 
Die wichtigen Charaktere sind sehr feinfühlig beschrieben, wenn man auch einräumen muss, dass das Aufeinandertreffen solch verständiger Menschen im wahren Leben wohl eher unwahrscheinlich ist. Die Autorin führt hier Personen zueinander, die alle ein Päckchen Vergangenheit mit sich herumtragen, sodass Renata zu einem unglaublichen Glücksgriff wird und es kaum wahrscheinlich scheint, dass Victoria ohne sie ihren Parkschlafplatz hätte verlassen können. Während Elizabeth den Weg vorbereitete, ist Renata doch richtungsweisend in der Gegenwart. Auch Grant ist ein außergewöhnlicher Charakter, durchaus der Traum von einem Mann, den man sich an seiner Seite wünscht. Und die Nadel im Heuhaufen. Nie bedrängt er Victoria, wartet mit allem geduldig, bis sie bereit ist, sein Leben zu teilen. Es gibt keinen Streit ... Was bei all der derben Realität von Victorias Schicksal wirkt, als könne es nicht wahr sein, scheint ebenso kritikwürdig wie notwendig. Ohne die verständnisvollen Charaktere der Renata (und all derer, mit denen Victoria dank ihr in Kontakt kommt) und des Grant verlöre der Roman vermutlich ein gutes Stück seiner unterschwelligen Poesie, die ihn so lesenswert macht. 
Auf jeden Fall hat es Vanessa Diffenbaugh mit ihrem Debüt geschafft, dass ich die letzten 100 Seiten fast ununterbrochen geweint habe, und ich kann mich kaum erinnern, wann es mir bei einem Buch zuletzt so ergangen ist (nicht dass ich Tränen bei der Lektüre anstreben würde, aber in Kauf nehme ich sie). 
Ich glaube kaum, dass mich in diesem Monat noch ein anderes Buch derart zu berühren vermag. 

Fazit: 
"Die verborgene Sprache der Blumen" ist eine gefühlvolle Geschichte, die sich der Grauzonen der Liebe annimmt und in ruhiger, ausdrucksvoller Sprache, die schreien und weinen kann, ohne zu entgleisen, ein schwieriges Thema mit einem Funken Hoffnung verbindet. Eine Liebesgeschichte, bei der Mutter und Tochter und Familie im Mittelpunkt stehen. Vor allem Leserinnen zu empfehlen, die leise, feinfühlige Töne bevorzugen. 

Gesamteindruck: 

5 von 5 Weißdornzweigen


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