Donnerstag, 3. Februar 2011

Rapunzel, lass dein Haar herunter ...

... ähem, nein, sei doch so gut und nimm mir bitte die 3D-Brille ab. 

Im Ausschreibungstrubel der letzten Tage und Wochen ist dieser Post im Entwurfs-Status liegen geblieben, sodass ich ihn endlich mal aktivieren möchte. 

Wie bereits erwähnt: Ich war im Kino, und da sich mir höchst selten die Gelegenheit bietet, habe ich mir sozusagen die volle Movie-Packung geholt. 

Ausgangspunkt war, dass mein Sohn, der mit seinen 5 Jahren überhaupt noch nie im Kino war (kein Auto, kein gescheiter öffentlicher Verkehr, keine Ausredenverlegenheit ...), mir seit Wochen in den Ohren liegt, er wolle ins Kino, wann immer auf einem der Sender, auf denen die Werbung durch Kinderprogramm unterbrochen wird, der Rapunzel-Trailer kommt. 
Und zwar weil er das Chamäleon "voll witzig" findet. 

Als Märchentante reagiere ich leicht allergisch auf Adaptationen, und ich bekomme gerade wieder ein dubiose Jucken, weil ich bei Soleil gelesen habe, man wolle uns mit einem neuen Schneewitchen belästigen erfreuen (Bonjour, virtuelle Welt, da war doch wieder was an mir vorbeigegangen, obwohl ich diese Information nun wirklich nicht brauchte). Noch ein Anlass mehr, meinen "Entwurf"  hervorzuholen. 
Diese allergische Geisteshaltung mag zwar vollkommen am Zeitgeist vorbeigehen, aber ich liebe nun einmal die leicht muffigen, blau gewandeten Märchenbücher meiner Mutter, die im hinteren Teil auch noch mit plattdeutschen Versionen der bekanntesten Grimm-Märchen aufwarten.
Eine gewisse Sturheit in dieser Hinsicht ist meinem Sohn sowohl angeboren als auch anerzogen. 
Wie Kinder oftmals sind, darf ein Märchen immer nur aus einem Buch und nur in einer Version vorgelesen werden und wehe, man vergisst mal ein Wort!
Eine großzügige Ausnahme macht er bei Aschenputtel, denn die will er mal heiraten und deshalb akzeptiert er sie in all ihren Interpretationen, die er bislang kennt. 

So kommt es also, dass ihm Rapunzel überhaupt nichts sagt. 
Das liegt vor allem daran, dass dieses Märchen leicht stiefmütterlich behandelt zu werden scheint, denn es befindet sich in keiner der neueren Ausgaben von Märchensammlungen, die wir am laufenden Band geschenkt bekommen, weil wir ja nicht genug Märchen im Haus haben. (Ja, ganz offiziell möchten wir nun keine neuen Märchenbücher mehr haben, es sei denn sie bestechen durch herausragende Illustrationen oder bieten mal eine ganz neue Märchenauswahl, die man nicht landläufig überall findet!)

Da traf es sich doch ausgezeichnet, dass die Verwandtschaft den Kinovorschlag unterbreitete. Und weil sich Rapunzel schon langsam am doch nicht so endlosen Haar wieder aus dem Kinosaal herausschwingt, bestand auch keine Gefahr, keinen Platz zu bekommen. Also stand meinem Sohn nichts mehr im Wege, nun endlich Bekanntschaft des von ihm so begehrten "Tieres mit der langen Zunge" zu machen.  

Wie ein 3D-Profi machte er sich auf seinem Sitz bequem, setzte sich schon vor Beginn der Werbung die Brille auf die Nase und lehnte sich genüsslich zurück, die Hände mal prophylaktisch ausgestreckt, damit das Popcorn sofort erreicht wird. 

Und dann ging es los, das bunte 3D-Computeranimationsspektakel nach Motiven des Grimmschen Märchens, und ich war heilfroh, dass mein Sohn Rapunzel nicht kennt, denn sonst hätte ich mir eine Vergleichstirade sondersgleichen anhören dürfen. 

Im Gegensatz zum bekannten Märchen gibt es nämlich bei Disney keinen gelüstestillenden Salat für die schwangere Königin, sondern sie muss in dramatischer Manier mit dem Saft einer Wunderblume vor dem Tode errettet werden. Dummerweise wird diese gülden strahlende Blume aber bereits von Gothel als Jungbrunnen genutzt. Als die Wachen das zauberhafte Pflänzchen finden, mitnehmen und die Königin mit dem Saft gerettet werden kann, hat Gothel nun ein Problem. Sie hofft, die Kraft der Blume mit einer Haarsträhne des Neugeborenen zurückholen zu können. 
Aber ach: Die Kraft sitzt zwar im Haar des Babys, aber losgelöst vom Kind ist das Haar wertlos. Kurzerhand nimmt Gothel Rapunzel (deren Namen in dieser Version nur noch dahingehend Sinn macht, dass man ihn mit langem Märchenhaar verbindet) mit und sperrt sie in den bekannten hohen Turm. 
Alljährlich lassen die traurigen Eltern zu Rapunzels Geburtstag unzählige Laternen in den Himmel steigen, und Rapunzel, in ihrem Turm, sieht das und möchte um alles in der Welt wissen, was diese bedeuten. Vor allem aber träumt sie davon, sie aus der Nähe zu sehen.
Bald schon kommt das Identifikationselement für den männlichen Minizuschauer und zugleich Schmachtelement für die Begleitmuttis ins Spiel: der Prinz. 
Ach, Quatsch, nicht der Prinz, den gibt's in "Rapunzel - Neu verföhnt" doch gar nicht. Die Rede ist von Flynn Rider, dem schmucken Dieb, der sich mit den muskulös-einfältigen Stabbington-Brüdern die Tiara der vermissten Prinzessin unter den Nagel reißt. 
Auf der Flucht landet er in Rapunzels Turm. 
Sicher ist Flynn dort aber nicht, denn Rapunzel hat eine Bratpfanne und ringt ihm einen Deal ab: Bring mich zu den Lichtern, und ich gebe dir deine Diebesbeute zurück. 
Und weil man gegen eine Bratpfanne, ein freches Chamäleon und eine überdimensional großäugige Fastachtzehnjährige mit ebenso überdimensional langem Haar sowieso keine Argumente hat, lässt sich Flynn auf das Abenteuer ein und eine actiongeladene wie emotionale Reise zum Schloss beginnt. 

Hach, was für ein schöner "Mädchenfilm" (O-Ton der nicht weiblichen kindlichen Verwandtschaft). 
Trotz meiner Aversion gegen Adaptationen habe ich die flotte Geschichte wirklich genossen. 
Zwar habe ich mich hin und wieder gefragt, weshalb im großen weiten Wald niemand auf die Idee kommt, die gefühlten Haarkilometer einmal zusammenzubinden, und Rapunzel dort seltsamerweise nie wie der Zwerg bei Schneeweißchen und Rosenrot irgendwo hängen bleibt, aber was soll's. 
Auch bin ich der Meinung, dass diese Filme für jüngere Kinder nicht geeignet sind. Viel zu rasante Szenen, schnelle Wechsel, übergroße Bösewichte, die zwar liebenswert, aber auch ausgesprochen hässlich sind und durchaus Albtraumpotenzial haben.
Als sehr begrüßenswert empfand ich den Verzicht auf fotorealistisches Rendern, (okay, das hab ich gegooglet), sodass der Animationsfilm schön gemalt wirkt und keinen extremen Computereindruck macht. 
Aber ganz ehrlich? 3D hätte ich nicht gebraucht. 
Es war zwar ganz nett, dass einem ab und zu ein Laternchen so vor der Nase tanzte, sodass man glaubte, es sei nur für einen selbst gemacht, insgesamt aber hätte es die gute alte Betrachtungsweise auch getan. Eine Wahl hatten wir dahingehend leider nicht. 

"Rapunzel - Neu verföhnt" ist eine kurzweilige, verföhnte - ähem - irrwitzige, amüsante Zusammenstellung bekannter Motive mit zeitgemäßem Pepp, die sogar mich verstaubten Märchenfan fast voll überzeugen konnte. Vor allem mit dem Ende, in dem dann doch noch ein Originalelement auftauchte. Und nicht zuletzt zeigt uns Rapunzel, dass man Bratpfannen nicht unterschätzen sollte. Also Mädels, ran ans Kochutensil!

Trotzdem brauche ich in nächster Zeit keine weiteren Märchenverwurstungen, weder animiert noch real verfilmt. Was ganz Neues wäre mal nett ...

In diesem Sinne schiebe ich nachher noch einmal Aschenputtel in den DVD-Player und fröne der Nostalgie.

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